Neunter Auftritt

[78] Ein starker Knall, das Gewölbe der Höhle öffnet sich, Licht von oben dringt herein, in der Höbe erscheinen zwei Männer, umgeben von einem Strahlenkreis.


ERSTER MANN.

Der alt böse Feind,

Mit Ernst er's jetzt meint,

Groß Macht und viel List[78]

Sein grausam Rüstung ist,

Auf Erd ist nicht sein'sgleichen.


Ein ewigs Gut

Liegt in eurer Hut,

Das ist nicht Wind,

Damit spielen ist Sünd,

Dürft nicht wanken und weichen.


Da nehmt ein Schwert,

Ist Mannshand wert,

Heißt Luthers Herz und Mut,

Kräftiglich hauen tut,

Ein gute Wehr und Waffen!


Führt es so wie ich

Standhaft ritterlich,

Der Satan steht ihm nicht,

Das macht, er ist gericht't,

Belial und seine Pfaffen.


Er reicht ein Schwert herunter, Valentin ergreift es.


VALENTIN.

Das sprach ein Mann von Schrot und Korn,

Recht hat er mit seinem heil'gen Zorn.

Der Donner schlag', was war ich für ein Schaf!

Bin wieder Valentin, Soldat und brav!

ZWEITER MANN.

Wofür die Ahnen blutig einst gestritten:

Freiheit der Welt von pfäffischer Gewalt,

Wofür mein Volk am Marterkreuz gelitten,

Zerstampft, beraubt und krank an innrem Spalt:

Jetzt, da ihr in erstaunten Weltteils Mitten

Dasteht verjüngt, in stolzer Mannsgestalt,

Schenkt ihr den Preis in einem Wahn von Milde

Dem Nimmersatt und seinem Götzenbilde.


Als Losung nicht für weiche, matte Seelen

Hab ich der Duldung schönen Ruf gemeint,[79]

Nicht eurer Schonung wollt' ich ihn empfehlen,

Den »Patriarchen«, jeder Duldung Feind!

Laßt euch von mir zu bessern Taten stählen!

Schämt euch! Ich stand allein, ihr seid vereint.

Da nehmt dies Schwert von mir, sein Nam ist Wahrheit!

Grad aus, wie ich, haut durch und schaffet Klarheit!


Er reicht ein Schwert herab. Faust ergreift es.


FAUST.

Der Kopf wird hell, der Schwindel weicht,

Der Alp läßt frei die Glieder,

Fort, Dunstgebilde, Larven, fleucht!

Mich selber find' ich wieder.

Bin Faust und fühl es tief und recht:

Wie ich beharrte, wär' ich Knecht.

Ein geistig strebend Volk ist mein,

Todfeind des Wahnes dumpfem Schein,

Dein treuer Hüter will ich sein!


Beide heben die Schwerter, die sämtlichen Popanze, die während der Reden der zwei Geist-Männer stutzend stillgestanden, verschwinden, das Gewölbe hat sich wieder geschlossen.


GESANG UNSICHTBARER GUTER GEISTER.

Glücklich erstanden!

Selig der Treffliche,

Welcher die pfäffliche,

Überschlagbeffliche,

Hetzkaplankläffliche,

Schwarze, soutanische,

Ultramontanische,

Undeutsch romanische,

Spanisch loyolische,

Sengend petrolische,

Buddha-mongolische,

Kritische, griffige,

Schwindelhortpfiffige,

Fuchsschweifbeschiffige,[80]

Reineke Vossige,

Keineswegs possige,

Wirklich Canossige

Prüfung –

CHORUS MYSTICUS einfallend, in tiefem Basse.

Halt!

Was man zuletzt gesehn,

Als wär' es schon geschehn,

Ist noch nicht factum!

Verbum verwandelt sich,

Merket, es handelt sich

Eigentlich nur um

Futurum

Exactum.

UNSICHTBARE GUTE GEISTER fortfahrend.

Prüfung zwar nicht so ganz

Allerdings nicht mit Glanz,

Immerhin unterdes

Doch noch mit Hilfe des

Beistands der Geister

Älterer Meister,

Und wenn man ungeniert

Sonderlich konjugiert,

Diesesmal setzet statt:

Prüfung bestanden hat –

Bestanden haben wird,

Wirklich nur kurz beirrt

Noch hat bestanden!

FAUST.

Wie rührt mich im Bewußtsein meiner Schuld

Durch dies Konzert der hehren Geister Huld!

Ich, der so streng im richt'gen Konjugieren

Das Schülervolk gewohnt zu exerzieren,

Wie tröstet mich's, daß mir zum Benefiz

Diesmal darf gelten ein grammat'scher Schnitz!

VALENTIN.

Nur in der deutschen Schul bin ich gewesen,[81]

Und das nicht lang, ich bracht' es kaum zum Lesen.

Ich sage einfach: Gnade ist geschehen

Für Recht. Was? Weichen vor dem Schwindelquark?

Rührt er sich wieder, dann soll's anders gehen,

Man soll mich finden und mein altes Mark! –

Was aber regt sich noch im Hintergrund?

Was geistert hinten in dem Höhlenschlund?

Sind's gar die Mütter, die man nicht mehr sah?

Wo staken sie? Potz Blitz, sie sind schon da!


Die Mütter, die aus einem Winkel der Höhle hervorgeschlüpft, erscheinen mit verschiedenem Küchengerät und Geschirr, auch Feuerbränden bewaffnet.


DIE MÜTTER.

Volkes Stimm Gottes Stimm!

Unser Kaplan

Füllte mit Gall und Grimm

Frommes Organ,

Christlichste Zeitungen,

Wahrheitsverbreitungen.

Stechet mit spitzem Stift,

Speiet und spritzet Gift!

Hussa packan!

Halali!


Laßt ihm den Schlüssel nicht,

Haltet ihn fest,

Strafet den Bösewicht

In unsrem Nest!

Quälet und peiniget,

Kreuziget, steiniget

Ketzerisch Sünderpack

In unserem Höhlensack!

Hussa packan!

Halali!


Sie machen einen Angriff mit ihren Instrumenten, werfen Brände und einen Hagel von Geschirren, aus denen verschiedene Brühe, Essig, Kaffeesatz und dergl. sich ergießt.
[82]

FAUST.

Auch das noch! Mit den schnöden Vetteln

Soll man noch seine Zeit verzetteln?

Schaff du sie fort, ich rühre keine Hand.

VALENTIN.

Man schlenkert sie halt einfach an die Wand!

Sich da befassen tut nicht gut;

Sie schaden dem nur, der sie fürchten tut.


Er wirft sie verächtlich an die Wand, wo sie, in Papierfetzen verwandelt, hängenbleiben.


GESANG UNSICHTBARER GEISTER.

Völlig erstanden!

Selig der würdige

Nordengebürtige,

Der auch die letzliche,

Lästige, bürdige,

Zwar nicht entsetzliche,

Doch nicht ergetzliche,

Maulig bemutternde,

Nervenerschutternde,

Schwach Herz verbutternde

Prüfung bestanden!

Dir auch, du anderer

Unterweltswanderer,

Nicht leicht entfärblicher,

Derblicher

Sterblicher,

Der du befreitest schon

Früher den Sorgensohn

Voll Resolution

Aus jener brätlichen,

Duftend salätlichen,

Sinne beschleichenden,

Nase bestreichenden

Prüfung und treuelich,

Nimmermehr scheuelich[83]

Ihm in dem spassischen,

Helenaklassischen

Und in dem sohnischen

Euphorionischen,

Hüpferlich narrischen,

Grillig bizarrischen

Strauß dich geselletest,

Dann zum gefährlichen,

Sehr militärlichen

Kampfe dich stelletest

Und mit ihm schwitzetest,

Feind niederblitzetest,

Dann in der kritischen,

Kulturpolitischen,

Stickluftmephitischen

Prüfung zwar wackeltest,

Wankelhaft fackeltest,

Doch dich ermannetest,

Anfangs zu klügliche,

Schwache, verzügliche

Geisteskraft spannetest

Und den halb faktischen,

Futur-exaktischen

Sieg mit errangest,

Götzen bezwangest,

Endlich den Mütterspuk,

Schwarzen Gespenstertuck

Warfst an die Wand zuruck,

Sagen wir Amen

Nach dem Examen!

VALENTIN.

Nun ja, doch jetzt genug der Dudelei!

Ich mag sie nicht und brauch sie nicht,

Die höchst langweilige Lobeshudelei,

Tu halt nach Kräften meine Pflicht.

Zu meiner Bärbel möcht ich jetzt nach Haus,[84]

Mach, Faust, zieh deinen Schlüssel wieder raus!

Doch halt! dann kommt der Schornsteinfeger wieder,

Dem steh ich nicht für seine ganzen Glieder;

Der Schandgeselle, der im Ruße haust,

Seh ich ihn nur, so juckt mir schon die Faust;

Doch diesmal leider werden wir ihn brauchen,

Wer sonst kann durch den Schlot hinauf uns schlauchen?

FAUST.

Ich glaube doch, zur Auffahrt an das Licht

Bedürfen wir des schwarzen Helfers nicht;

Die Rückkehr in das ganze Eine,

Wo sich das Wahre mit dem schönen Scheine

Vereint, wo sich vollzieht das höchste Gut,

Bedingt nicht wieder die Negation;

Drum zweifle nicht, mein Sohn,

Diesmal ermahne ich dich, fasse Mut!

Ich höre etwas wie ein wirbelnd Sausen,

Ein ziehend Wehn von oben her und außen,

Der Himmel hat, so wage ich zu hoffen,

Etwas wie eine Luftdruckpost zur Hand – –

Entschlossen pfeif ich –


Er pfeift auf dem Schlüssel, die Türflügel springen auf.


sieh, der Weg ist offen!

Ich spür's, der Zug ergreift schon mein Gewand,

Hinauf, hinan!

Frei ist die Bahn!

Hinauf aus schwarzer Tiefe.

Ins Lichte, Positive!


Während dieser Worte sind beide schon vom Boden gehoben, schweben dem Tore zu, durch dasselbe hinaus, dann, wie von einer Windhose gefaßt, wirbelnd nach oben und verschwinden.


Ende des zweiten Aufzugs.


Quelle:
Friedrich Theodor Vischer: Faust, Der Tragödie dritter Teil. Stuttgart 1978, S. 78-85.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon