41. Wassilj Wereschtschagin

[283] Nun will ich von Wassilj Wereschtschagin erzählen. Als ich erfuhr, daß der große russische Künstler, der mit seinem Pinsel denselben Feind bekämpfte, gegen den ich meine Feder wandte, sich in Wien aufhielt, wo er eine Anzahl seiner Bilder ausgestellt, eilte ich nach der Stadt, um die berühmten Bilder zu sehen: – »Bei Schipka alles ruhig«, »Apotheose des Kriegs« und wie alle diese Anklagen hießen. Schon in den Namen, die er seinen Gemälden gab, drückte der Künstler die Bitterkeit aus, die – neben dem Schmerz – seinen Pinsel führte. Der in der Schneeeinöde vergessene Posten, der schon bis zur halben Brusthöhe eingeschneit dasteht – das war's, was Wereschtschagins Geist hinter der bekannten Feldherrendepesche »Vor Schipka alles ruhig« erblickte, und eine Pyramide aus Schädeln, von gierigen Raben umflattert: so malte er die »Apotheose des Kriegs«.

Noch ehe ich dazu kam, in die Ausstellung zu gehen, erhielt ich ein Billett des Künstlers, worin er mich einlud, an einem bestimmten Tage um zehn Uhr vormittags ins Künstlerhaus zu kommen; er[283] wolle dort sein und mir selber die Honneurs der Ausstellung machen. Wir fanden uns pünktlich ein, der Meine und ich. Wereschtschagin empfing uns an der Tür. Mittelgroß, mit einem langen grauen Vollbart, lebhaft, beredt (er sprach Französisch), ein durch Ironie gedämpftes, leidenschaftliches Wesen – –

»Wir sind Kollegen und Kameraden, gnädige Frau,« lautete seine Begrüßung. Und nun führte er uns von Bild zu Bild und erzählte, wie es entstanden und was er sich dabei gedacht. Bei vielen der Bilder konnten wir Ausrufe des Schauderns nicht unterdrücken.

»Sie glauben vielleicht, dies sei übertrieben? – Nein, die Wirklichkeit ist noch viel schrecklicher ... man hat mir sehr oft Vorwürfe gemacht, daß ich den Krieg von der schlechten, abstoßenden Seite dargestellt hätte ... als ob der Krieg zwei Seiten habe – eine angenehme, anziehende und eine andere unschöne, abstoßende – es gibt nur einen Krieg mit nur einem Ziel: der Feind muß möglichst viel dulden, möglichst viel Menschen an Gefallenen, Verwundeten und Gefangenen verlieren, einen Schlag nach dem anderen bekommen, bis er um Schonung bittet.«

Vor dem Bilde »Apotheose des Krieges« machte er uns auf eine Inschrift aufmerksam, die mit kleinen russischen Buchstaben unten am Rande stand:

»Das können Sie nicht lesen, es ist Russisch und heißt: ›Gewidmet den Eroberern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.‹ Als das Bild in Berlin ausgestellt war, ist Moltke davor gestanden – ich war an seiner Seite – ich habe ihm die Worte übersetzt – die Widmung galt ja auch ihm ...«

Ein anderes Gemälde stellte eine mit dicker Schneeschicht bedeckte Straße vor und hin und wieder hervorragende Hand- oder Fußspitzen. »Was ist das, um Himmels willen!« riefen wir.

»Kein Phantasiebild ... es ist Tatsache, daß im Winter, sowohl im letzten Russisch-Türkischen Krieg, als auch während anderer Winterkampagnen, der Weg, welchen die Regimenter passierten, mit Leichen bedeckt war – wer das nicht gesehen hat, dem fällt es schwer, es zu glauben. Die Kanonen, Artillerie- und andere Wagen drücken die Unglücklichen mit ihren Rädern noch lebend in die Radspuren hinein, worauf die Leichen, damit der Weg nicht verdorben würde, schon nicht mehr herausgenommen, sondern in den Schnee vollkommen eingepreßt werden – nur die mitunter hervorragenden Gliedspitzen zeigen darauf hin, daß der Weg ein dichter Friedhof ist ...«[284]

»Ich begreife,« sagte ich, »daß Ihnen der Vorwurf gemacht wurde, gerade das Schrecklichste, was Sie gesehen, wiederzugeben.«

»Das Schrecklichste? Nein. Nicht wenige dramatische Stoffe fand ich, vor denen ich direkt zurückgewichen bin, weil ich mich nicht imstande fühlte, sie auf die Leinwand zu bannen; ich erlebte zum Beispiel folgendes: Mein Bruder, der bei General Skobelew Adjutant war, wurde beim dritten Sturm auf Plewna getötet. Der Ort, wo er fiel, wurde vom Feinde besetzt, so konnte ich den Leichnam meines Bruders nicht bergen. Nach drei Monaten, als sich Plewna ergeben hatte, ging ich an die Stelle hin und fand sie mit Leichen – richtiger mit Skeletten – bedeckt; soviel ich auch suchen mochte, sah ich überall bloß mir entgegengrinsende Schädel und hier und da noch mit Hemden und Fetzen bekleidete Gerippe, die mit den Händen irgendwo in die Ferne hinwiesen. Welcher von diesen war mein Bruder? Ich habe die Kleiderreste genau betrachtet, die Schädelknochen, die Augenhöhlen und ... Ich hielt es nicht aus – die Tränen flossen mir in Strömen, und lange konnte ich dem lauten Weinen nicht Einhalt gebieten ... Trotzdem setzte ich mich nieder und entwarf eine Skizze dieser an Dantes Bilder der Hölle erinnernden Stelle. Ein solches Bild mit meiner Gestalt inmitten all dieser Skelette, dieselben auseinander werfend, wollte ich wiedergeben – nicht möglich. Sogar nach einem Jahre, nach zwei Jahren, sobald ich mich an die Leinwand setzte, schnürten mir dieselben Tränen die Kehle zu, und sie ließen mich nicht fortsetzen – und so habe ich dieses Bild niemals vollenden können.«

Daß ich alles dies mit Wereschtschagins eigenen Worten erzähle, ist verbürgt. Ich habe ihn nämlich damals gebeten, er möchte doch das, was er eben gesagt, in einem Artikel wiederholen, den er meiner Monatsschrift schicken möge. Diese Bitte hat er erfüllt, und in Nr. 7 und 8, Jahrgang 1893 von »Die Waffen nieder« veröffentlichte Wereschtschagin die obigen Erinnerungen und noch manches andere dazu.

»Um besser zu begreifen, was der Krieg ist,« erzählte Wereschtschagin weiter, »habe ich beschlossen, mich von allem mit eigenen Augen zu überzeugen: ich habe den Feind mit der Infanterie angegriffen und – es kam auch vor – die Soldaten zum Sturme geführt; ich habe an den Kavallerieüberfällen und -treffen teilgenommen und ging mit Marinesoldaten an die Attacke großer Schiffe mittels eines Minenträgers. Bei diesem letzten Anlasse wurde ich für meine Neugierde mit einer ernsten Wunde bestraft, welche mich beinahe ins Jenseits gebracht hätte, um dort meine Beobachtungen fortzusetzen.«[285]

Nun, wir wissen es heute, daß es in der Tat sein Schicksal war, von einer Mine in das Jenseits befördert zu werden. Eine der ersten Nachrichten, die vom Russisch-Japanischen Kriege in die Welt drang, war der Untergang des Panzers »Petropawlowsk«, der auf eine Mine gestoßen war. Und am Bord saß Wereschtschagin, den Stift in der Hand, und zeichnete ... ein Ruck, ein Schmerzensschrei aus achthundert Kehlen, und – alles versank in die Tiefe. Wereschtschagin hatte die Episoden des allermodernsten Krieges beobachten und zeichnen wollen ... was wären das für Bilder geworden? ... Vielleicht wären sie ebenso unmöglich fertigzustellen gewesen wie die Wiedergabe der Szene bei Plewna – es gibt Schrecknisse, die die Hand des Bildners lähmen oder den Geist des Beobachters umnachten. Der Russisch-Japanische Krieg hat den Massenwahnsinn gezeitigt. – – Die vibrierende Künstlerseele Wereschtschagins wäre vielleicht am ehesten dem Wahnsinn verfallen, wenn er etwa versucht hätte, die Szenen zu malen, die sich auf Stacheldrähten und in Wolfsgruben abgespielt haben ...

Ich bin einige Jahre später – um hier meine ganzen Erinnerungen an Wereschtschagin zu erschöpfen – ein zweites Mal mit ihm zusammengekommen; da hatte er in Wien den Zyklus seiner Napoleonbilder ausgestellt. Kaiser Wilhelm II. soll ihm beim Anblick eines dieser Bilder gesagt haben: »Damit, lieber Meister, kämpfen Sie gegen den Krieg wirksamer an als irgendwelche Friedenskongresse.«

Doch »anzukämpfen« war, glaube ich, überhaupt nicht die Absicht des Künstlers. Wahr wollte er sein. Er haßte nicht einmal den Krieg; er empfand dabei die Regungen des Jagdsports:

»Ich habe mehrmals« (dies seine eigenen Worte) »Menschen in den Schlachten getötet und kann aus Erfahrung sagen, daß die Aufregung wie auch das Gefühl der Genugtuung und der Befriedigung, nachdem man einen Menschen getötet hat, demjenigen vollkommen gleichkommt, welches man empfindet, wenn man ein größeres Wild zur Strecke gebracht.«

Quelle:
Bertha von Suttner: Memoiren, Stuttgart und Leipzig 1909, S. 283-286.
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