Sechster Absatz

[520] Beschreibet den Gruß Polyphili / an Macarien /durch ein Brieflein geschehen / und die verwaigerte Antwort / die Agapistum / mit einem andern Gruß-Brief / an Macarien / begleitet / auf Soletten ziehet / dessen vergebliche Wiederkunfft Polyphilum erzürnet / der aber wieder begütiget / den dritten Brief / an [520] Macarien abgehen heisset: Lehret / daß hohe Sachen / mit grosser Müh / zu gewinnen / und die Tugend / einen unermüdeten Fleiß / ja auch ein unerschrockenes Hertz / fordere.


Da nun etzliche Tage vorbey gestrichen / und sich das Verlangen Polyphili / nach Macarien / nicht länger halten ließ / fragt er Melopharmis um Raht / ob sie ihn nicht zu ihr helffen könne: welche berichtet / daß er sein Verderben fordere / weil es noch zur Zeit unmuglich / ohne seinen Nachtheil / zu geschehen. Doch wolle sie ihm den Rath geben / sein Verlangen zu beruhigen / und seine Schmertzen zu verbinden / daß er ein Brieflein an sie abfertige / darauf / so er Antwort erhalten werde / wie sie dann nicht zweifsele / könne er dieselbe / zum mächtigen Trost / in all seiner Widerwertigkeit behalten / als die er ihm / an statt der schönen Augen / und lebendigen Wort / einbilden könne. Der Anschlag gefiel Polyphilo nicht übel /deßwegen er sich niedersetzte / und folgenden Gruß an Macarien abgehen ließ:


Schönste und Liebste!


Wann ich / im gegenwärtigen Beginnen / mein Vertrauen / nicht mehr auf dero Höflichkeit / und meine /ihr allbereit entdeckte / Treu / als auf eigene Würde /setzen wolte; hätte ich länger Bedencken getragen /mit diesen / wie wenigen / also unwürdigen Worten /dero beliebten Einsamkeit zu verhindern[521] / und von andern angenehmern Verrichtungen abzuhalten. Ich will nicht sagen / daß ich / wie es freylich / wegen meiner Unvermögenheit / leicht geschehen könte / ihren Augen verdrießlich und unangenehm seyn werde; dann solches wäre wider die so grosse Freundlichkeit / die ich allein / und vielmehr mit Stillschweigen und Verwunderung / als vielem unnützen Wort-Gepräng verehren muß. Zwar möcht ich wünschen / daß meine Kräffte zuliessen / dero herrlichen Schönheit /mit gleich-beschönten Worten / zu beschreiben; oder die verständige Reden nachdencklich zu erwägen; und die vollkommene Tugenden / mit denen holdseligen Geberden / nach Würden und befindlicher Beschaffenheit / zu preisen: so weiß ich / sie würde / viel eher und besser / mein treu-gemeintes Vorhaben verstehen / dann ich dasselbige / durch diese schwache Feder / ausdrucken kan; allein die Unvermögenheit /so ich billich / bey der Unmüglichkeit / anklage / will mir solches verwehren. Darum ich dieses / nur mit wenigem / erinnere / was ich neulichst / in zugelassener Verträulichkeit gegenwärtig / mit mehrerm / berichtet / daß ich bleibe in der getreuen Liebe / so von der Stunde an / da ich ihre Fürtrefflichkeit / zum erstenmal / erkannt / dermassen[522] meinem Hertzen eingepflantzet worden / daß sie nicht nur nimmermehr aufhören wird: sondern vielmehr / je länger je hefftiger /zunehmen / und endlich / wo sie nicht mit einer ziemenden gütigen Gegen-Gewogenheit solte erfreuer werden / meine arme verliebte Seele / entweder in die höchste Betrübnus / oder wohl gar in solche Verwirrung stürtzen möchte / die ihre unerträgliche Schmertzen / mit dem Tod / zu enden begehren. Wann meine Liebe auf den zerbrechlichen Grund der Schönheit allein gebauet / möchte sie etwa einige zweiffelhaffte Gedancken / als wäre mein Versprechen höflicher Schertz / überkommen; und würde ich auch gezwungen / mich um dero verlangten Gegen-Liebe / etwa durch Betheurung meiner Treu und Aufrichtigkeit / zu bewerben: weil aber die Tugend an sich selber liebens werth / halt ich alles das ohne Noth seyn. Dann sie /Allerschönste! in Betrachtung dero holdseligen vollkommenen Tugenden / auch andern / theils von der Natur / theils von dem gnädigen Himmel / sonderlich ertheilten Gaben / in diesem Schluß nicht fehlen kan /daß meine Liebe warhafftig sey / und bestehe / so lang ihre Tugend / das ist / ewig und ohne Aufhören /bestehen wird. Ist demnach nichts übrig / als daß diese Tugend gegründete[523] Liebe / mit gleicher Gewogenheit belohnet werde / da anderst / dem Sprichwort nach / Liebe Gegen-Liebe werth ist. Darum bitte ich nicht mehr / als meine schmertzhaffte Kümmernuß /mit einem Zeichen der Gegen-Liebe / schrifftlich zu stillen / weil die Widerwertigkeit des Glücks unsere Gegenwart gewaltig verhindert. Alsdann werde ich gewiß seyn können / daß nicht alles / was mein verliebtes Hertz leidet / vergeblich gelitten: sondern wo nicht mehr / doch zum wenigsten die Belohnung erfolge / daß ich entweder den erfreulichen / oder den betrübten Namen führen dörffe:

Eines / durch ihre Gnad / Lebenden;

durch ihre Ungnad aber / sterbenden Liebhabers.


Wie offt und lang künstelte der verwirrete Polyphilus an dieser Verfertigung / ehe er sie verfertigte? Alle Wort waren ihm zu schlecht / und alle Bewegung zu ungültig. Es gieng ihm eben / wie es erhitzten Gemüthern zu gehen pflegt / daß / da sie am spitzfindigsten reden oder schreiben wollen / müssen sie / über ein gestumpfft Gedächtnus / und verruckten Verstand / klagen: Da sie anderwerts / wann ihre Sinnen freyen Lauf behalten / noch so schön und herrlich schreiben können / obwohl nichts daran gelegen. Ach! wünschete Polyphilus / daß ich all meinen Verstand /so wenig oder viel dessen[524] ist / jetzt könte zusammen fassen / und in diese Schrifft versetzen / damit ich sie bewegen tönte! Aber das war ein Begehren der Unmüglichkeit. Er muste zu frieden seyn / daß sich seine Sinne so viel erheben können: weil sichs zu erst anließ / als wüsten sie gar keinen Anfang zu finden. In allem gieng es Polyphilo nach der Verliebten Art. Nicht nur die Verfassung solte beweglich seyn; sondern auch die Verschliessung und Versiglung des Briefs etwas sonderliches: Darum er ihn in die 4. Eck / gedoppelt zusammen faltete / und mit verliebten Bändlein / die seine gewohnte Farben fürtrugen / umwunden / in der Mitte gedoppelt versiegelt: wie gemeiniglich die bethörte Liebe / solcher nichtigen Phantasey / eine geheime Krafft zueignet / die aber mehrentheils mit Betrug bezahlet: wie es allerdings auch Polyphilo eingetroffen.

Denn da er den verschlossenen Brief / durch Hülfse Melopharmis / der Macarien zugesand / und selbige /aus dem äusserlichen Glantz / den Innhalt dessen leicht ermessen konte / scheuete sie sich denselben zu eröffnen / vielmehr zu beantworten: Deßwegen sie ihn verschlossen niederleget / willens / so Polyphilus ihrer Gegenwart wieder geniessen werde / wieder zu geben / was ihr zu entbrechen nicht gebühre.

Hat einmal Macarie / ihren trefflichen Verstand im Werck erwiesen / so ists / in Warheit! hierinn geschehen: und wäre zu wünschen / daß alle Weibsbilder so vorsichtig wandelten: allein es gibt deren nicht viel /die sich Macarien gleichen. Das waren die Gedancken der verständigen Macarien ohne Zweifel wird diese Schrifft voller Liebes-Begierde stecken, die dich entzünden könte. Oder es wird eine[525] Erzehlung seiner tragenden Pein / und Eröffnung seines Verlangens; deßgleichen eine mächtige Bitte seyn: daß ich dieselbe lindern solle. Auch weiß ich gewiß / daß er eine Antwort von mir begehren wird: die mir abzuschlagen /meine gebührende Höflichkeit / nicht gestatten würde. Solt ich dann mit seinem Schmertzen kein Mitleiden tragen / würde ich vor unfreundlich gehalten werden: solt ich die Eröffnung seines Verlangens / nicht / mit der Erfüllung / verschliessen / würde ich / an dem Laster der Unbarmhertzigkeit / schuldig werden. Zu dem kommen über das die beförchtende böse Reden / so unzweiffelbahr folgen / wann man höret / Macarie wechsele mit Polyphilo Liebes-Briefe: darum ich sicherer allem dem Ubel vorbaue / wann ich die Unwissenheit entschuldige / daß dieser Brief meine Eröffnung fordere. Dann dieselbe wird mich bey Polyphilo vertheidigen / bey andern aber / alles Verdachts und böser Rachrede befreyen.

Die Entschliessung war aller gut: aber das solte eins noch fragen: wo die Liebe Macarien bleibe? Es solte eins dencken / weil sie / vor dem / Polyphilo / so offtmalige Zeichen einer erhitzten Brunst erwiesen /es hätten sie dieselbe gezwungen / das Brieflein begierig zu erbrechen. Oder ists ein falscher Schein gewesen / was sie in Gegenwart Polyphili gethan? Oder hat sie sich nach dem geändert. Diß letzte wird die Warheit treffen. Denn die ungleiche Reden / so die letzte Besuchung Polyphili und Phormenœ verursachet / auch der kümmerenden Macarien alsobald hinterbracht worden / bestritten ihr Hertz dermassen /daß sie wünschete / Polyphilus hätte Soletten nicht wieder gesehen. Und weil ihr der Ruhm[526] ihrer Tugenden und unbefleckten Lebens vor alles gieng / so gar /daß sie denselben / auch dem Leben selber vorsetzte /und aber dessen Preiß / durch erkannte böse Verleumdungen / mercklich fallen würde / wolte sie / viel lieber / alle Liebe / aus ihrem Hertzen / verbannen / als einige / ihrer Tugenden verderbliche / Nachrede sich beschimpffen lassen: in dem allen auch Macarie so ruhmlich / als verständig handelte. Gleichwol liebte sie Polyphilum heimlich / in ihrem Hertzen / und hielt ihn für den Werthesten ihrer Freunde: aber die eusserliche Zeichen / so auch andern kündig werden könten / mochte sie nicht annehmen / bloß den schädlichen Verdacht zu verhüten.

Was thut aber Polyphilus: Der erwartet / mit sehnlichem Verlangen / das jenige / was er doch nicht erwarten konte. So offt Melopharmis die Thür an seinem Gemach eröffnete / gedachte er / jetzt kommt eine Antwort von Macarien: aber vergebens. Auch tröstete ihn Agapistus immerfort / mit guter Hoffnung / die doch vergeblich war. Drey gantzer Wochen strichen dahin / und hatte Polyphilus gleichwol keine Antwort / darum er nicht anderst dencken konte / als Macarie müsse sich gewendet haben. Wiewohl ihm die Ersinnung der Ursachen offtermals den Hochmuth Macarien vorlegte / und den Verzug dieser Antwort /oder vielmehr die Verwaigerung / zur Verachtung seiner Unwürdigkeit deuten wolte. Wiederum fiel ihm bey der Vorsatz ihrer Einsamkeit / dem sie zu viel gehorsame. Doch war das alles / und ein jedes / daran ihn seine betrübte Sinnen erinnerten / Ursach genug /daß er glauben muste / Macarie hätte seiner vergessen / und wolle ihn gar verlassen. Deßwegen er / mit so beweglich en[527] Worten / über die Verkehrung ihrer Sinnen / klagte / daß offtermals Agapistus von ihm hinaus gehen muste / weil er die Noth Polyphili / ohne Thränen / nicht anschauen konte. Melopharmis / im Gegentheil / blieb stets bey ihm / und war eine mächtige Trösterin seines Elends. Ja sie konte ihn offt und offt so befriedigen / daß er / ohne grosse Ungedult /sich dem Willen der Unsterblichen ergab / und alles der Vorsehung des Himmels heimstellete / die ihn /nach diesem Leid / desto seeliger erfreuen werde. In welcher Hoffnung er dermassen gestärcket ward / daß er / zum öfftern / sich nicht scheuete / Macarien dadurch zu erinnern / ja zu bedrohen / daß sie den selbsterwählten Schaden ihres Widerwillens / nach dem / schon bereuen würde. Wie genugsam / aus folgendem Sonnet / welches aus so vielen / die er damals verfertiget / allein überblieben / und aufgezeichnet ist / zu erkennen:


Ach! soltest du das thun? Ich hätt es nie geglaubet /

und nie gehoffet auch / daß du mich so gering

soltst halten / wie du thust: was ich dir / Liebste! bring /

wirffst du verächtlich weg: das / wär es nur erlaubet /

die / so gleich-edel sind / schon längsten dir geraubet /

schon längsten hätten gern / wann nicht mein treuer Sinn

an dir gehalten hätt: nun gibst du selber hin

den / der dein bleiben wolt. Du hast dich zwar verschraubet

hin in die Einsamkeit: doch hüte dich dabey /

daß nicht ein härters Joch dir diese Freyheit sey.

Jetzt ist mirs eine Pein: dir aber ein Belteben /

doch weil dein stoltzer Sinn allein die Ursach ist /

daß du mir jetzt / wie vor / nicht gleich mehr günstig bist /

wird / weiß ich / deine Freud dich künfftig noch betrüben.


Was wird dann endlich draus / soll Polyphilus alle Hoffnung / so er auf die Antwort Macarien gegründet / umwerffen / und alles Vertrauen ablegen?[528] Das ist ja unmüglich. Ist dann keine Hülff / kein Rath mehr übrig? Polyphilus kan vor Hertzenleid nichts ersinnen: Melopharmis vor Furcht; wann sie gleich Polyphilum zu dem andern Brief rathen wolle / es möchte selbiger eben so wenig würcken. Darum stund Agapistus nach langer Besinnung auf / und erbot sich selber gen Soletten zu reisen / um mündlich bey Macarien zu vernehmen / was die Ursach sey ihres Stillschweigens. Dessen wurde Polyphilus so erfreuet /daß er behend aufstund / und / aus Liebe gegen Agapistum / seine Hände erfassete / mit diesen Worten: so bist du dennoch der einige / du treu-liebendes Hertz! der meine Schmertzen verbinden will? Ach ja! fahr hin / es begleite dich die schützende Hand der gnädigen Götter / und bringe dich wieder mit Freuden.

Melopharmis billichte ingleichen den Anschlag Agapisti / allein zweyerley war Noth zu erinnern: Erstlich / die Furcht / daß die Königin / wann sie Agapistum auf Soletten gereiset wüste / würde alsbald der Argwohn ihr Hertz verführen / Polyphilus habe ihn abgesandt / an Macarien. Hernach war auch das zu bedencken / daß Macarie Agapistum nicht kenne von Angesicht / deßwegen es geschehen könne / daß sie ihn nicht vor Agapistum halte / auch nicht in allem traue / ob sie gleich wisse / daß Agapistus des Polyphili / mehr / als Brüderlicher Freund sey. Die Erinnerungen waren zwar nützlich und nöthig; bevor / weil Agapistus seine Gesandschafft heimlich und eilig verrichten wolte / deßwegen er vor dißmal das Auge Talypsidami / welcher sonst von dieser Person hätte zeugen können / zu fliehen gedachte / als der ihn nicht nur aufhalten / besondern auch[529] offenbahren möchte; allein sie waren leicht verhütet / und mit gutem Rath versichert.

Dann auf das erste versetzte Agapistus / daß er seinen Weg auf Agmenpo / auch einer Insul an dem Peneus-Fluß / nehmen wolle / und von dannen auf Soletten / welches er gleichwol der Königin nicht bedeuten dörffe; Auf dieses versprach Polyphilus / den Agapistum / mit einer nochmaligen Schrifft / an Macarien /abzufertigen. Das alles gefiel Melopharmis sehr wol /sonderlich wegen Agapisti / der keinen bequemern Fund erdencken können / weiln Agmenpo / gerad gegen Soletten über / gleicher weite von dem Schloß lag; auch er / über das / daselbsten Befreunde hatte /die zu besuchen / den Abzug Agapisti / bey der Königin / leicht entschuldigen würden.

Es blieb bey dem Schluß; Melopharmis muste bey der Königin Erlaubnus einholen; Agapistus rüstete sich zur Reise / und Polyphilus verfertigte folgendes Brieflein / mehr aus Betrübnus / als Bedacht:


Verlangte Macarie!

Wiewohl ich Zeithero / mit schmertzlichem Verlangen / einige Antwort / auf mein jüngst überschicktes Brieflein / erwartet: hab ich doch / biß daher / solcher hochbegehrten Glückseligkeit nicht geniessen können. Wann ich mir demnach leicht einbilden kan / es werde sie / ihre gebührende Scham / von diesem abgehalten haben / was das getreue Hertz / ehe zu vollbringen beschlossen:[530] als bitte ich nochmaln / mein betrübtes Verlangen / mit einem freudigen Gegen-Gruß zu stillen: weiln sie doch die einige ist / und hinfüro / wie ich bittlich hoffe / bleiben wird / so meinen Wunsch erfüllen / und meinem Begehren ein Genügen thun kan und will. Daß ich aber gegenwärtigen / meinen allergetreuesten Freund / Agapistum / dessen Aufrichtigkeit / ich nicht durch Wort / sondern diese Gesandtschafft / bewähren will / mit diesem Brieflein /in solcher Eile / an sie abgefertiget / zwinget mich die nöthige Vorsorg / so ich billich trage / wegen der Furcht / die mir / biß daher / die Ursach ihres Stillschweigens / mit dem Mangel des Uberträgers / vorgelegt: deren zu wehren / ich selbsten Agapistum senden wollen / welchem alle Heimlichkeit so wol zu eröffnen und zu trauen / als wann ich selbsten zugegen wäre. Wird sie ihm demnach / verlangtes Hertz! nichts verhalten / sondern mit einem einigen Wort /da ich ja nicht mehr verdienen solte / ihrer Liebe und Gewogenheit mich / durch ihn / versichern / und in derselben so beständig verharren / als ich mich freywillig verschreibe /

Deroselben

Einig und ewig-getreuen

Polyphilum.
[531]

So bald der Brief verfertiget / setzte sich Agapistus zu Pferd / und eilete / so viel er mochte / durch Agmenpo / auf Soletten zu. Als er nun dahin gelanget / und sein Pferd angehänget / gehet er / unangemeld / vor das Gemach / darinnen die schöne Macarie ihrer Einsamkeit pflegte. Diese erschrack nicht wenig / wegen der unverhofften Ankunfft / eines fremden und unbekanten Ritters: deßgleichen that auch Agapistus / weil er vernahm / daß Macarie etwas übel auf war / dann sie eben an den Zähnen Schraertzen erlitte / die ihr das gantze Gesicht aufschwelleten: welches doch die zärtliche Macarie / mit einem schwartzen Pflaster /künstlich verdeckte. Uberdas hielt Agapistum die Verwunderung / der nie-gehofften Schönheit / so gefangen / daß er schier der Red vergaß / die ihm Polyphilus / mit Macarien zu wechseln / gebeten. Endlich aber fieng er an / seinen Zutritt zu entschuldigen / und ihre Freundlichkeit / um gütige Vernehmung / seines Gewerbes / zu bitten. Welches / nach dem es von Macarien versprochen / Agapistus folgender Wort sich vernehmen ließ: Es hat mich / Tugend-gezierte Dame! mein Freund Polyphilus / mit einem schönen Gruß /an dieselbe abgefertiget / und diesen Brief / deren beschönten Händen zu überlieffern / vertrauet / nichts mehr wünschende / als daß er / mit dem seeligen Trost / ihrer verlangten Antwort / möchte beglücket werden: und mit diesem überreichte er ihr den Brief Polyphili.

Ach aber! wie wurde das Hertz der schönen Macarien erschröckt / die Bescheidenheit gab ihr zwar Befehl / den Brief zu erbrechen / aber mit was Widerwillen sie denselben gelesen / gibt folgende Antwort[532] gnugsam zu erkennen. Ich vernehme / sprach sie /Edler Agapiste! daß ihr Agapistus seyd / der getreue Freund Polyphili / dem er mir befiehlt alles zu vertrauen / was ich / in meinem Hertzen / von ihm beschlossen. Zwar hätte ich mich eines so vornehmen Gastes anheut nicht versehen / zu dem ich mich sehr unseelig preise / daß er mich zum erstenmal / aber in zugefallener Ungesundheit / sprechen soll / die ich verlangen dörffte / ausführlicher mit ihm zu reden /als die Schmertzen meines Haupts zulassen / welche /durch die Schrifft Polyphili / um desto mehr vermehret werden / je widriger und verdrüßlicher mir dieselbe ist. Dann / Edler Agapiste! wie darff sich Polyphilus erkühnen / gegen mir solche Wort zu führen / ja! mir schrifftlich vorzulegen? Weiß er nicht / daß man wol ein Wort hören könne / das in den Wind gehet; aber die Schrifft / so nicht verstänbet / schwerlicher ertragen werde. Wie hat Polyphilus feines Verstands /ja! auch seiner Höflichkeit vergessen? Oder / da mir solches seine unverruckte Weißheit und vollkommene Tugend zu bejahen Verbot gibt / kan ich nicht glauben / daß diese Briefe / die seiner Liebsten Hände fordern / mir zugehören / auch mir sollen überbracht werden. Gewißlich hat Polyphilus / aus Blendung der Liebe / den Namen verfehlet / der seine Liebsten benennen wird / dann ich mich vor dieselbe nicht bekennen kan. Daher ich billige Ursach nehmen werde / so wohl diesen / als den ersten Brief / den ich noch nicht eröffnen wollen / aus Furcht / er möchte an einen andern Ort gehören / entweder euch wieder mit zu ruck zu geben / oder wo dieses meine Künheit nicht wagen dörffte / durch sonst andere Gelegenheit / wieder zu übersenden[533] / dann mir solche anzunehmen / durchaus nicht anstehen wird. Auch kan ich mir keines wegs die Gedancken machen / was Polyphilum / mich zu lieben / veranlassen solte: meine Freundschafft hab ich ihm versprochen / aber so fern es / die mir erwählte Einsamkeit / zulässet / solte er etwas darüber begehren / würde er mich zwingen / wider meinen Willen / eine Unhöflichkeit zu erwählen / die seinem Begehren einen Abschlag widersetze. Wiewohl ich sicherer glaube / diese Brief fordern nicht mich / sondern eine andere Ehebrecherin / die ehe anderer Orten / als zu Soletten wird zu suchen seyn.

Was Agapistus gedacht / wie er erschrocken / ja! wohl gar ergrimmet / kan ich nicht sagen. Man wirds erkennen / wann man seine zweiffelhaffte Entschliessung ansiehet / und die wanckende Furcht / darinnen sein Hertz geängstet wurde. Er wuste nicht / wem er glauben solte: trauete er den Erzehlungen Polyphili /so konte er nicht anderst schliessen / als Macarie spotte seiner: solte er denn dem ernsthafften Gespräch der Macarien Glauben geben / müste er zugleich glauben / Polyphilus hätte ihn mit Unwarheit berichtet. Gleichwol gedachte er hinwieder / Polyphilus würde verständiger seyn / als daß er solche Brief schreiben solte / wann er nicht zuvor gewiß wäre / daß sie angenehm seyn würden: allein / er gedachte nicht dabey /daß Polyphilus aus Verführung der Liebes-Schmertzen geschrieben. Er wuste nicht / wie er antworten solte / ohne daß er die Schmertzen Polyphili bewährete / und wie diese Briefe keine andere Hände / als der schönen Macarien forderten / in deren Liebe Polyphilus beharren werde / biß ans Ende.[534]

Darauf Macarie: Polyphilus? in meiner Liebe? Das verhüte der mächtige Himmel! Wolte Polyphilus sein Glück nicht besser beobachten / wolte er seine Jugend mit Liebe verderben die gebohren ist / grosses Glück und Ehre zu erwerben. Müste ich doch selbsten über mich klagen / wann ich / durch die Bande meiner und seiner Liebe / das Tugend begierige Gemüth / ja das Kunst-verlangende Hertz Polyphili / mitten im Lauf zu ruck halten / und in der Unvollkommenheit wolte ruhen heissen. Nein / Polyphilus kan grösser Glück und Ehr erlangen / wann er Kunst und Tugend suchet / als die Liebe der mangelhafften Macarien. Gedencket selbsten / edler Agapiste! wie hoch die Kunst Polyphili noch steigen kan / da sie sich / in ihren jungen Jahren / nichts hindern lässet? wie mächtig der Ruhm seiner Tugenden sich mehren wird / wann er /durch die Ubung derselben / seinen Namen herrlicher machet? Darzu kommen die nöthige Reisen / die gleichsam das Leben sind der Wissenschafft / dann selber sehen und erfahren / halt ich zuträglicher seyn /als alles hören und lesen. Agapistus erwähnte / daß Polyphilus reisen könne / ob er schon Macarien liebe; deme Macarie versetzte: Zwey widerwertige Dinge lieben und reisen. Ich halte gäntzlich davor / daß / so sich einer / in dem strengen Dienst der Liebe befinde /er nicht weit von der Geliebten kommen werde / denn unser Hertz ist je so beschaffen / daß es sich stündlich sehne nach dem / das es liebet / der Leib aber / wie er billich dem Befehl der Seelen folget / als läst er sich auch nicht weit von derselben entziehen. Ist etwas: erinnerte Agapistus; allein / wann ich das Tugend-liebende Hertz Polyphili besinne[535] / verhoffe ich / wird er eine solche Mässigkeit in der Liebe zu treffen wissen /die ihn an seinem Fürhaben / Glück und Ehre zu erlangen / dennoch nicht verhindern wird. Dergleichen /gab Macarie zur Antwort / lässet sich viel geschwinder reden / als zu Werck richten. Wer seinem Laster eine Maß suchet / ist eben / als wolle er glauben /einer / der sich von einem jähen Felsen stürtzete /könne sich / wann es ihm beliebte / im herab fallen besinnen und wieder halten. Dann wie diß zu thun unmüglich: also kan ein verwirrtes und erhitztes Gemüth sich weder zu ruck ziehen und innhalten / noch an dem Ort / wo es nicht will / verbleiben. Es weiß auch der jenige / welcher allbereit liebet / so wenig / mit was Maß er lieben soll / als wenig einer / dem man die Augen ausgestochen hat / weiß / wohin er gehen soll.

Agapistus wunderte sich über die verständige Antwort Macarien / und in Warheit! wäre er nicht Polyphili so gehertzter Freund gewesen / daß er sich der Untreu schämen müssen / hätte er selbsten Macarien /das allzuschöne Bild / lieben müssen: wie er auch hernach selber / dem Polyphilo / frey willig bekannte. Sie spielte mit ihren Augen so züchtig / daß er ihre Keuschheit / in seinem Hertzen / preisen muste; sie beröthete ihre Wangen / so offt sie das Wort der Liebe nennete / mit gleichsam solcher heimlichen Entsetzung / daß er / aus der furchtsamen Red / die innerliche Bewegung der Schamhafftigkeit / gantz offenbahr zu vernehmen hatte. Die gantze Gestalt und Beschaffenheit ihres zarten Gesichts / dann die höfliche Bewegung ihrer Glieder / zusamt den freundlichen Geberden / konte Agapistum / auf keine andere Gedancken führen / dann diese / du bist ja freylich[536] wohl /allerschönste Macarie! der vollkommene Schatz aller Tugend und Geschicklichkeit.

Nun wundert mich nicht mehr / warum dich Polyphilus so hertzlich liebe / weil du gebohren bist /durch deine Schönheit / und den Glantz deiner Tugenden / aller Hertzen zu gewinnen. Es betrübet mich nur / daß eine so unerweichende Härtigkeit deine Tugend begleitet / die sich mehr der widersetzlichen Halßstarrigkeit / als der Beständigkeit / meines Erachtens / gleichet. Ach! was soll ich dann Polyphilo für einen Trost mitbringen / soll ich eben die unglückhaffte Botschafft verrichten / die feine Seele tödten wird. Will sie dann / liebreiche Macarie! ihrer Barmhertzigkeit so gar vergessen / und Polyphilum den besten / ihrer und meiner Freunde / so gantz hülffloß lassen? Das war der Gegen-Satz Agapisti auf die Rede Macarien: deme sie aber wieder versetzte: Dafern Polyphilus eine solche Bitte / oder vielmehr Begehrn / an mich ergehen lässet / daß meinem Vorsatz der Einsamkeit nicht zuwider / auch mir müglich zu thun ist / soll er an meiner Folge und Gewehrung nicht zweiffeln. Da ich auch wüste / daß es nicht blosse Höflichkeit wäre / damit er in seinem Brieflein /nur ein einig Wort begehret / ihn meiner Gewogenheit / durch euch / zu versichern / wolt ich euch bitten / die Mühe anzunehmen / ihm einen schönen Gruß / von Macarien / zu verkünden / auch dabey meiner Gewogenheit / so weit selbige eine Ehrenvergönnte Freundschafft zulässet / versichern: aber eine Liebe von mir zu begehren / wird er / Krafft seines bessern Verstands / sich nicht erkühnen / wird auch mir / dieselbe zu versprechen / eine grosse Vermessenheit seyn / als die ich in einer solchen Bedingung lebe /[537] welche nicht zulässet / dergleichen Werbungen nur anzuhören / will geschweigen / zu bewilligen. Darum ich auch / wie ihr sehet / und ich vor schon gemeldet / den ersten Polyphili noch nicht erbrochen /oder auch künfftig erbrechen werde / sondern dem Verfasser unversehrt wieder zuschicken / weil ich euch damit zu beschwehren mich nicht erkühnen darff.

Wann der Briefe tausend wären / antwortete Agapistus / würde ich mirs vor eine grosse Ehre bekennen /wann ich in dem Dienst Macarien mich bemühen dörffte; allein dieses grossen Unglücks überhebe mich dißmal die Höflichkeit deren / der ich / in andern Fällen / schuldig zu gehorsamen bin / dann ich mit diesem Brief Polyphilum ertödten würde. Auch bitte ich /bey der Gnade Macarien / sie wolle des Lebens Polyphili zu schonen / diese unselige Schrifft / wo nicht entbrechen / und beantworten / doch verschlossen bey ihr ruhen lassen / und dem / darüber sterbenden Polyphilo / nicht zuruck schicken: will sie anderst nicht die allzufrühe Zeitung / seines schmertzhafften Todes / mit Leid / erfahren. Ich will sehen / dafern ja Polyphilus keine Gnad mehr erlangen kan / daß ich ihn / von der Lieb Macarien abwende / oder sonsten befriedige. Das könt ihr thun / versetzte Macarie /eurer Bitte will ich noch dißmal folgen; und damit schied er von ihr.

Was wird nun Polyphilus sagen / wann er vom Agapisto / die widerwillige Antwort Macarien / vernimmt? Sein Hertz wird vor Trauren / in seinem ermüdetem Leibe / verschmachten / und seine Seele /aller Freude / in Ewigkeit absterben. Ja! so wäre es allerdings ergangen / wann nicht Agapistus ein so kluger Bote gewesen / der seine Reden / mehr nach[538] dem Sinn Polyphili / als der Antwort Macarien / gerichtet. Der Gruß war sein erstes Wort / und die Verkündigung der beharrlichen Gewogenheit Macarien /in einer ehr-gebührenden Freundschafft. Nichts mehr? fragte Polyphilus. Das Agapistus beantwortete: Nichts sonderliches. Warum antwortet sie dann nicht auf meine Briefe? Fragte Polyphilus ferner. Deme Agapistus versetzte: weil sie mir die Antwort mündlich vertrauet / auch sich entschuldiget / wie ihr so gar nicht anstehe / Liebes-Briefe zu wechseln. Polyphilus merckte aus den erschrockenen Reden Agapisti / daß die Sache nicht zum besten stehen müsse / weil er nicht / seiner sonst-gewohnten Art nach / frey heraus redete / darum er ihm anlag / und / durch die Treue ihrer Freundschafft / ersuchete / ihm nichts / von allem dem / was Macarie mit ihm geredt / sey guts oder böses / zu verhälen / mit Versprechen / daß ers mit gedultigem Hertzen aufnehmen / und sich nichts wolte betrüben lassen.

Agapistus trauete dem Wort Polyphili / und fieng an / ihm alles zu erzehlen / doch so / daß er sich erst bemühete / das Hertz Polyphili von Macarien abzuwenden / deßwegen er ihn erinnerte / er solle die Großmütigkeit seines Hertzens anheut / in Verachtung deren / die ihn mit gefärbter Gunst / mehr zu schimpffen als zu beehren suche / zu seinem bessern Ruhm / erweisen / und seine Freyheit / die er billich von der ersten Erkantnus an / biß daher / in seinem Sinn / vor den herrlichsten Schatz seiner Glückseligkeit verehret / nicht um solche nichtige Bezahlung verkauffen: sondern gedencken / daß rühmlicher /auch der Tugend / die sich nicht unterdrucken[539] lässet /ähnlicher sey / über die / so uns mit verfälschten Schein betrügen will / in einem freyen Leben / zu herrschen / als in einer Lasterhafften Diensibarkeit /mit dem Verlust unsrer Ehr und Ansehen / gefangen liegen. Macarie! das hochmüthige Weib! verachtet Polyphilum / so gar / daß sie seine Brief nicht erbrechen mögen / ja! welches mehr ist / mit unverantwortlichem Schimpff wieder zu ruck zu senden gesinnet. So viel darff ihr Macarie / die Stoltze / einbilden / daß sie Polyphilum nicht vor ihren Liebsten: als welcher dessen gantz unwürdig; sondern vor ihren Knecht /und das nicht allemal / erwählen will. Gehet demnach in euch / viel-würdiger Polyphile! und bedencket / ob ihr mehr Ursach habt / dieser unbarmhertzigen Herrscherin zu dienen; oder mehr vermögen / sie selbst dienstbar zu machen. Gehet es meinem Schluß nach /wird dieses jenen weit bevor gehen. Was wolt ihr dienen / da ihr könnet Herr seyn? Ist dann keine sonst in der Welt / die Polyphili werth sey? wird Macarie allein leben? Zwar begehr ich euch Macarien / die lieb-würdige Dame / nicht verhasst zu machen: sondern ich will euch / Krafft der Freundschafft / die mich /für euch zu sterben / verpflichtet / erinnern / daß ihr euern Sinn / auf einen würdigern Ort setzet / dann sich / in Warheit! Macarie eurer beständigen Liebe unwerth gemacht / durch ihren Stoltz. Besinnet euch doch / verständiger Polyphile! wie die widerspenstige Macarie euer Gemüth allbereit zum Sclaven gemacht /daß ihr nicht sinnen dörffet / was ihr wollet / sondern was sie befihlet. Erkennet / wie sie euern Leib / durch Entziehung aller freudigen Krafft / ermüdet / daß er nicht mehr Polyphili schöner Leib /[540] sondern viel warhaffter / dessen Schatten zu nennen. Was ist nun die Belohnung? Liebe? Nein / Haß! Ehre? Nein / Schande / Spott und Beschimpffung! Ja! welches das erschröcklichste / von eben der stoltzen und hönischen Macarien / um deren willen / ihr alles erlitten. Wie habt ihr euch doch so heßlich verführen lassen / daß ihr auch wider die Tugend selber / die ihr doch immer so hoch geliebt / zu handeln nicht Bedencken getragen? Gedencket / wie schimpfflich wird von euch geredt werden: Polyphilus / der alle Tugenden beherrschen wolte / muß jetzo der Liebe dienen. Ey so fasset einen andern Muth / lasset das tapffere Hertz nicht so schändlich besieget werden / und richtet euren rühmlichen Sinn von Macarien weg / damit ihr eure Ehr und Glück nicht auf einmal verderbet / und glaubet mir /daß diß die letzte Wort waren / die sie mir / Polyphilo zu hinterbringen / Befehl gab: Polyphilus wird meiner Liebe so wenig geniessen / als ich ihm solche zu gewehren schuldig bin.

Das alles aber / obs theils Agapistus / wider besser Wissen / theils wider die Warheit / und den bessern Laut der Wort Macarie / redete / that ers dennoch /bloß Polyphilum von Macarien abzuwenden / weil er derselben Reden / alle vor Warheit und Ernst angesehen / darinnen er aber weit fehlete. Was antwortete nun Polyphilus? Ich weiß nicht / soll ich sagen / die vollkommene Kunst und gelehrte Zunge / oder der Schrecken / oder der erzürnte Grimm seines eyfrenden Hertzens / stieß nachgesetzte Wort / in gebundener Rede / aber mit solcher Grausamkeit / zu seinem Munde heraus / daß sich Agapistus darüber entsetzte /und auf gelindere Wort gedachte / ihn wieder zu befriedigen. Ich gebe dißmal dem Zorn den[541] Preiß / welcher erweiset / wie weit er die Kunst bezwingen könne / wann er das Hertz gewinne / in dem Polyphilus / in seinem Gemach auf und nieder / ohne Vorbedacht / diese Reimen schloß:


Ey so bin ich auch frey mein! will sie nicht / so mag sies lassen /

Was macht sie dann aus ihr selbst? Sie mag lieben / sie mag hassen /

Gunst und Ungunst ist mir eins: weiß ich doch / daß ich wohl werth

ihrer bin / wie meiner sie / und was ich an ihr begehrt.

Muß sies denn alleine seyn? soll ich mich zu tode kümmern?

Ist sonst keine in der Welt / daß ich so ein ängstig Wimmern

ihrentwegen treiben solt? Nein / sie ist es nicht allein /

andrer Orten wird fürwar auch noch ihres gleichen seyn.

Ist die Welt nicht groß genug; ist die Zahl der schönen Frauen

nur allein auf sie gebaut? sind nit deren mehr zu schauen /

wo nicht hier / doch anderwerts; die so schön / so Tugendreich /

höflich / sittlich / züchtig seyn / und in allem ihr gantz gleich?

Dencke nur / du Stoltze du! die du dich so hoch erhebest /

und mich so verächtlich hältst / daß du nicht alleine lebest /

daß die gantze Wett sey voll / und ich bald an deine statt

wählen eine andre könn / die mich etwa lieber hat.

Sage du / was fehlet mir / daß du mich nit wilt erwählen?

bin ich etwa dein nicht werth? O ich will dir andre zehlen /

die mich vor dir werth erkannt: denen du in vielen nit

bist zu gleichen; glaube nur / daß dir auch noch viel gebricht.

Bin ich gleich nicht / was du wilt: kan ichs etwa noch wol werden /

und viel eh als du vermeinst. Dann was andre auf der Erden

dencken / denck ich eben auch: und was andren offen steht /

wird mir nicht verschlossen seyn / wann das Recht sonst richtig geht.

Bin ich gleich nicht mächtig reich: bin ich doch auch nie verarmet /

meiner hat der Himmel sich immer gnädig noch erbarmet /

wer ist reicher nun als ich? meinen Schatz trag ich bey mir /

der mich nebret / mehret / ehrt / und versorget für und für.[542]

Bin ich dir vielleicht zu grob? wisse / die gezierte Sitten

finden sich bey allen nicht: und wo hab ich überschritten /

sag mir? die Bescheidenheit. Was ich noch bey dir verübt

ist aus Grobheit nicht geschehn; sondern weil ich war verliebt.

Ob ich gleich auch bin nicht schön / laß ich mich doch nicht verachten /

weil ich auch nicht heßlich bin: solt ich deinen Glantz betrachten /

dörfft ich gleichen mich / mit dir: doch wilt du noch schöner seyn /

sey es! sey du schön vor dich / bleib ich schön vor mich allein.

Oder fehlt mir gravität? bin ich darum nicht zu schelten /

auch nicht zu verwerffen schlecht: wann in allen Brunnen quellten

gute Wasser; wann / wer wolt / könte nach Corinthus gehn;

bliebe / warhafft! keiner nicht auf dem teutschen Boden stehn.

Und begehrst du das von mir? Ey! so solt du bald erfahren /

daß ich gleich so stoltz kan seyn; daß ich meine Pfeffer-Wahren

gebe / wie dein Saffran-Gut: wilt du? seys: wo nicht? schon recht:

werd ich etwa noch wol Herr / da ich vor gewesen Knecht.


Jetzt sehe eins das erzürnte Hertz Polyphili an / und frage / wo ist die Liebe blieben? Haben wir kein Exempel / daß der Zorn / der nächste Geferte sey / bey der Liebe / so haben wirs am Polyphilo. Aber wie ists müglich / daß die erhitzte Gluth / der feurigen Liene /in eine solche Zorn-Brunst ausschlage; die liebreiche Freundschafft / in eine so verhässige Feindschafft? Ist dann die Gluth der Liebe und des Zorns eins? So scheints fast wahr zu seyn. Und müssen wir hie lernen / daß kein hefftiger Grimm zu erdencken sey / als wann die beste Freunde / uneins werden / denn da schlögt / immer fort / die glimmende Erinnerung /aller deren Gutthaten / und erzeigten Freundlichkeit /in eine helle Lohe aus / die so starck und erhitzt drennet / daß sie nimmer zu leschen.[543]

Wie es aber bald-erzürnten Hertzen gemeiniglich zu ergehen pflegt / daß sie eben bald hinwieder begütiget werden / so traffs auch dißmal das Hertz Polyphili: sonderlich / da ihn Agapistus erinnerte / daß Macarie ihre Wort nicht eben so scharff gesetzet /oder so schimpfflich geführet / sondern bloß / wie er muthmasse / ihrer Höflichkeit und gebührenden Zucht / in diesem Fall / etwas zugeben. Welche Erinnerung Agapisti / Polyphilum dahin verführete / daß er gedachte / vielleicht hat Macarie sich vor Agapisto gescheuet / und dem dritten nicht wollen kündig ma chen / was bloß unter zweyen wissend seyn soll. Und weil diese Gedancken / die / ihm bewährte / Vorsichtigkeit / seiner Macarien / nicht wenig stärcketen / fiel der armselige Polyphilus in eine solche Angst / wegen des Verbrechens / so er an Macarien begangen / daß er nicht wuste / wo er bleiben solte. Ach! Ach! fieng er an / was hab ich gethan / edle Macarie! daß ich dich so unschuldig beschuldiget / und so verächtlich gestraffet? wie bin ich doch so blind / so taub / so unverständig worden? Ach! daß ich stumm gewesen wäre / daß diese Läster-Wort nicht durch meinen Mund hätten dringen können. O du lasterhafter Polyphile! scheuest du dich nicht / das unbefleckte Hertz /der Himmel-würdigen Macarien / zu straffen / und /ach! die Göttliche Vollkommenheit zu schimpffen? Ach! allein unsterbliche Göttin unter den Sterblichen! soll Polyphilus / der unwürdigste / daß er zu deinen Füssen liegen solte / begehren / über dich zu herrschen? O du verdammtes Begehren! wer sind sie /sag / verlogener Geist Polyphili! wer sind sie / die meiner allein-schönen / allein-tugendreichen / allein-höflichen / allein-sittlichen / allein-züchtigen[544] / allein-himmlisch-begabten Macarien / Ach! der unvergleichlichen Macarien / zu gleichen? wie dein lasterhafftes Beginnen / auch die verdammte Boßheit / aller höllischen Greuel überschreitet: So wird meine Himmel-beschönte Macarie / aller weltlichen Schönheit und Zierde / den Preiß wegnehmen. Solche und dergleichen Wort viel mehr / führete Polyphilus wider sich selbst / den begangenem Fehl / gegen Macarien / zu entschuldigen: ja es befriedigte auch das die Furcht nicht / weil er ihm / (wie dann der betrübten Gemüther immer fehlen /) fest einbildete / es hätten die /der Macarien gewogene Götter / seine Läster-Wort allbereit derselben heimbracht / darum er / folgende Zeilen / zu Papier setzte / gleich als solten sie dieselbe auch überbringen: aber das war ein Beweiß / der Verliebten Thorheit. Seine Entschuldigung war diese:


Was hab ich jetzt gethan? Ach Schmertz! ich bin verführet:

ich irre / O der Angst! ich habe grob gefehlt:

O weh der grossen Noth! das eben / was mich quält /

bau ich mir selber jetzt. Das mich vor dem curiret /

wird mir verzehrend Gifft; und ehe michs berühret /

will ich vergehen schon: dann nunmehr hats ein End /

weil ich sie so besprech / wird sie die zarte Händ

mir trauen nimmer nicht: kein Zeichen wird gespüret

hinfort mehr werden auch: Nun ist es lauter Dunst

was meine Liebe hieß / und ihre Gegen-Gunst.

Was hab ich doch gethan? Ach! wäre reuen / bessern /

und wäre läugnen nichts: ich spreche lauter nein /

ich hab es nicht gethan. Ach! solt / ach! könt es seyn /

daß ich blieb ohne Schuld! die Augen wolt ich wässern

mit heisser Thränen-Laug: den Lust- und Lebens-Fressern /

Angst / Kummer geb ich Raum: und was man senffzen nennt /

solt gehen bey mir an: biß / Liebste! sie erkennt /

daß meinen Fehler ich nicht nur nicht wolt vergrössern.[545]

Ach! solt ich? Nein / ach Nein! besondern diese Stund /

ja diese / schlagen mich auf den verlognen Mund.

Doch weil das wünschen heisst / nicht aber vollenbringen;

und weil die Reu zu spät; auch läugnen hie nicht gilt;

was mach ich Armer dann / was rath ich / das mir stillt

die heisse Seelen-Qual? soll ich ein Traur-Lied singen?

Sie hört es nicht / mein Schatz! auch möcht es nit gelingen /

daß / wann sies hörte schon / ihr hoch-erzürntes Hertz

begütet werden könt / durch den verdienten Schmertz /

weil ich sie hart betrübt: drum will ich lassen klingen

die Reue mit der Bitt / sie wolle meinen Mund /

nicht mässen diesesmal aus meines Hertzen Grund.

So laß dich nun / mein Schatz! Schatz! laß dich doch erbiten /

geh nicht mit deinem Knecht / geh ja nicht ins Gericht /

sonst bin ich schon verderbt / ich kan bestehen nicht /

Wann du mich klagest an. Wo bleiben meine Sitten?

Wo meine Höflichkeit? Wie hab ich überschritten

die Schrancken aller Zucht? Wo denck ich ewig hin /

daß ich so blind / so taub / so unverständig bin?

Heisst das nicht grob gefehlt / und unverschämt geritten

den Esel / vor das Pferd: was hab ich doch gethan /

daß ich mich so versehn / und nimmer helffen kan?

Was hab ich doch gedacht / daß ich so trotzig pochte?

Aus was vor tollem Sinn hielt ich ihr andre gleich?

Da keine / keine nicht / so über prächtig reich

an allem ist / als sie? Die einig nur vermöchte /

zu fangen mich / durch sich / als sie die Hertzen flochte /

durch ihre kluge Wort und trefflichen Verstand /

durch ihrer Augen Spiel / durch ihre weisse Hand /

die mich entzündte so / daß gleichsam in mir kochte

mein gantz-erhitztes Hertz / in Flammen-gleicher Brunst /

die mich erlöschen kunt / durch Hoffnung ihrer Gunst.

Drum hab ich weit gefehlt / du bist es gantz alleine /

und keine mit dir mehr: gleich wie diß Erden-Rund

nur eine Sonne hegt / und aller Welt ist kund

daß ihr sich gleiche nichts: also bist du die Meine /

und sonsten keine nicht / die mir so helle scheine /

an Schönheit / Tugend / Zucht / und was sonst mehr gefällt /

du bist die Liebste mir in dieser gantzen Welt /

die Schönste noch darzu: daher ist / daß ich weine /[546]

und was mich schmertzet so: aus lauter Unbedacht

und leicht-gesasstem Zorn / hab ich dich so veracht.

Nun weil dus besser weist / und weil ein anders zeuget

die Sache von ihr selbst; ja! weil die bittre Reu

so zeitig wiederkommt / wirst du von meiner Treu /

Und was ich jetzt gethan / das sie zu brechen beuget /

auch sonsten mich und dich zu trennen ist geneiger /

ein Urtheil fällen so / daß nicht ein Zorn-Gericht;

besondern Gnad und Gunst / die alle Rechte bricht /

auch dein Recht bieg und brech: je höher selbge steiget /

je tieffer fällt es nach. Dein Recht sey deine Gnad /

und Gunst sey meine Straff / vor meine böse That.


Melopharmis sahe den gantzen Handel stillschweigend an / weil sie aber der schmertzhafften Bewegung Polyphili nicht länger zusehen konte: suchte sie Polyphilum zu trösten / mit dem Rath / (weil sie in gleichen Gedancken stund / wegen der Vorsichtigkeit Macarien /) Polyphilus solle Gelegenheit suchen / selber zu ihr zu kommen / alsdann er seiner Sachen könne gewiß werden. Diese Wort trösteten Polyphilum mehr / als tausend andere / die auf Hoffnung und Gedult möchten gestellet seyn / so gar / daß er alles Leids vergessend / nur darauf bedacht war / wie er /wider Wissen der Königin / auf Soletten gelange. Er dachte hin und her / konte aber nichts erdencken; biß etliche Wochen hernach / weil sich sonst keine Gelegenheit ereignete / Agapistus das beste that / der einen Brieff / von seinen Befreunden / zu Agmenpo überkommen / daß er eilig daselbst erscheinen sollte. Es war nunmehr wieder um die Zeit / daß sich Felder und Wälder aufs neue begrünten / welches die lustigste Zeit des Jahrs ist / daher Polyphilus Ursach nahm /dem Agapisto auf Agmenpo das Geleit zu geben / um ein wenig die erstorbene Glieder / so gleichsam durch den Winter vergraben[547] waren / mit einer angenehmen Lentzen-Lufft / wieder zu erwecken: welches dann die Königin nicht wiedersprechen dorffte. Polyphili Schluß aber gieng auf Soletten / dahin ihn vielmehr Agapistus begleiten solte / als Polyphilus diesen auf Agmenpo.

Es begleite / wer wolle / sie ritten miteinander / und da sie hinkamen / zu den Befremden Agapisti / wurden sie beyde / sonderlich Polyphilus / weil er fremd war / aufs schönste empfangen / und Gast-frey bedienet / so gar / daß ereinen wenigen Verzug annehmen muste / wie sehr ihn auch nach Macarien verlangte. Doch verrichtete Agapistus seine Geschäffte / so schleunig er mochte / und eilete / nach abgelegter Dancksagung / mit Polyphilo / von seinen Freunden /auf Macarien zu. So bald Polyphilus sein Pferd erstiegen / freuete sich schon das Hertz / wegen der nun künfftigen Beschauung / seiner so langverlangten Macarien / deßwegen auch / selbsten das Pferd / hurtiger und kühner springen muste / daß er damals ritte. Es war eben das hinwieder / welches ihn / vor dem / von dem Schlitten geworffen / und solte eins wohl gedencken / Polyphilus hätte bey demselben kein Glück haben sollen. Denn da er auf Soletten kam / war Macarie nicht da / der erste Ritt war zum Talypsidamo /durch dessen Schiff er eingeholet wurde / und nachdem er vernahm / wie vor einer kleinen Weile Macarie ans Ufer gefahren / sich mit einen frölichen Spat zier-Gang zu ergötzen / ließ er sich auch gleich übersetzen / und nachdem er dem Schiffmann Gebot geben / allda zu verharren / ritte er / mit vollem Sporen-Streich / den Weg hinan / welchen Macarie solt gesuchet haben. Agapistus etzte ihm / mit gleicher Hitze / nach: beyde aber funten[548] sie nichts / deßwegen sie wieder zuruck / und ins Schiff eileten / Macarien in der Insul zu erwarten. Polyphilus erinnerte / daß sie nicht an dem Ort aussteigen dörfften / wo sie eingesetzen / weil sonsten das Gerücht von ihm / in der gantzen Insul / erschallen würde; deßwegen sie besser / mit dem Fluß / abwerts schiffeten / und unter der Insul ausstiegen: aber zu Polyphili Schaden. Dann Macarie ihre Wiederkehr / durch den öbern Port nahm / als die gar nicht ausgestiegen / oder aufs Feld kommen / sondern ihr lediglich gefallen lassen / um die Insul herumzufahren. Alsbald ließ Polyphilus Talypsidamum holen / und eröffnete ihm den Widerwillen Macarien. So bald aber Talypsidamus Agapistum erkannte / da solt eins ein Umfahen / ein Dancken /ein Freuen gesehen haben: welches jetzo zu erzehlen die Noth Polyphili nicht zuläst / die bloß von Macarien reden heisset. Talypsidamus hinterbrachte Polyphilo / daß der Widerwille / von dem bösen Nachklang / herrühre / welchen seine neuliche Besuchung verursachet: tröstete ihn doch dabey / daß / so er zu ihr kommen werde / sie dessen allen vergessen / und seine Liebe vor alles werde gehen lassen.

Aber dißmal hatte ihm das Sonnen-Liecht / die Gegenwart Macarien / nicht gegönnet / weil diese zu lang ausblieb / jene aber ihre Strahlen zuruck zog /und die nächtliche Finsternus drohete. Daher Polyphilus gezwungen / dem Talypsidamo einen Gruß an Macarien zu befehlen / welchen er auch gehorsamlich abzulegen versprach. Und weil Polyphilus unverrichteter Sache wieder fortreiten musie / kan eins leicht gedencken / mit was Betrübnus er geritten. Ich sage: unverrichteter Sache; dann[549] Macarien sabe er nicht: aber Macarie sahe ihn / als die wider Wissen Polyphili /aus einem ihrer Freunde Haus / zum Fenster absahe /da Polyphilus fürüber ritte. Die Forcht / so sie /wegen der Gegenwart Polyphili / schröckete / ließ nicht zu / daß sie ihm / wie gern sie auch gewolt /weiter nachgesehen. Ihre Gedancken aber begleiteten ihn / biß auf Sophoxenien. Was thut nun Polyphilus /da er Macarien nicht gesehen? Er beklaget sein Unglück / und die harte Bedrangnus seiner Liebes Pein /welche um desto mehr verwehret wurde / daß er ihm die Antwort Agapisti wieder zu beeyfern vornahm: deßwegen er sich setzte / und mit folgendem Gedicht seine Zeit kürtzete:


Von der Stunde / da ich dich / hertzter Schatz! mit Schmertzen lassen

und verlassen muste gar; da ich dich nicht konte fassen

und umfassen mehr nach Wunsch / bin ich / weiß nicht / wie so bald /

aller meiner Sinn beraubt / und vor Jahren worden alt.

Meine Augen schliessen sich / weil sie können nit mehr sehen /

was sie sahen jenesmal; mein Geruch will mir vergehen /

weil die schöne Rose fällt; und weil sie mir keine Wort

gönnet / will auch das Gehör von mir weichen / gehen fort.

Mein Geschmack ist gantz dahin / weil mir ist der Mund entzogen /

dessen Honig ich gekost / dessen Nectar hat gesogen

einmal mein beglückter Mund; und was sag ich von der Hand /

die nichts fühlet / weil sie jetzt hat die ihre weggewandt?

Alles ist nun ewig todt! alle die Empfindlichkeiten

sind geraubet überall / zu den hoch-betrübten Zeiten /

die mich rauben / Schatz! von dir; ja! das Leben selbst ist todt /

und mein Hertz lebt ohne Hertz; fühlet bittre Todes-noth.

Meine Kräffte trocknen aus / meine Lust ist mir vergangen /

we der Wind geschwinde weht: ewig Grämen / immer bangen[550]

schickest du mir immer zu: keinen Trost hat meine Seel /

weil du mir entnommen bist / daher ich mich ewig quäl:

Weist du nicht? O meine Pein! (wie kan ich dich anderst nennen

und was bist du besser auch?) must du selber nit bekennen /

daß ein einger solcher Tag / da ich dich nicht konte sehn /

dauchte mir viel hundert Jahr? Ach was wird dann jetzt geschehn /

Ja! ach ja! was wird geschehn? Nun ich dich soll gar verlassen /

wie du ewig mich verläst: soll ich dich nit mehr umfassen?

Ey so bin ich lebend tod! Ja es ist nun aus mit mir /

weil ich / wie ich deine bin / also auch nur lebe dir.

Leb ich dir? so bin ich ja dir zugleich auch abgestorben /

weil du mir gestorben bist: sterb ich dir? bin ich verdorben /

wie du dich verderbet mir: Aber ach! der schlechten Treu /

die ich klage Gott und dir / daß sie so verfälschet sey.

Jetzo muß ich erst gestehn / was ich offt nit wollen glauben

noch mir konte bilden ein: daß ich pflege zu berauben

seiner Freyheit / seiner Lust / jederman / so ist verliebt /

und in Sorgen / und in Leid / sitzen / liegen / seyn betrübt.

Doch wer weiß / was Gott gedenckt / ob nicht das geschwinde Reuen

bey dir / Liebste! wiederkehr? Ob er mich nit woll erfreuen

wiederum durch deine Noth / wie er mich durch deine Freud /

hat gesetzet / hat gebracht / in so schweres Hertzenleid.

Du wirst / weiß ich gar gewiß / selber noch bey dir gedenken.

daß er immer wieder käm! möcht er nur sein Hertze lencken

einmal wieder her zu mir! warum hab ich das gethan?

warum hab ich ihn veracht / den ich nun nit haben kan?


Was halff aber Tichten und Sinnen / da das Werck nicht tröstete? Der Verlust seiner Macarien / so ihm der Verzug drohete / führete ihn zum andernmahl auf Soletten: aber mit gleichem Unglück / denn damals war Macarie / gar an einen andern Ort / verreiset: da er aber zum drittenmal vergeblich ritte / (welche Reisen weitläufftiger zu beschreiben[551] / mehr einen Verdruß / als Nutzen schaffen würde) fehlete nicht viel /daß die Betrubnus sein Hertz ersticket. Dann er gedachte / entweder sind mir die Götter selber zuwider /oder Macarie lässet sich verlaugnen: welches letztere ihm sehr scheinbar vorkam / weiln er keinen gewissen Grund / ihrer Abwesenheit / vernehmen konte.

Talypsidamus war immerfort ein getreuer Besucher Polyphili / so offt er gen Soletten gelangete / der ihn aber allezeit / mit vergeblichem Trost / abspeisete. Da sie nun wieder zu Pferde waren / (dann Agapistus war dißmal wieder bey ihm) fieng Talypsidamus an / wie er einen Klöpper habe / der dem Polyphilo nicht übel anstehen würde / dafern es ihm beliebe solchen zu sehen / stehe er zu seinen Diensten. Polyphilus bedanckte sich dessen vor dißmal / versprach aber /daher Ursach zu nehmen / wann ihm die Zeit bessern Raum gestatte / nochmaln zuzusprechen / und damit machten sie sich wieder auf Sophoxenien zu. So bald Polyphilus in sein Zimmer kam / setzte er sich / seine dreyfache vergebliche Reiß mit Reimen zu beklagen /und mit einem Trauer-Liedlein zu besingen / folgendes Thons:


Ach! wie lange! ach! wie lange!

wirst du / Schatz! entrissen mir:

Das mir machet Angst und bange /

das mich schmertzet für und für:

Weil ich bin von dir geschieden /

und muß dennoch seyn zu frieden.


2. Ja zu frieden! weil ich sehe /

daß es nicht kan anderst seyn /

dann ob ich dir offt nachgehe /

wird mir niemals doch dein Schein[552]

ach! gegönnet / gantz entzogen /

als wärst du davon geflogen.


3. Das ist / das mich so betrübet /

das mich quälet also sehr:

Weil mich nicht die Liebste liebet /

sondern hasset mehr und mehr:

Diß ist meine Klag / mein Weinen /

daß sie mir nicht will erscheinen.


4. Dencke selbst / wann du magst dencken /

wie mir doch zu Sinne sey?

Wann du nicht wilt wieder lencken.

dich zu mir / und bleiben frey /

ohne Liebes Banden leben /

dich der Einsamkeit ergeben.


5. Alle Stunde sind mir Jahre /

alle Zeiten / Ewigkeit:

Seither ich von dir erfahre /

daß du dämpffest meine Freud /

weil du dich wilt nimmer lassen

von mir sehen und umfassen.


6. Ein- und zweymal hab ich können

wohl um dich vergebens gehn:

ja! das dritte mal dir gönnen /

ob ich dich gleich nicht gesehn:

Aber laß mich mehr nicht fehlen /

wilt du mich nicht ewig quälen.


7. Ob du schon / wie du wohl meynest /

deiner mich unwürdig hältst;

und deßwegen feindlich scheinest /

auch so widerwillig stellst:

wirst du / weiß ich / doch bald sagen /

möcht er wieder nach mir fragen.


8. Ich zwar kan dich nicht verlassen /[553]

wann nur du mich nicht verlässt.

Doch wann du wilt immer hassen

mich / den jetzt das Unglück presst:

werd ich / wann ich komm zu Ehren /

dich hinwieder nicht erhören.


Eben war das Gedicht verfertiget / als die Königin Polyphilum holen ließ / um zu vernehmen / wo er mit Agapisto hingeritten wäre: weil sie wider ihr Urlaub abgeschieden. Deren Polyphilus antwortete / daß sie durch den Wald spatzieret / auf das nächste Dorff /allda sie vernommen / daß ein schönes Roß zu verkauffen sey / welches sie besehen wollen / hätten aber den Verkauffer verfehlet. Die Königin glaubte das alsbalden / und vermeldet / wie sie gesinnet / eins zu erkauffen / dafern sie was gutes antreffen könte. Dessen Polyphilus erfreuet / alsbald verspricht / seinen Diener / morgendes Tages / abzuschicken / und das Pferd der Königin vorzureiten: welches sie bewilliget. Indessen Polyphilus noch andere Gespräch mit der Königin wählet / kommt Agapistus uber vorgesetztes Lied / welches Polyphilus auf dem Tisch liegen lassen / und setzte ihm / zu einem vergeblichen Trost /und nichtiger Freude / diesen Gegen-Satz:


Ach! nicht lange / ach! nicht lange /

werd ich seyn entrissen dir /

laß darum dir seyn nicht bange /

daß du bist so weit von mir /

daß du bist so weit entschieden

sey / mein Kind! sey nur zu frieden.


2. Ja zu frieden! du wirst sehen

daß es bald wird anderst seyn /[554]

wirst du einmal nur noch gehen

zu mir / wird der Liebes Schein

dich bestrahlen und beglücken /

dein zerschlagnes Hertz erquicken.


3. Drum wollst du dich nicht betrüben /

auch nicht quälen also sehr:

Ich / die Liebe will dich lieben /

hassen nun und nimmermehr:

Laß die Klag: hör auf zu weinen /

bald bald will ich dir erscheinen.


4. Dencke nicht / wie soll ich dencken:

weist du wie mein Hertze sey?

Ob ich / oder nicht will lencken

mich zu dir? Ich lebe frey:

aber doch nicht ohne Lieben /

wie kan dieses dich betrüben?


5. Stunde sind noch keine Jahre;

keine Zeit / ist Ewigkeit /

weist du / wie auch ich erfahre /

daß du schröckest mein Freud?

Doch will ich mich wieder lassen

von dir sehen und umfassen.


6. Hast du ein- und zweymal können

wohl um mich vergebens gehn /

auch das dritte mal mir gönnen /

ob du mich gleich nicht gesehn:

Solt du forthin nicht mehr fehlen /

daß du dich nicht mögest quälen.


7. Wirst du meynen / was ich meyne /

wissen / was ich denck und dicht /

und warum ich feindlich scheine /

wirst du mich verdencken nicht:

Dörfft ich / was ich dencke / sagen /

wolt ich öffters nach dir fragen.
[555]

8. Kanst du / Liebster! mich nicht lassen:

Ich verlaß dich wieder nicht:

Und ob du mich woltest hassen /

und vergessen deiner Pflicht:

wolt ich dich doch ohne Ehren

williglich hinwieder hören.


Der Schertz gefiel Polyphilo sehr wohl / so gar / daß ers zu einem guten Zeichen deutete: mehr aber erfreuete ihn / daß er die Königin / zu seinem Nutzen /mit Warheit betrogen hatte / dann er gedachte: jetzt kan ich meinem Diener / der mir in allem getreu ist /einen Brief auf Soletten / an Macarien mitgeben / den ich so stellen will / daß sie mir entweder antworten muß / oder / durch verwaigerte Antwort / ihren Widerwillen öffentlich bekennen.

Wie der Rath beschlossen / so gieng das Werck von statten / Polyphilus verfertigte nachgesetzten Brief / und schickete Servetum (so hieß der Diener) unwissend der Königin / zusamt Melopharmis und Agapisto / damit auf Soletten zu / gab ihm auch von allem Bericht / daß er nicht fehlen konte. Der Brief lautete also:


Kunst- und Tugendreiche Macarie!


Mit was Betrübnus ich gestern / ohne ihr Besprechen / durchgeritten; und mit was Schmertzen / ich jüngsthin / von Agapisto / dem Getreuesten meiner Getreuen / die schimpffliche Verachtung / meiner wohlgemeinten Schrifft vernommen: kan sie selber leicht erachten / wofern sie einmal so unglück[556] selig gewesen / als ich mich jetzt bekennen muß. Zwar bin ich selber dessen Schuld / und hätte mich billich / wie sonst allezeit / besser versehen sollen: Wann ich aber dero guten Willen / und mir erzeigten Gunst / mich erinnert / habe ich nicht gehoffet / daß sie meine /wiewol unbegehrte / doch nicht gar verwerffliche Treue / also sehr verunehren würde. Gleichwohl aber /weil vielleicht ihre gebührende Zucht und Sorgfältigkeit / Argwohn zu verhüten gedencket; und ich daher /wiewol sehr ungewiß / schliesse / daß mein Brieflein um derentwegen nicht erbrochen worden: als habe ich zwar eines theils einen betrüglichen Trost und verführende Hoffnung: doch weil keines ohne Grund bestehen kan / bitte ich / durch eben die Treu / so ich ihr ungefordert verspreche / sie wolle mich entweder den Seeligsten / durch die geringste Gunst ihrer Freundlichkeit / auf dieser Welt / leben lassen / und meine wenige Zeil einiger Eröffnung würdigen: oder den Unglückseligsten / durch höchste Betrübnus / sterben heissen; welches dann künfftig ist / wofern ich nicht bald berichtet werde / daß meine Briefe / von ihrer begnädigten Hand eröffnet / den erleuchtenden Augen durchlesen / und mit dem verständigen Hertzen / nach Recht und Billigkei /[557] erkläret werden. Kans dann nicht / nach meinem Wunsch / ergehen / so ist dieses noch meine Bitt / daß sie mich so viel würdigen wolle / und an das getreue Hertz gedencken / welches die Zeit seiner Verstossung / mit nichts / denn traurig-betrübten Gedichten / in sorgen-voller Einsamkeit /zubringet / entweder sich mit denselben betrüglich zu trösten / oder wahrhafftig zu betrüben. Doch sey es /ihrentwegen erleide ich alles / und durch ihre Liebe /nenne ich mich / so lang ich lebe / und sie begehret /den

Unglückseligen.

Quelle:
Maria Katharina Stockfleth: Die Kunst- und Tugend-gezierte Macarie, 2 Bände, Band 1, Nürnberg 1669, S. 520-558.
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