Scherl

[708] Der du die Wildsau hast im Blatt geschildert,

Wie sie den allerhöchsten Stoß bekommt,

Der alles, was es gibt, gelichtgebildert,

Nun hat dir endlich deine Müh' gefrommt.

Heil dem Weisen, der's verstand!

Alles G'schwerl

Bringt der Scherl

In der »Woche«.[708]

Aus dem Loche

Hängt ihm jetzt ein Ordensband.


Du zeigst dem niedern Volk die hohen Kreise,

Wie sich der Graf, wie der Baron sich mopst,

Und wie sie zu sich nehmen Trank und Speise,

Und wie die Tochter im Basare hopst.

Heil dem Manne unsrer Zeit!

Eine Perl

Ist der Scherl;

Jede Chose,

Jede Pose

Weiht er der Unsterblichkeit.


Du bringst die Herren, wie sie brünstig beten,

Sogar in Kirchen knipst dein Apparat.

Du zeigst die Dichter, wie sie Verse kneten,

Und die Minister bei dem Abendskat.

Heil dem Guten, der gesiegt!

Ja, ein Kerl

Ist der Scherl!

Durch das Blitzlicht –

's ist kein Witz nicht –

Hat 'nen Orden er gekriegt.


Der größte Staatsmann läßt von dir sich typen,

Und die Soubrette wird uns aufgetischt.

Die Lumpen prangen neben den Polypen,

Die teils sie fingen, teils sie nicht erwischt.

Heil dem Manne, der es kennt,

Wie der Scherl,

Diese Perl,

Was Epoche

Macht der »Woche«,

Was ein packender Moment.


O fahre weiter fort uns einzuimpfen

Respekt vor dem, was von sich reden macht.

Die Leute, welche ernstlich auf dich schimpfen,[709]

Sind nur die paar, die du noch nicht gebracht.

Heil dem Weisen, der's verstand!

Alles G'schwerl

Bringt der Scherl

In der »Woche«.

Aus dem Loche

Hängt ihm jetzt ein Ordensband.

Quelle:
Ludwig Thoma: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Band 6, München 1968, S. 708-710.
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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

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