Fünffter Absatz

[387] Beschreibet / die Reise-Fahrt Agapisti / und in was Unglück er gerathen / als er Talypsidamum / von der Mörder-Banden / zu erledigen suchte: Lehret den andern Anstoß / welcher die Tugend-liebende zu bestreiten pflegt / nemlich / die Verhindernus.


Nun müssen wir wieder zu Agapisto kommen / und sehen / wie es dem auf seiner Reiß ergangen. Diesen führete eiliger die Begierde / und das Verlangen Macarien zu sehen / als s ein flüchtiges Pferd fort. Und da er den Wald / mit[387] schnellem Lauf / ruckwarts gelegt / und sich im freyen Felde befand / doch so / daß er zwischen dem Gebüsch / nit ferne vor sich sehen konte: erschröckt ihn ohngefehr ein erbärmlich Geschrey / das kläglich anzuhören / und mehr durch Seufftzen und Heulen / als verständlicher Stimm / zu vernehmen war. Agapistus daher bewogen / gab seinem Pferd die Sporen / und eilete / mit nachgelassenem Zügel / dem Geschrey behende nach / und da er näher herzu kam / traff er hinter der Hecken ein Weib an / die sich jämmerlich behegte / und so bald sie den Ritter ersahe / gleich als erfreuet auffuhr / und mit kläglichen Geberden / für des Pferdes Füsse waltzete /bittend um Hülff.

Die Wasser-rinnende Augen / die zerstreuete Haar /so sie nicht allein im höchsten Bedrangnus verwirret /sondern auch so gar ausgerauffet / daß sie einen grossen Zopff in ihren Händen trug; ja auch / die in einander geschlagene Hände selber / mit dem hertzlichen und schmertzlichen ächtzen / vermochte das mitleidige Hertz Agapisti dermassen zu erweichen / daß er /seines Verlangens vergessend / dem Pferd den Zaum anhielt / um zu vernehmen / was ihr gebreche. Diese fieng mit beweinten Worten an: Wer du auch bist /edler Ritter! so leiste die Pflicht deinem Schild und Waffen / und laß deine Lantzen die Erlösung bringen dem / der unschuldig unter den Mördern gefangen /durch jenen Wald geführet wird.

Agapistus sich seiner Schuld / die ihm diese Rüstung auflegte / erinnerend / wäre leicht zu erbitten gewest / wann nicht der Befehl Polyphili ihn mehr auf Soletten zu eilen vermahnet hätte. Darum er in zweiffelhaffter Entschliessung nach dem Namen dessen /den er zu erretten / gebeten wurde / fragte:[388] Dagegen ihm die Hülff-bittende versetzte: Ach! daß ich den belobten Na men mit solcher Betrübnus nicht nennen solte! Edler Ritter! so du Tugend liebst / wirst du zu Hülff kommen dem / darunter die Tugend gedrucket wird. Die Noht leidet keinen Verzug / weiter zu bitten; drum eile / ehe der Mörder Hand den Unschuldig-Gefangenen gar entführet. Es sey dir genug / daß dich Gott zu seiner Entbindung / und deiner Bekrönung daher geführet. Eine lautere Furcht besiegete das Hertz Agapasti / nicht weniger der Eyfer / damit er sich selbst / und das Glück beklagte / das ihn in solche Gefährlichkeit / und Verlust entweder seiner Ehre / oder Glücks gesetzet. Denn er gedachte / laß ich mich erbitten / werde ich an Polyphilo untreu: soll ich dann das Leben nicht retten / dessen / der den Tod nicht verschuldet / leidet meine Ehre und Tugend-Liebe noht. Doch mochte das Versprechen / so er Polyphilo gethan / sich so mächtig erzeigen / daß er den Dienst des Bekandten / der Hülff eines Fremden vorsetzte; deßwegen er sich gegen der Hülff-begehrenden höchlich entschuldigte / mit Vorwenden / daß er anjetzo nicht sein eigen / sondern in fremden Verrichtungen bemühet / ihrer Bitte nicht gehorsamen könte.

Die Wort des Ritters legten die Leid-klagende / mit Versinckung der Krafft / auf die Erden: aber das wachsame Hertz / und der erzwingende Schrecken /stieß im Niederfall / mit einem bekümmerten Seufftzer / den Namen Talypsidami / durch den Mund heraus / daß sie ihrer vergessend / gleich als mit sich selber redend / diß ihr letztes Wort / und zwar halb gebrochen / ausgoß: Ach Talypsidame! so must du sterben! Ach! so übet ihr gerechten Götter gebührende[389] Rach / um Macarien willen / die durch den Verlust Talypsidami auch sterben muß: und mit diesen Worten endigte die Halb-Todte ihr Leben.

Nun dencke eins / in was Schrecken und Forcht Agapistus gewesen / nicht viel fehlete / daß er gleiches erlitten / und die Schuld dieses unschuldigen Tods / durch sein eigen Schwerdt / an seinem Leben gerächet: Die Hertzens-Bekümmernus stürtzete ihn vom Pferd / und warff ihn auf die Verstorbene / die er hin und wider schüttelte; aber die Ohnmacht war so starck / daß er nichts / denn den Tod mercken konte. Gleichwol gab ihm die verharrende Wärm noch eine Hoffnung / darum er sie mit Balsam bestriche / konte aber nichts richten. Nun / gedachte er / bist du Mörder an dieser Seele / und an der Seele Talypsidami ingleichen. Ach Talypsidame! bist du ja Talypsidamus /dem ich den Brief überreichen soll? Wie werden die Ertödtete Brief annehmen? O Unglück! muß ich durch die Treu / so ich dir erweisen wollen / mein Polyphile! nun selbst an dir treuloß werden? Ach! warum habt ihr mir / ihr unsterbliche Götter! diese unglückhaffte Reise / zu meinem Verderben / aufgelegt? Was thu ich nun? Ach! ich Verzweiffelter! was thu ich nun? soll ich Talypsidamo nachsetzen? und diesen Tod /durch die Errettung seines Lebens / vergleichen? Ja /das soll ich thun. Ach! so verhindert den Fortzug der Rauber / ihr gewaltige Götter! daß ich antreffe / den ich suche / und verleihet / daß ich entweder / mit meinem Sieg / den Tod dieser Matron / an jener Mörder Leben / räche / oder durch den Verlust meines todt-schuldigen Lebens / das Leben erhalte / dem ichs zu erhalten schuldig bin.[390]

Mit diesen Worten erstieg Agapistus widerum sein Pferd / und erhub sich / mit schnellem Lauf / von der Matron / dem Walde zu / den gefangenen Talypsidamum zu erjagen. Aber das Unglück ward immer grösser / die Mannigfaltigkeit der Irrwege / verführeten das Gemüth Agapisti dermassen / daß er unwissend /wohin er sich wenden solte / aufs neue zu klagen anfieng. Die hochdringende Noth erlitte keinen Verzug /und doch verursachete die zweiffelhaffte Furcht eitel Verhindernus biß er endlich / weiß nicht / soll ich sagen / aus gefasstem Eyfer / oder so wollender Fügung des Himmels / sich zur lincken Hand / in den Wald schlug / und mit erhitztem Sporen-Streich denselben durchjagte.

Das Ende des Waldes beschloß der vorbey fliessende Peneus-Fluß / an dessen Ufer er die Mörder mit Talypsidamo antraff! die sich zu Schiff setzeten / und Talypsidamum allbereit in die Ketten gelegt hatten. Wie es aber gemeiniglich zu geschehen pflegt / daß die Wercke der Boßheit eine gewaltige Furcht nach sich ziehen; als traff auch diß die Mörder dermassen /daß die / so allbereit zu Schiff waren / die Grausamkeit des erhitzten und verfolgenden Agapisti beförchtend / vom Land stiessen / und zweyen von der verdamten Rott zu ruck / dem Agapisto zur Rach / überliessen / die er auch mit solchem Grimm verbrachte /daß er einen mit seiner Lantzen / vom Ufer / ins Wasser stürtzete / und ersäuffte / dem andern mit dem Schwerdt / durch das Haupt / biß auf die Brust / einen solchen Streich gab / daß er / halber zerspaltet / tod darmeder fiel.

Talypsidamus / dem seine harte Bedrangnus / nicht so sehr schmertzete / als daß er Agapisto die[391] grosse Treu nicht danckbarlich vergelten solte / fieng in den Banden / die Untreu der Mörder / gegen ihre Mitgesellen / an zu schelten / mit Vermahnen / daß sie solche Unbillichkeit nicht unvergolten liessen / sondern wieder anlendeten / und billiche Rach verübeten. Das alles aber / sagte er zu seinem und Agapisti Besten; denn er gedachte / so sie aussteigen würden / wolle er das Schiff entführen / Agapistus aber würde sein Schwert schon zu gebrauchen wissen / wann sie dann erlägt wären / wolle er den schuldigen Danck / gegen dem fremden Ritter / ablegen.

Aber wie viel ein anders hatte die Widerwertigkeit des Glücks beschlossen! Untreu verlangte keine Rach / und spotteten sie vielmehr Talypsidami / als der nicht wüste / daß der erste Beding ihrer Gesellschafft wäre / wer sich erretten könne / der möge sein Bestes suchen / wie er wolle. Ja! fieng der andere an /(den ich glaube / daß selbst die Boßheit gebohren /und die Laster gesäuget haben /) wann ich mein Leben / durch seinen Tod / hätte erretten können /wolt ich ihn selber erwürget haben.

Da nun Talypsidamus sahe / daß er nichts richte /gab er mit den Händen und dem Haupt das Danck-Zeichen dem getreuen Agapisto: Agapistus hingegen schrie mit lauter Stimm: Polyphilus! Polyphilus! und zeigete den Brief / winckete ihm auch / wie er nach Soletten gewolt habe / und diesen Brief ihm zu bringen. Da solte eins die Tausendfältigkeit der Gedancken Talypsidami gesehen haben / die der Name Polyphili verursachete. Bald gedachte er / gewiß hat dieser Ritter dich an den Tod Polyphili erinnern wollen / um deßwillen du diese Naht / und ohne Zweifel auch den Tod erleiden must:[392] doch tröstete ihn sein gutes Gewissen / daß er unschuldig sey an jenem Tod. Bald gedachte er / wann er sonderlich den Brief erwägte /Polyphilus lebe noch / und habe diß an ihn geschrieben: in welchem Sinn ihn nicht wenig die Erinnerung stärckte / so offtermals Macarie gethan / daß sie nicht glaube / daß Polyphilus todt sey. Bald gedachte er hinwieder / vielleicht ist dieses selbsten Polyphilus /dessen Arm mich zu erretten / verlanget / doch widerlegte ihn / in diesem Fall / die Ungleichheit der Grösse / denn Agapistus kleinerer statur war. Mit einem Wort: was einen Zweifel erwecken konte / das verderbte die Hoffnung / und womit die Hoffnung tröstete / das verbitterte der Zweifel / biß er Agapistum aus den Augen verlohren / nunmehr seine Gedancken zum sterben bereitete / weil er den Schluß selbsten anhörete / daß er die Treue / so er an ihnen / gegen ihren Mitgesellen / begehret / mit seinem Tod erweisen solle.

Was macht nun Agapistus? Auf Soletten zu reisen /ist vergeblich: Talypsidamum zu erlösen / unmüglich / wieder zu ruck zu gehen / verdächtig: unverrichteter Sachen zum Polyphilo wieder zu kommen /schändlich / bevor ab da er die einige Ursach ist / daß Talypsidamus nicht errettet worden / weil er der Bitte des Weibes nicht alsobald gehorchet: so bekümmert ihn nicht wenig die Furcht / des unschuldigen Todes /dieser Verstorbenen / mehr aber / daß er nicht wissen konte / wer sie wäre? Vielleicht / dachte er / ist sie gar Talypsidami Vertraute / daß ich Mann und Weib auf einmal erwürget: welche Furcht ihn desto hefftiger schröckete / je mehr sie sich der Warheit gleichete. Darum er endlich bey sich selbsten den Schluß machte / sich ins Wasser zu stürtzen[393] / und das viele unschuldige Blut / durch seine Ersäuffung / zu büssen.

Aber nun erkenne ein jeder die Vorsehung des gütigen Himmels. Agapistus voller Verzweiflung / wendet sein Pferd / und führet dasselbe etzliche Schritt vom Ufer / dem Walde zu / befiehlet sich der gnädigen Hand der Götter / und rennet im vollen Streich /aber mit verbundenen Augen / (ohne Zweifel / daß er den Augenblick seines Todes nicht warnehme /) auf den Strom zu / Willens / sich mit dem Pferd zu ersäuffen: als eben die vertraute Talypsidami / so er nimmer / lebendig zu sehen / gehoffet / aus ihrer tödlichen Ohnmacht / wieder zu sich selbst kommen /und mit vollem Eyfer / dem Ritt Agapasti nachgefolget; die / so bald sie sein Vornehmen erkennete / mit erhobener Stimm anfieng zu schreyen / daß Agapistus bewogen wurde / das Pferd / mitten im Lauf / aufzuhalten / und zu sehen / wer sein begehre. Drey Schritt mochte er noch zum Wasser gehabt haben / da er sein Gesicht entdeckete. Die Furcht aber des bösen Gewissens / stessete ihn alsbald ans Hertz / daß er bereuete / was er / in verzweiffelter Gefahr / zu vollbringen /beschlossen hatte. Auch tröstete ihn / in seinem Leiden / der Anblick deren / die er vor ertödtet gehalten; wiewol ihn die Scham so sehr schröckete / daß er sich scheuete / sie kühnlich anzusehen / bloß darum / daß er nicht alsobald Hülff-reiche Hand geleistet / deßwegen er sich geschwind vom Pferd / zu ihren Füssen legte / und um aller-günstigste Verzeihung bat / seines vorigen Fehlers; denn er bekennen müsse / daß er dem unschuldigen Talypsidamo / den unverdienten Tod verursache: wann anderst das eine billiche Ursach zu grüssen / die nicht verwehret / was sie verwehren kan und soll.[394]

Psychitrechis / so war des Weibes Name / achtete nicht der Bitte oder Entschuldigung: sondern fragte alsobald nach ihrem Talypsidamo / und da sie vernahm / wie er auf jenem Schiff fortgeführet würde /welches zur rechten Seiten / ein wenig vom Ufer / in die Höhe segelte / erdachte sie den eiligen Rath / Agapistus soll am Ufer hinauf reiten / zu sehen / was es vor ein Ende nehmen würde.

Der Anschlag gefiel nicht übel / sonderlich / da sie wider den Strom schiffeten / daß Agapisti flüchtiges Pferd sich immer fort der Schiffart gleich halten konte / auch war der beyliegende Wald sehr bequem /seine Begleitung / wider Wissen der Mörder / gantz heimlich und unvermerckt zu vollbringen. Was geschicht? Es muß doch wahr bleiben / daß die gnädige Götter ein wachendes Auge auf die Sterblichen haben / und denen / so sich ihrer Macht vertrauen /nach erlittenem Unglück / dennoch hinwider mächtige Hülff und starcken Trost bescheren. Dann als Agapistus in höchster Betrübnus an dem Ufer hinan reitet /seine Augen aber immerfort auf den Fluß / neben Talypsidamo / schiffen lässet / geschichts / daß sein Pferd an einem Stock stosset / und strauchelt / so gar /daß es sich / mit einem gefährlichen Fall / zur Erden neiget / und Agapistum ins Gras niederleget: aber zu sein / und Talypsidami / grossem Glück. Dann ungeacht er frisch und ohne Verletzung wiederum aufgestanden / ersiehet er an dem Ufer / eben da er sich wieder zu Pferd setzen will / einen kleinen Nachen angebunden / mit allem dem / wessen die Fahrt benötiget / wol versehen.

Agapistus / dem der unverhoffte Fund / gar leicht /ein Zeichen göttlicher Vorsehung seyn möchte /[395] hänget sein Pferd an den Baum / und löset das Schiff /mit sich selbsten / vom Lande / eilet auch / so viel müglich / auf Talypsidamum zu / nichts mehr verlangend / als entweder das Leben Talypsidami zu erhalten / oder sein eigenes zu verderben.

Die Mörder / da sie Agapistum / mit Schwert und Waffen zu Schiff sahen / und auf sie zu eilen / wurden so voller Furcht / daß sie die Segel / mit grosser Behendigkeit / wandten / und gleich einem Pfeil / in unglaublicher Geschwindigkeit / widerkehreten / woher sie kommen / und mit dem Fluß / der Tiefe zufuhren. Agapistus setzete / mit gleichfertiger Ubereilung /nach / mochte sie aber nicht erlangen / weil er der Schiffarten ungewohnt / nicht wuste / wo der Vortheil zu treffen. Gleichwol vermochte seine Verfolgung so viel / daß er dem Talypsidamo das Leben rettete. Dann der Augenblick / da sie des Agapisti wahrgenommen / solte Talypsidamum / dem sie nunmehr alles genommen / was er mit sich führete / über Bord werffen: an welchem sie damals verhindert wurden /weil die Errettung ihres gefährlichen Lebens nicht zu ließ / ein unschuldiges Leben zu ertödten. Wie nun Talypsidamus muß erfreuet worden seyn / kan der leicht schliessen / der sein Leben liebet; und wurde die Freude um desto mächtiger / daß er Agapistum immer hefftiger arbeiten / und ihnen nach setzen sahe.

Psychitrechis stund am Ufer / und sahe dein traurigen Spiel mit Entsetzen zu / welches desto erschröcklicher zu sehen war / weil es doch endlich Leib und Leben kosten würde. Doch blieb sie an dem Ort in betrüglicher Hoffnung / sie werde die wieder sehen /welche gleich dem Blitz vor sie weg / und endlich gar[396] aus ihren Augen fort fuhren. Da sie aber eine zimliche Weil vergeblich harrete / fiel ihr endlich / unter tausend klagenden Gedancken / das Pferd Agapisti bey /wo doch solches hin kommen. Sie gieng an dem Ufer hinauf / und fand den Zügel an einem Baum gebunden / das Pferd aber sahe sie von ferne in den Wald sprengen / daher sie schliessen konte / daß es sich abgerissen / und vielleicht wieder zu Hauß kehre. Das hatten aber die Wellen verursachet / die mit solchem Saussen und Brausen / in dem sich das grosse Schiff auf dem wanckenden Wasser gewandt / aus Ufer geschlagen / daß daher das Pferd erschröckt / und ohne vorgesetzten Weg / die Flucht genommen.

Psychitrechis / wiewol sie in neue Furcht dadurch gesetzt wurde / weil sie ihr leicht einbilden mochte /daß / wann das Pferd seinen Reuter nicht wieder mit sich bringe / die Bekannte dieses Ritters in grossen Schrecken gerathen wurden: ward doch die vorige Betrübnus so gehäufft / daß fast unmüglich war / ihrem Hertzen den Kummer zu vermehren: darum sie mit weinenden Augen / und seufftzenden Hertzen / den Zügel ablösete / und als eine betrübte Beute / mit sich nahm / auch widerkehrte an den Ort / da sie / mit Heulen und Klagen / ihres allerliebsten Talypsidami wartete. Den sie aber lange nicht erwarten konte.

Dann da die Mörder / in der Flucht / furchtsam fort eileten; Agapistus aber / in der Verfolgung / erbittert nachsetzte / und sie doch nicht erreichen konte /schütteten die erzürnten Götter / ihren gerechten Eyfer / über den Fluß / mit erschröcklichem Wetter /und wütenden Winden / aus / entweder ihre wunderbare Hülf denen Nohtleidenden zu erweisen / oder[397] dem Agapisto den verdienten Lohn / seiner Saumseligkeit halber / auf diese Art / zu versetzen. Die stürmende Winde erhebten die Wasser-Wogen / mit solcher Grausamkeit / daß die wanckende Segel / augenblickliche Todes-Noth droheten. Die Furcht aber / so aller Hertzen schröckete / erhäuffte sich dermassen /daß ich nicht weiß / ob mehr die Schiffe / von dem brausenden Wüten der Wellen / als ihre bestürmete Sinnen / die zitternde Glieder / in dieser Lebens-Gefahr / versencket. So offt der donnernde Himmel seine blitzende Stralen auf sie zuwarff / so offt schlug ihnen die Erinnerung ihrer verübten Boßheit / gleich einem Knall / ins Hertz; Agapistum aber traff die Härtigkeit seines Mitleidens / und der Verzug seiner Hülff: beyderseits ward die Noht so groß / daß jene nicht mehr einige Flucht / dieser eben so wenige Verfolgung suchete; besondern ein jeder bemühet war / sein Leben zu erretten.

Wie aber eine Widerwertigkeit die andere gebiehret; also war es nicht genug / daß Agapistus tödliche Furcht erlitten / sondern er muste dem Glük / auch nach diesem / ein Lust-Spiel werden / welches ihn so nahe zum Talypsidamo brachte / daß er ihm von Polyphilo den Gruß zuschreyete / aber in einem Augenblick / durch den Sturm und Wellen / dermassen wegführete / daß er weder die Mörder / noch den Gefangenen sehen konte. Es erfasste ihn ein widriger Wind / und führete sein Schifflein in einen andern Strom / auch so ferne / daß er nicht die geringste Hoffnung / Talypsidamum wieder zu sehen / schöpffen konte. So bald Agapistus entführet / legten sich die Winde / und ward der Fluß stille. Talypsidamus /der sich seines Erretters nicht mehr trösten[398] konte /und aber sein Leben nunmehr um desto lieber erhalten hätte / weil er von Polyphilo gehört / daß er noch lebe / gedachte die Mörder / mit bittender Demut / zu gewinnen / daß sie ihm sein Leben schencketen. Wiewol ihm solches schwer dünckete / und der Großmütigkeit seines Hertzens fast zuwider: doch vermochte die Liebe Polyphili so viel / daß er vor dißmal die Noth der Tugend vorsetzte / und folgender Gestalt anfieng:

Sehet ihr dann nicht die drohende Straf der erzürnten Götter / die keinen unverdienten Tod an mich will verüben lassen. Kan euch meine klagende Stimme nicht erweichen / so errette mein armseliges Leben die donnernde Hand der Unsterblichen. Meynet ihr / dafern euch nach meinem Tod verlanget / und denselben wider Recht / und ohne mein Verbrechen / befördert /daß die gerechte Vergeltung des beleidigten Himmels / mein Leben / nicht / an eurem Tod / wieder suchen wird? Diese Wellen werden euch verschlingen /ehe ihr wieder zu Land kommet: Diese Wasser müssen euch ersäuffen / wie ihr meine Seele in meinem Blut ersäuffen werdet. Die Erfahrung / und der Schrecken / welchen euch das jetzt verstrichene Gewitter / vielleicht meiner Unschuld wegen / erreget /zeuget frey / daß ihr diese Ubelthat / nicht ohne Rach der gewaltigen Götter / vollbringen werdet. Sehet mich auch vor den an / der sich eben nicht zu sterben; sondern durch eure Hand zu sterben scheuet / die ihr vielleicht gerechte Rach / wegen der ermordeten Gesellschaffter / an mir zu üben / vermeynet / und meinem Ruhm / nach diesem Leben / eine Schande beyleget.

In dem Talypsidamus so redete / und ferner[399] reden will / auch bey nahe das felsichte Hertz der blutgierigen Mörder erweichet / siehet er mit gleichsam geflügelten Winden / das schönste seiner Schiffe daher fahren / welches er nachzufolgen / bey seiner Abreise /verordnet. Die Mörder wurden dessen nicht so schleunig gewahr / auch nicht ehe innen / biß sie sich gefangen befunden / weil sie das Gesicht auf Talypsidamum gewandt / und sich ruckwerts bemächtigen liessen. Auch halff der Fortgang ihres Schiffs / welches sonderlich / vor andern / die Wasser / mit solcher Schärffe / durchschnitte / daß es kein geringes Brausen verursachete / dem unvermerckten Zutritt des andern / obwohl grössern / nicht wenig. So bald sie nun hinzu kamen / wurden sie des gefangenen Talypsidami / in den Ketten / gewahr / darüber sie in solche Bestürtzung fielen / daß sie nicht wusten / was sie dencken solten; bevorab / da sie der vesten Einbildung lebten / sie würden ihren Herrn bey dem grossen Meer / (dahin gedachte Talypsidamus) antreffen. Es wurde aber diese Bestürtzung bald / in einen hefftigen Grimm / verwandelt / daß sie / mit Ungestümm / auf das Schiff fielen / die Räuber gefangen nahmen / und ihren Herrn entfesselten. Welcher Befehl gab / in die Höhe zu segeln / der gäntzlichen Hoffnung / er werde seine Psychitrechin an dem Ufer antreffen / da er vor dem so schnell vorbey gefahren: wie auch allerdings geschahe.

Diese / nach dem sie den Wechsel vernahm / vergaß sie bald ihres Leids / und gedachte auf die Rach /so mit gültigem Recht an denen Strassen-Räubern und Mord-Kindern müsse vollbracht werden: allein das mitleidige Hertz Talypsidami vergaß aller Rach /wegen der Freud der Erlösung.[400]

Gleichwol / daß solche böse That nicht unbestraffet bliebe / legte er sie sämtlich in die Ketten / und befahl den Schiff-Bedienten / daß sie wohl verwahret / und dem Agapisto zur Rach aufgehoben würden. Nach dem bedanckte sich Talypsidamus gegen die Seine /wegen des treuen Diensis / versprach denselben mit einem herrlichen Entgelt zu versetzen / und ihre Treue im ewigen Gedächtnus zu behalten. Erinnerte auch dabey / daß sie nichts davon aussagen solten / weil die Mannigfaltigkeit der Reden / so daher entstehen würden / eben so leicht zu seiner Schand / als Ehre gereichen möchte. Die Bediente nahmen das alles in völligem Gehorsam auf / und entschuldigten sich wegen des unverdienten Dancks / massen solches ihre Pflicht gewesen / deme sie / ohne Vergeltung / schuldige Folge leisten müsten.

Ob nun Talypsidamus / wegen der ausgestandenen Gefahr / nicht wenig ermüdet worden / setzte er dennoch seine Reise fort / damit sein erlittenes Unglück /durch die Wiederkehr / nicht kündig würde. Weil er sich aber nicht mehr allein zu Land trauete / und Psychitrechis / seine Geliebte / zu Schiff nicht fahren konte; schickete er selbe wieder zu ruck / in Begleitung zweyer gerüsteten Diener / weil sie / ohne dem /nur das grosse Meer zu besehen / die gefährliche Reiß auf sich genommen: er aber setzte sich zu Schiff / mit dem Versprechen / daß er sie mit ehistem wieder sehen werde.

Vor dem Abzug / erinnerte er sie an Agapistum / so derselbe kommen werde / daß sie ihn nach Würden bedienen lasse / und biß zu seiner Widerkunfft aufhalte: da er aber nicht erscheinen solte / solle sie forschen / so viel müglich / von wannen er gewesen /und[401] wohin er kommen / und da sie seine Bekandte erkundige denselben alsobalden Bericht thun / daß er hoffentlich noch lebe / damit sie / das leere Pferd /nicht in längerer Furcht betrübe. Allein das war alles vergebens bestellt / dann sie so wenig Agapistum / als seine Bekandte erfahren / auch ehe ihren geliebten Talypsidamum / dann deren einen wieder gesehen.

Nun wollen wir Talypsidamum schiffen: Psychitrechin aber wieder zu ruck gehen lassen / deren jedes mit gutem Friede dahin gelanget / wohin sie begehrt / wann nicht die Leidtragende Furcht / beyden Hertzen / den Tod Agapisti / und dann den Schrecken seiner Bekandten / mit gar zu betrübter Einbildung /aufgebürdet / welche sie ohne Unterlaß / gleich einer heimlichen Gefahr / des Tages in Gedancken / des Nachts im Schlaf verstörete / und mit höchst-betrübter Traurigkeit belegte: vielleicht nicht ohne Ursach. Dann der viel-geplagte Agapistus / durch die Widerwertigkeit der gewaltigen Winde dermassen verführet wurde / daß er selbsten nicht wuste / wohin er kommen. Doch beglückte ihn endlich der begütigte Himmel / mit einer wenigen Sicherheit / daß er ans Land stieß / und sein Leben von der Gefahr des ersäuffenden Wassers befreyete. Aber / was sag ich / befreyete? die kümmerliche Nahrung / die ihm die bittere Wurtzeln / und das ungekochte Fleisch der wilden Thier darreichte / war dem Tod viel gleicher / dann dem Leben. Auch der nächtliche Schrecken / die Furcht vor den reissenden Thieren / die ewige Plag der peinlichen Geister / verursacheten ihm mehr den Tod zu wünschen / als das Leben ferner zu erhalten. Ja! es überfiel die Tausendfaltigkeit seiner Bedrangnus / das enthertzte Hertz dieses unseeligen[402] Agapisti / offtermals so sehr / daß er das Meer der Untreu beschuldigte / und alle Wellen vor verdammlich anklagte /nicht / weil sie ihn daher geführet / sondern daß sie ihn / sein elendes Leben zu verlängern / nicht ersäuffet hätten. Aber es halff das alles nicht: Agapistus solte lernen / was Unbarmhertzigkeit / deren er sich gegen die Hülff-schreyende zu viel gebrauchet / vor Lohn verdiene / und wie er hinführo mitleidiger seyn solte. So lassen wir ihn nun in seiner Marter-Schule /und sehen / was indessen Polyphilus gethan.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 387-403.
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