Fahrt nach Mantua

[124] Beschlossen war die Fahrt und doch verzögert.

Wundersame Mähren,

Wie aus dem Dunkel früher Jahrhunderte,

Leben wieder auf und wandeln uns nah.


Es schüttelt bedenklich

Der Vetturin das Haupt,

Der Wirth und die Gäste

Schauen sich ernsten langen Blickes an,

Und an der Furcht des einen

Zündet jener am Funken

Die Fackel seiner Angst.


Ein scheußlich großes Ungeheuer

Lagert auf dem Wege,

Unbeschreiblich ist es, aber kräftig, wild:

Erst nur verschlang es Schaafe und Hammel,

[125] Dann auch die Menschen,

Wagen und Pferde.

Ist es ein Lindwurm?

Kehren die Drachen denn wieder,

Die wilden Würme,

Die Dietrich von Bern so früh schon vertilgte?


Jammer auf Jammer!

Schon wieder ein Fuhrmann,

Der Angst und Roth

Mit zitternden Lippen berichtet.

Von Mantua aus zog ein Geschwader,

Wohl gerüstet,

Mit Schwert und Lanze,

Und neuen Flinten,

Nicht wenige Mannschaft.

Und Lieutnant weder,

Noch Sergeant, Corporal,

Am wenigsten die Gemeinen,

Haben die Thore der Stadt je wiedergesehn:

Wo sind sie geblieben?


[126] Mit welchem neuen Kriegesmuth

Muß der Gräuelwurm nun schreiten,

Unüberwindlich trotzen,

So viele Helden im Bauch!

Nun beschwört uns unser Florentiner,

Der selbst gern dem Vaterlande zueilt,

Ja zu warten und zu harren,

Still ergeben,

Bis man merkt wohin sichs wende,

Wenn das neue Commando

Dort aus der Vestung

Mit Artillerie reichlich begleitet,

Dem Ungethüm entgegen eilt.


Doch mit Bitten, Lachen, Drohen,

Schimpfen, Zank und vielem Scherz,

Wird der Zitternde doch bewogen,

Die Thiere einzuspannen.

Der Senat schüttelt das Haupt,

Und sieht uns weislich nach,

Meint am Ende,

[127] An thörichten Deutschen sei freilich nicht viel verloren.

Hell scheint die Sonne,

Schnell läuft das Fuhrwerk,

Und der Regierer

Hat Augen rechts und links und allerseits.

Alles in Ruhe,

Doch naht nur ein Reiter,

So hält er sinnig an.


Schon entwickelt sich in grüner Ebne

Die Vestung dort,

Sein Muth erwächst so mehr und mehr,

Er treibt die Rosse

Und an dem Thore

Sind wir geflügelten Laufs.


Welch Menschengedränge!

Welch Toben! Welch Erzählen!

Welch Jubelgeschrei!

Und aus dem Irrsaal

Vernimmt man die Mähre,

[128] Das Furchtgethier

Sei eingefangen,

Von kühner Heldenfaust erlegt,

Und dort auf dem Rathhaus für wenige Groschen zu sehn.


Wir steigen ab,

Und folgen dem Zuge.

Was war das Gespenst?

Ein mäßiges Wölflein,

Dem man mit Pflöcken

Den Rachen aufgesperrt,

Daß die poetischen Menschen,

Die Phantasie begabten,

An seinem nicht großen Gezahn

Sich schaudernd ergötzten.

Quelle:
Ludwig Tieck: Gedichte. Teil 3, Heidelberg 1967, S. 123-128.
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