Erster Absatz

[320] Beschreibet die Ehr-Bekrönung Polyphili / von der Königin / und derer gantzen Hof-Staat geschehen / die auf alle Kunst- und Tugend-Werbung /unaußbleiblich folget: welches hier die Lehre selber ist.


Da sie in das Zimmer gelangeten / wurde Polyphilus auf einen künstlich-erhabenen Thron gesetzet / von dessen Rechten / etzliche köstlich-bekleidete Sessel /einen Craiß schlossen / biß zur Lincken / darauf sich die andere Anwesende niederliessen. Atychintida aber beschloß die Rechten Polyphili; Melopharmis die Lincken. Und da Polyphilus mit Verlangen erwartete /was geschehen werde; wurde mit etzlichen Violinen folgender Thon erhoben / und die nachgesetzte Strophen / mit einer erhellenden Stimm abgesungen / die dem Polyphilo verkündigten / was künfftig wäre.


Stimmet die Säiten mit lieblichen klingen /

stimmet / was immer jetzt stimmen sich läst:

Daß wir die Freude der Freyheit besingen /

stimmet und klinget und singet das Best.

Lasset Polyphilo klingen und singen /

Säiten und Lieder lasst singen und klingen.
[320]

2. Dencket / bedencket das Peinliche Leiden /

dencket / bedencket die schröckende Noth /

Da wir das liebliche Sonnen-Liecht meiden

musten / erwählen den lebenden Tod:

Lasset derhalben jetzt klingen und singen /

Säiten und Lieder lasst singen und klingen.


3. Alles war allen und aller verdorben /

Tugend / Kunst / Weißheit und Liebe mit Glück:

Dieses hat alles hinwieder erworben

unsers Polyphili Götter-Geschick:

Lasset derhalben jetzt klingen und singen /

Säiten und Lieder lasst singen und klingen.


4. Dieser / sonst keiner / war darzu erwählet /

daß er dem Himmel bezahle die Schuld:

Die er / mit seiner Ersäuffung / vermählet /

jener erbarmenden Göttlichen Huld:

Lasset derhalben erklingen und singen /

Säiten und Lieder lasst singen und klingen.


5. Komm her / Polyphile! sitze / besitze

diesen bescepterten Königes Thron:

Komm her / Polyphile! schütze / beschütze

diese / der Weißheit und Tugend-Kunst Cron:

Lasset auch ferner uns klingen und singen /

Säiten und Lieder lasst singen und klingen.


6. Bringt Geschencke / damit ihr verehret

diesen / der Ehrens verehrens ist werth:

mehret die Gaben dem / der euch vermehret /

gebet / was er ihm zu geben begehrt /

Lasset zu Ehren erklingen und singen /

Säiten und Lieder last singen und klingen.


Nach geendigtem Säitenspiel / fieng Atychintida folgender Gestalt an: Alleredlester Polyphile! der schuldige Danck / damit wir allesamt euch verpflichtet[321] leben / solte mich nicht nur von meinem Thron / sondern / so es müglich wäre / meiner Königlichen Würden zu vergessen / gar vor eure Füsse legen. Dann daß ich eine Königin bin / habt ihr wieder erworben /und daß ich wieder ein Mensch bin / hab ich eurer Würde zu dancken. Womit soll ich aber unvergleichliche Wolthaten vergelten? Was kan ich geben / das ihr nicht / als eurer Hoheit unwürdig / verwerffet? Ruhm gebieret eure Tugend; Liebe erheischet die Kunst / deren der gnädige Himmel alles gegeben. Mit irrdischen Gaben himmlische Verdienst zu verehren /heisset / Koht vor Gold bezahlet. Menschlichen Danck an Göttliche Hülf zu setzen / heisset / die Erde dem Himmel gleichen / und die Ehre mit Schande mehren. Ach daß doch die Unsterbliche / denen wir vor so mannigfaltige Gaben Preiß geben / auch dieses verliehen hätten / daß wir euren Ruhm nach Würden erheben / eure Kunst nach Gebühr rühmen / und euren Verdienst mit würdigem Danck versetzen könten! Aber der Danck wird anjetzo die Unmüglichkeit mehr entschuldigen / als sich selbst erheben müssen. Nun dann so seyd zu frieden / Tugend-bereichter Polyphile! mit dem / was wir können / weil wir doch nicht können / was wir wollen; und schätzet die Werck /aus dem Willen / so werdet ihr / durch den Willen /die Schwachheit der Wercke bekennen. Diese Seele /die durch euren Arm lebet / soll euch / weil ich lebe /ehren; und dieser Leib / der durch eure Errettung übrig ist / soll euch / so lang er ührig ist / dienen: was diese Augen sehen / da soll das Hertz Polyphilum / ja den edlen Polyphilum / preisen: was diese Ohren hören / da soll mein gantzer Sinn Polyphilum /[322] ach! den edlen Polyphilum / erheben. Was diese Zunge redet / da soll mein Mund Polyphili Lob vermehren /oder so es nicht zu vermehren ist / stärcken: und so es nicht zu stärcken / bewähren. Alles das / was ich bin /und was um und bey mir ist / soll sich willig / ja schuldig erkennen / euch / unsern Erlöser / zu preisen / unsern Freund zu lieben / und unsern Herrscher zu bedienen. So nehmet hin / ruhmwürdiger Polyphile! meine Hand / die euch ewige Dienste verspricht; nehmet mit der Hand das Hertz / das mich / in solcher Demut / vor euch niderlegt; und / wie ihr sehet / daß alle diese / mit tieffster Ehrerbietung / nur euch zu dienen begehren: also nehmet auch deren Willfährigkeit an / und befehlet / worinnen sie gehorsamen sollen. Daß ich aber nicht blosse Wort führe: sondern den Schluß meines Hertzens / im Werck erfülle / so nehmet an das Zeichen unsers Gehorsams /und erkennet die Demut / durch diß Geschenck /damit ich euer Haupt umwinde / als den Sieger / und euren Leib ziere / als den Tugend-Beherrscher / den Danck aber preise dieser Kuß; mit welchen Worten /sie ihm einen Hut auf das Haupt setzete / und einen Ring an den Finger / dem Mund aber einen Kuß gab /Ehre / Freude und Danck dadurch zu deuten.

Nach dem wurde eine grosse Meng köstlicher Kleinodien und Edelgesteine herzu bracht / auch allerhand Arten der Ringe / güldene Ketten / und was sonsten zum Geschenck tüchtig erkandt wird / welches die Königin / mit diesen Worten / dem Polyphilo darreichte: und diese Wenigkeiten nehmet an zur Bezeugung verdienter Ehr / die wir nicht anderst / als mit dergleichen Gaben krönen können / und erweiset[323] uns /so wir bitten dörffen / die grosse Gunst / bey uns zu bleiben / biß euch das Glück / wohin ihr verlanget /mit vollen Freuden führe. Hat uns aber der Himmel so hoch begnädiget / daß wir unsre Zeiten / durch eure Beywohnung / ewig beglücken können / bitten wir aufs schönste / unsere Freud / durch die Abreisen /nicht zu verstören / dann wollen wir mit immerwährender Bedienung erweisen / wie willig wir seyn zu vergelten / was uns menschliche Unvermögenheit zu erwiedern versaget.

Nach diesem wandt sie sich gegen Melopharmis /mit diesen Worten: Ihr aber / Melopharmis! um derent willen wir dieses alles leiden müssen / werdet vergnüget seyn mit dem / was Polyphili Hand wiedergeben / und werdet die erzürnte Götter vor uns bitten helffen / daß sie / durch eure Befriedigung / auch ihren Zorn ablegen / und uns hinführo in Gnaden ansehen mögen: so sollt ihr vergewissert leben / daß ihr nicht allein unter unserm Schutz sicher ruhen / sondern in höchster Gnad / neben mir und meinem Thron sitzen werdet / und mehr geniessen / als die verdammte Cacogretis hoffen dörffen. Zum Zeugnus dessen /nehmet auch ihr diß Geschenck von meiner Hand /und verwahret es zum Zeichen meiner Gnad und eurer Ehr: Bittet auch von mir / so ichs habe / soll es euch werden. Und euer Sohn / den ich / mit eurem Willen /auch meinen Sohn nennen kan / soll durch euch /seine Lebens-Mutter / meine Brust saugen / und meine Vorsorg schmäcken / so will ich eurer beiden pflegen.

Ehre genug vor einen Schäfer / und überflüssig vor eine Zauberin. Diese hatte / was sie gesuchet: Polyphilus aber beantwortete die Red der Königin[324] folgender Gestalt: Hochseligste Königin! die Freude / so E.M. also reden heisset / entschuldiget / vor dißmal /den grossen Fehler / den sie durch die ungeziemte Demut begehet. Ich soll dienen / sie herrschen. Daß sie aber mir diese Ehre zuschreibet / halt ich vor eine hohe Gnad / welche / nicht mit Gegen-Gnade / sondern mit Demut zu erkennen. Mein ist / die Gnade zu nehmen / E.M. aber zu geben. So wolle sich / bitte ich / E.M. bedencken / daß sie dero Freudigkeit zu viel nachgeben / indem sie ihr Leben / in meine Errettung / und ihre Seele / in meine Hände setzet: welches Lob ich nicht verdiene / noch annehme: will sie aber meiner Schwachheit auch etwas zuschreiben / so gebe sie ihr den Ruhm / daß mich / vor andern / die Gütigkeit der Unsterblichen / solche Erlösung zu vollbringen / erwählet. Das aber verdienet nicht mir / sondern fordert vielmehr von mir Danck / welchen E.M. mit so vollen Strömen / auf mich ausgegossen. Auch ist die Ehre / so mich zieret / nicht mein / sondern dessen / der mich durch sich geehret: welchem nach ich den Hut mit dem Ring aufnehme. Den Kuß halt ich vor ein angenehmes Zeichen / E.M. hohen Gnad / befinde mich auch dadurch / gegen derselben / in tiefster Unterthänigkeit / zu allem Gehorsam verpflichtet. Und weil mir viel mehr obliegen will / die sondere Ehr / mit einem ewigen Danck zu ersetzen / als geb ich lieber diese Seele / diesen Leib / und was ich vermag / dann daß ich jenes nehmen / oder begehren solte. Anlangend diese hochgeschätzte Gaben / nehm ich zwar nach Schuldigkeit / zum Zeichen unverdienter Gnade an / allein mit dem Beding / daß ich selbige / mit unterthänigsten Danck / hinwider E.M. zu meinem / und nicht so wohl meinem / als[325] der / durch meine Schwachheit / erworbenen Freuden-Gedächtnüs / darreichen / und dem gütigen Himmel zum ewigen Danck-Mal allhier nidersetzen darff. Dann diesem allein gebühret der Lohn / was hie erworben. Ich bin zu frieden mit dem / wann ich mich E.M. Gnade versichern / und das erhalten kan / daß sie mich / mit einem seligen Wunsch / von hinnen lassen.

Atychintida antwortete / daß sie nicht gestatten wurde / weder die Abreise so zeitig zu fördern / noch die Geschenck hinter sich zu lassen; allein Polyphilus ließ sich nicht überreden / weil sein Hertz den Leib nach sich zog: biß Melopharmis / nach abgelegtem Danck / gegen der Königin / anfieng: Polyphilus wird schon bleiben müssen / wann wir ihn nicht lassen. Das Geschenck aber hat er billich zu Gottes Ehr geordnet / dahin es auch muß gewendet werden: Doch solt ihr / edler Polyphile! diesen Stein mit euch führen / dessen ihr möchtet benöthiget seyn / wann ihr zu Deliteen kommet / um etwas von eurem Siegs-Preiß mit zubringen. Das sagte sie zwar mit lachendem Munde: aber Polyphilus konte den lautern Ernst bald greiffen.

Nach dem nun dieses verrichtet / und die Königin ihren Schatz wieder in Verwahrung nahm / damit Melopharmis Rath / und Polyphili Wille erfüllet würde: wurden dem Polyphilo zu sondern Ehren / nachfolgende Gesetz mit Einstimmung vier hell-klingenden Lauten / und einer hochsingenden Menschen-Stimme /abgespielet / weil er noch auf dem Thron saß:


Solten nicht unsere Sinnen sich freuen /

solte nicht alles / was freuen sich kan /[326]

Heute mit Wonne die Hertzen verneuen /

heute / da Freude die Ehre stellt an:

Solten nicht unsere Lauten erklingen /

und dem Erretter zu Ehren eins singen.


2. Das will die sonsten gebührende Pflichte /

das fordert selbsten der schuldige Danck:

dem zu gehorchen / die rechte Gerichte

wählen / erwählen den willigen Zwang /

Daß jetzund unsere Lauten erklingen /

und dem Erretter zu Ehren eins singen.


3. Drum so / Polyphile! bleibe beschönet /

wie du dich selbsten beschönet heut hast:

Und wie die Crone des Sieges dich krönet /

weil du erdrücket die drückende Last:

Also auch sollen die Lauten jetzt klingen /

und wir Polyphili Ehre besingen.


4. Nicht wir alleine: wer Tugend verstehet

und wer die Schätze der Weißheit erkannt /

der muß dich loben: weil keines vergehet /

beydes bewähret die mächtige Hand:

Deren zu Ehren wir dieses jetzt singen /

deren zum Ruhme die Lauten erklingen.


5. Auch zeugen deine lobwürdige Sitten

deiner Bescheidenheit höfliche Werck /

daß deine Tugend die Würde beschritten /

die deine Ehre mit Lobe verstärck.

Drum auch so sollen die Lauten jetzt klingen /

und dir zu Ehren die Ehre besingen.


6. Unser Gefängnus / das du hast entbunden /

gibt dir ingleichen den würdigen Preiß /

weil es hat feinen Erretter gefunden /

nun es den Helffer / Polyphilum / weiß:[327]

Drum auch so sollen die Lauten erklingen /

und dem Erretter zu Ehren diß singen.


7. Selbsten die Freude / so in uns sich hebet /

fället hinwieder / zu dienen dir / hin;

weil durch Polyphili Leben / was lebet /

lebet und stirbet / im gleichen Gewinn;

Drum auch so sollen die Lauten erklingen /

und dir / Polyphile! dieses jetzt singen.


8. Ja / ja! so wirst du von allen beehret /

Liebster der Lieben! von allen gerühmt:

ich / wir und alle / die alle vermehret /

deinen Ruhm mehren mit Ehre verblühmt:

Lassen die klingende Lauten erklingen /

weil wir dir dieses zu Ehren jetzt singen.


9. Nun dann so lebe im glücklichen Leben /

ehre die Ehre / so heute dich ehrt.

Gott wird gedoppelt dir wieder das geben /

was du durch deine Erlösung beschert.

Unsere Saiten das wünschen und klingen /

weil sie Polyphili Ehre besingen.


Nach vollendetem Gesang / giengen sie wieder heraus in den Saal / und verderbten die Zeit mit allerhand kurtzweiligen Gespräch: sonderlich muste die verborgene Macarie / unter dem Namen der Deliteen viel leiden. Von der wir nun auch etwas melden müssen / ehe wir mit Polyphilo weiter gehen.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 320-328.
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