Achter Auftritt

[108] Während Dr. Marianus spricht, öffnet sich die Vorderseite des Podiums, man hört dumpfes Geräusch, jener hält inne, in der Öffnung erscheinen Mephistopheles und Seismos.


MEPHISTOPHELES.

Dies Fuchsentaufefest

Ist noch zu kleinlich,

Zuck,

Ruck,

Druck!

SEISMOS.

Mit gedranger Kraft geschoben,

Mit den Schultern brav gehoben,

So gelangen wir nach oben,

Wo uns alles weichen muß!

DR. MARIANUS während unter ihm der Boden sich hebt, der Humpen ihm entfällt.

Weh! welch plötzlich Hindernuß![108]

Fort, der Boden wird zur Schlucht!

Fort in allgemeiner Flucht!


Alles flieht, nur Faust fällt hinab, der ganze Boden verschwindet unter Krachen, die Szene ist jetzt eine große Höhle, worin man verborgenes Gewässer

rieseln hört. Faust liegt zuerst betäubt, erhebt sich langsam.


FAUST.

Geht es von der Taufe

Gar noch in die Traufe?

MEPHISTOPHELES zu Seismos.

Hast brav geschafft,

Titanenkraft!

Bist mit Lob entlassen,

Schaff in andern Gassen!


Seismos verschwindet.


Aus der Tiefe kommt das Feuer,

Aus der Tiefe kommt die Quelle;

Mein Geschmack am Abenteuer

Scherzt auch gerne mit der Welle,

Spritzet Islands Wasserspeier

Aus des Schlundes Felsenschwelle,

Schüttelt Meere bis zum Grunde,

Daß sie bellen wie grimme Hunde,

Schleudert Ströme hoch von oben

In den Abgrund, daß sie toben,

Am Gestein empor sich bäumen,

Daß sie wütend im Zerschäumen

Wimmern, ächzen, schreien, brüllen,

Bebend Herz mit Schauer füllen.

Diesmal aber läßt der Meister,

Fausti Waschung zu erzielen,

Seine kühlen Wassergeister

In gemeßner Ordnung spielen.


Er besteigt eine erhöhte Stelle an der Rückwand der Höhle.


FAUST.

Hu! Wie mich schon zum voraus friert:

Mir schwant, was kommt, wo dieser dirigiert.[109]

MEPHISTOPHELES.

Lüftezug am hohlen Ort,

Nimm ihm erst die Kleider fort.


Eine Art Wirbelwind weht Faust die Kleider vom Leibe. An den Wänden öffnen sich Nischen mit hervorragenden teils dünneren, teils stärkeren Röhren, an denen sich Handgriffe befinden. In der ersten Nische erscheint.


THALES am Griffe drückend.

Grundstoff sämtlicher Dinge,

Urelement, o Wasser,

Kräftig begießend springe,

Mächtiger Allumfasser!

FAUST stark begossen.

Ich spür's am massigen Gefäll,

Du doktrinärer Altgesell,

Die Philosophen sind prinzipiell!

Prrr!


In der zweiten Nische erscheint eine.


NEREIDE am Griff drückend.

Milder, freundlicher begegne,

Perlend tröpfle, riesle, regne,

Grüße kühlend, schmeichelnd segne

Des geprüften Mannes Bahn,

Welle aus dem Ozean!

FAUST.

Ah, ah! So laß ich mir's gefallen!

Dies feine Stäuben, milde Wallen,

Wie tut es wohl dem schwer geschlagnen Leib!

O Güte, Lindigkeit, dein Nam ist Weib!


In der dritten Nische erscheinen.


ZWEI TRITONEN am Griff drückend.

Müßt ihn nicht schonen!

Wir, die Tritonen,

Wissen es besser,

Welche Gewässer

Fegen und bohnen!

Wild überstürze dich,[110]

Wachsender Wellenkamm!

Peitsche gewaltiglich,

Rollenden Schaumes Schwamm!

Werde der See vertraut

Trockene Lederhaut

Älteres Herrn!

Salziges Seebad,

Wenn es auch weh tat,

Preiset man gern.

FAUST taumelt.

Der Teufel auch, so speit doch nicht so wild!

Man meint ja fast, man sei im Seebad Sylt,

Wo der geborstnen Welle Schaum und Blase

Noch anrollt mit so stürmischer Emphase,

Daß sie den Bader schleudert auf die Nase!

PINDAROS am Griff drückend.

Ob es von innen, ob von außen näßte,

Gesteh, das Wasser ist das Allerbeste!

FAUST.

Ach, wieviel sanfter, reiner, lichter

Wirkt dieser Strahl, man spürt daran den Dichter!

WERNER am Griff drückend, stärkerer Ausguß.

Wasserkräfte! spricht der Werner,

Wirket stark und gründlich ferner!

Wasser schuf Granitbergs Hörner.

Wirket mächtiger und tiefer!

Wasser schuf selbst Glimmerschiefer.

Wirkt mit uriger Gewalt!

Wasser schuf selbst den Basalt.

FAUST.

Wie? Was? Von unten auch Beschwerden?

Soll ich denn gar ein Berg noch werden?

Es drängt so sonderbar nach oben,

Fließt ab das Wasser oder werde ich gehoben?

LYELL am Griff drückend, worauf breite, langsame, stetige Begießung folgt.

Fahrt doch nicht so gewaltsam zu![111]

Komm, armer Kerl, ich geb dir etwas Ruh;

Ich liebe nicht, was wütet und was speit,

Das wahre Agens ist die lange Zeit.

FAUST.

Schon gut, das ließe sich ertragen,

Doch wird mir bang vor ungezählten Tagen;

Währt's denn wie bei der vielgestalten Erde

In Ewigkeit, bis ich formieret werde?

PRIESNITZ mit mehreren Gnomen in blauen Schürzen erscheint von der Seite und schiebt eine große Kufe herein.

Zu künstlich, zu gelehrt wird diese Kur,

Die einzig wahre Losung ist Natur!

Durch überliefert altehrwürdige Kunde

Kommt Offenbarung aus des Volkes Munde.

Badknechte her und packet diesen Mann

Und zeigt an ihm, was die Naturkunst kann!

Geschwitzt hat er genug seit Jahren,

Den Wickel können wir ersparen,

Werft ihn von dieser Stufe

Zuvörderst in die Kufe!


Es geschieht unter Wehrufen Fausts.


Dann stellt ihn ohne Aufenthalt

Unter die Dusche aus unsrem Wald;

Der Bach ist schon hiehergeführt,

Er springt, wenn ihr die Kordel rührt.


Zu Faust.


Glaub mir, die Dusche von Gräfenberg,

Sie stählt zum Riesen einen Zwerg.


Die Gnomen ziehen, nachdem sie Faust aus der Kufe gehoben und aufgestellt haben, an einer herabhängenden Schnur, ein mächtiger Wasserstrom fällt von oben auf ihn.


FAUST.

O weh! o weh! Was wollt ihr noch versuchen!

Das schlägt mich ja zusammen fast zum Kuchen

Wie Buschs gewalzte Knaben von Korinth!

Verfahre doch nicht gar so wild und blind![112]

Du machst mich ja nur schwächer noch,

Du Bauernkerl, so unterscheide doch!

PRIESNITZ.

Starke, Schwache, Kleine, Große!

Wir fragen den Teufel nach Diagnose!

MEPHISTOPHELES.

Jetzt häufet alle euren Wasserschuß

Zu einem einz'gen ungeheuren Guß!


Es geschieht. Faust wird durch die von allen Seiten auf ihn eindringenden Wassergüsse in unbeschreiblicher Weise umbergewirbelt und stöhnt.


O fürchterliche Wasserbrunst!

MEPHISTOPHELES berührt die Felswand hinter ihm, sie öffnet sich, und eine Tonne mit einem Hahn schiebt sich hervor.

Magst's wohl so nennen,

Das Wort wird wahr durch meine Kunst,

Wirst's gleich erkennen!

Denn jetzt zum faden, nassen Element

Füg ich noch eins, das tüchtig beißt und brennt;

Man merkt's wohl nicht im obern Reich,

Der Schnapsstrahl sieht den andern gleich.


Am Hahn drehend.


Spritze,

Blitze,

Bring Höllenhitze,

Speie, sprühe,

Haut verbrühe,

Hirn verglühe,

Mache Grusel,

Schaffe Dusel,

Magischer Fusel

Aus heizender Wurzel, aus pfeffrigem Kraut,

Aus der Galle bissiger Dächse,

Aus geringelter Schlangen Flechse

In rauchiger Küche gebrannt, gebraut

Von der runzlichen Vettel, der Hexe!


[113] Ein voller Strahl heller Flüssigkeit spritzt aus dem Hahn und trifft Faust.


FAUST stöhnend.

Das ist des bösen Feinds Geschoß!

MEPHISTOPHELES.

Du kennst den Schützen, suche keinen andern!

Leicht spürt man aus dem wässerigen Troß

Den Geist heraus, den schärferen, gebranntern!


Quelle:
Friedrich Theodor Vischer: Faust, Der Tragödie dritter Teil. Stuttgart 1978, S. 108-114.
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