Erstes Capitel.

Tiflis.

Transkaukasien.


So lautete die Unterschrift einer Depesche, die mir am 13. Mai bei der Ankunft in Tiflis ausgehändigt wurde.[5]

Diese Depesche hatte folgenden Inhalt:

»Alles übrige aufgebend wird Claudius Bombarnac am 15. dieses im Hafen Uzun-Ada, Ostküste des Caspisees, eintreffen. Hier durchgehenden Zug der Groß-Transasiatischen Bahn zwischen Grenze Europas und Hauptstadt Chinas benutzen. Reiseeindrücke berichten; interessante Persönlichkeiten interviewen, auch kleinste Erlebnisse je nach Bedarf durch Draht oder Brief mittheilen.

XX. Jahrhundert‹ rechnet auf Eifer, Verständniß, Thätigkeit, Gewandtheit seines Berichterstatters, dem es unbegrenzten Credit eröffnet.«

An demselben Morgen also, wo ich in Tiflis mit der Absicht eintraf, hier drei Wochen zu verweilen, um die Provinzen Georgiens im Interesse meines Journals und – wie ich hoffte – zur Befriedigung seiner Leser zu besuchen, machte mir der galvanische Draht diesen Strich durch die Rechnung.

Das ist so ein Zwischenfall, eine Laune des Schicksals im Leben eines wandernden Reporters.

Jener Zeit standen die Bahnlinien Rußlands bereits mit der Poti-Tiflis-Baku-Bahn in Verbindung. Nach langer interessanter Fahrt durch die russischen Südprovinzen, hatte ich den Kaukasus überschritten und hoffte nun in der Hauptstadt Transkaukasiens einmal ordentlich Athem zu schöpfen .... Da ... da gestattete mir die befehlerische Verwaltung des »XX. Jahrhundert« nicht mehr als einen halbtägigen Aufenthalt in dieser Stadt. Kaum ausgestiegen, war ich gezwungen, weiter zu reisen, ohne daß mir die Zeit gegönnt blieb, einmal meinen Handkoffer aufzuschließen. Ja, was meinen Sie? Den Forderungen der Berichterstattung, dem letzt modernen Zwange des Interviews, muß man sich wohl oder übel fügen.

Ich war für das transkaukasische Gebiet sorgsamst vorbereitet und mit bezüglichen geographischen und ethnologischen Hilfsmitteln reichlich versehen. Bemühen Sie sich einmal erst, zu lernen, daß die turbanartige Pelzmütze, mit der sich hier die Bergbewohner und die Kosaken den Kopf bedecken, »Papakha« heißt; daß der um die Lenden eingezogene Rock, an dessen Seiten Patronentaschen hängen, von den Einen »Tscherkeska«, und »Bechmet« von den Andern genannt wird! Seien Sie einmal in der Lage, behaupten zu können, daß der Georgier und der Armenier sich mit zuckerhutförmiger Filzmütze bedecken daß[6] die Kaufleute die »Tulupa«, d.i. einen Pelz aus Schaffell anlegen, daß der Kurde und der Parsi noch die »Burka«, einen aus plüschähnlichem Gewebe bestehenden und durch Appretur wasserdicht gemachten Mantel tragen!

Und der Kopfputz der schönen Georgierinnen, der »Tassakravi«, hergestellt aus leichtem Bande, flockigem Schleiergewebe und seinem Musselin, der das reizende Gesicht der Frauen einrahmt; und ihre Kleider von leuchtender Farbe mit weit offenen Aermeln; ihre an die Taille geknöpften Unterkleider; der sammtene, mit Pelz verbrämte und mit Goldschnüren geschmückte Winterüberwurf; ihr Sommerumhang aus weißer Baumwolle; der »Tschadre«, den sie am Ellenbogen eng zusammenziehen – kurz alle diese Eigenthümlichkeiten der Nationaltracht, die ich in meinem Notizbuche schon sorgsam angemerkt habe, was beginne ich nun mit diesen? Es geschieht dem »XX. Jahrhundert« ganz recht, daß ich es nun nicht damit ausschmücken kann.

Lernen Sie nur einmal erst, daß die volksthümlichen Orchester bestehen: aus »Zurnas«, das sind scharf klingende Flöten; aus »Salamuris«, das sind schreiende Clarinetten; aus Mandolinen mit kupfernen Saiten, die mit einer Feder angerissen werden; aus »Tchianuris«, das sind Violinen, auf denen der Bogen in ganz senkrechter Richtung streicht, und aus »Dimplipetos«, einer Art Cymbeln, die ein Klappern wie das von Hagelkörnern an der Fensterscheibe hervorbringen.

Haben Sie erst einmal gelernt, daß der »Schaska« ein Säbel ist, der an einem, mit silbernen Nagelköpfen und Stickereien verzierten Bandelier hängt; daß der »Kindjall« oder »Kandjar« einen durch den Gürtel gesteckten Dolch darstellt, und daß die Ausrüstung des Soldaten vom Kaukasus durch eine lange Flinte mit Damascenerlauf vervollständigt wird.

Lernen Sie erst einmal, daß der »Tarantaß« eine Art Berline ist, die mit weitspurigem Radgestell von mittlerer Höhe auf fünf ziemlich elastischen Holzstücken ruht; daß dieses Gefährt von einem auf dem Vordersitze thronenden »Yemichik«geführt wird, der die drei vorgespannten Pferde im Zügel hält, und zu dem noch ein zweiter Kutscher, der »Faletre«, kommt, wenn sich's nöthig macht, von dem »Smalritet«, dem Postmeister an den kaukasischen Straßen, für einzelne Strecken ein viertes Pferd zu entnehmen!

Prägen Sie sich erst einmal ein, daß die Werst ein Kilometer und siebenundsiebzig Meter lang ist; daß die verschiedenen nomadisirenden Völkerschaften des Kaukasus in folgende Stämme zerfallen, nämlich in: Kalmücken, Nachkommen[7] der Eleuther, fünfzehntausend Köpfe; Kirgisen, von muselmanischer Abkunft, achttausend; Tataren von Kundrof, elftausend; Tataren von Sartof, zwölfhundert; Nogaïs, achttausendfünfhundert, und Turkmenen, nahe viertausend Köpfe.


An demselben Morgen, wo ich in Tiflis eintraf ... (S. 6.)
An demselben Morgen, wo ich in Tiflis eintraf ... (S. 6.)

Und nun, da ich mir mein Georgien so sorgsam »eingetrichtert« habe, nun zwingt mich ein Ukas, es zu verlassen! Nicht einmal so viel Zeit wird mir übrig bleiben, um den Berg Ararat zu besuchen, jene Stelle, auf der am vierzigsten Tage der Sindfluth die Arche Noah's, das primitive flachbodige[8] Schiff des berühmten Patriarchen, sitzen blieb! Ich muß Verzicht leisten auf die Veröffentlichung meiner Reiseeindrücke aus Transkaukasien, und verliere dabei mindestens tausend Druckzeilen, zu denen ich die zweiunddreißigtausend Wörter unserer Sprache – so viele hat die französische Akademie amtlich festgenagelt – zur Verfügung gehabt hätte.


 »Sie wollen nach Baku?« (S. 10.)
»Sie wollen nach Baku?« (S. 10.)

Das ist hart, doch nicht dagegen anzukämpfen.

Nun zunächst ... um wieviel Uhr geht der Zug von Tiflis nach dem Caspischen Meere ab?[9]

Im Bahnhofe von Tiflis münden drei Bahnlinien ein, die westliche, die bis Poti am Schwarzen Meere hinführt, d.h. nach dem Hafen, in dem die aus Europa kommenden Reisenden landen; die östliche, d.i. die nach Baku, dem Einschiffungsplatze für die Fahrt über den Caspisee, und endlich die Eisenbahn, die die Russen in einer Länge von hundertvierundsechzig Kilometern zwischen Ciskaukasien (Circassien) und Transkaukasien, von Wladikavkaz nach Tiflis, gebaut haben und die, in einer Höhe von viertausendfünfhundert Fuß den Rücken des Arkhot überschreitend, die Hauptstadt von Georgien mit den Bahnen des südlichen Rußlands verbindet.

Ich begebe mich eiligst nach dem Bahnhof und stürme hier in die Abfahrtshalle.

»Wann geht der Zug nach Baku ab? frage ich.

– Sie wollen nach Baku?« erwidert der Schalterbeamte.

Er mißt mich dabei durch das Schiebfenster mit dem mehr militärischen als – höflichen Blicke, der unter dem Schilde jeder moskowitischen Dienstmütze hervorzuleuchten pflegt.

»Ich meine, antworte ich, vielleicht etwas vorschnell, es ist doch Keinem verboten, nach Baku zu gehen? ...

– Nein, erwidert er mir trocknen Tones, vorausgesetzt, daß man mit ordnungsmäßigem Passe versehen ist.

– Der wird mir nicht fehlen,« stoße ich gegen den bärbeißigen Beamten hervor, der mehr die Rolle eines Gendarmen zu spielen scheint.

Dann frag' ich nun noch einmal, um wieviel Uhr der Zug nach Baku abgehen werde.

»Um sechs Uhr Nachmittag.

– Und trifft am Ziele ein? ...

– Am folgenden Tage früh sieben Uhr.

– Noch rechtzeitig, um an den Dampfer nach Uzun-Ada Anschluß zu haben?

– Zeitig genug.«

Der Schalterbeamte erwidert meinen Gruß mit mechanischer Präcision.

Die Paßangelegenheit beunruhigt mich nicht; der französische Consul wird mir die von der russischen Verwaltung aufgestellten Vorschriften schon erfüllen helfen. Um sechs Uhr Nachmittag, und jetzt ist's schon um neun Uhr Vormittag! Gleichviel! Ist man nach gewissen Reiseführern im Stande, Paris binnen zwei,[10] Rom binnen drei und London binnen vier Tagen zu besuchen, so müßt' es doch sonderbar zugehen, wenn man Tiflis nicht in einem halben Tage besuchen könnte; übrigens verstehe ich nach drei Seiten gleichzeitig zu sehen. Zum Teufel, man ist entweder ein ganzer Reporter oder gar keiner!

Es versteht sich, da mein Journal mich nach Rußland entsendet hat, ganz von selbst, daß ich russisch englisch und deutsch ziemlich geläufig spreche. Von einem Berichterstatter die Kenntniß der verschiedenen tausend Zungen zu verlangen, in denen die Bewohner aller fünf Erdtheile ihre Gedanken ausdrücken, das wäre denn doch etwas gar zu arg. Mit den genannten drei Sprachen und der französischen zur Aushilfe kommt man in der Alten und der Neuen Welt weit genug. Freilich herrscht in der Gegend hier auch noch die türkische Sprache, von der ich mir einige Redensarten gemerkt habe, und dann die chinesische, von der ich kein Wort verstehe. Deshalb ist aber nicht zu fürchten, daß ich in Turkestan und im Himmlischen Reiche nur mit offenem Munde dastehen müßte. Unterwegs trifft man genug dienstbereite Dolmetscher, und ich hoffe, mir bei dieser Fahrt mit der Groß-Transasiatischen Bahn nichts von Bedeutung entgehen zu lassen. Ich verstehe zu sehen und werde also sehen. Warum denn leugnen? Ich gehöre zu denen, die da glauben, daß hienieden Alles zu einer Wochenplauderei Stoff liefert, daß Erde, Mond, Sonne und Weltall nur geschaffen sind, um in Journalartikeln verarbeitet zu werden, und meine Feder soll unterwegs nicht feiern.

Ehe ich Tiflis besichtige, ist es doch nöthig, die Paßangelegenheit in Ordnung zu bringen. Zum Glück handelt es sich nicht um Erlangung eines »Poderojnaïa«, den früher jeder, der Rußland bereiste, mit sich führen mußte. Das war zur Zeit der Couriere, der Postpferde, und Dank seinem mächtigen Einflusse, hob dieser officielle Passirschein alle Schwierigkeiten, sicherte dein Reisenden die schnellste Beförderung durch Relais, die liebenswürdigste Zuvorkommenheit der Geschirrführer, die ihre Pferde so antrieben, daß ein gut empfohlener Reisender die zweitausendsiebenhundert Werst lange Strecke zwischen Tiflis und St. Petersburg binnen acht Tagen zurücklegen konnte. Dafür hatte es freilich auch seine großen Schwierigkeiten, sich einen solchen Paß zu verschaffen.

Heutzutage genügt ein einfacher Reise-Erlaubnißschein – ein Schein mit kurzer Angabe, daß der Inhaber weder ein Mordgeselle, noch ein politisch Verurtheilter, daß er, was man so sagt, ein ehrlicher Mann aus civilisirtem Lande[11] ist. Mit Hilfe unseres Consuls in Tiflis hoffe ich, die Paßfrage bei der russischen Behörde bald erledigt zu haben.

Das kostet mich zwei Stunden und zwei Rubel. Dann widme ich mich ganz und gar, mit Augen, Ohren und Beinen, der Erforschung der georgischen Hauptstadt, doch ohne einen Führer in Anspruch zu nehmen – denn vor diesen Leuten hab' ich einen heiligen Schrecken. Ich hätte übrigens jeden beliebigen Fremdling durch das Straßennetz der von mir schon vorher sorgfältig studirten Stadt geleiten können – das ist Naturgabe.

Auf meinem Wege erkenne ich denn: zunächst die »Duma«, das Rathhaus, in dem der »Golowa«, etwa der Bürgermeister, seinen Sitz hat. Hätte mir der Leser die Ehre erwiesen, mich zu begleiten, so hätte ich ihn nach der Promenade Krasnoïa-Gora am linken Ufer der Kura geführt. Diese Stelle bildet etwa die Elysäischen Felder der Stadt, eine Art Kopenhagener Tivoli oder den Jahrmarkt des Boulevard Belleville, mit ihren »Katchelis«, das sind prächtige Schaukeln, deren spitzfindig ausgeklügelte Bewegungen die richtige Seekrankheit erzeugen. Und unter dem Haufen von Jahrmarktsbuden bewegen sich hier festlich gekleidete Frauen mit unverhülltem Gesicht, also offenbar Georgierinnen oder Armenierinnen, die der christlichen Kirche angehören.

Die Männer, reine Apollogestalten, erscheinen ziemlich reich gekleidet, haben das Aussehen von Fürsten, und ich frage mich, ob sie nicht alle solche wirklich sein mögen. Sie stammen ja in der That alle ab von ... doch, die Genealogie später. Setzen wir weit ausschreitend unseren Besuch fort. Eine verlorene Minute sind verlorene zehn Berichtszeilen, und zehn Zeilen betragen ... Das hängt von der Freigebigkeit des Blattes und von seinem Verwaltungsrathe ab.

Schnell nach der großen Karawanserai. Hier rasten die aus allen Theilen Asiens herangezogenen Karawanen. An dieser Stelle trifft eben eine solche, aus armenischen Händlern bestehend, ein; an der anderen zieht, aus persischen und russischen Kaufleuten zusammengesetzt, eine zweite Karawane fort. Ich hätte mit der einen ankommen und mit der andern fortziehen mögen. Das ist leider unmöglich – ich beklage es tief. Seit Errichtung der transasiatischen Eisenbahnen begegnet man kaum noch jenen endlosen, malerischen Zügen von Reitern, Fußgängern, Pferden, Kameelen, Mauleseln und Planenwagen. Bah! Ich fürchte deshalb doch nicht, daß meine Reise durch Centralasien so uninteressant verlaufen wird. Ein Reporter des »XX. Jahrhundert« wird ihr schon die nöthige Würze zu geben verstehen.[12]

Da steh' ich nun in den Bazars mit den tausenderlei Erzeugnissen Persiens, Chinas, der Türkei, Sibiriens und der Mongolei. Hier giebt's im Ueberfluß Webstoffe aus Teheran, Chiraz, Kandahar und Kabul, Teppiche feinster Art und von herrlichster Farbenpracht, und auch Seidenstoffe ... die freilich denen von Lyon nicht gleichkommen.

Soll ich Einkäufe machen? ... Nein! Sich bei einer Fahrt vom Caspisee bis zum Himmlischen Reiche mit Gepäckstücken belasten ... nimmermehr! Den kleinen Koffer in der Hand, die umgehängte Reisetasche mit den nöthigsten Kleidungsstücken, das ist genug für mich. Leibwäsche? ... Die besorg' ich mir nach englischem Vorbild unterwegs.

Verweilen wir jetzt einmal vor den berühmten Bädern von Tiflis, deren Thermalwasser bis sechzig Grad Celsius annehmen kann. Hier übt man die Massage in größter Vollendung, macht man das Rückgrat geschmeidig und läßt die Glieder tüchtig knacken. Ich erinnere mich, was darüber der ältere Dumas gesagt hat, dessen Wanderzüge nie ereignißlos verliefen. Im Nothfalle erfand er solche, dieser geistsprudelnde Volldampf-Berichterstatter.

Halt! »Hôtel de France«! Wo gäb' es auch kein Hôtel de France? Ich trete ein und lasse mir ein Frühstück auftragen ... einen georgischen Imbiß, begossen mit einer gewissen Weinsorte Kacheliens, die im Rufe steht, nicht berauschend zu wirken, vorausgesetzt, daß man sie nicht mehr einathmet als trinkt, bei Benützung der weithalsigen Flaschen, in die die Nase eher eintaucht als die Lippen. Das lieben aber die Eingebornen Transkaukasiens gerade ganz besonders. Den im Allgemeinen nüchternen Russen genügt, wie es scheint, ein Theeaufguß, dem man jedoch etwas »Vodka« den landesüblichen russischen Branntwein, zuzusetzen pflegt.

Ich als Franzose und noch dazu als Gascogner, trinke meine Flasche Kachelier, wie wir unseren Chateau Lafitte zu jener jetzt betrauerten Zeit tranken, wo die Sonne diesen noch auf den Rebenhügeln von Pauillac destillirte. In der That paßt jener etwas säuerliche kaukasische Wein recht gut zu dem gebratenen Huhn, sagen wir, dem »Pilau«, und giebt ihm einen besonders angenehmen Beigeschmack.

Das wäre abgemacht. Nun mischen wir uns unverzagt unter die sechzigtausend Bewohner, die die Hauptstadt Georgiens heute zählt. Verlieren wir uns in dem Labyrinth von Straßen und Gassen, inmitten ihrer kosmopolitischen Bevölkerung. Hier giebt's zahlreiche Juden, die ihre Kaftans von rechts nach[13] links hin zuknöpfen, wie sie im Gegensatz zur arischen Rasse ja auch schreiben. So wie anderswo gar häufig sind die Juden hier aber nicht die Herren des Landes, was ohne Zweifel daher kommt, daß – nach localem Sprichwort – sechs Juden dazu gehören, um einen Armenier zu betrügen, und in den transkaukasischen Provinzen giebt es Armenier in großer Menge.

Ich komme nach einem sandigen Platz, wo Kameele mit vorgestrecktem Kopf und eingeschlagenen Vorderbeinen zu Hunderten lagern. Früher waren es Tausende. Seit der nun einige Jahre zurückliegenden Eröffnung der Transcaspischen Eisenbahn aber hat sich die Zahl dieser buckelrückigen Lastträger gewaltig vermindert. Versuch's doch Einer mit einfachen Saumthieren gegen die Gepäckwagen und die Güterzüge eines Schienenstranges aufzukommen!

Die zuweilen steil abfallenden Gassen hinuntertrottend, gelange ich nach den Uferstraßen der Kura, die die Stadt in zwei ungleiche Hälften theilt. Zu beiden Seiten aufkletternd, erheben sich die Häuser, hocken eines auf dem andern und steigen über den vorderen Nachbar empor, so daß jeder Bewohner auf das Dach des nächsten unter ihm hinabsieht. In den Stadttheilen längs des Flusses herrscht eine lebhafte Handelsthätigkeit. Da ziehen Weinverkäufer mit ihren zu kleinen Ballons aufgeschwellten Schläuchen umher, und Wasserverkäufer mit den aus Büffelhaut hergestellten Behältern, die wieder mit den Elephantenrüsseln ähnlichen Schlauchstücken versehen sind.

Nun irre ich aufs Geradewohl dahin. Errare humanum est, sagen die Collegschüler in Bordeaux so gern, wenn sie die Quais der Gironde abflaniren.

»Mein werther Herr, jüdelt mich da ein Männchen an, indem er nach einem recht unansehnlichen Gebäude hinzeigt, Se sind hier fremd? ...

– Vollständig.

– Dann gehn Se mer nicht vorbei an dem Hause da, ohne einmal stehen zu bleiben und es nach Verdienst zu bewundern.

– Was ist daran so wunderbares?

– Hat doch da gewohnt der berühmte Tenorsänger, der Satar, der das Contra-f mit Bruststimme sang ... und was hat man'n gezahlt davor!«

Ich wünsche dem kunstsinnigen Patriarchen sich ein noch besser bezahltes Contra-e angewöhnen zu können, und steige die Anhöhen des rechten Kura-Ufers hinan, um einen Ueberblick über die Stadt zu gewinnen.

Auf dem Gipfel des Hügels, einem kleinen Platze, wo ein Gesangs-Declamator unter ausgiebigen Gesten Verse von Saadi, dem berühmten persischen[14] Dichter, ableiert, überlasse ich mich der Betrachtung der transkaukasischen Hauptstadt. Was ich hier thue, beschließe ich, nach vierzehn Tagen in Peking zu wiederholen. An Stelle der Pagoden und Yamens des Himmlischen Reiches zeigt Tiflis meinen Blicken Mauern von Citadellen, Glockenthürme von Kirchen verschiedener Bekenntnisse, eine Metropolitankirche mit Doppelkreuz und Häuser von russischer, persischer oder armenischer Bauart; wenig Dächer, dafür mehr Terrassen; wenig verzierte Façaden, dafür breite Balcons in allen Stockwerken; ferner zwei deutlich abgegrenzte Theile, den niederen mit georgischem Charakter, und den höheren moderneren, durchschnitten von einer mit schönen Bäumen besetzten Alleestraße, in der sich der Palast des Fürsten Bariatinsky erhebt. Das Ganze ein regelloses, launisches, fast einzig in seiner Art dastehendes Relief, ein Wunder von Unregelmäßigkeit, das der Horizont mit großartiger Gebirgsumrahmung abschließt.

Es ist bald fünf Uhr. Ich habe keine Zeit mehr, mich dem Redestrome des Erzählers und Bildermalers zu überlassen. Eilen wir hinunter nach dem Bahnhofe.

Hier drängt sich eine bunte Menge von Armeniern, Georgiern, Mingreliern, Tataren, Kurden, Israeliten, Russen vom Strande des Caspischen Meeres, von denen die Einen – o, diese orientalischen Farben! – Fahrkarten bis nach Baku, die Anderen solche nach Zwischenstationen lösen.

Jetzt war ich mit allem Nöthigen ausgerüstet. Weder der Schalterbeamte mit dem Gendarmengesicht, noch die Gendarmen in eigener Person konnten meiner Abfahrt noch ein Hinderniß bereiten.

Man händigt mir ein bis Baku giltiges Billet erster Classe aus. Ich begebe mich nach dem Perron, der den Zutritt nach den Waggons vermittelt. Nach alter Gewohnheit acht' ich darauf, mich in der Ecke eines Coupés bequem einzurichten. Gleichzeitig steigen noch einige Reisende ein, während der kosmopolitische Schwarm die Wagen zweiter und dritter Classe anfüllt. Nach stattgefundener Billetcontrole werden die Thüren zugeschlagen. Ein letztes gellendes Pfeifen der Locomotive meldet, daß der Zug sich in Bewegung setzen wird ....

Plötzlich vernimmt man laute Ausrufe, in denen sich Wuth und Verzweiflung zu gleichen Theilen zu erkennen geben, und ich höre die deutsch hervorgestoßenen Worte:

»Anhalten! ... Halt! Halt an!«


Einige Beamte wollen ihn zurückhalten. (S. 16.)
Einige Beamte wollen ihn zurückhalten. (S. 16.)

Ich sehe durch das niedergelassene Fenster.

Ein großer starker Herr mit kleinem Koffer in der Hand, einen helmförmigen Hut auf dem Kopf und die[15] Beine in den Falten seines langen Ueberziehers verwickelt, rennt daher, daß ihm der Athem ausgeht. Er hat sich verspätet.


 »Claudius Bombarnae, der sich freut auf die Fahrt in Gesellschaft des Herrn ...« (S. 21.)
»Claudius Bombarnae, der sich freut auf die Fahrt in Gesellschaft des Herrn ...« (S. 21.)

Einige Bahnbeamte wollen ihn zurückhalten ... Versuche nur Einer gefälligst, eine Bombe mitten im Fluge aufzufangen. Auch im vorliegenden Falle unterliegt das Recht der Gewalt.[16]

Die teutonische Bombe beschreibt einen sehr glücklich berechneten Bogen und platzt in das Nebencoupé, dessen Thür ein gefälliger Reisender offen hält, polternd und schnaufend hinein.

Im gleichen Augenblicke rückt der Zug an, die Räder der Locomotive gleiten auf den Schienen, dann steigert sich die Geschwindigkeit ...

Wir sind abgefahren.[17]

Quelle:
Jules Verne: Claudius Bombarnac. Notizbuch eines Reporters. Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen von Julius Verne, Band LXII, Wien, Pest, Leipzig 1894, S. 5-18.
Lizenz:

Buchempfehlung

Jean Paul

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Als »Komischer Anhang« 1801 seinem Roman »Titan« beigegeben, beschreibt Jean Paul die vierzehn Fahrten seines Luftschiffers Giannozzos, die er mit folgenden Worten einleitet: »Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, daß er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt dieses Luft-Schiffs-Journal von ihm unter dem Titel ›Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten‹ heraus.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon