Nach Stands-Gebühr schuldig-geehrter und geliebter Leser!

[5] Diese neue Lehr- und Schreib-Art / deren ich / in gegenwärtigem Werk / gefolget / ist kein Zweiffel / daß sie vielen verwunderlich / ja! wol gar verwerfflich vorkommen wird. Ich ermahne aber / ja bitte / daß der jenige / welcher ihm / über diß Werck / das Richter-Ampt nehmen will / auch zugleich die nöthige Anmerckungen / eines gerechten Richters / anzunehmen /sich nicht wägere. Diese sind: nicht richten / ohne Verstand; nicht urtheilen / ohne erkündigter Warheit; nicht Recht oder Unrecht sprechen / wieder sein besser Wissen. Alles dreyes wird den Einwurff widerlegen / der die neue Lehr-Art bestreitet. Ist alles / was neu / und vor dem unerhört ist / zu verwerffen / so werden diese unsre Zeiten sich keiner Erfindung rühmen können; da ich doch schwerlich den Ausspruch[5] machen werde / ob solte die Vor- oder Nach-Welt /sonderlich / was die neu-hochgestiegene und recht-verneurte teutsche Dicht-Kunst anbelanget / des Erfindungs-Ruhms würdiger seyn. Es bleibt doch die Warheit: je länger die Welt bestehet / je spitzfindiger werden die Einwohner. Solte aber ein anderer das Widerspiel beglauben wollen / von der Boßheit der Menschen / die sich mehr / als die Weißheit / vermehre /will ich zwar demselben eben wenig widersprechen /ja! viel sicherer beklagen helffen / daß selbige / in Erfindung Laster-hafften Sitten und gleichsam verjüngter Boßheit / mehr neues erdencken / als die fromme Alten ihnen gewünscht: Gleichwohl wird daher meine verneuerte Ersinnung nicht straffbar / sondern desto eher gelitten werden / weil sie neuer Boßheit und Verführung / mit neuer Behutsamkeit / vorzugehen suchet.

Wie der heutige Welt-Wandel mehr in der Laster-als Tugend-Bahn einher gehe / ist an der hellen Sonnen: Das aber ist am verderblichsten / daß die meisten / unter der Tugend-Decke / die Laster verbergen /und doch vor Tugend-gezierte wollen geehret seyn. Ein hoffärtiger Spanier[6] (sagt der hoch-geschätzte Opitz /) will sich erbar grüssen lassen. Ein unverschämter Welscher / freundlich. Ein leichtsinniger Frantzos / behertzt. Ein springerischer Engeländer /hurtig / und ein versoffener Teutscher / lustig und vertreulich. Von Kunst und Weißheit / muß ich gleiches gestehen / und sitzet gemeiniglich mehr Gelehrtigkeit auf der Zungen / als im Hertzen / mehr in der Einbildung / als dem Haupt-Sitz derselben. Der wenigste Theil wird die wahre Kunst umfangen. Die Ursach beyder Fehler ist so bekannt / als bewährt. Viel wolten gerne Weise werden / wann nur der Helicon nicht so hoch zu ersteigen. Andere möchten sich in Tugenden üben / wann nur die Bahn derselben / mit so vieler Verhindernus / nicht verlegt. Dem dritten fehlet Wagen und Anspann / ja wol gar der Führer / der ihn hinzubringe.

In dessen Ersinnung nun / hab ich mir / meines Erachtens / nicht übel gefallen lassen / weil ich sonderlich / mich selbsten / in diesem Krancken-Bett / offt erkennet / theils denen Kunst- und Tugend-begierigen zu dienen / theils meine hochgeliebte Mutter-Sprach zu beehren / dann mir selbsten zu helffen / gegenwärtiges Werck / der Tugend-[7] und Laster-übenden Welt vorzulegen / ob möchte / durch dessen Führung / sich einer / aus allen (dann alle / vor einen / ist wohl zu wünschen / aber nicht zu erwarten) in der Irre zu recht / und in dem wahren Tugend-Wandel / zur Vollkommenheit bringen.

Es hat mir aber / zu solchem meinen Vornehmen /nicht wenig gedienet / diese gegenwärtige Geschichts-Beschreibung / die ich auf mein Vorhaben geschickt befunden / auch um desto lieber angenommen / weil mir wissend / wie die Gemüther dieser Zeit bewandt /daß sie gerne was neues lesen oder hören / sonderlich von solchen Sachen / die / mit selbster Erfahrung / bekräfftiget sind. Lebe demnach der gevesteten Hoffnung / es werde diese leßwürdige Geschicht / nicht bloß eine Historische Wissenschafft / sondern die Kunst- und Sitten-Lehr / dem fleissigen Leser entdecken. Dann dahin zielet alles / was in diesem Werck begriffen / so / daß ich keinen Scheu trage / dasselbe den Kunst- und Tugend-Wandel zu benahmen.

Daß du aber / Gunst-gewogener Leser! mein Vorhaben deutlicher verstehest / und dieser wolgemeinten Arbeit nützlicher[8] geniessest / will ich dir / kürtzlich /den Inhalt des gantzen Wercks / nach dessen beschehener Eintheilung / so wol in der Historischen Beschreibung / als der Sitten-Lehre / entwerffen / damit du desto fertiger / bey einem jeden Absatz / deine Lehr behalten könnest.

Die kürtzeste Verfassung ist / in der Abtheilung der 4. Bücher zu finden / welche den Allgemeinen Enthalt des gantzen Wercks fürtragen / als


Das erste Buch

Erkläret den Eingang Polyphili zu Macarien / das ist /eines Kunst-liebenden zu Kunst und Tugend; erweisend / durch wie viel ungebahnte Wege derselbe wandern müsse / so / daß er von manchem Unglücks-Dorn geritzet werde / ehe er die wahre Glücks-Rosen brechen könne.


Das andere Buch

Erkläret den Fortgang auf dieser Tugend-Bahn / der die Überwindung mancher Widerwertigkeit zum Begleiter erwählen / und sich keine befremdliche Ungedult muß verleiten lassen: sondern in seinem rühmlichen Vorsatz unverruckt verharren / biß er überwunden.


Das dritte Buch

Erkläret den Nachgang / das ist / die Bekrönung / so auf diese Tugend-Eroberung erfolget: Nemlich unverfälschtes Glück / und der Schatz einer wahren Ehre: Deren keines / wie mächtig auch die Unglücks-Wellen wüten / kan ersäuffet noch vertilget werden.


Das vierdte Buch

[9] Erkläret den Ausgang / welcher ist die süsse Freude /und verzuckerte Lieblichkeit der Tugend-Früchte / die wir in der Zufriedenheit und vergnügten Seelen-Ruh empfinden / auch durch keine Bestürmung zerstören lassen / sondern in aller widerstrebenden Unruh / den Sieg des Friedens / das ist / die Vergnügung unsers Verlangens / behalten.


Eine genäuere Unterrichtung wird uns eines jeden Buchs unterschiedener Absatz geben / auf folgende Art:

Des ersten Buchs

erster Absatz

Beschreibet die Ankunfft Polyphili in die Gegend der Insul Soletten: Lehret / wie der Mensch offt / ein Glück zu erlangen / dem Unglück unterworffen werde.


Anderer Absatz

Beschreibet die Zusammenkunfft Polyphili und Philomathi: Lehret / wie uns offt / wider unser Verhoffen /der gütige Himmel zu guten Freunden verhelffe /deren Beförderung wir uns bedienen können: Durch welche auch Gott / als die Ihm gefällige Mittels-Personen / mit uns handele.


Dritter Absatz

Beschreibet die Zeit-kürtzung und das Gespräch der beyden / welches ist von der Ruhe der Einsamkeit: Lehret neben der / wie wir / aus vortrefflicher Leute Reden / unsere Weißheit schöpffen müssen.


Vierdter Absatz

[10] Beschreibet den Abschied Philomathi / mit Versprechung der Wiederkehr / welcher / durch den Vorwitz Polyphili / vergebens war / der ihn / Polyphilum / mit Lebens-Noth / weit von dannen geführt: Lehret / wie wir unser Glück offt selber muthwillig verschertzen.


Fünffter Absatz

Beschreibet das Unglück Philomathi / dessen Traum und Tod: Lehret / zu Seiten Polyphili / wie gemeiniglich / bey grossem Glück / gleiches Unglück erwachse; zu Seiten Philomathi / wie heimliche Mißhandlung / von dem Himmel / öffentlich gestraffet werde.


Sechster Absatz

Beschreibet den Zustand Polyphili / in der verwildeten Einsamkeit / und wie er den Verlust der Insul Soletten hinwieder bereichert: Lehret / daß wir Tugend / mit Müh / gewinnen müssen.


Siebender Absatz

Beschreibet die Wiederkunfft Polyphili auf Soletten /durch Hülff Talypsidami / der ihm den Tod Philomathi verkündet: Lehret / daß dennoch Kunst- und Tugend-liebenden das Glück beförderlich seyn / und sie / nach vieler Widerwertigkeit / endlich begnaden müsse.


Achter Absatz

Beschreibet den Zuspruch Polyphili / mit Talypsidamo / bey Macarien / und deren geführte Reden: Lehret / wie hoch die Tugend zu halten / und die Kunst zu lieben.
[11]

Neundter Absatz

Beschreibet die Ersäuffung Polyphili / und die daher entstandene betrübte Klagen / der erschreckten Macarien / und was sie vor Nacht-Gesicht betrübet: Lehret an Polyphilo / die / der Kunst und Tugend ewig widerstrebende / Unglücks-Bestürmung / von deren bißweilen alle Hoffnung niedergeschlagen wird; an Macarien aber / die selbst nothleidende Tugend.


Zehender Absatz

Beschreibet die Errettung Polyphili / durch Melopharmis geschehen / die ihn zu den versenckten Schloß geführt / und was sich allda ferner mit ihm begeben: Lehret / wie dennoch der gnädige Himmel / ein wachendes Auge habe / auf die Tugend-verliebte / und seine Hülff wol verberge / aber nicht entziehe.


Des andern Buchs

erster Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Tugend-Tempel / und dessen Zierat: Lehret den Unterscheid /der warhafften und verderbten Kunst; desgleichen wie man zu jener gelangen / diese aber meiden solle; gibt Unterricht von der Tugend-Werbung / und wie dieselbe kröne.


Anderer Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Glücks-Tempel / und wie derselbe gebauet / und gezieret gewesen: Lehret die nahe Verwandnus / der Tugend-Kunst / mit dem Glück; bewähret die Ursachen / der Ungleichheit / unter den Menschen; berichtet von dem Glück / daß es nicht ein blinder[12] Zufall; nicht auch ein Sternen-Blick: sondern Gottes so gefälliger Wille und Ordnung sey.


Dritter Absatz

Beschreibet den Eingang Polyphili / in den Liebes-Tempel / und wie derselbe gestaltet: Lehret die nöthige Verbündnus / der Tugend-Kunst / des Glücks / und der Liebe; Unterscheidet die falsche / von der warhafften / und zeiget beyder Ursprung.


Vierdter Absatz

Beschreibet / was sich ferner / in dem Liebes-Tempel / mit der Königin und Polyphilo / begeben: Beantwortet etzliche Liebes-Fragen / die ihre Lehr-Puncten selbsten zeigen.


Fünffter Absatz

Beschreibet die endliche Erfüllung / des Verlangens Polyphili / durch den Anblick derer Tafeln geschehen / auf welchen der Name der schönen Macarien geschrieben / und was sich weiter begeben: Lehret / daß endlich das Tugend-Verlangen nicht unvergnügt bleibe / solt es gleich heimlich / und etwas scheinbar geschehen.


Sechster Absatz

Beschreibet die Erlösung Sophoxenien / mit welchem zugleich Kunst und Tugend versencket war: Lehret /wie dieselbe / durch Fleiß und Schweiß / erwachsen /hernach desto frölicher blühe / und ewige Freyheit gewinne.


Siebender Absatz

Beschreibet das Gespräch Melopharmis mit Polyphilo / die ihm den Berg zeiget / hinter welchem die Insul Solette gelegen / die das Hertz Polyphili dermassen zu sich ziehet / daß er sein selber[13] vergisst: Lehret / wie auch die Tugend-geübte offtmals die Bezahlung so begierig fordern / daß sie mehr darüber verlieren / als erhalten.


Achter Absatz

Beschreibet / wie Polyphilus / mit der Königin / und deren Angehörigen / Tafel gehalten / und was sie von der Verbannung dieses Schlosses vor Gespräch erkieset: Lehret / daß Kunst und Tugend / nicht durch des Himmels / sondern der boßhafften Menschen Schuld /erdrucket liege.


Neundter Absatz

Beschreibet den Ausspruch der beyden Weisen / Clyrarchae und Cosmaritis / von der Macht und Ohnmacht der Zauberer; welches Gespräch die Lehr-Puncten selber zeiget.


Des dritten Buchs

erster Absatz

Beschreibet die Ehr-Bekrönung Polyphili / von der Königin / und derer gantzen Hof-Staat geschehen / die auf alle Kunst- und Tugend-Werbung unausbleiblich folget: Welches hier die Lehre selber ist.


Anderer Absatz

Beschreibet die Zeit-Verbringung / der biß daher bekümmerten Macarien / und wie Polyphilus bey derselben ärgerlich verleumdet worden: Lehret den ersten Anstoß / welcher die Tugend-verliebte zu bestreiten pflegt / nemlich / Verleumdung.


Dritter Absatz

Beschreibet die Berathung und Anschläg Polyphili /wie er sicher zu Macarien gelange / dazu[14] ihm ein fremder Ritter / Namens Agapistus / bedienlich: Lehret / wie alles / durch klugen Rath und ernstliche Bemühung / könne gewonnen werden.


Vierdter Absatz

Beschreibet den Abzug Agapisti auf Soletten / und den Nach-Wunsch Polyphili / auch sein Gespräch /mit der Königin / von dem Frauen-Lob: Welches hie an Statt der Lehre stehen kan.


Fünffter Absatz

Beschreibet die Reise-Fahrt Agapisti / und in was Unglück er gerathen / als er Talypsidamum / von der Mörder Banden / zu erledigen suchte: Lehret den andern Anstoß / welcher die Tugend-liebende zu bestreiten pflegt / nemlich / die Verhindernus.


Sechster Absatz

Beschreibet den Schrecken Polyphili / den er / über das unberitten-wiederkehrende Pferd Agapisti / eingenommen / und wie er zum Talypsidamo kommen: Ist eine Lehre von der blinden Glücks-Neigung / welche auch die Tugend-suchende nicht selten begleitet.


Siebender Absatz

Beschreibet die Reden Talypsidami mit Polyphilo und der Königin / auch wie er Macarien gerühmet: Lehret / wie hoch die Tugend-Kunst zu erheben.


Achter Absatz

Beschreibet / wie Talypsidamus sich mit Polyphilo berathen / zur Macarien zu kommen / und was jener /nach seiner Heimkunfft / mit derselben[15] geredt / auch wie ihr Wider-Sinn sich in Liebe verwandelt: Lehret /ob die Tugend anfänglich schwer zu gewinnen / sey doch die endliche Ergebung freywillig / daher wir /mit Polyphilo / nicht ablassen sollen / dieselbe zu erringen.


Neundter Absatz

Beschreibet die Ankunfft Phormenae gen Sophoxenien / und die Schlitten-Fuhr Polyphili / welche so unglückselig / als verhinderlich war: Lehret den dritten und gemeinsten Anstoß der Tugend-verliebten / die Unglückseligkeit.


Zehender Absatz

Beschreibet das elende Leben Agapisti / in der Wildnus / und wie wunderbar er gen Sophoxenien / zum Polyphilo / wiederkommen: Ist eine Lehr / von der Treu und Beständigkeit / auch deren reichen Belohnung.


Des vierdten Buchs

erster Absatz

Beschreibet die andere Fuhr Polyphili auf Soletten /welche ihn zu der lang-verlangten Macarien bringet /deren Gunst-Gewogenheit er gewinnet: Lehret die endliche Vergnügung und Zufriedenheit der Tugend-verlangenden.


Anderer Absatz

Beschreibet / was sich mit Polyphilo und Macarien /über der Mahlzeit / begeben / und wie betrübt er den Abschied genommen / doch aber der Liebes-Früchte /in etwas / genossen: Lehret den Tugend-Genieß / als die lieblichste Frucht / versauerter Arbeit.


Dritter Absatz

[16] Beschreibet / wie Agapistus / dem ruckwendenden Polyphilo / entgegen gefahren / ihn zu empfangen /und wie Atychintida / durch die Liebs-Erzehlung der Phormenen / erzürnet / dem Agapisto Befehl ertheilet / Polyphilum von Macarien abzuwenden / auch wie sich Agapistus / in diesem / verhalten: Lehret den vierdten Anstoß der Tugend-liebenden / nemlich Mißgunst.


Vierdter Absatz

Beschreibet die Erinnerung Polyphili an die Reden seiner Macarien / und deren Bereimung / die ihre Lehr-Puncten selbsten erklären.


Fünffter Absatz

Beschreibet den ereyferten Grimm Polyphili / welchen die Erzehlung Agapisti / von dem / was er mit der Königin geredt / verursachet / und wie er darum von Melopharmis gestrafft / denselben / vor der Königin /verborgen hält: Lehret den fünfften Anstoß der Tugend-verliebten / die Widerwertigkeit: Gibt auch andere Zorn-Straffen.


Sechster Absatz

Beschreibet den Gruß Polyphili / an Macarien / durch ein Brieflein geschehen / und die verwaigerte Antwort / die Agapistum / mit einem andern Gruß-Brief /an Macarien / begleitet / auf Soletten ziehet / dessen vergebliche Wiederkunfft Polyphilum erzürnet / der aber / wieder begütiget / den dritten Brief an Macarien abgehen heisset: Lehret / daß hohe Sachen / mit grosser Müh / zu gewinnen / und die Tugend / einen unermüdeten Fleiß / ja auch ein unerschrockenes Hertz / fordere.


Siebender Absatz

[17] Beschreibet die Beantwortung der Macarien / auf die Briefe Polyphili / und dessen Verwirrung / über die versteckte Wort / auch wie listig er dieselbe wieder beantwortet: Lehret / daß Tugend-Erwerbung / auch bißweilen / eine verführende List zulassen / wann die offne Warheit schädlich oder gefährlich scheinet.


Achter Absatz

Beschreibet die Verleitung Polyphili / zu der Liebe einer andern / Apatilevcheris genannt / und wie schändlich er sich von derselben bethören lassen: Lehret / wie die Tugend-gezierte am erschröcklichsten irren / wann sie Laster / unter dem Tugend-Schein /nehren / und sich unvorsichtig betriegen.


Neundter Absatz

Beschreibet die unversehene Zusammenkunfft Polyphili mit Macarien / die Bereuung seines begangenen Fehlers / und dessen Verbesserung / zusambt der Unterredung dieser beyden / und wie er / ihr seine Gedicht zu übersenden / versprochen: Lehret / wie die Tugend-gezierte / ob sie gleich von einem Fehl übereilet werden / doch nicht in der Laster-Versenckung bleiben / sondern dieselbe zu einer grössern Krafft /Tugend zu gewinnen / gebrauchen / daher solche Verführungen / die jenige auch nicht so bald des Tugend-Ruhms beraubet / ob sie ein- oder mehrmal dawider handeln. Dann ein Fehl ist kein Fehl.


Zehender Absatz

Beschreibet den Widerwillen / der erzürnten Macarien / welchen sie / nach erkundigter fremder Lieb /bey Polyphilo / so mächtig / in ihr / herrschen[18] ließ /daß sie alle Liebe aus ihrem Hertzen verbannete: wiewol sie / durch Zwang und Flehen / wieder versöhnet ward: Lehret die Straffen / so dem Verbrechen folgen / damit ein unbestrafftes Ubel nicht Gelegenheit zu fernerer Mißhandlung gebe.


Eilffter Absatz

Beschreibet die Zeit-gleiche Begrüssung / so zwischen Polyphilo und Macarien schrifftlich geschehen: Lehret die Tugend-Art / welche / in zweyen Gemüthern / einerley Würckung übet; und anders mehr /das in den Briefen / und deren Erklärung selbsten / erörtert wird.


Zwölffter Absatz

Beschreibet die selbste Besuchung / der Macarien /von Polyphilo geschehen / und was sich darinnen begeben / auch wie sie / nach dem / einander zugeschrieben: Ist ein Beweiß / der unvergnüglichen Begierde /menschlichen Verlangens / welches von Tugend-Liebe entzündet ist.


Dreyzehender Absatz

Beschreibet / wie ein anderer / Namens Evsephilistus / um Macarien Gunst sich bemühet / und dieselbe / Polyphilo zu entziehen / gesuchet / auch mit was Bedienungen: Lehret den sechsten Anstoß der Tugend-verliebten / die Verfolgung.


Vierzehen der Absatz

Beschreibet fast einen verliebten Streit / in der Dicht-Kunst / zwischen Polyphilo und der gelehrten Macarien / auch wie sie ihm die Werbung Evsephilisti heimlich zu vernehmen gibt / und wie er dieselbe beantwortet: Lehret / daß je herrlicher die Tugend in uns blühet / je mächtiger[19] erzeige sich die Widerwertigkeit / die / mit einer gefassten Gedult / zu überwinden.


Fünffzehender Absatz

Beschreibet die fernere Bestreitung des Lieb-werbenden Evsephilisti / und wie die getreue Macarie solches Polyphilo offenbaret / oder zu offenbaren zu sich bittet / auch was sie sich berathen: Ist eine Probe wahrer Tugend / die mit glücket / mit unglücket. An Polyphilo aber finden wir den siebenden Anstoß der Tugend-verliebten / die Versuchung.


Sechzehender Absatz

Beschreibet den Blut-Rath Polyphili / so er über Evsephilistum beschlossen / und wie er selbigen der Macarien entdecket / auch wie bestürtzt diese antwortet; Dann endlich / wie sich Polyphilus betrogen: Lehret die anfeindende Laster / in hohen Trübsalen / die mehrentheils / mit der vergifften Süsse / der Verzweiflung / zu locken pflegen.


Siebenzehender Absatz

Beschreibet den Gegen-Rath Agapisti / und wie Polyphilus streit-rüstig auf Soletten ziehet / aber von Macarien / mit der Wider-Rede / seiner nichtigen Einbildung / begütiget und erfreuet wird / in dem sie ihn vor allen / und ewig / erwählet: Lehret die endliche Vergnügung der Tugend / die so widerwertig auch das Glück spiele / dennoch ewig beglücket bleibet / und ohne Ende.


Aus diesem nun / wird dir / Gunst-gewogener Leser! allerkündig seyn / wohin meine Erfindungen / in dieser Tugend-Bahn / gerichtet. Daß aber der Weg bißweilen[20] verworffen / und die Staffel versetzet sind / in dem zu Zeiten zu letzt berühret wird / was zu allererst hätte sollen betretten werden / wirst du nicht einen Erfindungs-Fehl / sondern den Geschichts-Fall benennen / welchen ich unverruckt behalten wollen / der Meynung / es könne die Lehr / so anfangs / so zu letzt / behalten werden.

Betreffend die Namen / die ich in der Geschichts-Erzehlung angezogen / sind dieselbe mehrentheils von den Griechen entliehen / und aus ihren Wörtern zusammen gesetzt / daß sie zugleich die Lehre bewähren / die ich in der Historischen Erzehlung suche. Es sind aber diese:


Macarie / die Geist-besehligte.

Polyphilus / der Viel-Liebende.

Philomathus / der Lieb-Lehrende /

Pistimorus / der Tod-getreue.

Amichanus / der Verwirrte /

Atychintida / die Unglückselige.

Talypsidamus / der Behülffliche.

Melopharmis / die Viel Vermögende.

Cacogretis / die Mißgünstige.

Parrisiastes / der Offenhertzige.

Coßmarites / der Kunst-Lehrende.

Clyrarcha / der Glück-Mehrende.

Erothemitis / die Lieb-Nehrende.[21]

Pseudologus / der Verleumdende.

Agapistus / der Treu-Liebende.

Psychitrechis / die Tod-gefährliche.

Aphetus / der Hülff-willige.

Gennadas / der Dienstfertige.

Phormena / die Liebhägende.

Servetus / der Verbundene.

Heroarcha / der Großmüthige.

Apatilevcheris / die Verführende.

Evsephilistus / der Einfältige.


Eines jeden Bey-Name wird / geneigter Leser! das Amt benennen / so er führet / und wofür du ihn in dieser Tugend-Bahn bekennen sollest. Die Macarie ist selbsten die Kunst und Tugend / und also das gleichsam aufgesteckte Ziel / welches zu errennen / wir Menschen allesamt / durch den viel-liebenden Polyphilum gedeutet / uns angelegen seyn lassen / da wir dann viel Philomatos / die uns unterrichten / auch Pistimoros und Talypsidamos / die uns in der ersterbenden Kunst Hülff-Hände leisten / gebrauchen / die einen verwirrten Amichanum / oder / wie Polyphilus / eine unglückselige Atychinidam erlösen. Dafern wir aber durch eine viel-vermögende Melopharmis /verstehe die Beforderer und andere Kunst-Helffer /auf den [22] Weißheit-Sitz / durch Sophoxenien gedeutet /gebracht würden / sind wir offt und offt wiederum eines offenhertzigen Parrisiastes / unter denen Kunst-Lehrern / benöthiget / der die Warheit nicht geheim halte. Auch finden sich der verleumdenden Pseudologen / und mißgünstigen Cacogreten / so viel / daß /wofern nicht ein treuliebender Agapistus sich bißweilen findet / die tod-gefährliche Psychitrechis / in ihrem Kunst-Verlust ersterben müste. Gleichwol erwecket noch immerdar / der wach-haltende Himmel /einen hülff-willigen Aphetum / oder Dienst-fertigen Gennadam / oder auch lieb-hägende Phormenam / ja bißweilen einen verbundenen Servetum / das ist /einen guten treu-meynenden Freund; ja wohl gar einen großmüthigen Heroarcham / das ist einen mächtigen Beförderer / der unserm Tugend- und Kunst-Verderben zu helffen / der verführenden Apatilevcheris widerstehen / den einfältigen / Evsephilistum aber / mit klugem Rath / abweisen kan. Und das ist kürtzlich der Inhalt dieses Wercks.

Ob nun dem allen so / soltu doch / lieb-geehrter Leser! dich keinen Zweifel verleiten lassen / als wäre die Geschicht erdichtet /[23] und ohne Warheits-Grund. Ja um deßwegen / dieselbe desto verwunderlicher achten / daß sie zwey Kunst- und Tugend-verständige Hertzen / in solcher Vollkommenheit / vorstellet /die / zu diesen Welt-Zeiten / leichter zu suchen / dann zu finden sind. Doch must du einen verständigen Sinn mitbringen / wann du die Historische Warheit erforschen wilt. Die gefährliche Schiffarten / deute durch Unglücks-Wellen; Die offtmalige Lebens-Gefahr /durch grosse Noth; die Versenckuug des Schlosses /durch Unterdruckung der Kunst und Tugend / und was mehr / mit Unmüglichkeits-Farben / angestrichen ist / must du / dem Zeugnus / unsers vorgepriesenen Opitzens / nach / dahin deuten / daß die Poeterey so wenig ohne Farben seyn könne; als der Frühling ohne Blumen. Davor geb ich dir auch dieses / dann in dem ich lehren will / bin ich ein Sitten-Beschreiber /indem mir aber der Fleiß des Nutzens oblieget bin ich ein Geschichts-Erzehler; und wann ich zu belustigen suche / bekenne ich mich einen Poeten. Diese drey wohnen gemeiniglich / in dem schwesterlichen Band der Vereinigung beysammen / oder zum wenigsten in der Verfassung dieser meiner Lust-Besinnung.[24]

So weissest du nun / gunst-geehrter Leser! wohin diese Beschreibung zielet / und was sie vor Warheits-Glauben verdienet; ist derowegen nichts übrig / als daß du wissest / die Reden / so dem Werck / als eine Zierde / beygefüget sind; wie auch etzliche Lieder /seyn mehr zu nutzen und zu belustigen / als der Warheit nachzugehen / eingeführet worden: Sonderlich /wo sichs am füglichsten thun lassen; Wo man von der Einsamkeit geredt / da habe ich / von derselben / mit reden wollen; wo man das Glück gesucht / hab ich mit suchen müssen; wo man von Zaubereyen geredt /hab ich nicht schweigen dörffen; wo man Liebe gesucht / hab ich von Liebe zeugen müssen; und wo man das Weiber-Lob gefordert / hab ich billiche Antwort nicht versagen können. Die Arien sind von einem guten Freunde und der Music wohl-erfahrnen dem Werck hinzu gethan worden / deßwegen ich den Ruhm solcher Erfindungen nicht verdiene / sondern selbigen dem Erfinder / an statt des Dancks überlasse / der Hoffnung mich verlassend / Er werde auch in dem andern / bald künfftigen / und nun schon /nicht zwar von mir / sondern (welches ihn verwunderlich machen wird) einer gekrönten Hirtinnen[25] aus unser Genossenschaft / verfertigten Theil / der bekehrte Schäfer genannt / (welchen ich um seiner viel-herrlichern Erfindung wegen / billich den Schlüssel dieses ersten nenne / als in welchem der begierige Leser / den meinen allererst recht verstehen wird) seine Hülff-Hand ferner nicht entziehen / sondern auch denen darinn befindlichen Gedichten eine liebliche Kling-Art gönnen; welches mit aller Dienstlichkeit um ihn hinwieder zu verschulden; auch besagten andern Theil / diesem ersten / durch offenen Druck /ehistens folgen zu lassen / ich mich unsäumig erweisen werde.

Nun solt ich auch den Gebrauch der Heydnischen Wörter / die zu Zeiten mit eingeschlichen sind / entschuldigen / zu beglauben / daß ich ein Christ sey /der nicht mehr / dann eine einige Gottheit verehre /und auch jederzeit dessen Ehre / als das förderste Ziel / unserer Hirten-Gespielschafft / in allen meinen Ersinnungen führe: Aber weil ich das bey dem verständigen Leser vor unnöthig / bey dem Unverstängen ungültig halte / will ich dißmals mit den schönen Worten des Herrn Ferrante Pallavicino schliessen /daß der Gebrauch Heydnischer Wörter meinen Glauben nicht verdammen solle; sintemal ich auf ihre Art schreibe / und nach meiner Schuldigkeit glaube. Hiemit GOtt befohlen.[26]

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. V5-XXVII27.
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