54. Die Meere

[110] 1777.


Du schmeichelst mein Ohr,

Ich kenne dein Rauschen,

Deiner Wogen Sirenen-Gesang!

Ost-See, du nahmst mich

Oft mit kosenden Armen

In den kühlenden Schoß!
[110]

Du bist schön!

Nymphe, schön!

Vertraute des waldichten Ufers,

Oft entschlüpfet der West den Wipfeln des Hains,

Und schwebet über dir hin mit gleitendem Flug


Du bist schön,

Nymphe, schön,

Aber die Göttin schöner als du!

Lauter, als du,

Donnert die Nord-See,

Steigend erhebt sich und weiß und gestaderschütternd ihr Fuß!


Stärker und freier, als du,

Tanzet sie eignen Tanz,

Lauschet nicht dienstbar der Stimme

Herrschender Winde;

Steiget und sinkt,

Wenn, mit Wolken umschleiert,

In geheimer Halle schlummert des Sturmes Haupt!


Ich sah die Kiele

Blitzgewaffneter Schiffe

Eilen über ihr hin,

Wenn die Flagge sank,

Und der züngelnde Wimpel sank

Und das Säuseln in Hellebeks Buchen schwieg.


Wie nennet dich mein Gesang!

Nord-Meer, Welt-Meer, Göttin, Unendliche,

Erdumgürtende, Wiege der allerleuchtenden

Sonne, des himmelwandelnden

Mondes und zahlloser

Sterne, die in melodischem

Tanze sich spiegeln, wenn steiget die Well' und hinab sich senkt.
[111]

Auf deinen Wassern

Schwebete Gottes Geist,

Als noch die Erde

Lag in traurender Stille,

Mutterfreuden kannte noch nicht!

Über dir wehet,

Hehr und geheimnisvoll,

Flutend und ebbend,

Sichtbar noch des Allmächtigen Hauch!


Auf hoher Entzückung

Steigendem Flügel

Flog dir entgegen mein Geist;

Göttin, ich flehte:

Nimm mich, o Göttin,

Nimm mich in deinen mächtigen Schoß!

Aber du eiltest

Stolz mir und donnernd vorbei,

Da spannt' ich die Flügel

Des Wogendurchwallers,

Und schwebte zum ferneren Ufer hin.

Du donnertest lauter

Am Felsen-Gestade,

Ich eilte hinan

Das Felsen-Gestade,

Und eilte hinab,

Da faßt' ich dich, Göttin,

Mit nervichtem Arm,

In der Felsen-Halle!

Über mir hingen

Dräuende Gipfel;

Strudelnde Fluten

Drängten durch Klüfte der Felsen sich durch!

Und wohl mir ward

In der Göttin Schoß,

An der Unsterblichen

Wallenden Busen![112]

Heil dir, Heil,

Göttin, und Dank,

Für den seligen Genuß

In der Felsen-Halle!


Quelle:
Deutsche Nationalliteratur, Band 50,2, Stuttgart [o.J.], S. 110-113.
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