Achter Auftritt

[70] Man hört eine Stimme.


Hocus pocus!

Pocus hocus!

In nomine horum

Et harum

Sanctorum,

Sanctarum!

VALENTIN.

Was gibt's da? Worum oder Warum?

FAUST.

Was schnarrt, was plärrt, was dudelt?

VALENTIN.

Was näselt, leiert, ludelt?

STIMME.

Et in nomine sancti

Loyolae, Loyolae, Loyolae!

VALENTIN.

Na, Johlen kann ich auch,

In unsern Bergen ist's der Brauch.


Er jodelt.


Hoidohä! Hoidohä! Hoidohä!


Es nähert sich eine Dunstwolke.


FAUST.

Wie riecht's auf einmal seltsam penetrant,

Halb nach Gewürze, halb nach Fackelbrand!


[70] Aus der Dunstwolke erscheint ein hagerer schwarzer Schemen mit langem Schiffhut, hinter ihm ein Knabe mit einem Gefäß, ein anderer mit einer Pechfackel, neben ihm rechts ein großer Hund mit Stachelhalsband, links ein kleiner Fuchs.


SCHEMEN.

Fauste!

FAUST.

Was soll's?

SCHEMEN.

Gehorsam!

FAUST.

Wem denn? Dir?

SCHEMEN.

Ja mir, dem einzig wahren Gott in mir!

Denn seines Sohns realer Stellvertreter

War ja in Rom der heil'ge Jünger Peter;

Desselben Stellvertreters Stellvertreter,

Das Oberhaupt der ganzen Christenheit,

Inhaber der Unfehlbarkeit,

Hat mich ernannt als jenes Unkrauts Jäter,

Das Luther, der vermaledeite Racker,

Gesäet in des reinen Glaubens Acker.

Bin auf dem großen Kirchenkriegstheater

Sein General, sein großer Ketzerbrater,

Sein Ketzerfolterknecht, sein Ketzerfresser,

Auch seiner Lehre Doktor und Professer,

Ich komme, Ketzerseele, dir zu künden:

Vor allem jetzt bereue deine Sünden,

Bekehre dich zum Glauben, der allein

Zum Himmel führt der Kirche Lämmelein!

Dann hast du mich zu deiner Knabenschule

Alleinigem Direktor einzusetzen,

Ich hasple ihre Seelen auf die Spule

Des wahren Credo, tilge weg die Fetzen

Des eitlen Wissens. Wenn du dich bekehrst[71]

Und nur, was ich erlaube, denkst und lehrst,

Magst du als Unterlehrer figurieren,

Etwa die kleinern Kinder informieren.

Nicht schäme dich an dem geringem Kittel:

Kollaborator ist doch auch ein Titel,

Auch sagt er, wie nach unsrem Postulat

Zur Kirche sich verhalten soll der Staat. –

Den Jungen soll es nicht vor deiner Lehre gruseln,

Sie ist so streng nicht, als sie scheint,

Zeig ihnen, was sie schön vereint,

Mit würz'gem Dampfe mußt du sie beduseln,

Mit unseres Mischmaschs dichtem Qualm und Rauch,

Der brodelnd dampft in dieser Schüssel Bauch;

Komm, Kleiner, ihren goldnen Deckel lüfte,

Du, rieche nun die wunderbaren Düfte!


Der Knabe öffnet das Gefäß.


Wandmoose, Mumienreste aus Ägypten,

Geholt aus Pyramiden, Tempeln, Krypten,

Urheil'ge Isis- und Osirismythen,

Aus Syrien Adoniskultusblüten;

Ranunkelwurzel, brand'ger Spelt

Aus Ahrimans finstrer Abgrundswelt,

Blumengebild mit gelber Spitze,

Symbol von Mithras Zipfelmütze,

Tollkirsche, zeugend Schwindeldunst,

Entsproßt schamanischer Zauberkunst,

Ein gut Pfund Judaismus,

Ein Quantum Buddhaismus,

Benebst so mancher schönen Blume

Aus echt altgriechischem Heiligtume:

Vom Dienste der Venus und Here

Manch glänzende duftige Beere,

Samen von römischen Laren,

Draus wuchsen Heiligenscharen,

Auch saftige Eichenblätter

Aus Hainen germanischer Götter,[72]

Auf Wodan weisend, auf Balder, Thor,

Nahrhafte Eicheln findst du vor. –

Dies alles auf heil'gen Flammen

Zu einem Brei gekocht zusammen,

Ergab die Aromatik

Von unserer Dogmatik,

Hat sich gemischt, durchdrungen und summiert.

Daß es die Seelen mystisch nebuliert,

Die um so leichter man dann dominiert.

VALENTIN.

Pult! Puh!

Mach wieder zu!

FAUST.

Fort mit dem Dampf!

Er macht mir Krampf!


Der Knabe schließt das Gefäß.


SCHEMEN.

Verschmähst du, diesen Küchenmus zu ehren,

Mit seinem Dunst die Knaben zu ernähren,

Gehorchest du und beugest du dich nicht,

Dein wartet unbarmherziges Gericht:

Sieh meinen Garkoch: wer nicht mir geschworen,

Den wird er auf dem Scheiterhaufen schmoren!


Er zeigt auf den Fackelträger, der die Fackel schwingt.


FAUST.

Wie? Was? Ich, der im Waffentanz

Geschlagen den dämonischen Popanz,

Ich, siegestrunken, soll den Reißaus nehmen

Vor deinem Prahlen, abgeschmackter Schemen?

SCHEMEN.

Der Kirche vielgetreuen lieben Sohn,

Den frommen Wächter an dem heil'gen Thron

Hast du, Barbar, im Sündentrotz geschlagen!

Dein ist die Schuld, daß durch die fromme Pforte

Bewaffnet einbrach die profane Horde,

Dem Herrn der Welt, der Fürstenhäupter Haupte,[73]

Des Constantinus heil'ge Schenkung raubte

Und ihn, da er nicht floh,

Gefangen warf auf Stroh.

Frohlocke nicht, es soll dir nicht behagen!

Von innen aus laß ich dein Reich zernagen!

Erfahre dann, wie schwach es sei,

Wie schlecht sie baut, die freie Maurerei!

FAUST.

Dein's, auf die Dummheit von der List gemauert,

Glaubst du, daß es in Ewigkeiten dauert?

SCHEMEN.

Kein Fundament ist ja so fest und breit,

Ein solcher Bau besteht in Ewigkeit.

FAUST.

Auf einer Fälschung ruht dein Machtbestand!

Die Schenkung Constantini – Wind und Sand!

SCHEMEN.

Die Fälschung wirkte vollen Rechtes Titel,

Der heil'ge Zweck, er heiligt jedes Mittel,

So daß, wenn dieser nur dadurch gedeiht,

Ein Mördchen auch die Kirche gern verzeiht.

Ja, solch ein Bau, mit Gift und Blut gekittet,

Er wird von keiner Zeiten Sturm zerrüttet.

Dein Bau ist Lehm, ist Glas, ist dünnes Blech.

VALENTIN.

Jetzt ist er gar zum Heucheln auch zu frech!

Den Hut herab von deiner Gleißnerfratze,

Herab den Deckel von der Pfaffenglatze!


Will ihm den Hut vom Kopf schlagen.


SCHEMEN abwehrend.

Ihr wißt noch nicht, weltlich naive Lümmel,

Was wir vermögen, die wir sind vom Himmel!

Sprecht, meine Diener, ihren Mut zu kühlen!

Wenn sie nicht hören, lasset schnell sie fühlen!

DER GROSSE HUND.

Wu wu, wau wau, wu wu!

Entsetzet euch, hu hu![74]

Ich bin das wilde Bulldoggtier,

Bin stärker als der stärkste Stier,

Ich bin der alte Bannbullbeißer,

Wovor gezittert mancher Kaiser.

Wer steht, den zwag ich,

Wer läuft, den jag ich,

Ich hetze trotz'gen Potentaten

Die eignen Völker an die Waden,

Nicht oberflächlich beiß ich an,

Tief dringt mein eiterbiss'ger Zahn,

Mein Herr, im Fluchen meisterhaft,

Lieh ihm des Fluchgifts Ätzekraft,

Das wühlt und wühlt in Fleisch und Blut,

Wie Geifergischt der Hundewut.

Zwar bin ich welsche Hundezucht,

Bin jener Doggen Enkelfrucht,

Mit denen man im Frankenland,

Von schönen Eifers Glut entbrannt,

Die Hugenotten in die Messe hetzte,

Daß manche gläub'ge Seele sich ergetzte;

Doch auch Germania heutzutag

Heckt meinen edlen Hundeschlag.

Ich heiße Hatzrüd, Bull, Packan,

In neuer Zeit, die mehr human,

Gewöhnlich einfach Hetzkaplan.

Wu wu, wau wau, wu wu!

Entsetzet euch, hu hu!

DER KLEINE FUCHS.

Burg Malepartus ist mein Ort,

Ich bin und heiße Schwindelhort,

Bin Virtuos in Schlich und Pfiff

Und jedem Advokatenkniff.

In jeden Brei,

Wes Stoffs er sei,

Werf ich die Kirchenpille;

Verdreht, verhext[75]

Wird jeder Text

Durch meine Kreuzpostille.

Ich spiele für den heil'gen Rock

Brett, Mühle, l'hombre und Tarock,

Im Rams, im Tapp, in Whist und Skat,

Macht mich so leicht kein Gegner matt,

Kann schachern, wie um Hemd und Hut

In klugem Tausch ein Mauscheljud,

Wer mich beschummeln wollt' und fahn,

Der müßte wahrlich früh aufstan.

Treu schwör ich meinem jetz'gen Herrn,

Doch ist das Wölfische nicht fern.

Ihr draußen, beugt euch, sinkt vor uns aufs Knie,

Denn wir sind Zentrum, ihr Peripherie,

Ich aber bin vom Zentrum

Das Rhododendrum.

So spricht der Fuchs

Und nicht zum Jux!

SCHEMEN, HUND UND FUCHS zusammen.

Wir bieten auch die Hand zur Stärkung der Gemeinde –

Helfe, was helfen mag! – dem wildsten unsrer Feinde,

Und wohnte er im tiefsten Trichter

Am Schwefelthron der Höllenrichter,

Herbei muß der gehaßte Widersacher!

Wir dingen ihn, er liebt wie wir den Schacher;

Verkauft er doch im Wahlkampf seine Seele,

Damit ihm nicht der unsern Stimme fehle,

Verhandelt Überzeugung und Gewissen,

Der Spitzbub, den wir doch nicht gerne missen.

Wir kennen, was uns eint: Freiheit ist unsre Losung,

Und sie verbindet uns zu zärtlicher Liebkosung.

Regiert, so rufen wir, soll schließlich gar nicht werden,

Es sei denn, daß nur wir regiereten auf Erden,

Wir wollen alles und sie auch,

So stecken wir in einem Schlauch.[76]

Wir wissen beide nichts von einem Vaterlande,

Den Teufel fragen wir nach seiner Ehr und Schande!

Krallkatzen von der besten Art,

Der roten,

Nun hebt und wetzt, mit uns geschart,

Die Pfoten!


Es erscheint eine Meute rotgestreifter Katzen. Der Schemen, der Hund, der Fuchs singen mit ihnen zusammen.


Feldruf sei:

Alles frei

Für Partei!

Wir selb zwei:

Pfaffen-Ei,

Fortschritts-Ei,

Rot und Schwarz, Schwarz und Rot,

Bringen verbündet euch den Tod,

Staat und Polizei!

Juchhei!


Wilde Bewegung, Der eine Knabe öffnet den Deckel der Schüssel wieder und spritzt Tropfen aus der Suppe nach Faust und Valentin, der andere schwingt die Fackel, der Hund bellt und packt an, der Fuchs bellt ebenfalls, wässert auf den Schweif und streut ihnen das Naß in die Augen, die Katzen fauchen, miauen und werfen sich auf die beiden; diese lassen nach und nach vom Widerstand ab.


FAUST verwirrt, taumelnd; er erscheint plötzlich ein anderer, Helm und Degen entfällt ihm.

Mir wird so schwach, so zappelich!

VALENTIN dem der Degen ebenfalls entfällt.

Mir wird so blöd und schwabbelich!

FAUST.

Es ist doch etwas Schönes um den Frieden.

VALENTIN.

Ein Lämmlein wird, der Raufbold war hienieden.[77]

FAUST.

Man kann ja weichen und im Weichen sagen:

Ich weiche nicht, ich will nur Rechnung tragen.

VALENTIN.

Schon Salomo, der Weise, sprach:

Freund, der Gescheiteste gibt nach.

FAUST.

Doch nicht umsonst; da heißt es: klüglich fahre!

Man marktet, feilscht, man bietet War um Ware;

Tu ich dir dies, dafür tust du mir jenes,

Ums Schachern ist's im Grund doch etwas Schönes.

VALENTIN.

Im Kriege hatt' ich einen Kameraden,

Der hat im Landsknechtspiel mich gut beraten,

Ich kartle mit dem Fuchs, ich will ihn tüchtig tummeln,

Es wird sich finden, wer den andern kann beschummeln.

FAUST.

Zu guter Disziplin verhilft mir doch der Schemen,

Mein wildes Bubenvolk wird er mir helfen zähmen.

VALENTIN.

In meine Kneipanstalt dort an des Himmels Schwelle

Erhandl ich, daß er mir zahlreiche Kundschaft stelle;

Bringt er die Roten mit, das ist ein starker Haufen,

Da gibt es vielen Durst, sie werden tüchtig saufen.


Quelle:
Friedrich Theodor Vischer: Faust, Der Tragödie dritter Teil. Stuttgart 1978, S. 70-78.
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