Zehntes Kapitel.
Blut.

[237] Der Zug derjenigen, welche sich nach Liberia flüchteten, war endlos. Während des ganzen Winters erschienen immer neue Flüchtlinge. Die Insel Hoste schien ein unerschöpfliches Reservoir zu sein, welches mehr Elende herausgab, als es seinerzeit empfangen hatte. Im Anfange des Monates Juli erreichte die Strömung ihren Höhepunkt, um endlich am 29. September zu versiegen.

An diesem Tage sah man nur noch einen Emigranten die Höhen herabsteigen und sich mühsam bis zum Lagerplatz schleppen. Er war halbnackt, fast bis zum Skelett abgemagert, in einem beklagenswerten Zustand. Als er bei den ersten Häusern anlangte, wurde er ohnmächtig. Man war dergleichen Vorkommnisse zu sehr gewöhnt, um sich darüber besonders aufzuregen.[237] Man hob den Unglücklichen auf, labte ihn und kümmerte sich nicht weiter um ihn.

Die Quelle war jetzt versiegt. Was folgerte daraus? Entweder hatten diejenigen, von denen man ohne alle Nachricht blieb, ihr Glück gemacht oder sie waren tot.

Mehr als siebenhundert Emigranten waren an die Küste zurückgekehrt und hier im letzten Stadium physischer Degradation und moralischer Abspannung angelangt. Diese geschwächten Organismen boten den Krankheitskeimen den denkbar günstigsten Boden und der Kaw-djer leistete Menschenunmögliches, um zu retten. Je weiter der Winter fortschritt, desto mehr mehrten sich die Todesfälle. Es war eine große Hekatombe, der Tod verschonte niemanden: Männer, Frauen und Kinder, jung und alt wurden seine Beute.

Wenn auch dadurch viele Nahrungsbedürftige weniger wurden, blieben immer noch zu viele übrig, als daß die Vorräte des »Ribardo« genügt hätten. Als Beauval sich damals entschlossen hatte, die Rationen zu verringern, ahnte er nicht, daß noch viel mehr Emigranten Zuflucht im Lager suchen würden.

Die Katastrophe war nahe. Am 25. September wurden die letzten Vorräte – Zwieback – verteilt, und vor der entsetzten Menge richtete sich das Gespenst »Hunger« drohend auf.

In Qualen des Hungers, des Hungers, der die Eingeweide zerwühlt, der brennt, der sein Opfer sich winden läßt in fürchterlichen Schmerzen – mußten die Schiffbrüchigen langsam... so langsam... grausam ihr Leben lassen.

Das erste Opfer war Blaker. Er starb am dritten Tage in unbeschreiblichen Qualen, trotz des Beistandes des Kaw-djer, den man wieder zu spät gerufen hatte. Diesmal war er kein Opfer Pattersons gewesen, der nun seinerseits ein Opfer des Hungers wurde wie alle anderen.

Wovon lebten die Kolonisten während der folgenden Tage? Wer könnte es sagen? Diejenigen, welche so vorsichtig gewesen waren, einen Nahrungsreservefonds anzulegen, lebten davon; aber die anderen....

Der Kaw-djer wußte nicht, wo ihm der Kopf stand während dieser fürchterlichen Zeit. Er mußte ans Krankenbett eilen und sollte den Verhungerten helfen. Man beschwor ihn, man klammerte sich an seine Kleider,[238] Mütter hielten ihm ihre Kinder entgegen! Er lebte inmitten eines schrecklichen Konzertes von Flüchen, Gebeten und Klagen. Niemand rief seine Hilfe vergebens an. Er verteilte großmütig die am linken Flußufer aufgestapelten Vorräte, vergaß sich selbst und dachte nicht darüber nach, daß das Unglück, das er von den anderen abwendete, unfehlbar ihn selbst treffen mußte.

Und es kam bald so weit! Die eingesalzenen Fische, das geräucherte Fleisch, die trockenen Gemüse verringerten sich rasch. Wenn das noch einen Monat so fortging, mußten auch die Bewohner Neudorfs Hunger leiden, wie jetzt die Leute in Liberia.

Die Gefahr war so drohend, daß man in der Umgebung des Kawdjer ihm Widerstand zu leisten begann. Man wollte keine Lebensmittel mehr her geben. Er mußte seine ganze Überredungskunst aufwenden um einiges zu erlangen, man gab nur nach, weil man des Streitens müde war, aber jeden Tag unfreundlicher.

Harry Rhodes versuchte seinem Freund die Nutzlosigkeit seines Vorgehens vor Augen zu halten. Was hoffte er denn? Es war unmöglich, mit den wenigen Vorräten der linken Flußseite die ganze Bevölkerung vom Hungertode zu erretten. Und wenn alles verteilt war... was dann? Welches Interesse konnte er haben, eine auf alle Fälle unausbleibliche Katastrophe aufhalten zu wollen, zum Schaden der wenigen, die Proben von Mut und Ausdauer gezeigt hatten.

Harry Rhodes konnte nichts erlangen. Der Kaw-djer antwortete nichts mehr. Angesichts eines so großen Elendes überlegte er überhaupt gar nichts. Kaltblütig diese Menschen verhungern lassen, das war unmöglich. Er mußte mit ihnen das letzte Stück Brot teilen, er konnte nicht anders. Dann?...

Ja, dann... Man mußte abwarten! Wenn nichts mehr übrig war, mußte man fortziehen, weiterwandern, einen anderen Ort aufsuchen, oder, wie in Neudorf, vom Fischfang und der Jagd leben; dann mußte man das Lager verlassen, das wenige Tage in einen ungeheueren Beinhaufen verwandeln mußten.

Aber man hatte wenigstens nichts unversucht gelassen, seine Menschenpflicht getan und es bedurfte nicht des schrecklichen Mutes, eine große Anzahl Menschen zum Tode zu verurteilen.


»Ich habe dir eine Geige versprochen,« sagte der Kaw-djer... (S. 236.)
»Ich habe dir eine Geige versprochen,« sagte der Kaw-djer... (S. 236.)

Harry Rhodes regte die Idee an, den Emigranten die achtundvierzig durch Hartlepool versteckten Gewehre auszuliefern. Vielleicht konnten sie mit den Feuerwaffen auf die Jagd gehen? Aber der Vorschlag wurde zurückgewiesen. Zu dieser Jahreszeit war das Wild selten, und die Gewehre boten in der Hand unerfahrener[239] Bauern geringe Aussicht auf Ernährung einer großen Volksmenge, außerdem bedeuteten sie eine große Gefahr.


Mehr als einer der Kolonisten wurde gefoltert... (S. 246.)
Mehr als einer der Kolonisten wurde gefoltert... (S. 246.)

An einzelnen Anzeichen, wilden Gebärden, haßerfüllten Blicken, heftigen Ausbrüchen, war zu ersehen, daß die Leidenschaften durch ein Nichts in diesenverkommenen Menschen entfesselt werden konnten. Die Kolonisten gaben sich keine Mühe mehr, den Haß zu verbergen, der sie gegenseitig erfüllte. Einer klagte den anderen an, an seinem Unglück die Schuld zu tragen, und jeder machte den Nachbarn für den jetzigen Stand der Dinge verantwortlich.

Nur einem fluchte man einstimmig, und das war Ferdinand Beauval, welcher so unvorsichtig gewesen war, sich die Herrschaft über seine Brüder anzumaßen.

Obwohl seine in die Augen springende Unfähigkeit den Unwillen der Emigranten rechtfertigte, ertrug man seine Anmaßung noch und stützte ihn sogar. Wenn eine Volksmasse, ein Haufen sich gegenseitig aufhebender Einzelwillen, sich selbst überlassen ist, ist sie unfähig zum Handeln. Der Hang zum Nichtstun stattet sie mit unendlicher Geduld aus, und wie groß auch ihre Unzufriedenheit ist, sie schreckt davor zurück, sich am Oberhaupt zu vergreifen, eine religiöse Scheu vor seiner Unantastbarkeit, deren Schöpfer sie selbst ist, hält sie davon ab. So war es hier auch und vielleicht hätten sich die Kolonisten der Insel Hoste mit heimlichen Beratungen und leisen Drohungen begnügt, wenn sie nicht ein Mann unter ihnen zum Handeln angeeifert hätte.

Ist es zu glauben, daß trotz der schrecklichen Lage, der Nähe des Todes, das Phantom »Macht«, die Beauval verkörperte, diesem glühende Neider geschaffen hatte. Armselige Macht, die darin gipfelte, der sogenannte Gebieter einer Anzahl Halbverhungerter zu sein!

Und dennoch war es so!

Trotz der ernsten Wirklichkeit fand Lewis Dorick diese Scheinautorität nicht so verächtlich, und vielleicht hatte er nicht so ganz unrecht. Der einfache Volksverstand wendet, um die politische Macht zu bezeichnen, den passenden, malerischen Vergleich mit den »Fleischtöpfen Ägyptens« an. Und auch in dieser dem Elend preisgegebenen Gesellschaft sicherte die erste Stelle dem Besitzer gewisse Vorteile; Beauval wußte das recht gut und dieser Vorteile wollten Lewis Dorick und seine Freunde auch teilhaftig werden.

Bisher hatte er nur sehr ungeduldig die Erhebung Beauvals vertragen Er erachtete jetzt die Gelegenheit für günstig, seine Taktik zu beginnen indem er das soziale Elend als Ausgangspunkt benützte. Es gab ja der Gründe genug zu berechtigten Klagen! Er hatte nur die passendsten auszuwählen Vielleicht hätte es ihn in Verlegenheit gebracht, hätte man ihn[243] gefragt, was er an Stelle seines Rivalen getan hätte. Aber diese indiskrete Frage stellte niemand, somit brauchte er sich ob der Antwort keine Sorge zu machen.

Beauval sah die Anstrengungen, die sein Gegner machte. Ost beobachtete er sehr nachdenklich die Menschenmenge durch die Fenster des Gebäudes, das er in seiner pomphaften Weise den »Regierungspalast« benannt hatte. Von Tag zu Tag zählte sie mehr Köpfe, denn der Frühling nahte heran und die Temperatur wurde milder. Aus den wilden Blicken, die auf sein Haus fielen, aus den drohend geballten Fäusten sah Beauval, daß Doricks Bemühungen Früchte getragen hatten; er war aber nicht geneigt, von seiner Höhe herabzusteigen, er dachte an Gegenwehr. Der zerrüttete Zustand der Kolonie war nicht abzuleugnen; aber er maß den Umständen alle Schuld bei, insonderheit dem Klima. Sein felsenfestes Selbstvertrauen war nicht erschüttert worden. Wenn er nichts gemacht hatte, so war das aus dem Grunde geschehen, daß eben nichts zu machen war! Ein anderer an seiner Stelle würde gleichfalls untätig geblieben sein.

Es war nicht Stolz allein, der Beauval veranlaßte, sich fest an seine Stellung zu klammern. Er war ja doch sehr enttäuscht worden und hatte seine Illusionen, sein Ansehen betreffend, aufgeben müssen. Aber er dachte gleichzeitig mit Unruhe und Befriedigung an die zahlreichen Vorräte an Lebensmitteln, die er für seinen Gebrauch auf die Seite geschafft hatte. Wenn er nicht Staatsoberhaupt gewesen wäre, hätte er nicht vermocht, diese Vorräte zu sammeln. Und wenn er nun seinen Posten aufgeben sollte... Wenn er seine Stellung verteidigte, kämpfte er für sein Leben, und er war zum Kampfe fest entschlossen. Er wehrte sich gar nicht gegen die von Dorick aufgezählten Mißgriffe. Das hätte ihm gleich den Hals gebrochen. Im Gegenteil, er vergrößerte seine Schuld. Von allen Unzufriedenen war er der Unzufriedenste.

Die beiden Gegner waren nicht der gleichen Meinung über den Ausweg, der einzuschlagen war. Während Dorick für einen Wechsel der Regierung stimmte, riet Beauval eine Union an und wollte mit anderen die Verantwortung wegen des Unglückes teilen, das die Kolonie betroffen hatte.

Wer waren die verantwortlichen Urheber dieses Unglückes? Nach seiner Auffassung niemand anderer, als die kleine Anzahl jener Emigranten, die während des Winters nicht in der Notwendigkeit gewesen, sich an die[244] Küste zu flüchten. Die Folgerung Beauvals war sehr einfach. Nachdem sie sich nicht hatten blicken lassen, mußten sie vom Glück begünstigt worden sein. Folglich besaßen sie genug zu ihrem Lebensunterhalt und man hatte ein Recht, diese Nahrungsmittel zugunsten der anderen, Hungernden, zu konfiszieren.

Diese Sticheleien blieben nicht ohne Eindruck auf die verzweifelte Bevölkerung; man beschloß zu handeln. Erst suchte man die nähere Umgebung der Hauptstadt Liberia ab, dann wurden weitere Expeditionen in Aussicht genommen; Banden bildeten sich, wuchsen rasch an und am 15. Oktober war eine kleine Armee von mehr als zweihundert streitbaren Männern beisammen, welche unter Führung der Brüder Moore auf die Suche nach Brot ging.

Fünf Tage lang durcheilte die Truppe die Insel nach allen Richtungen. Was bezweckte sie? Man konnte es erraten, als man die Opfer ihres Beutezuges ganz erschreckt ankommen sah, niedergeschmettert durch diese unvorhergesehene Katastrophe, die die Frucht all ihrer Mühen vernichtet hatte. Einer nach dem anderen eilte zum Gouverneur, um Genugtuung zu fordern. Aber sie wurden barsch abgewiesen, außerdem des schnödesten Egoismus beschuldigt. Wie! Sie wollten herrlich und in Freuden leben, im Überfluß schwelgen während ihre weniger begünstigten Brüder Hungers starben? Ganz verblüfft zogen sich die Unglücklichen zurück und Beauval triumphierte.

Ihre Klagen bewiesen, daß die von ihm entdeckte Spur die richtige gewesen sei! Er hatte sich nicht geirrt. So wie er es auf gut Glück behauptet hatte, verhielt es sich auch: diejenigen, welche im Winter nicht an die Küste gekommen waren, besaßen Lebensmittel in Hülle und Fälle.

Jetzt war allerdings ihr Los dem der anderen gleich. Ihre fleißige Arbeit war umsonst gewesen, sie waren genau so arm, von allem Nötigen entblößt wie diejenigen, welche ihren Wohlstand zerstört hatten.

Die Räuber hatten sich nicht damit begnügt, wie ein Wirbelsturm unversehens bei ihnen einzufallen und alles an sich zu nehmen, was eßbar war, sondern es war auch zu anderen Ausschreitungen aller Art gekommen, die sich die durch den Siegestaumel berauschte Menge immer zuschulden kommen läßt. Die angebauten Felder wurden zertreten, die Hühnerhöfe geplündert und bis auf den letzten Bewohner geleert.[245]

Und doch war die Beute der Räuber ganz unbeträchtlich. Denn der Erfolg der einzelnen, die durch sie geplündert wurden, war ein bescheidener, relativer gewesen. Das Gelingen der Unternehmungen der wenigen fleißigen, ausdauernden und geschickten Kolonisten bestand oft nur darin, daß ihrer Hände Arbeit das tägliche Brot zu schaffen imstande war, nicht aber, daß sie wie durch ein Wunder plötzlich reich geworden wären. Man entdeckte somit nicht viel in den armseligen Blockhäusern.

Daraus resultierte bei den Plünderern, die das Land durchzogen, eine große Enttäuschung, die sich in Akten wilder Grausamkeit äußerte.

Mehr als einer der Kolonisten wurde gefoltert, damit er das geheime Versteck seiner Schätze verrate, den Aufbewahrungsort seiner Lebensmittel.

Am fünften Tage nach ihrem Auszug langte die Räuberbande vor dem Palisadenzaun an, der die Behausungen Germain Rivières und der anderen drei Familien, seiner Nachbarn, umgab. Seitdem sie sich in Bewegung gesetzt hatte, mußte sie an diese Kolonisten denken, deren Unternehmungen die ältesten, auf der Insel bestehenden und gewiß in vollem Emporblühen begriffen waren; hier hoffte man den Löwenanteil des Raubzuges anzutreffen.

Ihre Erwartungen wurden getäuscht.

Die vier Blockhäuser waren dicht aneinandergebaut, jedes bildete die Seite eines Viereckes und in ihrer Gesamtheit formten sie eine Art kleiner Festung, und zwar einer uneinnehmbaren Festung, denn die Verteidiger derselben waren – die einzigen auf der Insel – im Besitze von Feuerwaffen Sie empfingen die Angreifer mit einer wohlgezielten Salve, so daß sogleich sieben Tote und Verwundete den Kampfplatz bedeckten. Die Räuber warteten keine Wiederholung ab und liefen in regelloser Flucht davon.

Dieser Vorfall dämpfte plötzlich die Kampfeslust der Angreifer. Sie marschierten nach Liberia zurück, wo sie mit einbrechender Nacht eintrafen. Der Schall von ausgestoßenen Flüchen und Schmähreden kündete ihr Kommen an. Man eilte ihnen entgegen und trachtete den Sinn der empörten Rufe zu verstehen.

Die Entfernung war zuerst zu groß und man glaubte, Siegeslieder und Triumphgeschrei zu hören; aber bald kamen die Stimmen näher, die Worte wurden deutlicher, verständlich; man tauschte bestürzte Blicke[246] »Verrat!... Verrat!« hörte man rufen.

Verrat!... Diejenigen, welche in Liberia zurückgeblieben waren, wurden von Furcht ergriffen und Beauval zitterte mehr als alle anderen. Er ahnte ein Unglück, das – er fühlte es – man ihm zur Last legen würde; er lief der ihm drohenden Gefahr, über deren Natur er sich keine Rechenschaft ablegte, aus dem Wege, um sich im »Regierungspalast« in Sicherheit zu bringen.

Kaum hatte er sich eingeriegelt, als der lärmende Trupp vor seiner Türe halt machte. Was wollten die Leute von ihm? Was bedeuteten die Verwundeten und Toten, welche man vor seiner Wohnung niederlegte? Welches blutige Drama hatte sich abgespielt, dem sie zum Opfer gefallen waren? Warum war die Menge so erregt?

Während Beauval vergebens dieses Geheimnis zu ergründen suchte, spielte sich ein anderes Drama am linken Flußufer ab, das die Bewohner Neudorfs sehr betrüben, dem Kaw-djer aber ins Herz greifen mußte.

Er kannte die Aufregungen und Sorgen der Bewohner Liberias wie seine eigenen; während er im Lager herumwanderte, mußte er ja erfahren, was vorging. Aber er wußte nichts von der Organisation der Räuberbande, die vor seiner Ankunft vom linken Ufer abgezogen und erst nach seinem Weggange heimgekehrt war. Die Verringerung der Anzahl der anwesenden Emigranten war ihm aufgefallen; er war erstaunt darüber, ahnte aber die wahre Ursache nicht.

Aber eine dumpfe Unruhe hatte sich seiner bemächtigt und er war an diesem Abend in Gesellschaft seiner gewöhnlichen Begleiter, Harry Rhodes, Hartlepool, Halg und Karroly, bis an den Fluß gegangen. Das linke Ufer lag um einige Meter höher als das rechte; bei Tage konnte man von hier aus Liberia übersehen, zu dieser späten Stunde aber verschwand das Lager in der Finsternis.

Nur ferner Lärm, das undeutliche Murmeln von Stimmen und ein schwacher Lichtschein deuteten das Vorhandensein des Lagers an.

Die fünf Spaziergänger saßen am Ufer nieder, der Hund Zol lag zu ihren Füßen; sie blickten schweigend in die herrliche Nacht hinein, als vom anderen Ufer eine Stimme herüberrief:

»Kaw-djer!« – Ein Mann rief den Namen, schweratmend, keuchend, als ob er lange Zeit gelaufen wäre.[247]

»Hier!« antwortete der Kaw-djer.

Ein Schatten kam über die Brücke und näherte sich der Gruppe. Es war Sirdey, der ehemalige Koch des »Jonathan«.

»Man braucht Sie dort unten, sagte er, sich an den Kaw-djer wendend.

– Was gibt es denn? fragte der Kaw-djer, sich erhebend.


Am Boden lag ein Körper - Sirk... (S. 252.)
Am Boden lag ein Körper - Sirk... (S. 252.)

– Tote und Verwundete.

– Tote?... Verwundete?... Was ist denn geschehen?[248]

– Eine Bande wollte Rivière ausplündern... Er war aber mit Gewehren versehen... Und so ist's eben ge kommen!

– Diese Unglücklichen!

– Wir haben drei Tote und vier Verwundete; die Toten brauchen nichts mehr, aber vielleicht kann den Verwundeten...


Die Fackelträger hatten sich genähert... (S. 256.)
Die Fackelträger hatten sich genähert... (S. 256.)

– Ich komme schon,« sagte der Kaw-djer und setzte sich gleich in Bewegung, während Halg zurücklief, um das chirurgische Besteck und Verbandzeug zu holen.

Unterwegs wollte der Kaw-djer manches von Sirdey erfahren, aber dieser konnte ihm keine Aufklärung geben. Er wußte nichts Genaues. Er hatte an dem Raubzug nicht teilgenommen und wußte nur vom Hörensagen davon zu berichten. Übrigens hatte ihn niemand hergeschickt. Als er die sieben bewegungslosen Körper gesehen hatte, war er schnell hergelaufen, um den Kaw-djer zu benachrichtigen.

»Sie haben recht getan,« sagte dieser.

Mit Karroly, Hartlepool und Harry Rhodes hatte er die Brücke überschritten und war ungefähr hundert Meter am rechten Flußufer weitergegangen, als er beim zufälligen Umdrehen Halg bemerkte, welcher die Instrumente brachte.

Der junge Indianer passierte soeben den Fluß und würde die anderen bald eingeholt haben. Der Kaw-djer beschleunigte den Schritt.

Drei Minuten später ließ ihn ein Schrei höchster Todesnot stehen bleiben. Das war ja Halgs Stimme! Eine furchtbare Angst packte ihn, mit laut pochendem Herzen eilte er den Weg zurück. Seine Aufregung war so groß, daß er nicht bemerkte, daß Sirdey sich aus dem Staube machte und in der Richtung von Liberia verschwand, so schnell er konnte, und bemerkte auch eine schattenhafte Gestalt nicht, welche dieselbe Richtung einschlug, nachdem sie einen weiten Bogen stromaufwärts geschlagen hatte.

So schnell der Kaw-djer lief – Zol war schneller als er. Mit zwei Sprüngen war der Hund im Dunkel verschwunden und wenige Augenblicke später schlug er an. Seinem ersten Geheul folgte ein wütendes Gebell, das sich nach und nach in der Ferne verlor, als ob das Tier eine Spur verfolge.

Und wieder gellte der Schrei eines Sterbenden durch die Luft.

Der Kaw-djer hatte ihn nicht vernommen. Er war an der Stelle angelangt, an der der erste erschollen war und entdeckte zu seinen Füßen[251] Halg, welcher mit dem Gesichte auf dem Boden inmitten einer großen Blutlache lag – ein langes Messer war ihm bis ans Heft in den Rücken gestoßen worden.

Karroly hatte sich über seinen Sohn geworfen, aber der Kaw-djer stieß ihn unsanft beiseite. Jetzt war nicht der Augenblick gekommen, zu klagen, jetzt hieß es handeln. Er nahm sein Besteck auf, das neben dem jungen Manne auf der Erde lag und schnitt dessen Kleider von oben bis unten durch. Dann zog er mit unendlicher Vorsicht die schreckliche Waffe aus ihrer aus Menschenfleisch gebildeten Scheide und nun war die Wunde bloßgelegt. Sie war furchtbar anzusehen. Die Klinge war zwischen den Schulterblättern eingedrungen und hatte den ganzen Brustkorb durchbohrt. Wenn auch, wie durch ein Wunder, das Rückenmark unbeschädigt geblieben war, so war doch die Lunge durchbohrt. Halg war totenbleich, hielt die Augen geschlossen, atmete kaum und um seine Lippen stand blutiger Schaum.

In wenigen Minuten hatte der Kaw-djer seinen Rock aus Guanakohaut in Streifen geschnitten und dem Verwundeten einen Notverband angelegt, dann machte er den anderen ein Zeichen und Karroly, Hartlepool und Harry Rhodes hoben ihn sorgsam auf, um ihn ins Haus zu tragen.

Jetzt erst lenkte das dumpfe Knurren Zols die Gedanken des Kawdjer auf ihn.

Der Hund war mit einem Feinde beschäftigt, und während der traurige Zug sich in Bewegung setzte, eilte er der Stelle zu, von der Zols Stimme scholl; sie schien nicht weit entfernt.

Hundert Schritte weiter wartete seiner ein schrecklicher Anblick. Am Boden lag ein Körper – Sirk – den er beim Lichte des Mondes sofort erkannte; seine Kehle war eine fürchterliche offene Wunde, aus den zerrissenen Schlagadern floß das Blut in Strömen. Keine Waffe hatte diese Wunde geschlagen, sie war Zols Werk, der, trunken vor Wut, sie noch immer mit seinen Zähnen bearbeitete.

Der Kaw-djer rief den Hund ab und kniete sich auf dem blutigen Boden neben dem Manne nieder.

Ihm war nicht mehr zu helfen, er war tot. Der Kaw-djer betrachtete sorgenvoll den Leichnam, dessen bereits verglaste Augen zum Himmel blickten. Er sah, wie alles gekommen war. Während er Sirdey folgte, der vielleicht an dem geplanten Verbrechen beteiligt war, lag Sirk im Dunkeln auf[252] der Lauer, und als Halg mit dem Besteck zum Kaw-djer eilen wollte, hatte sich Sirk auf ihn gestürzt und ihn meuchlings ermordet.

Während alle um den Verwundeten beschäftigt waren, hatte Zol die Spur des Mörders verfolgt, ihn erreicht und dem Verbrechen war die furchtbarste Strafe auf dem Fuße gefolgt. Wenige Minuten Zeit hatte dieses Drama samt allen niederschmetternden Peripetien erfordert und die beiden Schauspieler waren niedergeworfen, der eine tot, der andere sterbend.

Die Gedanken des Kaw-djer wandten sich wieder Halg zu. Die drei Männer, welche den ohnmächtigen Indianer trugen, verschwanden in der Finsternis. Er seufzte schwer! Dieses Kind war alles, was ihm lieb und teuer war auf Erden. Mit ihm würde er seinen wichtigsten, fast seinen einzigen Lebenszweck begraben.

Im Begriffe, sich zu entfernen, warf er noch einen letzten Blick au den Toten. Die Blutlache hatte sich nicht vergrößert. Sowie das Blut – jetzt immer langsamer – aus den Adern floß, verschwand es in die Erde, die es begierig aufsaugte. Seit den ersten Weltzeitaltern hat sie sich mit Menschenblut gesättigt; was waren einige Tropfen mehr oder weniger, da der rote Regen ununterbrochen fließt...

Aber bis zu diesem Tage war die Insel Hoste von diesem allgemein gültigen Gesetz ausgenommen gewesen; sie war ja bisher unbewohnt, darin hatte sie ihre ursprüngliche Reinheit bewahrt. Jetzt aber hatten seit kurzem Menschen die Einsamkeit bevölkert – und schon war das Blut dieser Menschen geflossen.

Wahrscheinlich war es das erste Mal, daß die hostelische Erde mit Menschenblut befleckt wurde...

Es sollte nicht das letzte Mal sein...[253]

Quelle:
Jules Verne: Die Schiffbrüchigen des »Jonathan«. Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen von Julius Verne, Band XCV–XCVII, Wien, Pest, Leipzig 1910, S. 237-241,243-249,251-254.
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