62. Die Feier der Erde

[123] 1778.


Alles unter dem Monde,

Unter der himmelwandelnden

Sonne, kennet und kannte

Alles die Muse;

Unter den Tiefen der Erde

Schwebet ihr Fittich,

Und willkommen ist die kühne Fremdling auch oft

Unter den Reigen der Himmlischen
[123]

Dennoch erscheinet sie

Oft dem sterblichen Dichter;

Eilet dem rufenden

Zürnend vorbei,

Aber besuchet,

Ungerufen und lächelnd,

Oft im bebenden Mondenschein,

Oft auf glühendem Sonnenstrahl,

Deine ruhenden Säuglinge,

Mutter Natur!


Staunend sah ich und froh,

Wogenumdonnertes Hellebek,

Wie der Winter und der Sommer zugleich

Schmückten dein rauschendes Haupt.


Staunend und froh,

Weilten vorüberwallende

Geister, die aus Orions

Fluren zu den Inseln der Pleias

Schwebten, und erkannten kaum

Der Erde Antlitz, das sie oft schon sahn,

Forschten nach des rollenden

Jahres Alter, denn sie sahn

Auf der grauen schneeigen Scheitel,

Goldene, säuselnde Locken des Hains!


Mir vertraute, sie vertraute mir,

Die kundige Muse

Das Geheimnis der Natur!


Es feiert die Erde

Heute den Tag ihrer Geburt,

Den sie nach tausend

Rollenden Jahren

Immer feiert!


Denn an diesem Tage

Stieg sie zuerst,

Aus der heimlichen Halle der alten Nacht,

An der strahlenden Hand des ersten der Morgen,

Lächelnd und errötend, den Himmel hinan!
[124]

Es feiert die Erde

Diesen Tag!

Sie berief zur Feier

Die Söhne des Jahrs!


Es erhub sich im nordischen Thal

Der Winter nach kurzem Schlaf;

Schüttelte sein Haupt, da ward bedeckt

Der Boden mit Schnee;

Ging mit eilendem Riesenschritt,

Setzte den starrenden Strahlenfuß

Auf die türmenden Gipfel

Des hohen schwedischen Felsengebirgs;

Schritt übers Meer,

Trat aufs Gestade,

Wo sein Bruder, der Herbst,

Waltete im falben Hain,

Wo sein Bruder, der Sommer,

Weilte in der Eiche grünem Laub.


Es schmückten die Brüder mit vereinter Hand

Die Feier der Erde;

Zartes Eis bedeckte die Fläche

Schimmernder Landseen,

Und es kräuselte sich auf ihm der Buche goldnes Haar!

Spiegelten sich in ihm

Ellern, noch bekleidet mit des Frühlings Schmuck,

Und rote,

Nickende Beeren,

Duftender Feldrosen

Jüngere Schwestern,

Glänzten vom Reife durch den grünen Busch.


Aus brausenden Tiefen

Erhub sein Haupt

Das heilige Nordmeer,

Staunend über Seelands neuen Schmuck;

Aber zagend wich

Zurück vom Gestade die Ostsee,[125]

Fürchtend, daß schon itzt

Würde binden der Winter

Mit krystallner Fessel ihren blauen Arm,

Würde stürmend zerschellen

Schiffe, die sich ihr

Vertrauten, und zahllos

Ihre weißen Flügel öffneten dem Hauch des Windes.


Neuen Mut

Gab ihr die steigende Sonne,

Deren goldener Strahl

Träufeln ließ, wie Tau,

Von grünen Eichen den geschmolznen Schnee

In der wankenden Blume glänzenden Kelch!


Freudig sangen und feirten Vögel des Hains,

Freudig singet und feiert mein Gesang,

Den ich früh der heiligen Natur

Weihte, die Leier und Gesang mir gab!


Quelle:
Deutsche Nationalliteratur, Band 50,2, Stuttgart [o.J.], S. 123-126.
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