Parodie des Chorgesangs (das Traumgesicht Nebucadnezars) im Schauspiel Belsazar:

[285] 1813.


»In Babels Aue stand an dem Stromgestad'

Ein Baum des Schattens; dick aus der Wurzel schoß

Sein Riesenstamm, die schönen Aeste

Huben sich stolz in des Himmels Wolken« –


Im Unflathspfuhl der jüngeren Babylon,

Dort wo die Gräuel ihrer Erwürgungen

Der Höh' entspühlten, wo der Sumpf die

Lüfte verpestend und schäumend aufgohr –


Einst im Triumphe zog, mit vergoldetem

Gehörn und Kränzen prangend, ein Stiergespann

Die Göttinn Freiheit, ihre Schwester-

Metze Vernunft auf dem Hochaltar stand;
[286]

Die Schlachtbank witternd, brülleten, sträubten sich,

Wo strömend floß das Blut der Enthaupteten,

Die Stiere, eingewurzelt standen

Sie, und es kroch in ihr Joch der Pöbel –


Dort schwoll empor, des Mords und der Fäulniß Sohn,

Ein Riesenaufwuchs unter dem Pilzgeschlecht,

Er prunkend, strotzend, hoch und breit sich

Dehnend und brüstend in eitler Hoffart.


Das Schlammgewürm umkroch, es umflattert' ihn

Des Fliegenkönigs stachelbewaffnete

Ha! Ehrenlegion! Anbetend

Summte von fernher das Ungeziefer.


Der Aufgeblähte dunstete Moderhauch

Umher; doch Dank der Wolke des Ekelqualms,

Sie winkte Warnung, daß ein keusches

Auge sich wende vom Scheusal abwärts.


Da scholl der Rache Stunde! Zertreten lag

Zu Staub und Koth gemalmet der Wunderpilz,

Und seiner Sippschaft Pfifferlinge

Waren verstiebt mit dem Schwarm der Schranzen.
[287]

So Er, deß Bild der Sprosse des Pfuhles war,

Gestürzet liegt Er! Jubel! mit Wurzel und

Mit Stamm! – Was Stamm und Wurzel? Er ein

Dämmerungs-Fündling aus fernem Eiland!


Ihm schlug im Sturze nicht des Gewissens Puls,

Er schnob noch Mord und Frevel und Flammenwuth;

Doch bald entsank die Heldenlarv', es

Schrumpfte der Prahler in eigne Kleinheit.


Er schwind' und schwinde, winzig und winziger!

Einst ein Kolossus seiner Verblendeten. –

Kommt nun, beschaut, enttäuscht, ihn nah' und

Näher, nicht ohne Vergrößrungsbrille!

Quelle:
Gesammelte Werke der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, Band 2, Hamburg 1820, S. 285-288.
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