Sechster Auftritt

[185] In diesem Augenblick zerspringt mit lautem Knall der Ofen, daß die Kacheln umherfliegen. Aus Gluten tritt hervor.


MEPHISTOPHELES den Unbekannten am Arme packend.

Her zu mir!


Nach dem Ofen.


Vorwärts, meine Schergenscharen!

Heraus und packt den Sträfling bei den Haaren!


Es schlüpfen aus dem Ofen der Schemen des zweiten Aufzugs mit Fuchs Schwindelhort und Hund Packan, Dr. Marianus, Pater Seraphicus, Ecstaticus und Profundus, woneben noch einige Gestalten im Kirchenrock evangelischer Pastoren. Alle stellen sich auf, zum Angriff bereit.


MEPHISTOPHELES.

Heraus, ihr wilden, rotgestreiften Katzen,[185]

Heraus, mit euren Tatzen

Den Frevler zu zerkratzen!


Die Katzen des zweiten Aufzugs springen aus dem Ofen und stellen sich ebenso auf.


UNBEKANNTER.

Wie was?

Was soll mir das?

Das sind zumeist ja meine eignen Fratzen!

Die sind ja nicht!

Sind nur ein Traumgesicht!

MEPHISTOPHELES.

Sie sind. Sie selber haben dir souffliert,

Du mögest sie, vermeintlich frei,

Im bösen Sinn der Spötterei

Für deines schlechten Dramas Zweck erdichten,

Damit sie dich, von mir nun requiriert,

Wie du's verdienest, ohne Gnade richten.

An allen Ecken wirst du Feinde finden,

In Ost und West, in Nord und Süden brennt's,

Dort häuft schon aus dem Stamme dürrer Linden

Den Holzstoß eine alte Exzellenz;

Die Lutherhasser, die Lessinghasser,

Sie haben allwärts Oberwasser;

Von deiner eignen Klerisei

Sind etlich Herren auch dabei;

Und wenn die Schwarzen nicht genug noch schüren,

Die Roten werden kräftig assistieren.

Doch halt! noch fehlt zum ganzen, rechten Spaße

Die Brühe zu den Brocken, fehlt die Masse.

Heraus auch du und sei nicht stumm,

Schwatzhaftiges Philistertum!

Mach Lärm, verdrehe, klatsche,

Verstärke noch die Patsche!


In der Öffnung des Ofens entwickelt sich aus Rauch und Dampf eine unbestimmte Menge von Philisterfiguren und pflanzt sich zum Angriff bereit neben die andern.
[186]

MEPHISTOPHELES.

Erhebe jetzt das Schlachtgeschrei

Zum Angriff, ganze Kompanei!

RUFE DER PRIESTER.

Fort mit ihm zum supplicium!

Auf, schleppet ihn mit gaudium

Vors heilige officium!

Fort, ohne moratorium

Schleppt ihn vors Consistorium!

PACKAN.

Wu wu!

FUCHS.

Hu hu!

KATZEN.

Auf! Dem Verräter ins Gesicht!

Gekrallt, gekratzt, gebissen!

Auf, schleppet ihn vors Volksgericht,

Er sei gelyncht, zerrissen!

PHILISTER.

Auf, ganzes Philisterium,

Voran die Herrn Pastoren,

Schleppt ihn vors Ministerium

Und schreit ihm in die Ohren!


Die sämtlichen Erscheinungen werfen sich auf den Unbekannten. Getümmel, Gezause.


BÄRBEL.

Sie morden ihn noch sicherlich,

Derweil verdutzt wir stehen!

Ach, Vältl, hilf doch, spute dich!

Ich kann's nicht länger sehen.

VALENTIN.

Hätt' ich den Geisterdegen noch!

BÄRBEL.

Die Schaufel her! So eile doch!

VALENTIN.

Hast recht, sie hat schon gut getan!


Schnell ab.
[187]

MEPHISTOPHELES.

Lauf nur! Du bist zu spät daran!


Der Unbekannte wird nach dem Ofen gerissen und verschwindet daselbst mit Mephistopheles nebst der ganzen Meute; man hört noch verworrenes Geräusch vom Ofenloch her, dann Stille.


VALENTIN kehrt zurück mit der Malzschaufel.

BÄRBEL.

Ach Gott, ach Gott, zu spat, zu spat!

VALENTIN.

Den Donner auch, wie ist es schad!

Wie hätt' ich dreingehauen!

BÄRBEL zu dem alten Herrn.

Ach, guter Herr, erbarmt Ihr Euch denn nicht?

Könnt Ihr so ruhig zu dem Greuel schauen?

VALENTIN.

Könnt Ihr denn nicht noch etwas für ihn tun?

Wir hörten, Eure Stimme hab' Gewicht.

BÄRBEL.

Bedenkt, es tut ihm halt ein wenig rappeln.

ALTER HERR.

Nun, nun –

Der Mensch war schlimm,

Ein Isegrim.

Er mag nur eine gute Weile zappeln,

Doch nicht zu lang. Ich denke seinetwegen

Zu rechter Zeit ein Wörtchen einzulegen.

Bei einer Frau von wunderbarem Glanz:

Der Nachwelt, dieser obersten Instanz;

Denn gegen die obskuren Kutten,

Die ihm zu schaden sich verquälen,

Auch ihm soll es an Ulrich Hutten,

An Franz von Sickingen nicht fehlen.

Ende.
[188]

Quelle:
Friedrich Theodor Vischer: Faust, Der Tragödie dritter Teil. Stuttgart 1978, S. 185-189.
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