An den deutschen Mond

[304] Guter Mond, du gehst so stille

Durch die Abendwolken hin!

Siehst die lange Äppelzille

Und die Venuspriesterin.

Siehst Passanten und die Bummler

Und die bösen Geldscheinschummler.

Bist das alles schon gewohnt,

Guter Mond, guter Mond –!


Segelst langsam ob den Dächern,

Siehst in Fenster und Büros,

Wo die Akten in den Fächern

Flüstern: »Wir sind Nosken los!«[304]

Siehst in Fenster der Kasernen,

Wo sie Schwarz-Rot-Gold entfernen . . .

Bist das alles schon gewohnt,

Guter Mond, guter Mond –!


Kugelst dich am Firmamente

Über unsre große Stadt,

Siehst die dicke, schwere Rente,

Die der Ludendorff noch hat.

Siehst auch nächstens, wenn es später,

Manche freien Hochverräter . . .

Bist das alles schon gewohnt,

Guter Mond, guter Mond –!


Aber käme plötzlich einer,

Der trotz Lärmen und Gezisch

Schlüge – wie noch leider keiner –

Mit der Faust auf unsern Tisch –

Sagt der: »Militär kann gehen!«

Ei, dann bliebst du sicher stehen!

Denn das bist du nicht gewohnt,

Guter Mond, guter Mond –!


  • · Theobald Tiger
    Berliner Volkszeitung, 18.04.1920.

Quelle:
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 2, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 304-305.
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