Erster Absatz

[461] Beschreibet die andere Fuhr Polyphili auf Soletten /welche ihn zu der langverlangten Macarien bringet /deren Gunst-Gewogenheit er gewinnet: Lehret die endliche Vergnügung und Zufriedenheit der Tugend-Verlangenden.


Es hatte Polyphilus eine mühselige Nacht / nicht wegen seiner Betrübnus / sondern der Schmertzen /die ihm der beschädigte Arm erregete. Und wurde der Schaden so gefährlich / daß er den Arm nicht beugen konte / daher er abermal beförchtete / er möchte an der Reise verhindert werden. Aber es hieß beym Polyphilo / der Liebsten wegen ein Glied gewaget. Der innerliche Schmertzen war hefftiger und mächtiger /dann der äusserliche: darum er jenen / vor diesen / zu verbinden / sich früh aufsetzte / Phormenam zu sich nahm / und / mit gutem Glück / auf Soletten gelangete. So bald er des Peneus-Flusses ansichtig wurde /und in das Schiff trat / welches Talypsidamus / schon den vorigen Tag / ihn einzuholen / am[461] Ufer warten lassen / fragte der / von heisser Liebe / fast fein Vergessener / die Sprachlose Creaturen / um Macarien /was sie mache? wie sie lebe? mit folgendem Reim-Schluß:


Du Perlen-gleicher Fluß! ihr silber-weisse Wellen!

und du verlangtes Schif; auch ihr / ihr offne Schwellen!

ich komm / ach lasst mich ein! was macht sie / Meine! doch?

Ach! sagt es / treue mir: was macht sie? Lebt sie noch?

Sie / die mein Leben ist; was frag ich? solt sie sterben?

Sie / meines Todes Tod / O weh! ich müst verderben /

und nicht seyn / der ich bin: weil ich nicht selbsten mein /

besondern gäntzlich ihr / wie sie wird meine seyn.


Talypsidamus wartete allbereit bey der Bruck / da Polyphilus aussteigen muste / und empfieng sie beyde /mit grosser Höflichkeit / führete sie auch in den Saal /allda ihrer Gelegenheit zu pflegen. Im ersten Eintritt /sahe Polyphilus das Bild Macarien; mit was Erfreuung / kan männiglich gedencken. Hätte er die anwesende Phormenam nit gescheuet / weiß ich gewiß /daß er das entseelte Bild / mehr dann tausendmal gehertzet / weil es Macarien Bild war. Er gieng offt und offt zum Fenster / und sahe das Hauß Macarien an /weil er nicht ruhen konte / biß er sie sehe. Doch muste er seine Begierde / durch die Erwartung / zäumen /deßwegen er sich mit allerhand Gedichten tröstete /und seine Zeit kürtzete. Es ward aber Macarien angesagt / daß eine Gesandtin der Königin von Sophoxenien / sie zu begrüssen / ankommen: darum sie dieselbe / mit demütiger Bedienung / zu sich bat.

Nun wird Polyphili Wunsch erfüllet / nun gehet die Freude an / darauf er so lang vergebens gehoffet. Phormena geht vor / damit es einen Schein Königlicher Würde hatte; Polyphilus folget mit[462] Talypsidamo hernach. Jetzt möcht ich wünschen / daß ich Wort gnug hätte / die Unaussprechlichkeit der Freude zu beschreiben / die sich in dem Hertzen Polyphili / nicht weniger auch bey Macarien / erhebte. Es mehrete sich dieselbe um desto mehr / so viel sich die Liebe mehrete / die durch die Schönheit / der tausend-beschönten Macarien / verstärcket wurde. Gleichwol trug Polyphilus eine wenige Furcht bey sich / wegen deß / daß Macarie wuste / er komme nicht mehr Tugend / sondern Liebe zu werben. Und Macarie / wann sie Polyphilum erblickte / beröthete gemeiniglich ihre Wangen und schämete sich / daß sie ihre Freyheit verlohren. Phormena aber / nach dem sie aufs höflichste /von Macarien / empfangen / und / durch ihre verständige Reden / begrüsset worden / verwunderte sich über himmlischen Verstand / in einem Weibe / und englische Schönheit / in einem Menschen; so gar /daß sie allen Scham beyseits legte / und zum Polyphilo anfieng: Edler Polyphile! nun wundere ich mich nicht mehr / daß ihr Macarien so hertzlich liebt / weil ihr die Schönheit selber liebt.

Polyphilus erschrack über diese Wort / daß er kein Wort antworten konte: Macarie aber wurde beschämet / daß sie ihre Augen nicht aufhebte. Welches / als Talypsidamus vernahm / fieng er an: Eure Geberden /Tugend-völlige Macarie! und euer Schrecken / edler Polyphile! zeuget gnug / wie ihr gleiche Sinne führet /darum ich für gut ansehe / daß Macarie alleine sey /damit sie ihre Schamhafftigkeit wieder oblegen: Polyphilus aber bey ihr bleibe / damit er durch ihren Zuspruch / in seinem Schrecken getröstet werde. Ich will Phormenam mit[463] mir führen / und ihr / was sonsten hie denckwürdiges zu sehen / zeigen.

Artig kam der Schertz / auf den Wunsch Polyphili /der allbereit / durch die lieb-winckende Augen der lächlenden Macarien / verstanden / daß / so er allein bey ihr seyn würde / werde sein Vorhaben glücklich von statten gehen. Macarie aber / die diesen Schertz mit einem Gegen-Schertz versetzen muste / fieng an: so wolt ihr gewiß / geehrter Herr Vetter! mit einer schönen Frauen / allein wandern / und vermeynet / es sey Polyphilus / wie ihr / gesinnet? diß gefiel der Phormena so wohl / daß sie gleich schertzhafft anfieng: Edler Talypsidame! ist die Mißgunst auch bey denen Tugend-begüterten so groß? Aus dem allen aber / obs ein lauterer Schertz war / machte doch Talypsidamus einen Ernst / und dem Polyphilo eine Freud. Denn als Phormena kaum das Wort ausgeredt /sprang Talypsidamus / mit lachendem Mund / auf von seinem Stul / fassete Phormenam bey der Hand / und eilete der Thür zu / sprechende: Was die Mißgunst verwehren will / muß man desto eher befördern.

Polyphilus und Macarie wolten / gebührender Höflichkeit nach / mit folgen / allein Talypsidamus verwahrete die Thür / und hieß sie drinnen bleiben / versprach auch / Phormenam bald wieder zu bringen /die er zu seiner Liebsten Psychitrechin führete / welche allerhand lustige Gespräch ersinnete / damit sie die Zeit kürtzeten. Das alles that Talypsidamus dem Polyphilo zu Gefallen / daß er Gelegenheit überkomme / mit Macarien allein zu reden. Da nun Polyphilus dieselbe überkam / dachte er / jetzt ists Zeit / allen Scham abzulegen / und deine Hertzens-Gedancken zu öffnen.[464]

So sehe nun ein jedweder Polyphilum an / wird er sehen und erkennen / was treue Liebe ist / und wie mächtig dieselbe / auch die allerdapfferste Hertzen /zwingen und gewinnen könne. Ohne Verzug / fiel Polyphilus seiner verlangten Macarien zu Füssen / küssete den Rock / und lag wie lang an der Stelle / da er ihre Schuh / mit seinem Mund / drucken konte. Macarie / durch die allzugrosse Demut bewogen / hebte Polyphilum selbst auf / welcher die Gelegenheit in acht nahm / im aufheben / ihre / ach! wie zarte und schöne Hände zu küssen: darüber Macarie sich fast etwas widerwillig stellete / und ihn zu straffen anfieng / daß er wider die Tugend handele / und sie nicht sehen könne / daß sein Begehren ein löbliches Ziel aufgestellt / massen solche Geberden / sich vielmehr einer verliebten Thorheit / als klugen Ersinnung / gleicheten. Darauf Polyphilus folgender Gestalt anfieng: Ach! allerschönste / allerliebste / und aller-verlangteste Macarie! ich muß freylich gestehen / daß diese Geberden weiter / den auf Tugend-Liebe sehen / weil sie mehr / der übermächtigen Schönheit Macarien zu Gehorsam / mich auf den Boden gelegt haben. Was soll ich nicht bekennen? Schönste der Schönen / und der Lieben Liebste! Ihre Tugend hat mich dieselbe verlangend / aber ihre Schönheit / gar liebend gemacht; Dann in dem sich jene Wunder-würdig erwiesen /habe ich sie billich in meinem Hertzen geehret. Nach dem sich aber diese mächtig erzeiget / hab ich sie /von der Stund an / da ich sie erblicket / vor die Beherrscherin / meiner armen Verliebten / und biß daher betrübten Seelen / angenommen und bekennet / nichts mehr wünschende / alß daß bey einer so unbeschreiblichen Schönheit / ein[465] lieb-fähiges Hertz möchte gefunden werden / daß sich denen angenehmen Banden der Gunst-Gewogenheit nicht entziehe. Verzeihet mir / Tugend-begabte Macarie! daß ich offenhertzig reden / und noch weiter reden darff. Ihr wisset / liebstes Hertz! wie ich / durch den Ruhm eurer Tugend gezwungen / zu euch kommen bin / bloß denselben /neben andern / zu rühmen und zu verwundern.

Nach dem ich aber erfahren / daß ihre Hertz-zwingende Schönheit / mit der belobten Tugend / im gleichen Grad bestehe / habe ich mich / wider Verhoffen /vor den bekennen müssen / der sich seelig schätze /dafern er mit der Hoffnung / auch der geringsten Gegen-Gunst / beglücket würde. Wie mir nun solche in etwas erkläret wurde / durch die Erlaubnus / ihre Kunst- und Tugend-Schulsferner zu besuchen: als habe ich / schon damals / mich vor hoch-beglückt gehalten / daß ich von dem Himmel gewürdiget sey / in der angenehmen Brunst / gegen Macarien / mich zu bemühen. Es verbitterte aber die erwachsene Freud /mein damaliges Unglück / das mich durch die Fluthen von Macarien scheidete: weil mir der hochgepriesene Ruhm / dieser Göttin / ernsten Befehl gab / mein Leben / entweder mit Ehren / zu erhalten / oder zu verderben. Was mich nun biß daher für ein Schmertzen gedrucket / wird niemand glauben / er verstehe dann / die Brunst des Verlangens / nach dem / das unser Hertz gefangen hält. Doch bin ich zum öfftern getröstet / theils durch ihr Andencken / theils durch die Erinnerung / ihres so wunder-süssen Namens /von dem ich durch die Tafeln / in dem Tempel der Liebe (wie sie allbereit von Talypsidamo wird vernommen haben) bin verständiget worden / daß[466] ich das Gelübd ihrer Einsamkeit / Ach! wolle der Himmel! durch mich / aufheben solle. Wie ich nun alles das /vor ein Zeichen künfftiges Glücks / und der Versehung des gütigen Himmels halte / als zweifle ich nicht / allerschönste / allerholdseligste Macarie! sie werde sich über mich erbarmen / und mich / wo nicht mehr / doch ihren Diener / sterben lassen / der ohne sie nicht leben wird / noch leben kan / so lang er lebet. Und mit diesen Worten / nahm er noch einmal die Freyheit / ihre beschönte Hand zu küssen.

Macarie / halb-gewonnen / hätte lieber gleichstimmige / als wider-sinnige Wort geführet / doch muste sie ihrer weiblich-gebührenden Zucht und Höflichkeit / vor dißmal / Folge leisten / und anders reden /als sie gedachte. Daher sie die Rede Polyphili auf solche Art beantwortete: Mein Polyphile! wann ich euer Hertz / diesen Worten und Geberden gleichen darff /hab ich mehr Ursach / über euch zu klagen / dann zu lieben. Gedencket doch der Künheit / die ihr begehet /da ihr das Gelübd / der ewigen Einsamkeit / bey mir geredt wisset / und gleichwol mich mit solcher Rede besprechen dörffet. Meynet ihr / daß ich meiner vergessen habe / daß ich nicht wisse / wer Macarie sey? Ist das das Ziel eures Verlangens / so habt ihr euch /in Warheit! sehr bethöret / wann ihr die geringste Gefahr / mich zu erlangen / ausgestanden. Zwar bin ich Danck schuldig / so fern ich vernehme / daß ihr meine wenige Tugend zu suchen / so viel erlitten / da aber die End-Ursach auf die Liebe fallen solte / würde sich der Danck / in eine Straff / und die Bemühung / in Haß verkehren: weil Liebe zu erwählen / von mir so ferne ist / als der Himmel von der Erden. Anlangend meine Schönheit[467] / dadurch ihr euch gefangen bekennet; ist mir unwissend / wo dieselbe muß Stricke überkommen haben / damit sie euch gebunden: massen ich ihr kein Geld / um eins einzukauffen / traue. Isis also / meines Erachtens / eine blosse Einbildung. Und was die Tafeln / in dem Tempel der Liebe / von meinem Namen / und Auflösung des Gelübds / sollen gezeuget haben / das erkenne ich vor einen nichtigen Betrug / der falsche Furcht und Hoffnung / bey euch /und mir würcken will. Werdet ihr euch demnach eines bessern besinnen / edler Polyphile! und meiner mit solchen Worten schonen / die nicht nur meinem Vorsatz der Einsamkeit / sondern auch eurem Tugend-Ruhm höchst-nachtheilig seyn würden.

Wie hoch Polyphilus / über diese Antwort betrübet worden / kan männiglich daher leicht schliessen / daß Polyphilus das Hertz der Macarien / den Worten gleich hielt / darum weiß ich nicht / ob die mächtige Kümmernus oder die noch unerdämpffte Hoffnung /nachgesetzte Antwort / durch seinen Mund heraus gegossen / so bald Macarie das Wort erwähnte / er solle ihrer schonen. So sprach aber Polyphilus:


Wie spricht sie? schone mein! ach! harte Schmertzen-Wort!

So soll ich / Liebste! nicht hinwider Liebster heissen?

So will sie / Schönste! gar das Hertze von mir reissen /

das vor nicht in mir ist? Soll der beliebte Ort /

da meine Seele liebt / nun werden mir zum Mord?

Ach! daß ich nie gelebt! so könt ich jetzt nicht sterben:

Ach! wär ich nie gewest! so könt ich nicht verderben:

Nun aber ists umsonst / ich muß / ach! ich muß fort /

warum? weil ich / ach schmertz! derselden soll verschonen

die mein doch schonet nit; die mich heisst selber wohnen

an einem andern Ort / und von ihr ferne seyn.[468]

O mit was Hertzen-Weh! das hemmet meine Freuden /

das bindet meine Lust / und löset auf mein Leiden.

Das mehret meinen Schmertz / das häuffet meine Pein:

doch aber / schönster Schatz! sie schone / bitt ich / mein /

und weise mich nicht ab / wann meine treue Sinne

sich trauen ihrer Gunst: damit ich wieder könne

ihr selber schonen auch; und nicht der falsche Schein

bey andern gelte mehr / als will die Warheit leiden /

so will ich frölich jetzt / hinwider von ihr scheiden.


Muste doch Macarie sich erbitten lassen / wolte sie anderst das Laster der Unbarmhestzigkeit nicht üben. Darum sie die Wort Polyphili mit einem freundlichen Blick beantwortete / und nichts mehr widersetzte / als daß Polyphilus / mit der Zeit / sich schon besser bedencken werde.

Da hatte Polyphilus einen Trost / deßwegen er / so schön und höflich er kunte / sich zu ihr nahete / und seine lincke Hand in ihre Rechte / den rechten Arm aber / um ihren zarten Leib schlug / und die Vergnügung seines Verlangens / mit einem beseufftzeten Andruck bezeugete. Macarie / wie sie aller Freundlichkeit voll war / lächelte darüber heimlich / doch so /daß die Beröthung der Wangen / die inwendige Scham / alsbald entdeckte: welche dem Polyphilo Anlaß gab / zu fernerm liebreitzendem Schertz / so gar / daß er / aber mit grosser Höflichkeit / den Purpur ihrer Wangen berührte / und als die Liebhabende pflegen / aufs freundlichste spielete.

Nun solte eins die Freud-gebährende Ersinnungen des hundert-beglückten Polyphili erzehlen / er müste ein Himmelreich voller Herrlichkeit / und ein ewiges Wohl bewähren Ach! du seeliges Hertz! wie ruhest du sicher in den Gunst-winckenden Augen / deiner allerschönsten Macarien: Ach! ihr vergnügte[469] Sinne / wie werdet ihr so truncken von der Lust / die die Freundlichkeit / der allersüssesten Macarien einschencket? Und ach! du nunmehr gantz himmlische Seele / wie leuchtest du in der Klarheit des schönen Hertzens /deiner geliebten Macarien: daß es doch müglich wäre / die Mannigfaltigkeit deiner seeligen Vergnügung auszusprechen / und das Lust-herrschende Hertz / das nunmehr in dem Schoß Macarien ruhet /mit gleich-lieblichen Farben abzumahlen / daß alle Welt in dir ein Schau-Spiel sehe / ja ein Muster völliger Zufriedenheit: glaube mir / Polyphile! ich wolte deinen Ruhm nicht ersterben lassen. Nun aber ist das menschlicher Schwachheit versaget / darum ichs sicherer / mit meinem Hertzen besinnen / als mit der ungelehrten Zung verringern will.

Was thut aber Polyphilus ferner mit Macarien? So solte der fragen / der nicht weiß / was verliebte Hertzen zu thun pflegen. Besser wäre gefraget: was hätte Polyphilus gerne gethan? darauf wir antworten könten: er hätte gern recht geliebet / und / die trockne Warheit zu bekennen / die Befriedigung seines Wunsches / mit einem Kuß versiegelt. Allein die Schamhafftigkeit / der gar zu züchtigen Macarien / verleitete das Hertz Polyphili zu einer Furcht / daß er nicht wagen dorffte / was er so hertzlich verlangte. Es gieng dem guten Polyphilo / wie es allen Verliebten ins gemein zu gehen pflegt / die auch in der höchsten Vergnügung dennoch unvergnügt bleiben. Der erste Schluß seiner Begierde verlangte bloß Macarien zu sehen / und als er das erlanget / folgte der Wunsch ihrer Gewogenheit / diesen empfieng die Freude ihrer Gunst: nun[470] will er gar auch die Früchte lesen / da er doch nie gepflantzet oder gesäet / und wer weiß /wann er auch diß überkommen / ob er nicht noch mehr verlange.

Aber / war Polyphilus hitzig im Begehren / war Macarie desto kälter im gewähren / die / so bald sie merckete / daß die Brunst bey Polyphilo überhand nehmen wolte / fieng sie mit grossem Verstand an /seinen Fehler zu straffen / und ihn zu erinnern / daß er ihre Freundlichkeit / durch keine Liebe deuten solle /die ihr Hertz besiege / und den Vorsatz der Einsamkeit zerstöre: besondern / weil er Tugend liebe / und Kunst suche / ja vielmehr mit beyden allbereit so bereichert sey / daß er deßwegen zu lieben und zu ehren / wolle sie bekennen / daß sie seine Liebe wieder lieben / und sein Gedächtnus ehren müsse / wie er bezeuge / daß auch ihr Andencken / in seinem Hertzen / verwahret bleibe. Aber / sprach sie ferner / so ihr euch einige Einbildung einer solchen Gewogenheit machet / die euch vor meinen Liebsten erkenne / betrüget ihr euch gar sehr: weil ich ausser dem / der meine Seele / mit sich / gen Himmel genommen / und an deren statt sein Gedächtnus / meiner Einsamkeit zum Trost / mir hinterlassen / keinen mehr erwählen kan / noch will; sondern die Treue halten / dem ich sie zu halten / durch mein Versprechen / schuldig bin.

Das war ein Anstoß / welcher die Ruhe Polyphili verstörete / der keine solche Wort mehr von Macarien gehoffet hätte: als der ihm / der Liebenden Art nach /allbereit die eheliche Gunst und Treue / von Macarien / versprochen hatte. Darum er sich müglichsten Fleisses dahin bemühete / daß er die betrübte Einsamkeit derselben verhasset; die Freude aber / in Gesellschafft / beliebig mache. Fieng demnach[471] die Rede der Macarien auf solche Art an zu beantworten:

Allerschönstes Hertz! derselben Schluß / die Zeit ihres Lebens / in dem Gefängnus der betrübten Einsamkeit zu verschliessen / wird hoffentlich so steiff nicht verfasset seyn / daß er nicht zu reiffern Bedacht ausgestellet / und mit besser Besinnen / könne geendet werden. Sagt mir / Tugend-verständige Macarie! was veranlasset sie zu solchem Vorsatz? Ist es ein Mißfallen ob dem Welt-Wesen / so kan solches / in anderer Begebenheit / mit Wohlgefallen / erstattet werden. Ist es / die Sünde zu vermeiden / so wird sie in der Einsamkeit mehr versuchet werden / als sie in der Gesellschafft zu fürchten. Dann das glaube sie vor gewiß / daß sie nie weniger allein ist / als wenn sie allein ist. Oder / ist ihr Vorsatz / denen Unsterblichen zu dienen / so kan sie solches / unter dem Hauffen andächtiger Anbeter / mit viel hefftigern Geist / verrichten. Massen auch solches den Göttern angenehmer ist / als welche die Gesellschafft der Menschen / zu ihrer Ehr-Beförderung gestifftet. Ich will glauben / ihr Vorsatz sey wolgemeint / und sie sey entschlossen /sich denen Göttern aufzuopffern / und die Zeit ihres Lebens / mit deren Lob und Dienst / zuzubringen: welcheslich selber loben muß / als daß keiner mißsprechen kan: solte sie nicht aber gleiches auch in der Welt / und unter der Gesellschafft der Menschen leisten können / ja so gar auch mit grösserm Nutzen /und dem Himmel selbst wohlgefälligern Dienst / in dem sie auch andere zu gleichen Tugenden / mit Worten und guten Exempeln / ermahnen wird. Betreffend die Pflicht / damit sie sich denen Verstorbenen annoch verbunden meynet[472] / ist solche mehr eine selbst- erwählte Bedunckung / und grosser Schaden / als ein gebührender Zwang / den ich hoffe derselbe / so nunmehr in der erfüllten Lust der Himmel vergnügten Freuden lebet / nicht begehren wird / daß man seiner erwarte / weil das eine Unvollkommenheit / seiner himmlischen Zufriedenheit / erdichtet wäre / die einig ruhet in der vollkommenen Freude / und sich nicht sehnet nach dem / was er verlassen / sondern vielmehr sich freuet / wegen deß / was er gefunden. Und wann er gleich (das doch nicht glaublich) ein sehnlich Verlangen trüge / das ihrem Hertzen den Zwang der Einsamkeit aufbürden könte / weiß ich doch / daß er sich hoch betrüben würde / dafern sie verlassen / ihre Zuflucht nicht zu ihm gen Himmel nehmen könte / in dieser Welt aber keinen Trost finden. Dann den Himmel zu ersteigen / stehet nicht in unsrer Macht. Das ist doch der sicherste Schluß / daß / die der himmlischen Freude geniessen / nicht wollen / daß ihnen auf Erden / sey durch was es wolle / irrdische Freude gebauet werde / sonderlich durch ein Gelübd der Einsamkeit / weil sie dorten nicht mehr freyen / noch sich freyen lassen. Endlich ist auch das zu bedencken /schönstes und liebstes Hertz! daß das Gelübd der Keuschheit / welches die Einsamkeit erfordert / ein solches Joch sey / das vielen zu schwer / ja den wenigsten zu ertragen vergünstiget ist. Denn ob wir Tugend lieben / müssen wir doch bekennen / daß wir Menschen sind: ist nun Macarie auch unter die Menschen-Zahl zu rechnen / wird sie auch deren Gebrechlichkeit mit unterworffen seyn. Verzeihet mir / Tugend-reiche Macarie! daß ich euch so bespreche / die ich billiger eine Göttin /[473] wegen der Tugend / und einen himmlischen Schatz aller Keuschheit nenne /und nennen solte / wann mir nicht wissend wäre / wie so offt menschliche Schwachheit / denen anfeindenden Lastern / nicht widerstehen kan / ob gleich Hertz und Sinn mit der beliebigen Tugend wol verwahret. Darum sollen wir unsere Schwachheit und wandelbahres Thun / benebens den Leibs-Kräfften / wohl prüfen / bevor man sich einer solchen Dienstbarkeit ergiebet / in welcher alle Reu zu spat eingewendet wird. Und daß ich viel mit wenigen fasse / es ist keine Tugend / die nicht mächtiger / nützlicher und herrlicher / ausser dem Zwang der Einsamkeit / freywillig /als in demselbigen gezwungen kan beliebet und geübet werden. Ja! ich kan erweisen / daß auch viel / der allernutzlichsten / in derselben vergessen werden / als der Gehorsam gegen die Eltern / dem man sich in der Einsamkeit entziehet / oder wo das nicht / doch zum wenigsten der Dienst / den wir unserm Nechsten zu leisten schuldig / weil wir nicht allein uns / sondern auch andern behülfflich zu seyn / gebohren. Darum wir uns nicht aus der Welt winden / und eine gezwungene Widerwertigkeit mit der Gottseligkeit bemänteln / oder den Ehrgeitz in der Demut suchen sollen.

Aus diesem Gespräch konte Macarie leicht schliessen / dafeen sie sich dem entgegen setzen werde /werde der Eyfer Polyphili noch hefftiger / und also ein Anfang werden eines neuen Streits / aber kein Ende seines Verlangens; deßwegen sie / voller List / mit diesem Schertz / seine Rede beantwortete: Edler Polyphile! ihr saget mir / was ihr wollet / werde ich doch meine Einsamkeit nicht ändern / es sey dann /[474] daß ich von grosser Schönheit verführet werde. Das war ein Schertz / aber in den Sinnen Polyphili / erweckete er so ein ernstlich Nachdencken / daß er nicht wuste /was er glauben / was er dencken / was er antworten solte. Wie verwirret er damals in seinem Gemüth gewesen / zeugen gnugsam nach gesetzte Verse / die er eben damals / weil die schöne Macarie / um etwas ihrer Dienerin zu befehlen / alsbald nach diesen Worten / aus dem Zimmer gieng / und ihn / mit dem Versprechen der nächsten Wiederkunfft / allein ließ /wehmütig verfertigte:


Ist das der letzte Schluß? Ach! aber / ach! mich Armen!

sie will / und will doch nicht / sich über mich erbarmen /

so sehr ich flehe auch; halb ja / halb wieder nein /

soll / seh ich / ihre Gunst / und ihr Versprechen seyn.

Das ist die Frauen-List / das sind die klugen Sinne

das rechte Meisterstuck / dadurch sie mich gewinne /

und führe zu dem Netz; sich dem ergeben bald /

der leichtlich ist verliebt / macht manche Liebe kalt.

Doch aber nicht bey mir: ich will dir / Schatz! versprechen /

daß mein getreues Hertz soll keine Liebe brechen /

die nicht beständig ist: ich bleibe / wie ich bin /

und gebe meine Pflicht / mit samt dem Hertzen hin

in deine Gegen-Gunst: laß aber auch mein Lieben

nicht gar vergeblich seyn: erfreue mein Betrüben

mit einem frohen ja / laß fahren alles nein /

so will hinwieder ich dein Knecht und Diener seyn /

wie du bist mein Befehl; dir will ich mich ergeben /

dir meiner Herrscherin / und dir zu Willen leben /

in allem / was du wilt / dein Sinn / Gebot und Rath /

dein Wünschen / Wort und Will / sol bleiben meine That.

Drum sag mir / liebes Kind! willt du noch mehr alleine /

und einsam bleiben fort / willt du / wie ich der deine /

hinwieder meine seyn? Gib / Liebste! kurtz Bericht /

ob ich hinwieder sey dein Liebster / oder nicht?

Sie spricht: ich ändre nicht / was ich mir vorgenommen /

die Einsamkeit soll nicht aus meinem Sinne kommen /[475]

es müste denn geschehn / daß eine schöne Pracht /

die eitle Einsamkeit mir hätte schwartz gemacht.

Ach wessen! wessen ach! Es ist ja nicht die meine /

die sonsten gar nichts ist: weil ich gantz heßlich scheine

von Sorgen blaß und bleich: wie kan ich schöne seyn /

da meine Krafft verzehrt die heisse Liebes-Pein?

Drum ist mir doppelt weh! entweder ich muß darben /

wo nicht ein andrer gar die eingebundne Garben /

von meinem Acker trägt: und was ich heut aussä /

muß ich beförchten gleich / daß es der Wind verweh:

Dann schöne bin ich nicht: und soll sie das verführen /

so wird man einen kaum wohl unter tausend spüren /

der ihrer Schönheit gleich / durch Schönheit das gewinn /

daß sie ihm ihre Treu zum Pfande gebe hin.

Es wäre / Schönste: dann / daß sie ihn wallte zieren /

mit ihrer hohen Pracht / und hin zum Spiegel führen /

darinnen sie nur sich / und keinen andern seh /

und das viel schöne Bild / an dessen Stätte steh /

den sie hat wollen sehn; es müsse den bestrahlen

ihr helles Angesicht / und seine Lippen mahlen /

ihr Rosen-rother Mund / der hie will schön bestehn /

und von dir Schönheit selbst mit seiner Schöne gehn /

Ists nun so / wie gesagt? dann kan auch ich schön heissen /

und durch entliehnen Pracht / die Strick und Bande reissen

der eitlen Einsamkeit: nun weiß ich / wer er ist /

der dich verführen wird / weil du so schöne bist.


So vergeblich konte sich Polyphilus trösten / und mit einer nichtigen Hoffnung. Indeß kam Macarie wieder herein / die er mit sonderbahrer Freundlichkeit empfieng / wie auch Macarie / ingleichen nicht unfreundlich / den Danck versetzte. Als nun Polyphilus wieder anfangen wollte / seine Schmertzen zu erklären / und um die Eröffnung dieser verdeckten Rede zu bitten /daß er wisse / wessen Schönheit sie verführen werde /ihre Einsamkeit zu ändern / kamen eben Talypsidamus und Phormena herwieder / deren Gegenwart ihn der Antwort beraubte:[476]

Zugleich Macarie und Polyphilus giengen ihnen entgegen / sie zu empfangen / Macarie Phormenam /und Talypsidamum Polyphilus / welcher / mit höflichem Schertz / dem Polyphilo / wegen erlangter Beute / Glück wünschete / aber die Antwort überkam / daß er / Polyphilus / wohl gekrieget / aber unglücklich gesieget / so gar / daß er mehr verlohren /als gewonnen. Er deutete aber den Schatz seiner Freyheit / den nunmehr Macarie / aber ohne Gegen-Geschenck / ihm gantz geraubet. Dagegen Talypsidamus mit lachendem Mund versetzte: seyd zu frieden / Polyphile! Ein gut Ding will Weile haben. Ihr wisset ja /daß die weibliche Hoheit will gebeten seyn: und was versäuret wird im Anfang / schmecket im End desto süsser. So spieleten Talypsidamus und Polyphilus. Phormena aber redete mit Macarien bald von diesem /bald von jenem / welches alles hier zu erzehlen / eine Unnöthigkeit / ja Unmüglichkeit ist. Darum wir nur das melden wollen / daß sich Macarie in allem verständig und beredt erwiesen / dermassen / daß Phormena sich über dieselbe wundern / Talypsidamus erfreuen: aber Polyphilus betrüben muste: Dann so offt sie eine Rede vollendete / oder einen Schertz führete /so offt wurde das Hertz Polyphili mit getroffen / und der schmertzhaffte Kummer seiner unvergnügten Liebe vermehret. Das wolt ich wünschen / daß ich die Augen Polyphili und die verliebte Blicke / so er seiner Macarien zuschickete / eigentlich abbilden könte: ingleichen auch das Wincken der beschämten Macarien / die durch Polyphili Schmertzen bewogen / öffters freundlich spielte / und ihren lieb-winckenden Strahl / gegen Polyphili beseuffzte[477] Blicke sendete: so würden wir gewißlich bey Macarien ein Wunder der versüßten Lust / und ein Bild schmertzhaffter Verwirrung bey Polyphilo sehen. Weil aber das zu wünschen / nicht zu erwarten steht / wollen wirs Polyphilo und seiner geliebten Macarien allein wissen lassen /und ferner sehen / was über der Tafel sich begeben.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 461-478.
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