Dreiundzwanzigstes Capitel.
Subscription für die Verwundeten. – Gymnastische Uebungen. – Der Sternenhimmel.

[97] Kurze Zeit nachher traf ich Hauptmann Corsican und erzählte ihm von der soeben erlebten Scene; auch er begriff, daß die Situation verwickelter und bedenklicher geworden war. Würde es uns möglich sein, den Gefahren fernerhin vorzubeugen? Wie gern hätten wir die Fahrt des Great-Eastern beschleunigen, wie gern einen ganzen Ocean zwischen Fabian und Harry Drake legen mögen![97]

Als Hauptmann Corsican und ich uns trennten, kamen wir überein, die Betheiligten in diesem Drama, dessen Lösung jeden Augenblick wider unsern Willen eintreffen konnte, strenger wie je zu überwachen.

Man erwartete an diesem Tage den »Australasian«, ein Packetboot der Cunard-Compagnie von 2760 Tonnen Gehalt, das die Linie von Liverpool nach New-York bedient; es hatte Amerika am Mittwoch Morgen verlassen sollen, und mußte demnach alsbald in Sicht kommen. Man schaute indessen vergeblich nach ihm aus; es erschien nicht.

Gegen elf Uhr organisirten englische Passagiere eine Subscription zu Gunsten der Verwundeten an Bord, von denen einige noch immer nicht das Krankenzimmer verlassen hatten; unter diesen Patienten befand sich auch der Bootsmann, der in Gefahr war, unheilbar lahm zu bleiben. Die Liste hatte sich bald, jedoch nicht ohne allerlei Schwierigkeiten und unangenehme Worte hervorgerufen zu haben, mit Zeichnungen bedeckt.

Um Mittag gestattete die Sonne eine sehr genaue Beobachtung: das Ergebniß lautete:


Long. 58°37' W.

Lat. 41°41'11'' N.

Course: 257 miles.


Wir hatten die Breite bis auf die Secunde genau. Die jungen Brautleute sahen sich die Notiz näher an und machten eine ungeduldige Geberde; sie hatten, wie mir schien, sehr über die Fahrt zu klagen.

Vor dem Lunch arrangirte Kapitän Anderson, der die Gesellschaft ein wenig zerstreuen wollte, gymnastische Uebungen, die er selber dirigirte. Ungefähr fünfzig Leute, die, wie auch der Kapitän, Stäbe in den Händen hatten, ahmten mit affenartiger Genauigkeit all seine Bewegungen nach. Die improvisirten Gymnastiker »arbeiteten« methodisch, ohne die Lippen von einander zu thun, wie Riflemen auf der Parade.

Noch ein anderes »Entertainment« wurde für den Abend angekündigt, ich betheiligte mich jedoch nicht daran, da diese sich ewig gleichbleibenden Scherze anfingen, mich zu langweilen. In letzter Zeit war ein Concurrenz Journal der »Ocean Time« gegründet worden, und an diesem Abend gingen beide Blätter eine Fusion ein.

Ich meinerseits zog vor, die ersten Stunden der Nacht auf dem Vordeck zuzubringen und zum herrlich besternten Firmament emporzublicken; trotz[98] dieser Klarheit hob sich das Meer stärker und kündigte schlechtes Wetter an; auch wurde das Rollen wieder bemerkbar.

Ich hatte mich auf eine Bank gelegt und bewunderte die Sternbilder über mir. Obgleich das bloße Auge thatsächlich nur etwa 5000 Sterne an der Ausdehnung der Himmelssphäre wahrnehmen konnte, hätte man an diesem Abende Millionen zu sehen geglaubt. Am Horizont erglänzte der Schweif des Pegasus in seiner ganzen, zodiacalen Pracht, wie das flimmernde Kleid einer Feenkönigin; die Plejaden stiegen zum Himmel empor zu gleicher Zeit mit den Zwillingen, die trotz ihres Namens nicht nacheinander aufgehen, wie die Heroen der Sage. Der Stier sah mit seinem großen Feuerauge auf mich nieder, und am Gipfel des Gewölks strahlte die Wega, unser künftiger Polarstern, während sich, nicht weit davon, der wundervolle Diamantenfluß rundete, der die nördliche Krone bildet.

All diese unbeweglichen Sternbilder schienen unter dem Rollen des Schiffes Leben und Bewegung anzunehmen; und während seines Schwankens sah ich den großen Mast vom β des Großen Bären bis zum Altaïr des Adlers einen zierlichen Kreisbogen beschreiben, während der schon niedrige Mond das Ende seiner Sichel in den Horizont tauchte.

Quelle:
Jules Verne: Eine schwimmende Stadt. Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen von Julius Verne, Band XIX, Wien, Pest, Leipzig 1877, S. 97-99.
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