Anderer Absatz

[478] Beschreibet / was sich mit Polyphilo und Macarien /über der Mahlzeit / begeben / und wie betrübt / er den Abschied genommen / doch aber der Liebes-Früchte /in etwas / genossen: Lehret den Tugend-Genieß / als die lieblichste Frucht / versauerter Arbeit.


Es hatte Macarie Phormenam / Talypsidamum und Polyphilum zu sich gebeten / daß sie Abend-Mahlzeit mit ihr halten möchten / welche nunmehr bereitet war. Sie setzten sich zu Tisch / und wurde Phormena / als die Gesandte der Königin / der obern Stell gewürdiget / nächst deren Polyphilus den Sitz nehmen solte: allein er wolte lieber / um seine Ehr / Liebe kauffen /deßwegen er sich / mit sonderlicher Höflichkeit / in den Sitz Talypsidami / diesen aber in seinen erhebte /weil jener nächst bey Macarien war. Talypsidamus ließ auch gerne geschehen / was er wuste / daß Polyphilus / nicht ohne Ursach suche. Macarie war bemühet einen jedweden mit Speiß und Tranek zu bedienen: dem aber Polyphilus widerstrebte / als welcher schuldiger sey / dem Frauen-Zimmer aufzuwarten[478] /dafern er nur wisse / daß seine Bemühungen angenehm seyn würden. Die Höflichkeit der Macarien bestritte die Schuldigkeit Polyphili: Diese widersetzte sich jener / daher ein angenehmer Streit entstund / der den Polyphilum veranlasste / die schöne Hände der bemüheten Macarien / von den Tisch-Bedienungen zu ruck zu halten / und in den seinen / mit gleichsam nöthigem Gefängnus / zu verwahren. Weil sich Macarie vor dißmal nicht anderst wolte zäumen lassen. Aber wie? die geschlossene Hände derer beyden versagten /nicht weniger dem Polyphilo / wie der Macarien / den Dienst der Aufwartung. Da hieß es / wie viel hilffts /wenn wir einen guten Freund haben: Talypsidamus verrichtete / was Polyphilus nunmehr nicht weiter verlangte / und gab also gute Gelegenheit / nicht allein der Ruhe / sondern auch / daß Polyphilus die zarte Hände / seiner allerschönsten Macarien / so lang das Mahl währete / in den seinen beschlossen hielt /ohne / wann sie selbsten Speise nehmen wolten / das selten geschahe. Deßgleichen war Polyphilus gnug gesättiget / da er die Hände seiner Liebsten hatte / und derer Schönheit geniessen konte. Ach! wie hertzlich druckete er dieselbe / und so offt ers druckete / spielte die keusche Macarie / mit ihren verliebten Blicken /zur Seiten / auf Polyphilum / als wolte sie ihn freundlich straffen: aber Polyphilus bestrahlte sie hinwieder / mit solcher Demut / daß sie leicht verstehen mochte / er bitte um günstige Vergebung.

Jetzt lerne ein jedweder Verliebter / an Polyphilo /wie er der Geliebten Gunst erlangen könne. Seine Bitte vermochte nicht so viel / als die stumme Hände /welche / weil sie nicht abliessen / besondern[479] öffters den Fehl zu begehen sich / wider ihre Bestraffung /unterwunden / muste sich endlich / die so lang verborgene Gegen-Liebe der gefangenen Macarien / durch das Gegen-Zeichen / den Händen entdecken / in dem sie dem vorgehenden liebreichen Drücken Polyphili gleichfertig / aber wie züchtig und höflich? antwortete.

Da solte eins die Freude Polyphili geschätzt haben. Aller Reichthum / der gantzen Welt / wäre wie nichts / gegen diesen Gewinn gewesen / so gar wurden alle seine Geberden freudiger / daß sich Phormena / wie sie hernach bekannt / nicht gnug wundern können / über die unverhoffte Veränderung / als die nicht wuste / auf welchen Grund dieselbe gebauet. Es blieb nicht allein bey dem / sondern es folgten der Zeichen so viel hernach / daß Polyphilus / seiner Gewonheit nach / wieder mehr begehrte / sonderlich / da er versichert war / daß sie ihn liebe. Was begehrt er dann? Folgendes Gedicht wirds bekennen / daß er in seinem Sinn der Macarien zur Antwort versetzte / da sie ihn zum Essen nöthigte / und öffters zutrincken wolte:


Sie nöthiget / mein Schatz! mich höflich / das zu essen /

wornach mich hungert nit; sie schencket mir voll ein

deß ich hab keinen Durst: und den versüßten Wein /

mit dem beliebten Brod / will sie so gar vergessen /

den ich / auf ihrem Mund / zu kosten kommen bin:

Sie nehme / Liebste! nur diß alles wieder hinr

und gebe jenes mir: dann will ich freudig pressen

den angenehmen Safft / durch ihre Lefftzen-Röhr

biß auf das Hertz hinein; dann will ich mehr und mehr

das süsse Zucker-Brod / mit ihrem Honig nässen /

und beydes / liebster Schatz! von Hertzen kosten gern /

wann sie mir einen Kuß / vor alles / wird gewährn.


So dorffte Polyphilus dencken: aber nicht reden /[480] das dorfft er wünschen / aber nicht begehren: sondern zu frieden seyn mit dem / was er hatte. Talypsidamus fieng auch allerhand schöne Diseursen an / deme Phormena antwortete / und weil er wuste / daß er Polyphilum nicht höher erfreuen könte / als wann er /von der Lieb rede / fieng er an / obwohl die Menschen / nach diesem Leben einander auch lieben würden / wie anjetzo: Und als Phormena das Ja-Wort gab / auch dabey erinnerte / daß sie / in der himmlischen Lieb / viel mächtiger lieben würden / fragte Talypsidamus Macarien: ob sie dieses auch glaube? welche versetzte: warum solt ich das nicht glauben / da ichs schon jetzo bey mir befinde. Dann in der Gewißheit / da ich glaube / daß mich die Seele liebet / welche mein Hertz annoch gefangen hält / lieb ich dieselbe gleich so beständig hinwieder / daß auch die Abw senheit mich nicht trennen kan / von s inem Andencken. So bin ich versichert / dafern auch meine Seele /jener folgen wird / wird diese Liebe / nicht nur gleich-kräfftig / sondern viel mächtiger werden / und sich so thätig erweisen / daß ich in diesem / meinem Erwählten / selbsten die Götter / und alle Auserwehlte lieben werde.

Wohin diese Wort zielten / konte Polyphilus bald mercken / darum er sich / mit folgender Antwort / bemühete / ihr diesen Irrthum zu benehmen / der sie / in der Liebe / ihres vorigen Liebsten / zu weit verführet. Darum sprach er: So meynet sie / Kunstverständige Macarie! sie werde / in jenem Leben / mehr lieben /den / daran ihr Hertz / in dieser Welt / gebunden war /als andere / die sie in dieser Sterblichkeit nicht geliebet? Nein / Macarie! sie irret weit / und glaubet das Widerspiel. Dann da sie die[481] Beschaffenheit / der Verklärten / in jenem Leben / besinnen wird / wird sie erfahren / daß die Auserwählte sämtlich / in dem höchsten Grad der Liebe / bestehen / deren nichts zugethan / nichts abgebrochen wird: wollen wir anderst / denen himmlischen Vollkommenheiten / nicht eine Unvollkommenheit andichten. Gleichwol / fieng Macarie an / hat die Seele solche Wirckungen / daß sie sich mehr neige gegen dem / welchem sie sich vertrauet / und von dem sie erkannt ist / als daß sie sich dem Fremden ergeben solle. Zu dem sind so vereinigte Seelen / nicht zwey / sondern eins / welchem Grad der Lieb nichts zu vergleichen ist / und ruhet das Hertz mehr allda / wo es liebet / als da es wohnet. Darum die Liebe / welche das Hertz mit sich nimmt /und die Treue versiegelt / unzweiffelbar kräfftiger und gültiger seyn muß / als die / so bloß eine Liebe / und nichts mehr ist.

Alle verwunderten sich / der Sinnlichkeit / dieser hoch-verständigen Macarien; Polyphilus aber entsatzte sich darob / weil er sich fast überwunden bekennen müssen / wann er nicht noch die Ausrede gefunden /daß wir / in himmlischen Dingen / unsrer Vernunfft ein Gebiß legen müssen / daher er ihren Einwurff /auf solche Art / widerlegte: Hochverständige Macarie! menschlicher Beschaffenheit nach zu reden / ists freylich so / wie sie zeuget: allein / das würcket die jrdische / nicht himmlische Liebe. In dieser Liebe / damit wir Menschen lieben / ist immer fort noch eine anklebende Unvollkommenheit / so entweder die Furcht /oder das Mißtrauen gebiehret / daher wir uns nicht so wol allen / als einem ergeben / und mit dem unser Hertz verbinden / daß wir eine Seele sind / die die Sterbliche[482] Mann und Weib nennen: aber weil im Himmel / die Herrlichkeit der Liebe / so vollkommen / daß kein Haß / kein Neid / keine Furcht / noch einiger andrer Flecken dieselbe besudeln kan / werden wir untereinander auch ein Hertz seyn / und uns allen trauen / wie einem / weil wir von keinem nichts böses zu fürchten / und von allen gleiche Liebe zu hoffen /ja zu geniessen haben. Und diese Vollkommenheit der Liebe / bestehet eben auf dem Grund / der völligen Erkäntnus / welche uns alle gleiche Vertraute gebähren wird. Daher werden wir den Fremden lieben / wie den Vatter / weil uns jener mit vätterlicher Liebe liebet / wie der Vatter. Den Unbefreundeten / wie den Sohn / weil die söhnliche Liebe / die Liebe dessen /nicht wird übersteigen. Und die Befreundin / wird sich gleichen der Mutter / diese hinwieder dem / dem wir mit nichts verbunden sind: weil ein Band der Liebe die Hertzen insgesamt binden wird / und so vereinigen / daß sie in dem höchsten Grad der Freundschafft nicht haben / das sie mehr oder weniger lieben solten. Wird demnach / die so treu-liebende Macarie /mich als denn eben so hertzlieb umfahen / als sie in ihrem Sinn die Seele des Verstorbenen heget: es wird ihr die Liebe Polyphili eben so angenehm seyn / als die Liebe dessen / darauf sie hoffet / ob sie gleich jetzo das nicht verstehen will.

Männiglich merckete gar bald / wohin dieser Schluß gerichtet war / sonderlich Talypsidamus / der mit gleichem Schertz anfieng: So muß Macarie Polyphilum auch jetzo lieben / damit sie nach dem erfahren könne / ob der Schluß Polyphili richtig? Darüber sie sämtlich anfiengen zu lachen: Polyphilus[483] aber wünschete / daß der Schertz wahr würde. Und weil Macarie in solchen Sachen / die den weiblichen Verstand übersteigen / sich gern überwinden ließ / und dem Polyphilo freywillig den Sieg gönnete / mochte sie nichts antworten / wiewol sie das alles mit guten Gründen hätte widerlegen können / darum sie / nach geendigter Mahlzeit / aufstunden / und sonsten andere Ergötzlichkeiten suchten.

Talypsidamus war ein Liebhaber der Musie / deßwegen er zu dem Instrument eilete / welches / auf einem andern Tisch / gegen der Tafel über / stund /und allerhand anmuthige Gesänger spielte. Und weil Polyphilus leicht schliessen konte / es werde die Kunst-erfahrne Macarie / sich dessen erfreulicher Ergötzung / in ihrer betrübten Einsamkeit / gebrauchen /verlangte er / deren zarte Finger / wie künstlich sie die klingende Saiten erzwingen würden / zu sehen / allein er vermochte nichts erlangen. Da sie nun alle um den spielenden Talypsidamum herum stunden / und Polyphilus neben dem Instrument / auf den Tisch sahe /wird er eines Buchs gewahr / das er zur Hand nahm /und eröffnete. Er befand die Poetische Wälder / des teutschen Helden Opitii / mit denen Macarie ihre Zeit zu kürtzen pflegte. Und weil er / eben im Aufthun /das 24ste Gedicht im 4ten Buch erblickte / darinnen die Poetin / Veronica Gambara / ihres Liebsten Augen anredet / als sie ihn küsset / ward er dermassen betrübet / daß er / mit seufftzenden Worten / die Glückseligkeit desselben / durch sein verbittertes Unglück /beklagte. Ach! fieng er an / du glückseliger Adonis! (dann so hieß der Poetin Liebster) wie bist du / durch deine Liebste / biß an die Sternen erhoben / ich aber in die unterste Hölle verstossen[484] worden. Sind das nicht herrliche Wort / damit dich deine Freundin gepriesen / und gleichsam um diesen Kuß gebeten? wie gern wolte ich die Meine selber bitten / selber preisen / und nie keinen Danck von ihr begehren. Ach! ihr wunderbare Götter! wie theilet ihr das Glück so ungleich / womit hat Adonis mehr Beseeligung verdienet / dann ich? habe ich nit so treu geliebet / als er? oder hab ich zu brünstig geliebet? Ey so kühlet die Brunst meines Verlangens / mit der Erfüllung / will ich gern gleiche Strafe leyden. Ach! soltest du /schönste Macarie! einmal soiche Wort / ja nur ein solches mir gönnen / glaube mir / ich wolte an der Vermehrung deines Ruhms ewig arbeiten / und dich nicht nur dem Firmament / nicht nur einem hellen Glantz /und güldenen Strahlen gleichen; wie diese Liebhaberin ihren Adonem: sondern gar der Sonnen / die alle Welt erleuchtet / und dem Glantz / der durch die Himmel dringet / dann ein solcher ist deine Tugend.

Als Polyphilus / wegen dieses Wunsches / sich etwas lang aufhielt / und in dem Buch / ferner suchete / auch Macarie / an seinen Augen / die inwendige Veränderung erkennete / trat sie hinzu / fragende /was Polyphilum so bestürtzt mache / und nach dem sie sein Anliegen vernommen / zwang sie die Liebe /zu einer Erbarmung / daß sie sich dem Willen Polyphill nicht entzogen hätte / möchte er nur selber das Hertz fassen / und seinen Wunsch zu Werck richten. Dann so verständig war Macarie wohl / daß sie wuste / ein Kuß könne viel erhalten / viel versöhnen und stillen / aber nichts schaden / darum sie auch deren Bäurischen Grobheit / mancher Weibs-Bilder /sich nicht theilhafftig machen wolte / denen man[485] mehr / mit Zanck und Widerwillen / einen Hauch anwehen / und an statt des Mundes / offt die Nasen /oder Ohren / ja! wie jener / das Genick abstehlen muß / als mit züchtiger Höflichkeit und höflicher Zucht / einen holdseligen Mund-Druck verehren. Macarie wuste wohl / daß der Kuß gleichsam das aufgedruckte Siegel eines lieb- und treu-beflissenen Willens / und ein Pfand künfftiger Vereinigung sey / dadurch sich die Seelen in sich selber verwirren / und im Geist zusammen fliessen. Sie wuste / daß diß der beste Liebes-Zeuge und Bürge / ein Stiffter und Auffenthalt der Lust / und endlich der überbleibende Trost sey / der sich in die Seelen wickle / und das Hertz mit freudiger Hoffnung versüsse. Sie wuste /daß diß zwar die stumme / aber allervernehmlichste Sprache sey / des verliebten Hertzens / und die allerschnelleste Frag und Antwort / deren / die durch solchen süssen Lippen-Biß / gleichsam von einem Odem leben. Ja! sie wuste / daß dieses Zucker-Brod die endliche Verbindung aller Schmertzen Polyphili / ihr aber selbsten ein Zeichen seiner brünstigen Zuneigung und der getreuen Liebe seyn würde. Gleichwol dorffte sich Polyphilus nicht erkühnen / diese Blumen zu brechen / oder das Zucker-Brod zu kosten. Er suchte allerhand Gelegenheit / wie er mit Macarien allein reden möchte / darum er sich / mit derselben / etwas ferne vom Talypsidamo / der mit Phormena ins Gespräch gerathen / auf die Banck niederließ / und voriges Gespräch wieder anfieng.

Da er nun die Gelegenheit gewonnen / sein Vorhaben gäntzlich zu entdecken / wie er nicht ruhen noch leben könne / wofern er nicht wisse / daß er mit Macarien leben / und bey Macarien ruhen solle / auch[486] so gar das Versprechen ihrer Treu und Beständigkeit forderte / fieng Macarie etwas offenhertzig an: Geliebter Polyphile! glaubet / daß ich euch liebe / und von Anfang / da ich euch gesehen / gleichfertig geliebet; versichert euch auch / daß ich euch hinfort lieben will: allein eine solche Liebe zu erwählen / die das Band der Ehe verknüpffe / ist mir nicht nutz / und euch schädlich. Denn ich bleibe doch in den Schrancken meiner erwählten Einsamkeit / und ihr müstet mich dauren / wann ihr euch so verstecken soltet. Wollet ihr Dienstbarkeit erwählen / da ihr den edlen Schatz der Freyheit halten könnet? wie werdet ihr euch selbsten betrügen. Saget mir doch / was beweget euch zu solchem schädlichen Vornehmen? welche Erwählung erwählet / bey euch / den Dienst / vor Freyheit? Ihre Tugend / fieng Polyphilus an / Tugend-bereichte Macarie! ihre Kunst und Verstand / Kunst-verständige Macarie! ihre Schönheit und höfliche Sitten / allerschönste Macarie! von denen männiglich zeugen und bekennen muß / daß ihr keine / in dieser Welt / zu gleichen.

Das ist Einbildung / versetzte Macarie / und ein nichtiger Schertz. Nein / sagte Polyphilus / was andere zeugen / kan bey mir keine Einbildung seyn / und was ich selber erfahren / kan bey andern kein nichtiger Schertz heissen. Darauf Macarie hinwider antwortete: Das ist seine Höflichkeit / ich muß sehen / daß er nur zum Schertzen ist hieher kommen. Aber Polyphilus widerlegte: Wie könte mich meine Höflichkeit in solche Schmertzen versencken? wie könte der Schertz so ernstliche Wort / durch das ächtzende Verlangen meines Hertzens / führen? wie könte ich / ohne noth zwingende Ursach / in einem[487] so hefftigen Begehren /arbeiten? Was begehret ihr dann? fragte Macarie. Darauf Polyphilus: Ach! daß sie mich liebe / und mein Hertz mit dem ihren vermähle! Macarie antwortete: Darff ich wieder etwas von euch begehren / so bitte ich / wann ich sterbe / daß ihr meine Seele mit einer Leich-Oden begleitet / dadurch ihr euer Hertz vermählen könnet. Dann das solt ihr wissen / daß meine Gedancken sich mehr nach dem Grab / als dem Braut-Bett sehnen / und meine Ohren lieber ein Todten-Gedicht / als Hochzeit-Lieder hören wollen. Darum ihr ein anders Begehren thun wollet / dann dieses ist nicht in meinem Vermögen / euch zu gewähren. Ach! sagte Polyphilus / ists dann nicht müglich / daß ich ihre Gunst ehlich gewinne / so liebe sie mich / bitte ich / dennoch in ihrem Hertzen / und vergönne mir den freyen Zutritt / ihrer Würde zu dienen /vielleicht möchte der gnädige Himmel ihren Sinn ändern / und den Vorsatz der Einsamkeit verwechseln. Das will ich thun / antwortete Macarie / doch so fern es, ohne Beleidigung eurer Liebsten / geschehen kan. Meiner Liebsten / fragte Polyphilus? Ach! wie solt ich eine Liebste / ausser Macarien / erwählen! wie könt ich meine Seele einer höhern Würde vermählen? Das ist unmüglich / und wird man ehe Polyphilum nicht mehr nennen / ehe man eine Liebste Polyphili / ohne der allerwürdigsten Macarien / nennen wird. Darauf Macarie / mit lachendem Munde / anfieng / weiß ich doch / daß ihr Atychintidam / die Königin / liebet. Dessen Polyphilus eben auch lachen muste. Da er aber merckete / daß mit dem Schertz Macarien / auch ein Ernst unterlauffe / fieng er an sich hoch zu verfluchen / daß er keine Liebe / noch einige[488] Bezeugung der Gewogenheit / sich / gegen derselben / vernehmen lassen / sondern was er thun müssen / fordere den Danck / den er ihr / vor ihr Gutthaten / mit Billigkeit bezahle. Dann / sprach er / was solte mich verleiten /ein altes Weib zu lieben? Die Schönheit? sie ist in Warheit verruntzelt. Die Tugend? sie hat sich mächtig verblühet. Den Verstand? Er ist mercklich gewichen. Die Lieblichkeit? Sie ist offtermals sehr versauert /und so gestaltet / daß sie mehr Haß / als Liebe gebiehret. Nein / liebste Macarie! sie einig / und sonst keine / soll das Hertz Polyphili besiegen / so gar / daß ob ich gleich / das Glück / von dem widerwilligen Himmel / nicht erbitten könte / ihrer völlig zu geniessen / ich mich dennoch verpflichten will / so lang sie lebet / ein gleich-einsames Leben zu wählen / und ihrer zu gedencken / auch meine Ehr-Bedienung offtmals gegenwärtig zu bezeugen. Da sie aber sterben solte / mich gleicher weise nicht wägern / ihre Seele zu begleiten / und ihren Leib / ertödtet / meinem beyzulegen / weil er / in seinem Leben / dessen nicht geniessen können.

Macarie bedanckte sich seiner Gunst / wiewohl sie noch immer bemühet war / auf allerhand Art und Weise seinen Vorsatz zu wenden / biß Talypsidamus und Phormena mit dem Ende ihres Geschwätzes /auch das Gespräch Polypbili mit Macarien endeten /und zu Hause gehen wolten: wie sie auch Abschied nahmen / und morgendes Tages / vor der Abreise /wieder zuzusprechen verhiessen. Phormena war die erste / deren folgte Talypsidamus / Polyphilus beschloß den Reihen / und nachdem er / mit gar sehnlichen / ja bethränten Worten / von Macarien abscheidete / konte sich das erbarmende Hertz[489] der mitleidigen Macarien nicht halten / sondern entdeckte abermal die Treue ihrer Gewogenheit / durch einen harten Druck der Hand Polyphiii; und weil das Liecht / so vor ihnen hergetragen wurde / mit Phormena / etwas ferne kommen / so / daß es Polyphilum / durch den Anblick Macarien nicht mehr beschämen konte / erkühnete er sich / aber mit zittrendem Hertzen / auf den Klee ihrer Lippen zu eilen / und den Verliebten Honig zu samlen. Bald hätt ers auch gewonnen / weil sich Macarie deß nicht versehen: allein seine Langsamkeit verstärckete die Schamhafftigkeit der Macarien / daß sie sich dißmal seinem Begehren noch entzog. Doch war das zu loben / daß er sich nicht alsobald schröcken ließ / sondern seiner Künheit / zum andernmal / Raum gab / mit diesen vorgesetzten Worten: Ach! unbeweglicher Grund meines Lebens! will sie mich also in dem Feuer der Liebe / ohne einige Labung brennen lassen / und Abschied geben? Ein einiges bitte ich / damit mein Hertz ihrer Gegen-Liebe in etwas vergewissert lebe / mir zu gewähren / nemlich den verzuckerten Lippen-Thau / von ihrem durchsüssetem Munde / zu nehmen / und in dem erfüllet er die Wort mit Werck / wiewohl nicht ohne schamhaffte Beröthung der allerzüchtigsten Macarien.

Wie Polyphilo muß zu Sinn gewesen seyn / kan ein jeder leicht gedencken. Nun bist du ja mein / allerschönste Macarie! das war der erste Schluß. Nun liebst du mich ja von Hertzen / allerliebste Macarie! das war der Nachsatz. Und nun bin ich versichert /daß du mir nichts mehr versagen wirst / allerwehrteste Macarie! das war der endliche Trost. Wir wollen Polyphilum selber fragen / wie mächtig die[490] Freude seines Hertzens gewesen / weil ers am allerbesten bewähren kan. Die Antwort gibt er uns im nachgesetzten Sonnet / welches er eben damals / in den freudigen Gedancken / die ihn / von Macarien / ins Hauß Talypsidami / führeten / verfertigte:


O tausend-liebe Lust! du süsse Seelen-Speiß!

erfreuest Marck und Bein / jetzt bin ich gantz genesen /

weil ich den Zucker-Safft / von ihrem Mund / gelesen /

ich bin nun selbst die Freud! Ach! auf die wundre weiß

ist meiner Seelen wohl / die den verlangten Preiß

vor ihre Treue nimmt. Es ist noch nie gewesen /

der sich mir gleichen könt / der das versüßte Wesen

so süß genossen hätt auf diesem Erden-Cräiß.

Und wird auch keiner seyn / der dessen wird geniessen /

und seine Bitterkeit mit solchem Safft versüssen /

als du mir / liebes Kind! auf deinem Rosen-Mund

mit angenehmer Lust / zu stillen mein Verlangen /

zu holen meinen Raub in denen zarten Wangen /

und was ich sonst begehrt / anheute hast vergunt.


Nun gehen die beyde / Macarie und Polyphilus / zur Ruhe / dieser zwar / in der Behausung Talypsidami /Macarie aber / in ihrem gewohnlichen Gemach. Was will Polyphilus? schlaffen. Was Macarie: ruhen. Wann sie könten. Freylich wohl! Solte Polyphilum Macarie ruhen: Macarie Polyphilum schlaffen lassen? das wäre wider die Eigenschafft und anklebende Seuch der Liebe. Nein Polyphilus muste erfahren /daß denen Liebenden die Nacht zum Tag / und der Tag zur Nacht werde / so gar kam kein Schlaf in seine Augen. Er sandte die Boten seiner Gedancken zu Macarien / und weil dieselbe / den Befehl Polyphili / für der Thür Macarie / durch offtmaliges Anklopffen und Erinnerung / sorglich verrichteten / konte auch diese /der nächtlichen Ruhe / nicht mächtig werden / indem[491] sie gnug zu beantworten hatte / wann sie sich des Begehrens Polyphili erinnerte. Beyde vertrieben sie die Nacht / mit Sorgen und Dencken / und wurden nicht wenig erfreuet / daß sie das Tag-Liecht wieder erblickten / welches sie beyde / aus dem Bett / erhebte /und wieder zusammen brachte.

Es war noch sehr früh / als Polyphilus wieder zu Macarien kam / die ihn / nach abgelegtem Gruß / als balden fragte / wie er die Nacht geschlaffen? Darauf er antwortete: in der Gesellschafft meiner geliebten Macarien. Deme Macarie widersetzte: wie das seyn könne / da doch sie so weit entschieden gewesen? Das Polyphilus beantwortete: Wann sie gleich / verlangtes Hertz! nun noch so weit von mir gerissen / bin ich doch bey ihr / weil ich mich / nach dem edlesten Theil meiner Vollkommenheit / sehne / der bey ihr wohnet /und in ihrem Hertzen ruhet. So wohl! sprach Macarie / so hab ich / die Warheit zu bekennen / diese Nacht in eurer Gesellschafft gewachet: welche Wort /wie sie einen Kuß verdienet hatten / also wurden sie auch damit bezahlet.

Nicht unbillich solte sich eins wundern / wo Polyphilus so bald ein Hertz genommen / und wie bey Macarien so geschwinde die Liebe erwachsen? Nicht nur der Kuß wurde Polyphilo vergönnt / sondern er dorffte seine Macarien auch wol in seinen Schoß setzen. So viel vermochte der einige Kuß / den er gestern gewaget / daß er ihn billig vor den Stiffter ihrer Freundschafft zu achten. Viel liebliche und schöne Gespräch verführeten sie untereinander / allein so künstlich und freundlich Polyphilus seine Reden drehen mochte / kont er doch das Hertz der beständigen Macarien nicht erweichen / daß sie ihm die Versprechung[492] künfftiger Ehe gethan hätte. Da sie nun lang und viel geredt / auch Polyphilus seine Schmertzen so verbunden / daß ich meyne / er könne zu frieden seyn / kommt Phormena mit Talypsidamo / Abschied zu nehmen von Macarien / deßgleich auch Polyphilus thun solte. Aber / wie wird er können? Ists müglich /daß er die Hände verlasse / die er so freudiglich umschlossen hält? Ists müglich / daß er die Augen verschliesse / die in der Klarheit seiner Macarien so hell gläntzen? Ists müglich / daß er den Zucker-Mund seiner tausend-versüßten Macarien gesegne? Wie wird die unerschöpffte Freud / in eine verzehrende / ja wohl gar ertödtende Traurigkeit / verwechselt werden? Haben dich dann / unglückseliger Polyphile! die zarten Hände erfreuet / daß sie dich betrüben wolten? haben dich / ach! betrübter Polyphile! die helle Augen begläntzet / daß sie den Glückes-Schein in deinem Hertzen verfinstern wolten? Hat dich / O elender Polyphile! der versüßte Mund so hoch erhebet / daß er dich wieder stürtzen könne? Ach! wie weh wird deiner Seelen werden in diesem peinlichen Leiden. Ich höre dich schon klagen / wie du geklaget hast:


Ade / du hartes Wort! so soll ich / Liebste! scheiden!

so muß ich / Schatz! von dir? Ade / du hartes Wort!

kans denn nicht anderst seyn? so soll ich / Schönste! fort /

so muß ich / Werthe! dich / und deine Gegend meyden?

So kan ich länger nicht / Ach! meine Augen weyden

in deiner schönen Pracht? soll dann die Lieblichkeit /

Ach! zartes / süsses Kind! nicht nur / Ach! nur noch heut

vergösiet seyn? Ach Schmertz! was werd ich müssen leiden

wann ich dich nicht mehr seh? Furcht / Sorge / Angst und Noth /

Betrübnus / Kummer / Schmertz / wird seyn mein täglich Brod.

Dein Safft wird mir zur Gall; die Hände Fessel werden /[493]

zu hämmen meine Lust / zu binden meine Freud /

dein süsser Lippen-Thau gibt lauter Bitterkeit /

es wird mir jetzt zu eng der Craiß der gantzen Erden.


Doch was hilffts / und solte ihn auch der Himmel gedrücket haben / muste doch der Wille Phormenä geschehen / die wieder zur Königin eilete. Die Thränen /die Seufftzer / die Klag-Wort / und das Hertzerzwingende ächtzen Polyphili / solte eins gezehlet haben /und das theure Versprechen / seiner Treu und Beständigkeit aufgeschrieben / wir würden Gelegenheit gnug zu wundern überkommen / doch mochte das alles nichts helffen / es muste geschieden seyn. Macarie begleitete ihn / mit ihren Augen / so fern sie konte / aber ihre Seufftzer und Gedancken führeten ihn gar nach Hause / blieben auch / als die treue Geferten / stets um und bey ihm: Deßgleichen thaten auch die Gedancken Polyphili. Wie Polyphilus muß gefahren seyn /kan man leicht gedencken. Je weiter der Schlitten seinen Leib wegführete / je hefftiger sein Hertz wieder zuruck eilete / so gar / daß er nichts redete / nichts gedachte / als von seiner Macarien / die ihm Hertz und Sinne eingenommen.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 478-494.
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