II

[368] Nimmt man an, wie es die Historiker tun, daß die großen Männer die Menschheit zur Erreichung bestimmter Ziele hinleiten, welche entweder in der Größe Rußlands oder Frankreichs oder im europäischen Gleichgewicht oder in der Verbreitung[368] revolutionärer Ideen oder im allgemeinen Fortschritt oder in sonst etwas bestehen, so ist es unmöglich, die Erscheinungen der Geschichte ohne die Begriffe »Zufall« und »Genie« zu erklären.

Wenn das Ziel der europäischen Kriege zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts in der Größe Rußlands bestand, so konnte dieses Ziel ohne jeden vorhergehenden Krieg und ohne Invasion erreicht werden. Wenn das Ziel die Größe Frankreichs war, so ließ sich dieses Ziel ohne Revolution und ohne Kaiserreich erreichen. Wenn das Ziel die Verbreitung von Ideen war, so hätte das die Buchdruckerkunst weit besser ausgeführt als die Soldaten. Wenn das Ziel in dem Fortschritt der Zivilisation bestand, so liegt die Vermutung nahe, daß es außer der Vernichtung von Menschen und ihrer Habe noch andere, zweckmäßigere Wege zur Verbreitung der Zivilisation gibt.

Warum hat sich denn alles so begeben und nicht anders? Weil es sich so begeben hat.

»Der Zufall hat die Lage geschaffen, das Genie hat sie benutzt«, sagt die Geschichte. Aber was ist Zufall? Was ist Genie?

Die Worte »Zufall« und »Genie« bezeichnen nichts wirklich Existierendes und lassen sich darum auch nicht definieren. Diese Worte bezeichnen nur einen gewissen Grad des Verständnisses der Erscheinungen. Ich weiß nicht, warum diese oder jene Erscheinung eintritt, und bin der Meinung, daß ich es nicht wissen kann; daher verzichte ich darauf, es zu wissen, und sage: Zufall. Ich sehe eine Kraft, die eine Wirkung hervorbringt, die zu den gewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten in keinem Verhältnis steht; ich verstehe nicht, woher das kommt, und sage: Genie.

Einer Hammelherde muß derjenige Hammel, der vom Schäfer jeden Abend zur Fütterung in eine besondere Hürde getrieben[369] wird und noch einmal so dick wird wie die anderen, als ein Genie erscheinen. Und der Umstand, daß allabendlich gerade dieser Hammel nicht in den gemeinsamen Schafstall, sondern in eine besondere Hürde kommt und dort seinen Hafer erhält, und daß dieser, gerade dieser von Fett strotzende Hammel zum Essen geschlachtet wild, muß als eine merkwürdige Vereinigung der Genialität mit einer ganzen Reihe außerordentlicher Zufälligkeiten erscheinen.

Aber die Hammel brauchen sich nur von der Vorstellung freizumachen, daß alles, was mit ihnen vorgeht, lediglich zur Erreichung der Zwecke geschieht, welche ihnen selbst vorschweben; sie brauchen nur anzunehmen, daß die mit ihnen sich zutragenden Begebnisse auch andere, ihnen unverständliche Zwecke haben können: und sie werden sofort in dem, was mit dem besonders gemästeten Hammel vorgeht, die Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit erkennen. Und wenn sie auch nicht verstehen werden, zu welchem Zweck er gemästet wurde, so werden sie doch wenigstens einsehen, daß alles, was mit dem Hammel vorging, nicht ohne eine leitende Absicht geschah, und werden weder den Begriff »Zufall« noch den Begriff »Genie« mehr nötig haben.

Erst wenn wir darauf verzichten, einen nahen, begreifbaren Zweck erkennen zu wollen, und zugeben, daß der Endzweck für uns unfaßbar ist, erst dann werden wir die Zweckmäßigkeit in dem Leben der weltgeschichtlichen Persönlichkeiten erkennen, und es wird uns die Ursache jener von ihnen hervorgebrachten Wirkung, die zu den gewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten in keinem Verhältnis steht, klar werden, und wir werden der Worte »Zufall« und »Genie« entraten können.

Wir brauchen nur anzuerkennen, daß uns der Zweck des Hin- und Herwogens der europäischen Völker unbekannt ist und wir nur die Tatsachen kennen, welche in einem vielfachen Morden[370] bestanden, zuerst in Frankreich, dann in Italien, in Afrika, in Preußen, in Österreich, in Spanien, in Rußland, und daß die Bewegung von Westen nach Osten und wieder von Osten nach Westen den Kern und Zweck dieser Ereignisse bildet: und wir werden nicht mehr nötig haben, in den Charakteren Napoleons und Alexanders eine alles überragende Ausnahme und eine Genialität zu sehen, ja, wir werden uns diese Persönlichkeiten sogar als ganz ebensolche Menschen vorstellen müssen wie alle übrigen; und wir werden nicht mehr nötig haben, die kleinen Ereignisse, durch welche diese Männer zu dem gemacht wurden, was sie waren, für Zufälligkeiten zu erklären, sondern es wird uns vielmehr deutlich sein, daß alle diese kleinen Ereignisse notwendig waren.

Haben wir so auf eine Erkenntnis des Endzwecks verzichtet, so werden wir klar einsehen, daß, wie man zu keiner Pflanze andere, besser zu ihr passende Blüten und Samen ersinnen kann als die, welche sie wirklich hervorbringt, man ebensowenig zwei andere Menschen ersinnen kann, deren ganze Vergangenheit in solchem Grad, bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, der Bestimmung entspräche, die zu erfüllen ihnen oblag.

Quelle:
Tolstoj, Lev Nikolaevic: Krieg und Frieden. 4 Bde., Leipzig 1922, Band 4, S. 368-371.
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