[463] Mit gutem Glücke hatte Minna bei Zürich eine Wohnung aufgefunden, welche wirklich den bei meinem Fortgange von mir so dringend geäußerten Wünschen recht geeignet entsprach. Es war dies in der Gemeinde Enge, eine gute Viertelstunde Wegs von der Stadt Zürich, in einem unmittelbar am See gelegenen Grundstücke mit altbürgerlichem Wohnhaus, zum »Abendstern« benannt und einer gutartigen alten Dame, Frau Hirzel, gehörig, wo für einen nicht teuren Mietpreis der abgeschlossene, sehr ruhige obere Stock dürftige aber ausreichende Bequemlichkeit verlieh. Ich traf am frühen Morgen ein, fand Minna noch im Bett und vermochte sie, welche sich vor allem gegen die Annahme, daß ich nur aus Mitleiden zu ihr zurückgekehrt sei, zu versichern suchte, schnell dahin zu bestimmen, nie wieder über das Vorgefallene sich mit mir besprechen zu wollen. Im übrigen war sie ganz in ihrer Sphäre, als sie mir die Fortschritte ihrer geschickten Einrichtung zeigte; und da wir von hier an in einer, wenn auch von mannigfachen Schwierigkeiten unterbrochenen, im ganzen aber durch längere Jahre sich doch behauptenden Zunahme unserer äußeren Verhältnisse uns befanden, breitete sich bald eine erträgliche Heiterkeit über unser häusliches Leben aus, ohne daß ich jedoch von jetzt an eine unruhige, oft heftig hervortretende Neigung zum Abbruch alles Gewohnten gänzlich unterdrücken konnte.
Zunächst halfen die beiden Haustiere, Peps und Papo, außerordentlich wirksam zum häuslichen Behagen; beide liebten mich vorzüglich, oftmals bis zur Belästigung: Peps mußte immer hinter mir auf dem Arbeitsstuhle liegen und Papo flatterte, wenn ich zu lange aus dem Wohnzimmer ausblieb, nach wiederholtem vergeblichem Rufen meines Namens »Richard!« gewöhnlich zu mir in das Arbeitszimmer, wo er sich auf dem Schreibtische aufstellte und mit Federn und Papier oft sehr aufregend sich zu schaffen machte. Er war so wohlerzogen, daß er nie einen tierischen Vogellaut von sich gab, sondern nur sprechend und singend sich vernehmen ließ. Mit dem großen Marsch-Thema des Schluß-Satzes der c-moll-Symphonie, dem Anfang [464] der Achten Symphonie in F-dur, oder auch einem festlichen Thema aus der »Rienzi«-Ouvertüre empfing er mich stets pfeifend, sobald er auf der Treppe meine Schritte hörte. Das Hündchen Peps zeichnete sich dagegen durch eine ungemeine Nervosität aus; er hieß bei meinen Freunden »Peps der Aufgeregte«, und es gab Zeiten, wo man nie ein freundliches Wort zu ihm sprechen konnte, ohne ihn in Heulen und Schluchzen zu versetzen. Diese Tiere vertraten offenbar die fehlenden Kinder, und daß auch meine Frau ein fast leidenschaftliches Wohlwollen für sie empfand, bildete ein nicht unergiebiges Band des Einvernehmens zwischen uns, wogegen ein ewiger Quell von Mißhelligkeiten sich in dem Verhalten meiner Frau zu der unglücklichen Nathalie dahinzog. Sie hat bis zu ihrem Tode die wunderliche Verschämtheit gehabt, selbst dem Mädchen nicht zu entdecken, daß sie ihre Tochter sei. Diese hielt sich nun fortwährend für Minnas Schwester und begriff als solche nicht, warum sie sich nicht ebenbürtig behandelt sehen sollte. Indem Minna sich stets die Autorität der Mutter zuerkannte, gab sie hierfür stets dem Ärger über Nathalies auffallende Mißgeratenheit nach; sie war, jedenfalls in dem entscheidenden Alter verzogen und vernachlässigt, körperlich und geistig schwerfällig entwickelt geblieben: klein und mit Neigung zur Stärke, war sie unbehilflich und einfältig. Minnas Heftigkeit und zunehmend schroffe und verhöhnende Behandlung machten das eigentlich sehr gutmütige Mädchen mit der Zeit wirklich störrisch und feindselig gesinnt, so daß der Umgang und das Verhalten der beiden scheinbaren Schwestern oft zu den widerwärtigsten Störungen der häuslichen Ruhe führten, wogegen meine Geduld eigentlich nur von meiner inneren Gleichgültigkeit gegen alle persönlichen Beziehungen meiner Umgebung sich nährte.
Zunächst belebte meinen kleinen Hausstand die Einreihung meines jungen Freundes Karl in denselben auf angenehme Weise; er bezog ein kleines Dachstübchen über unserer Wohnung, teilte unsere Mahlzeiten sowie meine Spaziergänge und schien eine Zeitlang wohl zufrieden damit. Bald aber bemerkte ich eine zunehmende Unruhe an ihm; allerdings fand er zeitig schon Gelegenheit, an den heftigen Auftritten, die altgewohnterweise in meinem ehelichen Leben sich wieder einstellten, innezuwerden, wo mich der Schuh drückte, den ich mit gutmütig gleichgültiger Nachgiebigkeit auf seinen Wunsch mir wieder an den Fuß gezogen hatte. Er blieb stumm, als ich ihm eines Tages, auf erhaltene Veranlassung hierzu, in Erinnerung brachte, daß mich, als ich meine Zustimmung zu der Rückkehr nach Zürich gab, einem anderen Gefühle als dem der Hoffnung auf ein freundliches Familienleben bestimmt hatte. Außerdem aber gewahrte ich andere und wunderlichere Motive seiner Unruhe: er traf oft sehr unregelmäßig zu den Mahlzeiten ein und hatte dann nie rechten Appetit, was mich anfänglich wegen des Charakters unserer Kost in Verlegenheit setzte, bis ich dann erfuhr, daß mein junger Freund dem Zuckergebäck in den Konditorläden so übermäßig [465] hold gesinnt war, daß ich offenbar fürchten mußte, er möge sich seine Gesundheit durch ausschließlichen Genuß desselben verderben. Meine Vorstellungen hierüber schienen ihn sehr zu verstimmen; da er nun anhaltender von Hause wegblieb, glaubte ich, daß wirklich seine beschränkte Wohnung ihn belästige, und vermochte es nicht, ihn vom Aufsuchen einer Privat-Wohnung in der Stadt abzuhalten.
Da ich gewahrte, daß ein zunehmendes Unbehagen ihn einnahm, war es mir lieb, ihm eine bedeutende Unterbrechung seines offenbar ihn nicht befriedigenden Aufenthaltes anbieten zu können: ich bestimmte ihn, zu der am Ende des August dieses Jahres dort stattfindenden ersten Aufführung des »Lohengrin« einen Ausflug nach Weimar zu machen. Ich selbst lud Minna zu gleicher Zeit zu einem ersten Ausflug nach dem Rigi ein, welchen wir beide rüstig zu Fuße bestiegen. Leider gewahrte ich infolge der Anstrengung hiervon an meiner Frau zum ersten Male die Symptome ihrer von nun an sich immer bestimmter entwickelnden Herzkrankheit. Den Abend des 28. August, an welchem in Weimar die erste Aufführung des »Lohengrin« stattfand, verbrachten wir in Luzern im Gasthof »Zum Schwan«, genau die Stunde des Anfangs und des vermuteten Endes an der Uhr verfolgend. Es war immer etwas Not, Mißbehagen und Verstimmung bei allen solchen Versuchen meinerseits, in Gemeinschaft mit meiner Frau gemütlich erregte Stunden zu veranlassen, störend einwirkend. Die Berichte, welche ich alsbald über diese Aufführung erhielt, waren auch nicht geeignet, mir ein klares und beruhigendes Bild davon zu geben. Wirklich traf Karl Ritter bald wieder in Zürich ein; er berichtete mir namentlich von szenischen Übelständen in der Aufführung, von einem sehr unglücklichen Sänger der Hauptpartie, im ganzen aber von einer guten Wirkung. Am zuversichtlichsten waren die Berichte, welche mir Liszt selbst zukommen ließ: alles Unzulängliche der höchst beschränkten Mittel, die ihm für sein unvergleichlich kühnes Wagnis zu Gebote gestanden, dünkte ihn unnütz erst besonders eingestehen zu müssen, wogegen er nur den Geist des Unternehmens und die Wirkung desselben auf die mancherlei bedeutenderen Rezeptiv-Kräfte, welche er mit Sorgfalt herbeigezogen hatte, der Beachtung wert hielt.
Während alles, was sich aus diesem bedeutenden Vorgange entwickelte, allmählich in klareres Licht sich stellen sollte, blieb für jetzt davon die Wirkung auf meine Lage ohne eigentliche Bedeutung. Am unmittelbarsten beschäftigte mich die Bestimmung des mir anvertrauten jungen Freundes: er hatte auf dem Ausfluge nach Weimar auch seine Familie in Dresden wiedergesehen und eröffnete mir nun bei seiner Rückkehr den lebhaften Wunsch, die praktische Karriere als Musiker ergreifen und womöglich als Musikdirektor beim Theater angestellt werden zu wollen. Ich hatte nun gar keine Gelegenheit gehabt, seine musikalischen Fähigkeiten kennenzulernen; vor mir Klavier zu spielen weigerte er sich, doch hatte er mir eine Komposition [466] auf ein von ihm in Stabreimen verfaßtes Gedicht, »Die Walküre«, vorgelegt, an der ich zwar große Unbeholfenheit, zugleich aber das Ergebnis einer sehr genauen Kenntnis der Kompositionsregeln wahrnahm. Sehr deutlich zeigte sich darin der Schüler Robert Schumanns, von dem mir sein Lehrer schon früher versichert hatte, daß er von ungemeiner musikalischer Befähigung sei, da er sich eines so sicheren Gehöres und einer so schnellen Fassungskraft bei keinem anderen seiner Schüler entsinne. Ich hatte somit keinen Grund, der Zuversichtlichkeit des jungen Mannes, mit welcher er sich alle für einen Musikdirektor nötigen Fähigkeiten zutraute, etwas entgegenzusetzen. Da die Wintersaison herannahte, erkundigte ich mich nach dem Direktor des in Zürich zu erwartenden Theaters, von welchem ich erfuhr, daß er zur Zeit noch in Winterthur sein Wesen treibe. Sulzer, wie immer, sobald man ihn um Hilfe und Rat anging, sogleich auf das ernstlichste zu beidem bereit, veranlaßte eine Zusammenkunft mit dem Theaterdirektor Kramer bei einem Gastmahl im »Wilden Mann« zu Winterthur, wo denn festgesetzt wurde, daß Karl Ritter auf meine Empfehlung hin sogar mit einem erträglichen Gehalte für nächsten Winter, vom Oktober an, als Musikdirektor beim Theater bestellt sein sollte. Da mein Empfohlener zugestandenermaßen Anfänger war, mußte ich natürlich für seine Leistungen Garantie übernehmen, welche ich durch die unverweigerliche Verpflichtung leistete, für Ritter in der Musikdirektion einzutreten, so bald und so lange durch dessen etwa unzureichende Befähigung Störungen für den Geschäftsgang des Theaters erwachsen könnten. Karl schien sehr zufrieden. Als nun der Monat Oktober mit der Ankündigung der Eröffnung der diesmal »von besonderen Kunst-Intentionen geleiteten« Theater-Unternehmung herannahte, hielt ich endlich es doch für nötig, mit meinem jungen Freunde in betreff seines Vorhabens mich zu befassen. Um ein recht bekanntes Werk für sein Debüt zu bestimmen, hatte ich den »Freischütz« gewählt. Karl hatte nicht den mindesten Zweifel über die Bewältigung einer so einfachen Partitur; als er nun aber seine Blödigkeit im Betreff des Klavierspiels überwinden mußte, um die Oper einmal am Instrumente mit mir durchzugehen, war mein Schrecken groß, da ich gewahrte, daß er auch gar keine Ahnung vom Accompagnement hatte, sondern den Klavierauszug mit der eigentümlichen Sorglosigkeit eines Dilettanten, welcher einem Fingerversehen zulieb unbefangen einen Takt um ein Viertel verlängert, handhabte. Von der rhythmischen Präzision, von der Kenntnis des Tempos, welche einzig beim Dirigenten entscheidend sind, hatte er auch nicht die mindeste Ahnung. Da ich gar nicht wußte, was ich hierzu sagen sollte, ließ ich es, in einer gewissen Betäubung und immer noch auf eine unberechenbare Explosion des Talentes des jungen Mannes zählend, zu einer Orchesterprobe kommen, für welche ich ihn vor allem mit einer großen Brille ausgestattet hatte; denn ich hatte bemerkt, daß er wegen unvermuteter Kurzsichtigkeit genötigt gewesen war, sich mit dem Gesicht so dicht auf die Noten zu lehnen, daß er hierbei unmöglich [467] noch Orchester und Sänger unter den Augen haben konnte. Es genügte mir, den sonderbaren, bis dahin so ungemein zuversichtlichen jungen Mann in seiner Haltung am Direktionspulte zu sehen, wo er trotz seines auffallend bewaffneten Auges nur unverwandt in die Partitur starrte und willenlos, wie im Traume, einen sich vorgesagten Takt mit dem Stocke in die Luft malte, um sogleich zu begreifen, daß ich jetzt in dem Garantie-Falle mich befand. Es war nun noch schwierig und für mich bemühend, meine Nötigung, für ihn einzutreten, dem jungen Ritter begreiflich zu machen; doch half es nichts, ich mußte die Wintersaison der Kramerschen Kunst-Unternehmung einweihen und brachte mich durch den Erfolg der von mir geleiteten Aufführung des »Freischütz« in eine sonderbare und schwer wieder zu beseitigende Lage, dem Theater wie dem Publikum gegenüber.
An die Behauptung der Musikdirektorstelle durch Karl war offenbar nicht mehr zu denken. Sehr merkwürdiger Weise fiel diese unangenehme Erfahrung aber mit einer sehr bedeutenden Wendung im Schicksale eines andren, ebenfalls von Dresden her mir bekannten jungen Freundes, Hans von Bülow, zusammen. Bereits im vergangenen Jahre hatte ich den Vater, Eduard von Bülow, als neuverheiratet in Zürich angetroffen. Er hatte sich jetzt am Bodensee niedergelassen, und von dort aus meldete mir eben Hans, welcher zuvor sich mir zum Besuche in Zürich angekündigt hatte, daß er zu seinem großen Leidwesen diesen seinen feurigsten Wunsch zu erfüllen verhindert sei. Soweit ich in seine Lage einen Einblick gewann, schien es mir, daß seine Mutter, die nun geschiedene Frau seines Vaters, um jeden Preis ihren Sohn von der Künstlerlaufbahn zurückzuhalten suchte, um ihn dagegen mit Benutzung seiner bis dahin betriebenen juristischen Studien zum Antritte einer Karriere im Staatsdienste oder im diplomatischen Fache zu bestimmen. Seine Neigung und sein Talent drängten ihn dagegen zur Musik. Es schien nun, daß die Mutter dem Sohne bei der ihm erteilten Erlaubnis zum Besuche seines Vaters besonders eingeschärft hatte, eine Zusammenkunft mit mir zu vermeiden. Da ich jetzt erfuhr, daß auch der Vater ihn von einem Besuche in Zürich abhielt, mußte ich, da andrerseits dieser sich ziemlich wohlwollend gegen mich bezeigt hatte, annehmen, er mache mit dieser Erlaubnis-Verweigerung ein Zugeständnis an seine geschiedene Frau, mit welcher er nach den kaum beruhigten Kämpfen der Ehetrennung in keinerlei neuen Konflikt zu treten wünschte, selbst wenn es sich um die Entscheidung der Lebensrichtung seines eigenen Sohnes handelte. Sollte ich in dieser Annahme, welche mich allerdings bis zur vollsten Rücksichtslosigkeit bitter gegen Eduard von Bülow stimmte, geirrt haben, so war doch schon der ganze Ausdruck des Briefes, mit welchem Hans mir die grausame Notwendigkeit anzeigte, in der er sich befand, mit offenen Augen eine ihm widerstrebende Laufbahn anzutreten und somit für alle Zeiten sich in einen seelenzersplitternden Zwiespalt zu werfen, genügend, hierin einen der Fälle zu erblicken, [468] welche, bei meiner damaligen stets leicht erregbaren Neigung zur Empörung gegen ähnlichen Zwang, mich bestimmte, in das Schicksal meines jungen Freundes in meiner Weise einzugreifen. Ich antwortete ihm in einem ausführlichen Briefe, in dem ich ihm die Wichtigkeit der Lebensphase, in welcher er sich befand, energisch bezeichnete. Namentlich der verzweiflungsvoll zerrissene Ton, in welchem er sich an mich gewandt, gab mir ein Recht dazu, ihm zu Gemüte zu führen, daß es sich hier nicht nur um seine äußere Lebensrichtung, sondern um die Bestimmung seines ganzen Geistes- und Gemütslebens handelte. Ich führte ihm vor, was ich an seiner Stelle tun würde: empfände ich nämlich in mir einen wahrhaft unüberwindlichen und meine ganze Seele einnehmen den Trieb zur Künstler-Laufbahn und fühlte ich mich geneigt, lieber die größten Beschwerden und Mißhelligkeiten über mich ergehen zu lassen, als mein Leben in eine falsche Bahn gelenkt zu sehen, so würde ich sofort, wenn jemand mir hierzu die Hand reichte, wie ich die meinige ihm hiermit böte, auf das äußerste hin meinen Entschluß fassen. Wolle er trotz des Verbotes seines Vaters zu mir kommen, so möge er sofort, nach Erhaltung dieses Briefes, unter allen Umständen diesen Entschluß ausführen. Karl Ritter war glücklich, als ich ihm diesen Brief zur persönlichen Bestellung auf dem Bülowschen Gütchen übergab. Dort angekommen, ließ er seinen Freund aus dem Hause rufen, begab sich mit ihm ins Freie und ließ ihn meinen Brief lesen, worauf dieser sofort sich entschied, ganz wie er ging und stand, bei Sturm und Regen in rauhester Jahreszeit, da beide ohne genügende Geldmittel waren, zu Fuße nach Zürich zu wandern. Da traten sie eines Tages, wild und abenteuerlich, mit den lautredenden Spuren der ungeheuerlichen Reise, zu mir in das Zimmer. Ritter strahlte vor Freude über das gelungene Abenteuer, wogegen der junge Bülow mir eine große, ja leidenschaftliche Ergriffenheit zeigte. Ich fühlte ihm gegenüber sofort eine große und tiefe Verpflichtung und zugleich ein wahrhaft inniges Mitleiden mit dem so krankhaft aufgeregten jungen Menschen; beides bestimmte lange Zeit mein Verhalten zu ihm.
Fürs erste galt es durch gute und heitere Miene Trost zu geben und Vertrauen zu erwecken. Die äußerliche Lage war schnell geordnet: Hans trat als Gleichbeteiligter in das Kontraktverhältnis Karls zur Theaterdirektion ein, was für jeden eine Art von Gehalt abwarf, wogegen ich als Garant für beider Leistungen verblieb. Sogleich war eine Posse mit Musik zu übernehmen; ohne nur zu wissen, um was es sich handle, trat Hans sofort an das Dirigentenpult und schwang mit wahrer Lust und größter Sicherheit den Taktstock. Nach dieser Seite hin fühlte ich mich sofort geborgen, und jeder Zweifel an des neuesten Musikdirektors Fähigkeit war augenblicklich überwunden; wogegen es schwer war, Karls aus großer Beschämung hervorgehenden Mißmut über eine offenbar über sein ganzes Leben entscheidende Aufklärung im Betreff seiner Unbefähigung zum praktischen Musiker zu zerstreuen. Von hier an ward mir eine keimende Scheu und heimliche Abneigung [469] des sonst so bedeutend begabten jungen Mannes gegen mich immer wahrnehmbarer. Es blieb unmöglich, ihn in der eingenommenen Stellung aufrechtzuerhalten und je wieder an das Dirigentenpult zu berufen. Andrerseits entstand aber auch für Bülow bald eine unvorausgesehene Erschwerung seiner Stellung, und zwar dadurch, daß der Theaterdirektor und sein Personal, durch meine einmalige Orchesterdirektion verwöhnt, es fortan darauf anlegen zu müssen glaubten, mich immer wieder dazu herbeizuziehen. Noch einige Male dirigierte ich wirklich, teils um durch meine Autorität der verhältnismäßig nicht übel bestellten Oper einigen Kredit beim Publikum zu verschaffen, teils um meinen jungen Freunden, und namentlich dem so sehr hierfür berufenen Bülow, durch mein Beispiel das, worauf es beim Operndirigieren ankam, belehrend zu zeigen. Während nun Hans allen ihm verbleibenden Aufgaben sich so vollkommen gewachsen zeigte, daß ich endlich mit gutem Gewissen erklären konnte, unter keinen Umständen mehr für ihn einzutreten mich verpflichtet zu fühlen, wählte namentlich eine durch mein Lob eitel gewordene Sängerin den Weg, durch Verlegenheiten, welche sie mit absichtlicher Schikane dem jungen Dirigenten erzeugte, mich wiederum an das Pult zu nötigen. Als wir diesen Stand der Dinge einsahen und ich des Ärgers hierüber genug hatte, kamen wir, nachdem zwei Monate dieser Praxis verflossen waren, mit der Direktion überein, das ganze sehr peinlich gewordene Verhältnis zu lösen. Da gleichzeitig ein bedingungsloses Engagement als Musikdirektor Hans aus St. Gallen angetragen wurde, so entließ ich die beiden jungen Leute, welche gemeinsam ihr Glück nun dort versuchen wollten, in diese nachbarliche Stadt, um für das Weitere zunächst Zeit zu gewinnen.
In die Entscheidung seines Sohnes hatte sich Herr Eduard von Bülow, wenn auch mit großer Mißstimmung gegen mich, klugerweise gefügt; auf einen Brief, in welchem ich meine Handlungsweise gegen ihn zu rechtfertigen suchte, hatte er mir zwar nicht erwidert, seinen Sohn aber, wie ich erfuhr, mit versöhnlicher Gesinnung in Zürich besucht. Ich selbst besuchte im Laufe der wenigen Wintermonate, welche sie noch in St. Gallen zubrachten, einige Male die jungen Leute. Karl war mit einem Versuche, die Glucksche Ouvertüre zu »Iphigenia« zu dirigieren, abermals unglücklich gewesen, so daß ich ihn in düstre Grübeleien verloren und fern von aller Praxis des Lebens in ziemlich unerfreulicher Verfassung antraf, während Hans mit einem scheußlichen Personale, einem grauenhaften Orchester und in einem unwürdigen Theaterlokale qualvollst aber eifrigst in voller Geschäftigkeit begriffen war. Da ich dieses Elend gewahrte, ward alsbald festgestellt, daß Hans für jetzt genug getan und erlernt hätte, um seinen Beruf als praktischer Musiker nach dieser wichtigen Seite des Orchesterdirigenten hin außer Zweifel gestellt zu haben. Es galt jetzt nur, ihm eine würdigere Sphäre für die Geltendmachung desselben zu verschaffen. Er teilte mir mit, daß er mit Empfehlungen von seinem Vater an Freiherrn von Poißl, damaligem Intendanten des [470] Münchener Hoftheaters, versehen werden sollte. Bald aber intervenierte auch seine Mutter mit dem Wunsche, ihren Sohn zur weiteren Ausbildung zu Liszt nach Weimar zu senden. Hiermit konnte ich denn nun am allerliebsten einverstanden sein; es gereichte mir zur wahren Beruhigung, den jungen, mir so schwer am Herzen liegenden Mann meinem großen Freunde auch meinerseits herzlich empfehlen zu können. Mit Ostern 1851 verließ er St. Gallen, um von da an, für längere Zeit der Weimarischen Hut übergeben, meiner besondren Fürsorge enthoben zu werden. Nur Ritter blieb in melancholischer Abgeschiedenheit und unschlüssig darüber, ob er zu mir nach Zürich, wo er unangenehmen Erinnerungen an sein verfehltes Auftreten entgegenging, sich zurückwenden sollte, fürs erste noch in seiner Einsiedelei zu St. Gallen zurück.
Zu erfreulicheren künstlerischen Übungen als der Aufenthalt in St. Gallen war es dagegen bei einem Besuche der jungen Freunde während des vergangenen Winters in Zürich gekommen, wo Hans diesmal als Klavierspieler in einem Konzerte der Musikgesellschaft auftrat, in welchem ich selbst, durch die Aufführung einer Beethovenschen Symphonie unter meiner Leitung, in gegenseitig anregender Weise mitwirken konnte. Man hatte mich nämlich in diesem Winter von neuem angegangen, mich bei den Konzertaufführungen dieser Gesellschaft mit etwas zu beteiligen; da die vorhandenen Orchesterkräfte sehr gering waren, konnte ich zu meiner Mitwirkung, welche ich je zuweilen nur auf eine Beethovensche Symphonie beschränkte, bloß dadurch bestimmt werden, daß man tüchtige Musiker namentlich für die Verstärkung der Streichinstrumente von auswärts hinzuzog. Da ich jedesmal drei Proben bloß für die aufzuführende Symphonie verlangte und ein Teil der Musiker von fernher besonders hierfür zusammenkam, erhielten diese Übungen eine gewisse Feierlichkeit; da außerdem die ganze Zeit, die man gewöhnlich auf eine Probe verwendet, mir ausschließlich zu der einen Symphonie zur Verwendung stand, so gewann ich hier die Muße, bei der Ausarbeitung des feineren Vortrags, da andrerseits die rein technischen Schwierigkeiten nicht von großem Belang waren, eindringlichst zu verweilen, und gelangte so zu einer bisher mir nicht möglich gewordenen Freiheit des Vortrages, deren ich mir um so inniger bewußt wurde, als ich namentlich auch die Wirkung hiervon in überraschender Weise wahrzunehmen hatte. Ich entdeckte im Orchester selbst mehrere wahrhaft talentvolle und mit seltenem Erfolg bildsame Musiker, unter denen ich namentlich des aus untergeordneter Stellung zur ersten Stimme berufenen Oboebläsers Fries erwähne, welcher seine in den Beethovenschen Symphonien so überaus wichtige Partie bei mir ganz wie eine Gesangsstimme einüben mußte. Als wir die C-moll-Symphonie zuerst aufführten, brachte ich es mit diesem sonderbaren Menschen, welcher, als ich mich später von den Konzerten zurückzog, sogleich das Orchester verließ und Musikalienhändler wurde, dahin, daß er die kleine, mit Adagio bezeichnete Gesangsstelle auf der einen Fermate des ersten Satzes dieser [471] Symphonie so bedeutend und ergreifend vortrug, wie ich seitdem es nie wieder hören konnte. Dazu hatten wir in dem feingebildeten Herrn Ott-Imhof, einem reichen patrizischen Kunstfreunde und Dilettanten, einen zwar nicht sehr energischen, aber außerordentlich zart und weich betonenden Klarinettisten. Auch muß ich des ganz vorzüglichen Hornisten Bär erwähnen, welcher von mir zum Kommandanten der Blechinstrumentisten bestellt wurde, auf deren Vortrag er einen sehr erfolgreichen Einfluß ausübte; ich entsinne mich, nie wieder die ausgehaltenen starken Akkorde des letzten Satzes der C-moll-Symphonie mit solch intensiver Kraft wie damals in Zürich ausgeführt gehört zu haben, und glaube dem nur meine frühesten Erinnerungen an ähnliche Wirkungen im Vortrage des Pariser Conservatoire-Orchesters in der »Neunten Symphonie« zur Seite stellen zu können. Die Aufführung dieser C-moll-Symphonie wirkte auf unser Publikum, namentlich aber auf meinen vertrauteren Freund, den bis jetzt der Musik abhold gewesenen Staatsschreiber Sulzer, in ganz besonders anregender Weise und begeisterte den letzteren sogar, als es der Abwehr eines Zeitungsangriffes galt, zu einer mit völlig Platenscher Kunst gedichteten Satire auf den unberufenen Einsprecher. Zu einem zweiten Konzert, zu welchem ich mich in diesem Winter noch verstand, um in ihm die »Sinfonia Eroica« zur Aufführung zu bringen, ward, wie erwähnt, auch Bülow für einen Klaviervortrag eingeladen. Kühn und in einem gewissen Sinne wenig selbstbedacht, wählte er hierzu die eben so geistvolle als schwierige Bearbeitung der »Tannhäuser-Ouvertüre« für das Klavier von Liszt; wie er im allgemeinen damit Sensation erregte, setzte er namentlich mich über seine bereits zu hohem Grade gediehene, von mir bis daher noch nicht gebührend beachtete Virtuosität in Erstaunen und erweckte in mir das größte Vertrauen auf seine Zukunft. Bereits hatte ich ihn, wie beim Dirigieren, so auch beim Akkompagnieren als ungemein befähigt und entwickelt kennengelernt; hierzu war im Verlaufe des vergangenen Winters bereits neben den äußerlichen Schicksalen meines jungen Freundes, wie ich sie zuvor kurz bezeichnete, mancherlei Gelegenheit geboten worden. Öfters vereinigten sich Bekannte bei mir; auch ein regelmäßiger Klub ward von diesen gebildet, wo es dann meistens auf die Unterhaltung abgesehen war, welche eigentlich nur durch Bülows Hilfe ermöglicht wurde. Ich trug dann selbst Geeignetes aus meinen Opern vor, welches Hans stets mit für mich wohltätigstem Verständnisse begleitete. Bei solcher Gelegenheit kam es auch meinerseits zu Vorlesungen aus meinen Manuskripten; namentlich habe ich in einer andauernden Aufeinanderfolge von Abenden einem stets zunehmenden, sehr aufmerksamen Zuhörerkreise mein im Verlaufe dieses Winters geschriebenes größeres Buch »Oper und Drama« vollständig vorgelesen.
Als ich nämlich seit meiner Rückkehr zu einiger Ruhe und Besinnung gelangt war, faßte ich endlich auch die Wiederaufnahme meiner ernstlichen Arbeiten in das Auge. An die Komposition von »Siegfrieds Tod« zu gehen, [472] wollte mir aber noch nicht zu Sinnen: der Gedanke, mit klarem Bewußtsein eine Partitur nur für das Papier zu schreiben, entmutigte mich stets von neuem; wogegen es mich immer wieder drängte, der einst zu gewinnenden Möglichkeit für die Aufführung auch solch eines Werkes, wenn auch scheinbar auf weitestem Umwege, eine Grundlage zu verschaffen. Hierfür schien es mir vor allem nötig, den wenigen Freunden, welche sich nah und fern ernstlich mit meiner Kunst befaßten, immer deutlicheren Aufschluß über die notwendig zu lösenden, bestimmt mir vorschwebenden, jenen aber noch kaum nur sich darstellenden Probleme zu geben. Hierzu erhielt ich eine ganz besondere Veranlassung, als eines Tages Sulzer einen Artikel über die »Oper«, in dem Brockhausschen Konversations-Lexikon der Gegenwart, mir in der Meinung zeigte, durch die darin ausgesprochenen Ansichten mir verständig vorgearbeitet sehen zu können. Ein flüchtiger Blick in diese Arbeit zeigte mir sofort das gänzlich Fehlerhafte derselben, und ich suchte Sulzer auf eben diese Grundverschiedenheit aufmerksam zu machen, welche zwischen den üblichen Ansichten sogar recht gescheiter Leute und meiner Einsicht in das Wesen dieser Dinge bestehe. Da es mir natürlich nicht möglich war, auch durch noch so große Beredsamkeit meine Ideen hierüber im Fluge zum Verständnis zu bringen, so machte ich mich alsbald bei meiner Nachhausekunft darüber, einen geregelten Plan zu einer ausführlichen Behandlung derselben zu entwerfen. Somit übernahm ich die Ausarbeitung dieses Buches, welches ich unter dem Titel »Oper und Drama« veröffentlichte: eine Arbeit, welche mich mehrere Monate, bis zum Februar 1851, angestrengt beschäftigte. – Den ermüdenden Eifer, welchen ich auf die Beendigung dieser Arbeit verwendet, hatte ich schließlich in grausamer Weise zu büßen: noch hatte ich nach meiner Berechnung wenige Tage angestrengten Fleißes für das Manuskript nötig, als mein guter Papagei, welcher gewöhnlich auf dem Schreibtische mir zugesehen hatte, bedenklich erkrankte. Da er schon einige Male von gleichen Anfällen sich glücklich wieder erholt hatte, nahm ich es auch diesmal nicht so ängstlich: als meine Frau mich bat, den in einer entfernten Gemeinde wohnenden uns empfohlenen Tierarzt aufzusuchen, verschob ich dies, um nur meinen Schreibtisch nicht zu verlassen, vom nächsten auf den übernächsten Tag. Eines Abends spät wurde ich endlich mit dem verhängnisvollen Manuskripte fertig: am andren Morgen lag der gute Papo tot am Boden. Meine vollständige Untröstlichkeit über diesen traurigen Fall ward von Minna in gleich herzlicher Trauer geteilt, und in der Übereinstimmung unserer Zuneigung für die uns so nah befreundeten Haustiere begegneten wir uns in einer für unser ferneres Nebeneinanderbestehen nicht unförderlichen wirklich gemütlichen Weise.
Außer den Haustieren waren uns aber auch die älteren Züricher Freunde, über die Katastrophe meines Familienverhältnisses hinweg, treu und anhänglich geblieben. Als der wertvollste und bedeutendste dieser stellte sich allerdings immer mehr Sulzer heraus. Die ausgesprochenste Verschiedenheit [473] in den intellektualen Anlagen und Temperamentseigenschaften, welche zwischen uns stattfanden, schien unser Verhältnis gerade dadurch zu begünstigen, daß wir eigentlich immer Überraschungen an uns zu erleben hatten, welche sich, da der Grund derselben stets bedeutend war, zu den anregendsten und belehrendsten Erfahrungen gestalteten. Außerordentlich reizbar und von sehr zarter Gesundheit, war Sulzer, der gegen seine ursprüngliche Neigung in den Staatsdienst getreten war und sein Belieben der strengen Gewissenhaftigkeit der Pflichterfüllung im weitesten Sinne geopfert hatte, durch seine Bekanntschaft mit mir stärker, als es ihm erlaubt schien, in die Sphäre des ästhetischen Genusses gezogen worden. Fast hätte er sich diese Ausschweifung leichter erlaubt, wenn auch ich mit der Kunst es unschwer genommen hätte; daß ich nun aber der künstlerischen Bestimmung des Menschen eine so ungemeine, weit über den Staatszweck hinausgehende Bedeutung zuerkannt wissen wollte, brachte ihn oft ganz aus der Fassung; wogegen nun aber gerade dieser mein großer Ernst es war, der ihn wieder zu mir und meinen Anschauungen heranzog. Da dies nicht bloß zu Unterhaltungen und gemächlichen Diskussionen führte, sondern unsere beiderseitige große Reizbarkeit sehr oft die heftigsten Explosionen veranlaßte, so geschah es mitunter, daß er mit bebenden Lippen Hut und Stock ergriff und ohne Abschied hastig davonging. Es war nun hübsch, daß er andren Tags sich gewiß pünktlich zur Abendstunde wieder einstellte und wir beide des Gefühles waren, als wenn gar nichts zwischen uns vorgefallen sei. Nur wenn ihn gewisse leidenvolle körperliche Zustände zur vollkommenen Einschließung für längere Tage bestimmten, war es schwer bei ihm vorzukommen, weil er ganz wütend werden konnte, wenn man ihn nach seiner Gesundheit frug; es gab dann ein einziges Mittel, ihn in gute Stimmung zu versetzen: es mußte nämlich erklärt werden, man habe ihn aufgesucht, um einen Freundschaftsdienst von ihm zu erbitten; wo er dann, völlig angenehm überrascht, sich nicht nur zu jeder Gefälligkeit sogleich bereit zeigte, sondern auch eine wirklich heitere und wohlwollende Miene annahm.
Höchst auffallend stach nun neben ihm der Musiker Wilhelm Baumgartner ab: ein lustiger, lebensfroher Bruder ohne jede Neigung zur Konzentration, der gerade so viel Klavierspielen gelernt hatte, um einen guten Lehrer für so viel Stundengeld, als er gerade gebrauchte, abzugeben, und der recht warm und sinnig für etwas Schönes, wenn es sich nur nicht zu hoch verlor, empfand; ein treues gutes Herz, der außerdem vor Sulzer auch großen Respekt hatte, leider aber dem Hange zur Kneipe dadurch nicht entwöhnt werden konnte. – Außerdem hatten sich schon von der ersten Zeit her noch zwei Freunde dieser beiden, der tüchtige und ehrenwerte damalige zweite Staatsschreiber Hagenbuch und ein sonderbar gutmütiger, aber geistig nicht eben sehr begabter und deshalb von Sulzer nicht immer besonders schonungsvoll behandelter Advokat und damaliger Redakteur der »eidgenössischen Zeitung«, Bernhard Spyri, gesellt. – Alexander Müller, welcher [474] durch häusliche Kalamität, körperliche Leiden und handwerksmäßiges Stundengeben immer mehr in Beschlag genommen war, verschwand bald gänzlich aus unserem Umgange. – Zu einem Musiker Abt fühlte ich, trotz seiner »Schwalben«, mich nicht hingezogen; auch verließ er uns bald, um in Braunschweig glänzende Karriere zu machen.
Nun war aber von außen, namentlich durch die politischen Schiffbrüche, der Züricher Gesellschaft allerhand Bereicherung zugeführt worden. Bei meiner Zurückkehr im Sommer 1850 traf ich bereits den bürgerlich nicht uneleganten, aber ziemlich langweiligen Adolph Kolatschek: er fühlte sich zum Redigieren berufen und hatte eine »Deutsche Monatsschrift« gegründet, welche den in der letzten Bewegung äußerlich Besiegten das Feld zur Fortsetzung des Kampfes auf dem inneren Gebiete des Geistes eröffnen sollte. Fast schmeichelte es mir, daß ich von ihm als Schriftsteller beachtet wurde, da er dabei blieb, einem solchen Vereine geistiger Kräfte, wie ihm durch seine Unternehmung eine Grundlage gegeben werden sollte, dürfte »eine Potenz wie die meinige« nicht fehlen. Ich hatte ihm bereits von Paris aus den Aufsatz über »Kunst und Klima« zugeschickt; jetzt nahm er willig auch einige größere Bruchstücke aus dem noch unveröffentlichten »Oper und Drama« auf, welche mir durch ihn auch sehr anständig honoriert wurden. Die ser Mann ist mir noch immer in Erinnerung als die einzige Erfahrung von einem taktvollen Redakteur; er gab mir das Manuskript einer Rezension meines »Kunstwerk der Zukunft« von einem Herrn Palleske zur Einsicht und erklärte mir, ohne meine besondere Einwilligung, die er jedoch keineswegs von mir anspreche, sie nicht abdrucken lassen zu wollen. Da ich fand, daß diese oberflächliche, gänzlich verständnislose und doch im hoffärtigsten Tone verfaßte Besprechung, wenn sie gerade in dieser Zeitschrift erschien, mich jedenfalls zu einer durch wiederholte Ausführung meiner wirklichen Thesen umständlichen und ermüdenden Erwiderung veranlassen müßte, ich aber hiergegen im höchsten Grade abgeneigt war, so ließ ich es bei Kolatscheks Entschluß, das Manuskript seinem Verfasser zu anderweitigem Abdruck zu empfehlen. – Dagegen lernte ich an Kolatscheks Seite in Reinhold Solger einen wirklich ausgezeichneten und interessanten Menschen kennen; da seinem etwas unruhigen und abenteuerlichen Wesen das Eingepferchtsein in die kleine enge Züricher Schweizer Welt unerträglich wurde, verließ er uns bald und ging nach Nordamerika, von wo aus ich noch von seinem herausfordernden Auftreten mit Vorlesungen über die europäischen Verhältnisse hörte. Gewiß war es schade, daß dieser talentvolle Mann nicht dazu kam, durch bedeutendere Arbeiten sich bekannt zu machen; was er in der kurzen Zeit seines Züricher Aufenthaltes für unsere Monatsschrift schrieb, gehörte offenbar zu dem Vorzüglichsten, was jemals auf diesem Felde von einem Deutschen geleistet worden ist.
Im neuen Jahre 1851 gesellte sich zu diesen auch Georg Herwegh, welchen ich eines Tages zu meiner Überraschung in Kolatscheks Wohnung antraf. [475] Die Schicksale, die ihn für jetzt nach Zürich führten, wurden mir erst später in einer etwas widerwärtig an mich herantretenden Gestalt bekannt; für jetzt gab sich Herwegh in einer gewissen aristokratischen Haltung als fein gewöhnter, üppiger Sohn seiner Zeit, dem namentlich einige stets in seiner Rede einfließende französische Interjektionen ein sonderbar vornehmes, wenigstens verwöhntes Ansehen verliehen. Doch waren sein Äußeres, sein lebhaft funkelndes Auge und die Freundlichkeit seines Benehmens recht wohl geeignet, einen anziehenden Eindruck auszuüben. Ich fand mich fast geschmeichelt, als er gern die Einladung zu meinen bäuerlichen Abendzusammenkünften annahm, welche allerdings einige Male, als Bülow noch sie musikalisch belebte, sich ziemlich artig ausnehmen mochten, wogegen andrerseits mir allerdings gar nichts geboten wurde. Als ich zu Vorlesungen aus meinen Manuskripten schritt, behauptete meine Frau, daß Kolatschek eingeschlafen wäre und Herwegh dabei sich nur ihren Punsch habe schmecken lassen. Als ich späterhin »Oper und Drama« an zwölf verschiedenen Abenden, wie ich erwähnte, meinen Züricher Freunden und ihren Bekannten vortrug, blieb Herwegh aus, weil er sich nicht unter diejenigen mischen wollte, für die so etwas nicht geschrieben wäre. Doch belebte sich allmählich mein Umgang mit ihm, wozu nicht nur meine Achtung vor einem kürzlich noch so sehr gefeierten Dichtertalente, sondern auch die Wahrnehmung der wirklich zarten und feinen Begabung eines wohlgebildeten Geistes beitrugen. Ich gewahrte endlich an Herwegh selbst das Bedürfnis nach meinem Umgange. Daß ich hierbei es immer nur zu den Berührungen der tieferen und ernsteren Interessen, welche mich so leidenschaftlich einnahmen, kommen ließ, schien eine veredelnde Teilnahme an diesen selbst demjenigen hervorzurufen, der, seit dem schnellen Gewinne seines Dichterruhmes, zu seinem großen Nachteile sich so sehr nur den seinem ursprünglichen Naturell so ganz abliegenden Äußerlichkeiten einer trivialen Fasson verloren hatte. Hierzu mochte die wachsende Bedrängnis seiner Lage, welche er bisher immer noch nach gewissen Ansprüchen auf Glanz beurteilen zu müssen geglaubt hatte, viel beitragen. Kurz, ich fand an ihm zuerst den feinen, sympathischen Verstand für meine gewagtesten Entwürfe und Ansichten, und ich mußte ihm bald Glauben schenken, wenn er mir versicherte, daß er nur noch mit mei nen Gedanken sich beschäftigte, auf welche gewiß niemand so innig sich einließe als er.
Neue Nahrung erhielt dieser innigere und gewiß nicht unzarte Verkehr durch die Mitteilungen, die ich Herwegh bald über eine neue dramatische Dichtung machte, mit welcher ich mich im nahenden Frühjahr beschäftigen durfte. Die von Liszt im Spätherbst des vergangenen Jahres in das Werk gesetzte Aufführung des »Lohengrin« auf dem Weimarischen Theater hatte Folgen gehabt, wie sie bisher von Aufführungen mit so beschränkten Mitteln unmöglich zu erwarten gewesen waren. Diese konnten nur das Ergebnis des Eifers eines so mannigfach reichbegabten Freundes wie Liszt sein. Lag es [476] außer seiner Macht, dem Weimarischen Theater schnell Sänger von der Bedeutung zuzuführen, wie sie für den »Lohengrin« genügt hätten, und mußte er nach vielen Seiten der Darstellung hin mit der bloßen Andeutung des Geforderten sich begnügen, so ließ er es nun seine Sorge sein, diese Andeutungen in geistvoller Weise zum Verständnis zu bringen. Zunächst setzte er selbst einen ausführlichen Bericht über die Erscheinung des »Lohengrin« auf: selten hat wohl die schriftliche Besprechung eines Kunstwerkes diesem so aufmerksame und im voraus bis zu enthusiastischer Überzeugung bestimmte Freunde gewonnen als die bis in die zartesten Details sich erstreckende Abhandlung Liszts über den »Lohengrin«. Karl Ritter zeichnete sich auf das vorteilhafteste dadurch aus, daß er eine ganz vorzügliche deutsche Übersetzung des französischen Originals lieferte, welche in der »Illustrirten Zeitung« zunächst veröffentlicht wurde. Bald darauf gab Liszt sein, durch eine ähnliche Abhandlung über den »Tannhäuser« bereichertes Original auch in französischer Sprache heraus, und diese Broschüre war es, welche seit jener Zeit für lange hin, namentlich im Auslande, eine oft überraschend mir entgegenkommende Teilnahme und eine genauere Kenntnis jener Arbeiten, als wie sie durch mangelhafte Einsicht in die Klavierauszüge gewonnen werden konnte, erweckte. Fern davon, hiermit sich zu begnügen, wußte Liszt nun aber auch immer neue intelligente Kräfte von außen zu den Weimarischen Aufführungen meiner Opern herbeizuziehen, um diejenigen, die richtig zu hören und zu sehen imstande waren, mit freundlicher Gewalt auf dieselben aufmerksam zu machen. War ihm seine gute Absicht mit Franz Dingelstedt nicht eigentlich gelungen, da dieser mit offenbarem Widerwillen sich nur zu einem konfusen Berichte über den »Lohengrin« in der »Allgemeinen Zeitung« anließ, so scheint es seiner begeisternden Beredsamkeit doch vollständig gelungen zu sein, Adolf Stahr in entscheidender Weise für mein Werk einzunehmen. Dessen ausführliche Besprechung meines »Lohengrin« in der Berliner »National- Zeitung«, welche meinem Werke eine große Bedeutung vindizierte, blieb ersichtlich nicht ohne nachhaltigen Eindruck auf das deutsche Publikum. Auch in den engeren Kreisen der spezifischen Musiker scheint es nicht unwichtig eingewirkt zu haben, daß Robert Franz, ebenfalls von Liszt fast gewaltsam zu einer Aufführung des »Lohengrin« herbeigezogen, in unverkennbar begeisterter Weise darüber sich vernehmen ließ. Nach vielen Seiten hin wirkten diese Beispiele anregend, und eine Zeitlang schien es, als ob wirklich die sonst so stumpfsinnige musikalische Presse sich energisch fördernd mit mir befassen wollte. Was dieser Bewegung sehr bald und für immer eine gänzlich verschiedene Richtung geben sollte, werde ich in kurzem zu erwähnen Veranlassung finden; für jetzt faßte Liszt aus all den freundlichen Wahrnehmungen den Mut, mich zu weiterem Vorgehen in meiner nun bereits seit mehreren Jahren unterbrochenen produktiven Tätigkeit zu veranlassen. War er mit dem »Lohengrin« zustande gekommen, so getraute er sich nun auch, ein wohl noch kühneres Wagnis zu [477] bestehen, und forderte mich auf, mein Gedicht von »Siegfrieds Tod« für Weimar in Musik zu setzen. Auf seinen Antrieb mußte der Intendant des Weimarischen Theaters, Herr von Ziegesar, im Namen des Großherzogs mir ein völliges Engagement hierfür antragen: ich sollte die Arbeit in Jahresfrist beendigen und dafür während dieser Zeit 500 Taler ausgezahlt bekommen. – Sonderbar war es, daß der Herzog von Coburg etwa um dieselbe Zeit, ebenfalls durch Liszt, mich gegen eine Zahlung von 900 Talern zur Instrumentation einer von ihm zu komponierenden Oper auffordern ließ, und zwar wollte mein großmütiger Arbeitsbesteller es sogar übernehmen, trotz meiner Lage als Geächteter mich in sein Schloß nach Coburg kommen zu lassen, wo ich mit ihm, dem Komponisten und Frau Birch-Pfeiffer, der Dichterin, eingeschlossen, das neue Werk fördern sollte. Liszt erbat von mir natürlich sich weiter nichts als einen anständigen Vorwand zur Ablehnung dieses Antrags, wofür er aber doch für gut hielt, mir »körperliche und geistige Verstimmung« anzuraten. Später erzählte mir noch mein Freund, daß den Herzog zu dem Wunsche meiner Mitwirkung an seiner Partitur namentlich meine gute Anwendung der Posaunen bestimmt habe; als er hierfür von Liszt die Mitteilung meiner Maximen sich erbat, habe ihm dieser erwidert, das Besondere hierbei wäre, daß, ehe ich für die Posaune schriebe, mir immer etwas einfiele.
Dagegen fühlte ich mich nun sehr angezogen, auf das Weimarische Anerbieten einzugehen. Noch ermüdet von meiner angestrengten Arbeit an »Oper und Drama«, angegriffen von so manchem, was mein Gemüt kummervoll betraf, setzte ich mich seit langer Zeit zum ersten Male wieder an meinen aus der Dresdener Katastrophe geretteten Härtelschen Flügel, um zu versuchen, wie ich mich zur Komposition meines schwerwiegenden Heldendramas anlassen würde. Ich entwarf in flüchtiger Skizze die Musik zu dem in jener ersten Fassung nur andeutend ausgeführten Gesänge der Nornen; als ich auch Brünnhildes erste Anrede an Siegfried in Gesang übersetzte, entsank mir aber bald aller Mut, da ich nicht umhin konnte mich zu fragen, welche Sängerin im nächsten Jahre diese weibliche Heldengestalt in das Leben rufen sollte. Da fiel mir denn meine Nichte Johanna ein, welche ich früher in Dresden, so mancher schönen äußeren Begabung wegen, ungefähr für diese Rolle mir gedacht hatte. Diese hatte nun in Hamburg ihre Primadonnen-Karriere angetreten, und nach allen Berichten, die ich über sie erhielt, sowie namentlich auch aus dem Benehmen, welches sie mit ihrer Familie gegen mich recht ungeniert annahm, hatte ich zu schließen, daß jede meiner noch so bescheidenen Hoffnungen auf ihr Talent für mich verlorengegangen sei. Dagegen hatte ich das andere Unglück, daß eine zweite Dresdener Primadonna, Mme Gentiluomo Spatzer, welche einst Marschner zu Donizettischen Dithyramben begeistert hatte, als Stellvertreterin Johannas unaufhörlich mir vor die Phantasie trat, so daß ich einst wütend vom Klaviere aufsprang und erklärte, für solche Steifröcke nichts mehr schreiben zu [478] wollen. Sowie ich in meinen Gedanken mich mit dem Theater nur in irgendwelche Berührung wieder gebracht sah, faßte mich ein ganz unbeschreiblicher Unmut, welchen ich für jetzt in keiner Weise zu bewältigen vermochte. Fast beruhigte es mich zu gewahren, daß an meiner großen Verstimmung körperliches Übelbefinden einen Anteil haben möge. Ich wurde nämlich in diesem Frühjahre durch einen Hautausschlag überrascht, welcher sich über den ganzen Leib ausdehnte. Mein Arzt verordnete mir dagegen Schwefelbäder, welche ich des Vormittags regelmäßig anzuwenden hatte. So sehr diese Kur meine Nerven aufregte und infolgedessen mich später zur Ergreifung der radikalsten Mittel für meine Gesundheit veranlaßte, wirkte doch für jetzt die regelmäßige vormittägige Promenade nach der Stadt und zurück beim frischen Erblühen des Mai zunächst erheiternd auf meine Gemütsstimmung. Ich konzipierte den »Jungen Siegfried«, welchen ich als heroisches Lustspiel der Tragödie »Siegfrieds Tod« ergänzend vorausschicken wollte. Von dieser Empfängnis hingerissen, suchte ich mich sogleich auch zu überreden, daß dieses Stück leichter aufzuführen sein würde als jenes ernst gewaltige. In diesem Sinne teilte ich Liszt mein Vorhaben mit und bot der Weimarischen Intendanz für ihre nun ernstlich von mir anzunehmende Jahressubvention von 500 Talern das neu zu verfassende Gedicht und die musikalische Komposition eines »Jungen Siegfried« an. Ohne Zögern ward hierauf eingegangen, und ich zog mich nun in das voriges Jahr von Karl Ritter verlassene Dachstübchen zurück, um, zwischen Schwefel und Mai, das in meinem frühesten Plan bereits enthaltene Gedicht des »Jungen Siegfried« in bester Laune und in kurzer Zeit auszuführen.
Ich muß nun der innigeren Freundesbeziehungen gedenken, welche ich seit meinem Fortgange von Dresden mit Theodor Uhlig, dem jungen Musiker des Dresdener Orchesters, dessen ich bereits früher gedachte, unterhalten hatte und welche mit der Zeit bis zu einem wahrhaft ergiebigen Verhältnisse sich steigerten. Sein selbständiger, sogar etwas schroffer Sinn hatte sich sowohl durch die Teilnahme an meinem Schicksale als durch ein sehr eingehendes Verständnis meiner Schriften zur wärmsten, ja fast unbedingten Ergebenheit für mich gebildet. Auch er hatte zu den Besuchern der »Lohengrin«-Aufführung in Weimar gehört und mir einen sehr verständigen Bericht darüber zugesandt. Da der Musikhändler Härtel in Leipzig auf mein Anerbieten, den »Lohengrin« herauszugeben, ohne mir Honorar dafür zu zahlen, gerne eingegangen war, überwies ich auch Uhlig die Abfassung des Klavierauszuges. Hauptsächlich aber hielten uns die theoretischen Fragen, welche ich mit meinen Schriften angeregt, durch eifrige Korrespondenz in Verbindung. Mich rührte es fast an ihm, daß er, den ich schon seiner Bildung nach doch nur als reinen Musiker nehmen konnte, auf die Tendenzen, welche viel allgemeiner gebildet erscheinende Musiker als ihren spezifischen Kunstausübungen gefährlich bis zur Verzweiflung erschreckten, eben weil er sie mit klarem Verstande erfaßt hatte, vollkommen zustimmend einging. Er [479] hatte für den Ausdruck dieser Übereinstimmung alsbald auch die literarische Fähigkeit gewonnen und bezeugte diese in einem vortrefflichen größeren Aufsatze über die Instrumentalmusik, welcher in Kolatscheks »Deutscher Monatsschrift« veröffentlicht wurde. Außerdem teilte er mir aber auch eine bis jetzt noch Manuskript gebliebene, streng theoretische Arbeit über die musikalische Themen- und Satz-Bildung mit. Diese zeugte von einer ebenso originellen Auffassung als gründlichen Erforschung des Verfahrens Mozarts und Beethovens, namentlich in ihrem höchst charakteristischen Unterschiede, und schien mir, bei ihrer erschöpfend sicheren Ausführlichkeit, vollkommen geeignet, die Grundlage einer neuen Theorie der höheren musikalischen Satzkunst zu bilden, durch welche das geheimnisvollste Verfahren Beethovens erklärt und zu einem faßlichen Systeme der weiteren Anwendung ausgearbeitet werden durfte. Seine Aufsätze hatten den Herausgeber der »Neuen Zeitschrift für Musik«, Franz Brendel, mit gutem Instinkt auf diesen ausgezeichneten jungen Mann aufmerksam gemacht. Zur Mitarbeit an seinem Blatte aufgefordert, ward es Uhlig bald leicht, Brendel gänzlich aus seiner bisher unentschiedenen Haltung zu reißen und ihn, der es im ganzen stets ehrlich und ernstlich meinte, mit Bestimmtheit und für immer derjenigen Seite zuzuwenden, welche von jetzt an bald als eine sogenannte »neuere Richtung« in der musikalischen Welt Aufsehen zu machen begann. Auch ich fand mich nun veranlaßt, in diesem Sinne der Zeitschrift einen verhängnisvollen Beitrag zu widmen. Ich hatte bemerkt, daß hier öfter mit den gehässig klingenden Schlagwörtern »jüdische Melismen«, »Synagogenmusik« und ähnlichen umgegangen worden war, ohne daß hiermit etwas anderes als nichtssagende Aufreizungen sich zu erkennen gegeben hatten. Mich reizte es nun, das Thema der Einmischung der modernen Juden in die Musik und ihres Einflusses auf dieselbe näher zu betrachten und die charakteristischen Merkmale dieses Phänomens zu bezeichnen. Ich tat dies in einem größeren Aufsatze: »Das Judentum in der Musik«. Obwohl ich nicht gesonnen war, gegen Nachfrage mich als den Verfasser desselben zu verleugnen, hielt ich es doch für nützlich, mich zunächst mit einem Pseudonym zu unterzeichnen, um hierdurch zu vermeiden, daß die von mir sehr ernstlich gemeinte Angelegenheit sofort in das rein Persönliche verschleppt und dadurch ihre wahre Bedeutung verdeckt würde. Das Aufsehen, welches dieser Artikel machte, ja der wahre Schrecken, den er verbreitete, dürften kaum mit einer ähnlichen Erscheinung zu vergleichen sein. Die unerhörte Anfeindung, welche ich bis auf den heutigen Tag von der sämtlichen Zeitungspresse Europas erfahren habe, können einzig demjenigen verständlich werden, welcher jenen Artikel und sein schreckliches Aufsehen zu seiner Zeit beachtet hat und nun sich vergegenwärtigt, daß alle Zeitungen Europas fast ausschließlich in den Händen der Juden sind, wogegen diejenigen nie klarsehen werden, welche den Grund dieser ununterbrochenen gehässigen Verfolgung etwa nur in einer theoretischen oder praktischen Abneigung gegen [480] meine Ansichten oder künstlerischen Arbeiten suchen zu müssen glaubten. Zunächst brachte das Erscheinen dieses Aufsatzes einen Sturm, welcher über den ganz unbefangenen und seiner Tat sich kaum bewußten Brendel bald in eine Verfolgung, die auf Vernichtung abgesehen war, ausging. Ein anderes unmittelbares Ergebnis war es, daß von jetzt an selbst die wenigen, welche bisher durch Liszt für mich sich zu erklären veranlaßt worden waren, in sicheres Schweigen, endlich wohl selbst in eine feindselige Haltung sich zurückzogen, da für alles, was sie in ihrem eigenen Interesse unternehmen mochten, es ihnen ratsam dünken mußte, ihre Abwendigkeit von mir nachweisen zu können. Desto treuer und entschiedener hielt nun aber Uhlig zu mir; er kräftigte Brendels zahmeren Sinn zur Ausdauer und half ihm fortwährend durch teils gediegene, teils witzige und scharftreffende Beiträge für seine Zeitung. Namentlich faßte er sogleich einen Hauptgegner, den von Ferdinand Hiller in Köln geworbenen Herrn Bischoff, welcher für mich und meine Freunde die Bezeichnung »Zukunftsmusiker« erfunden hatte, scharf in das Auge und geriet mit ihm in eine länger andauernde, ziemlich ergötzliche Polemik. Die Grundlage des bis zum europäischen Skandal allmählich angewachsenen Problems der sogenannten »Zukunftsmusik«, eine Bezeichnung, welche Liszt sehr bald mit guter und stolzer Laune akzeptierte, war nun gelegt. Wohl hatte ich durch den Titel meines Buches »Kunstwerk der Zukunft« zu jener Erfindung die eigentliche Veranlassung gegeben: zum völligen Schlachtruf ward die Bezeichnung jedoch erst erhoben, seitdem »Das Judentum in der Musik« alle Schleusen der Wut über mich und meine Freunde geöffnet hatte. – Erst in die zweite Hälfte dieses Jahres fällt das Erscheinen meines Buches »Oper und Drama«, welches, soweit es überhaupt von den herrschenden Musikern nur eigentlich beachtet werden konnte, natürlich nicht wenig dazu beitrug, die gegen mich ausgebrochene Wut zu nähren; jedoch nahm sie von da ab mehr den Charakter der Tücke und Verleumdungssucht an, da die Bewegung nun durch einen großen Kenner in solchen Dingen, Herrn Meyerbeer, in ein planmäßiges System gebracht wurde, welches er von jetzt an bis an sein seliges Ende mit sicherer Hand in Ausübung erhielt.
Noch in der ersten Zeit des offenen Wutgeschreies, in welcher wir uns jetzt befanden, hatte Uhlig nun bereits auch eben dieses »Oper und Drama« kennengelernt. Ich hatte ihm nämlich davon das Originalmanuskript geschenkt; da es zierlich in Rot eingebunden war, verfiel ich darauf, als Widmung, im Gegensatze zu dem Goethischen »Grau, mein Freund, ist alle Theorie«, einzuzeichnen: »Rot, mein Freund, ist meine Theorie«. Auch über diese Mitteilung entstand eine für mich anregende und wahrhaft erfreuliche Korrespondenz mit dem jungen, schnell und scharf eindringenden Freunde, und ich hatte nun das herzliche Verlangen, nach Ablauf voller zweier Jahre der Trennung ihn wiederzusehen. Meiner Einladung zu entsprechen, war für den armen, kaum zum »Kammermusikus« bestellten [481] Geiger keine geringe Angelegenheit; doch suchte er freudig alles zu überwinden und kündigte mir für die ersten Tage des Juli seine Besuchsreise an. Ich beschloß ihm bis Rorschach am Bodensee entgegenzugehen, um ihn von da aus auf dem Wege eines Schweizer Ausfluges bis Zürich zu geleiten. Ich selbst machte mich schon hierzu, auf angenehmen Umwegen durch das Toggenburg, in altgewohnter Weise zu Fuße auf. Heiter und erfrischt gelangte ich auf diese Art nach St. Gallen, wo ich nun Karl Ritter, nach Bülows Fortgang in sonderbarster Abgeschiedenheit allein zurückgeblieben, aufsuchte. Den Grund seiner Einsamkeit konnte ich nicht wohl erraten, obschon er mir von seinem angenehmen Umgange mit einem St. Galler Musiker, Greitel, erzählte, von dem ich später nie wieder etwas vernahm. Noch ganz ermüdet von der Anstrengung meiner Fußreise, konnte ich mich doch nicht enthalten, dem äußerst intelligenten und mit schnellster Fassungskraft begabten jungen Freunde mein soeben vollendetes Manuskript der Dichtung des »Jungen Siegfried« als meinem ersten Zuhörer vorzulesen. Der Eindruck davon auf ihn erfreute mich sehr, und in bester Laune bestimmte ich ihn nun, seine sonderbare Einsiedelei zu verlassen und mit mir Uhlig entgegenzugehen, um dann gemeinschaftlich mit uns beiden über den hohen Säntis zu längerem freundschaftlichem Aufenthalt nach Zürich zu wandern.
Der Anblick des erwarteten Gastes, als er in dem mir bereits wohlbekannten Rorschacher Hafen landete, erfüllte mich sofort mit Bangen für die Gesundheit des jungen Freundes, da seine Anlage zur Schwind sucht sofort zu erkennen war. Um ihn zu schonen, wünschte ich der verabredeten Bergbesteigung zu entsagen, wogegen er mit Lebhaftigkeit auf der Ausführung derselben bestand, da dergleichen Anstrengungen in freier Luft ihn nur von der verzehrenden Ermüdung durch den abscheulichen Geigerdienst erholen könnten. Nachdem wir zu drei das Appenzeller Ländchen durchwandert, machten wir uns denn nun wirklich zu der nicht unbeschwerlichen Überschreitung des Hohen Säntis auf. Es war auch für mich das erste Mal, daß ich im Sommer ein lang sich hindehnendes Schneefeld durchschritt. Auf der sehr wilden Höhe in der Sennhütte unseres Führers angelangt und durch eine äußerst frugale Kost gestärkt, galt es nun noch den einige hundert Fuß aufragenden steilen Felsenkegel, welcher die eigentliche Spitze des Berges bildet, zu besteigen. Hier weigerte sich Karl plötzlich uns zu folgen; um ihn aus seiner Weichlichkeit aufzurütteln, sandte ich den Führer zurück, welcher ihn auf unser Zureden mit halber Gewalt zu uns zu bringen hatte. Da wir nun von Stein zu Stein an dem jähen Abhange hinaufklommen, bemerkte ich allerdings, wie übel ich getan hatte, Karl zur Teilnahme an dieser gefahrvollen Besteigung zu nötigen. Offenbar machte ihn der Schwindel völlig bewußtlos; er starrte wie ohne Sehkraft vor sich hin; wir mußten ihn durch unsre Stäbe zwischen uns einschließen, und jeden Augenblick glaubte ich ihn zusammenbrechen und hinabstürzen sehen zu müssen. Als wir auf der Spitze anlangten, sank er gänzlich ohne Besinnung zu Boden; und ich[482] hatte nun zu empfinden, welche furchtbare Verantwortung ich mir zugezogen, da jetzt noch der gefährlichere Rückweg zu beschreiten war. Unter einer Beängstigung, die, während sie meine eigene Gefahr mir vollkommen verbarg, mir immer nur das Bild des im Abgrunde zerschmetterten jungen Freundes vorhielt, gelangten wir endlich doch glücklich wieder zur Sennhütte zurück. Da wir anderen entschlossen blieben, den vom Führer uns als nicht ungefährlich bezeichneten Hinabstieg über den jähen Abhang der andren Seite des Berges auszuführen, bestimmte ich nun, durch meine soeben ausgestandene unbeschreibliche Pein wohl belehrt, den jungen Ritter, zunächst in der Hütte zurückzubleiben, den baldigst von uns zurückzusendenden Führer zu erwarten und mit diesem dann den durchaus ungefährlichen Rückweg nach der Seite hin, von wo wir gekommen, anzutreten. Somit trennten wir uns hier, da er in seiner Richtung nach St. Gallen zurückgehen mußte, wir aber durch das schöne Toggenburger Tal des andren Tages nach Rapperswyl und dem Züricher See zur Heimkehr uns wandten. Erst nach längeren Tagen entriß uns Karl der Sorge um ihn durch seine Ankunft in Zürich, wo er kurze Zeit mit uns vereinigt blieb, dann aber bald sich losriß, vielleicht um nicht wieder in Versuchung zu kommen, auf eine neue Gebirgsreise, die wir uns allerdings vorgenommen hatten, uns zu begleiten. Ich erfuhr von ihm erst wieder, als er einen längeren Aufenthalt in Stuttgart genommen hatte, wo er mit einem jungen Schauspieler, mit dem er schnell befreundet worden war, in engem Umgange lebend, sich wohlzubefinden schien.
Herzlich erfreute mich nun meinerseits der vertraute Umgang mit dem sanften und doch so männlich festgesinnten, außerordentlich begabten jungen Dresdener Kammermusikus, der mit seinem hellblonden Lockenkopfe und schönem blauem Auge auf meine Frau den Eindruck machte, als ob ein Engel bei uns eingekehrt sei. Für mich hatte seine Physiognomie außerdem das Interessante und in Betracht seines Schicksales Rührende, daß seine auffallende Ähnlichkeit mit dem damals noch lebenden Könige Friedrich August von Sachsen, meinem alten Gönner, mir das andrerseits zugekommene Gerücht zu bestätigen schien, daß Uhlig der natürliche Sohn desselben sei. Unterhaltend war es mir, durch ihn wieder Berichte über Dresden, das Theater und die dortigen musikalischen Zustände zu erhalten. Meine Opern, bisher die Glorie derselben, waren gänzlich vom Repertoire verschwunden; vom Charakter des Urteiles meiner ehemaligen Kollegen über mich gab er mir eine hübsche Notiz: als »Kunst und Revolution« und das »Kunstwerk der Zukunft« erschienen waren und besprochen wurden, hatte einer geäußert: »Na, der kann auch lange machen, ehe er sich wieder zum Kapellmeister schreibt.« Um die musikalischen Fortschritte zu bezeichnen, erzählte er mir, daß Reissiger, als er die früher von mir aufgeführte A-dur-Symphonie zu dirigieren hatte, sich in folgender Weise aus einem ihm aufstoßenden Dilemma half. Die große Schluß-Entwicklung des letzten Satzes führt Beethoven [483] hier bekanntlich durch ein unausgesetzt unterhaltenes forte, welches er endlich nur noch durch ein sempre più forte steigert, aus: hier hatte nun Reissiger, welcher vor mir bereits diese Symphonie dirigierte, bei ihm günstig dünkender Gelegenheit ein piano eingeschaltet, jedenfalls um es doch mindestens zu einem crescendo bringen zu können; dieses hatte ich natürlich sofort wieder entfernt und dafür dem Orchester anempfohlen, fortwährend mit der äußersten Kraft zu spielen. Da die Symphonie nun wieder in meines Vorgängers Hände kam, fiel es ihm doch beschwerlich, jenes unglückliche piano wieder zu restituieren; dennoch mußte er auch seine Autorität, die hierbei kompromittiert war, zu retten suchen: und so setzte er fest, daß statt forte »mezzo forte« gespielt werden sollte.
Am traurigsten betraf mich ganz besonders die Nachricht von der grenzenlosen Verwahrlosung meines unglückseligen Opernverlages unter dem Schutze des Hofmusikalienhändlers Meser, welcher sich, da nur Geld daraufzuzahlen sei, wogegen gar nichts dafür einkäme, als von mir verführtes Opferlamm gebärdete. Dennoch verwehrte er sorgsam jeden Einblick in seine Bücher, indem er behauptete, daß er dadurch mein Eigentum rettete, welches außerdem, da all mein Vermögen konfisziert sei, der sofortigen Beschlagnahme verfallen würde. – Angenehmer waren unsere Unterhaltungen über »Lohengrin«, von welchem mein Freund den Klavierauszug nun beendigt hatte und bereits die Korrekturen des Stiches besorgte.
Nach einer neuen Seite hin gewann Uhlig einen für lange entscheidenden Einfluß auf mich durch seine enthusiastische Anpreisung des Wasserheilsystems. Er brachte mir ein Buch hierüber von einem gewissen Rauße mit, welches mich namentlich durch seine radikale Tendenz, die etwas Feuerbachsches an sich hatte, in sonderbarer Weise befriedigte. Die kühne Zurückweisung der ganzen medizinischen Wissenschaft mit allen ihren Quacksalbereien, dagegen die Anpreisung des einfachsten Naturverfahrens durch methodische Anwendung des stärkenden und erquickenden Wassers gewann mich schnell zu leidenschaftlicher Eingenommenheit. Es ward nämlich behauptet, daß jedes eigentliche Medikament nur insofern eine Wirkung auf den Organismus haben könnte, als es Gift sei und von diesem daher nicht assimiliert würde; es ward nachgewiesen, daß solche durch lange Anwendung von Medikamenten siech gewordene Menschen von dem berühmten Prießnitz dadurch geheilt worden seien, daß dieses im Körper verhaltene Gift nach der Haut getrieben und durch diese zur gänzlichen Ausscheidung gebracht worden wäre. Nun fielen mir sogleich die im vergangenen Frühjahre widerwillig von mir angewandten Schwefelbäder ein, und meine fortwährend ungemein starke Reizbarkeit schrieb ich, zum Teil wohl nicht mit Unrecht, dieser Kur zu. Diesen zuletzt empfangenen und allen seit langer Zeit möglichst aufgenommenen Giftstoff von mir auszutreiben, um durch ausschließliches Wasserregime mich zu einem radikal gesunden Urmenschen umzuschaffen, ward nun für lange Zeit die Angelegenheit, welche mich mit [484] steigender Leidenschaftlichkeit beschäftigte. Uhlig selbst behauptete, durch streng eingehaltenes Wasserregime gewiß zu sein, seine eigene Gesundheit vollkommen kräftigen zu können. Auch mein Glaube hieran wuchs täglich. – Mit Ende Juli traten wir eine Wanderung durch den inneren Teil der Schweiz an: von Brunnen am Vierwaldstätter See gingen wir über Beckenried nach Engelberg und überschritten von dort die wilde Surenen-Eck, bei welcher Gelegenheit wir auch erträglich über den Schnee zu rutschen lernten. Bei Überschreitung des hohen Gebirgsflüßchens traf Uhlig jedoch das Ungemach, in das Wasser zu fallen; meine Besorgnis über die Folgen hiervon verscheuchte er sogleich durch die Versicherung, daß dies ein sehr wohltätiges Exerzitium zur Fortsetzung seiner Kur sei: die Nötigung zum Trocknen seiner Kleider und Wäsche setzte ihn nicht in die geringste Verlegenheit, da er diese ruhig an der Sonne ausbreitete und währenddem eine, wie er behauptete, sehr wohltätige Promenade mit nacktem Leibe in freier Luft ausführte. Wir unterhielten uns währenddem über wichtige Probleme der Themen-Bildung Beethovens, bis ich mir den Scherz machte, ihn für einen Augenblick durch die Nachricht aus der Fassung zu bringen, daß ich dort hinter ihm den Hofrat Carus mit Gesellschaft aus Dresden kommen sähe. So gelangten wir in heiterster Laune endlich in das Reuß-Tal bei Attinghausen und wanderten am Abend noch bis Amsteg, von wo aus wir am anderen Morgen, trotz der großen Ermüdung, sofort noch den Besuch des Maderaner Tales ausführten. Dort gelangten wir bis an den Hüfi-Gletscher, von wo aus wir den Blick in die erhabene Gebirgswelt, welche sich dort mit dem Tödy abschließt, warfen. Am gleichen Tage wieder zurück nach Amsteg gelangt, fühlten wir uns endlich doch hinreichend erschöpft, so daß es mir gelang, meinen für den andren Tag zur Besteigung des Klausen-Passes im Schächen-Tal höchst günstig gestimmten Freund hiervon abzubringen und zur behaglichen Rückreise über Flüelen zu bewegen. Dem immer ruhigen und höchst gelassenen jungen Manne sah ich wirklich keinerlei Erschöpfung an, als er mit Anfang des August seine Rückreise nach Dresden antrat, wo er allerdings die ihn wahrhaft bedrückende Lebenslast nun dadurch sich zu erleichtern hoffte, daß er die Direktion der Zwischenakt-Musik in den Schauspielen, welche er mit künstlerischem Sinne zu organisieren gedachte, zu übernehmen vorhatte und dadurch von dem eigentlich beschwerenden und demoralisierenden Orperndienste Befreiung erhielt. Doch faßte mich große Betrübnis, als ich ihn zu dem Postwagen geleitete; auch ihn schien ein plötzliches Bangen zu ergreifen; und wirklich sahen wir uns jetzt zum letzten Male.
Für jetzt blieben wir in der regsten Korrespondenz; da seine Briefe mich immer angenehm unterhielten und längere Zeit fast das einzige Band für meinen Verkehr mit der Außenwelt bildeten, bat ich ihn immer, mir recht viel zu schreiben. Weil das Briefporto damals noch teuer war und voluminöse Briefe unserer Kasse empfindlich fielen, geriet Uhlig auf den ingeniösen [485] Gedanken, die Paketpost für unsere Korrespondenz zu benützen; da aber nur Sendungen von bedeutenderem Gewicht durch diese expediert werden durften, so erhielt eine alte deutsche Übersetzung des »Figaro« von Beaumarchais, welche Uhlig in einem ehrwürdigen Exemplare besaß, die eigentümliche Bestimmung, als Ballast für unsere Briefe zwischen uns hin und her geschickt zu werden; so daß denn allemal, wenn unsere Schreiben gehörig angewachsen waren, dieses damit angekündigt wurde: »Heute bringt Figaro wieder Botschaft.« – Zunächst erfreute Uhlig sich noch sehr an der »Mitteilung an meine Freunde«, welche ich als Vorwort zu einer Herausgabe meiner drei Operndichtungen »Der fliegende Holländer«, »Tannhäuser« und »Lohengrin« sofort nach unserer Trennung noch niederschrieb. Es belustigte ihn auch zu erfahren, daß Härtel, welcher dieses Buch gegen ein Honorar von 10 Louisdor zum Verlag angenommen hatte, sich gegen einige Stellen des Vorwortes, durch welche ich sowohl die Rechtgläubigkeit als den Staatsrespekt der Verleger affizierte, mit so entschiedener Protestation auflehnte, daß ich wirklich geneigt war, das Buch einem anderen Buchhändler zu übergeben, bis ich mich denn zur Nachgiebigkeit bewogen fühlte und durch geringe Änderungen die beängstigten Gewissen beruhigte.
Mit diesem ziemlich umfangreichen Vorworte, welches mich den Monat August über beschäftigt hatte, sollte nun für jetzt und, wie ich hoffte, für immer mein Ausflug in das literarische Gebiet geschlossen sein. Sobald ich aber ernstlich an die Aufnahme der musikalischen Komposition des für Weimar versprochenen »Jungen Siegfried« dachte, befiel mich immer wieder ein schwermütiger Zweifel, den ich sogar als wirklichen Widerwillen gegen diese Arbeit empfand. Unklar über den Grund dieser inneren Verstimmung, geriet ich darauf, ihn in meinem Gesundheitszustand zu suchen; und so beschloß ich denn eines Tages, aus der von mir so enthusiastisch aufgenommenen Wasserheiltheorie zum praktischen Ernste überzugehen, erkundigte mich nach einer nahegelegenen hydropathischen Anstalt und eröffnete meiner Frau, daß ich dieser Tage (es war Mitte September) nach dem etwa drei Stunden entfernten Albisbrunn mich zurückziehen werde, um nicht eher wiederzukehren, als bis ich ein radikal gesunder Mensch geworden wäre. Minna war über die Ankündigung meines Vorhabens sehr erschrocken und glaubte darin eine neue Tendenz zur Flucht vom Hause ersehen zu müssen. Ich gab ihr dagegen auf, für meine Rückkehr die von uns gemietete neue, zwar sehr kleine, aber gut gelegene Wohnung im Parterre der Vorderen Escherhäuser im Zeltweg so behaglich wie möglich einzurichten, da wir doch, der großen Beschwerlichkeit des Winteraufenthaltes in der bisherigen entfernten Wohnung wegen, nach der Stadt uns zurückzuziehen beschlossen hatten. – Allgemein wurde mein Vorhaben, bei so vorgerückter Jahreszeit eine Wasserkur zu unternehmen, mit großer Verwunderung aufgenommen; doch gelang es mir sofort einen Leidensgefährten zu werben. Mit Herwegh war mir dies durchaus nicht geglückt; dagegen hatte[486] mir das Schicksal in dem ehemaligen Sächsischen Gardeleutnant und früheren Geliebten der Schröder-Devrient, Hermann Müller, einen biedren und zur Unterhaltung aufgelegten Genossen zugewiesen. Die Beibehaltung seiner Stellung in der Sächsischen Armee war diesem unmöglich geworden, und wenn auch nicht wirklicher politischer Flüchtling, so genoß er doch, da ihm in Deutschland jedes Fortkommen verschlossen war und er sich nun zur Orientierung über einen neuen Lebensplan nach der Schweiz gewandt hatte, die gewisse Rücksicht als exilierter Patriot. Aus meiner ersten Dresdener Zeit her zu sehr häufigem Umgang mit mir gewöhnt, fand er sich bald auch in meinem Hause, wo ihn namentlich meine Frau sehr gerne sah, als stehender Familienfreund zurecht. Ich beredete ihn leicht, zur gründlichen Behandlung eines Leidens, welches ihn plagte, mir in wenigen Tagen nach Albisbrunn nachzufolgen. Dort richtete ich mich nun, da ich es auf einen durchgreifenden Erfolg abgesehen hatte, so vorteilhaft wie möglich ein. Die Kur selbst ward von einem Dr. Brunner, welchen meine Frau bei ihren Besuchen als »Wasserjuden«, wie sie ihn nannte, bald gründlich zu hassen lernte, nach der herkömmlichen oberflächlichen Methode betrieben: früh um 5 Uhr zum Schwitzen eingewickelt, nach einigen Stunden in ein endlich nur noch vier Grade Wärme enthaltendes Bad gestürzt, worauf zur Erwärmung eine heftige Promenade durch den bald eisig sich einstellenden Spätherbst. Dazu Wasser-Diät ohne Wein, Kaffee oder Tee, eine schreckliche Tischgesellschaft von lauter Inkurabelen, traurige Abende mit endlich hilfreich herbeigezogenem Whistspiel, Fernhaltung jeder geistigen Arbeit, dazu wachsende Anstrengung und Überreizung der Nerven; dies war das Leben, in welchem ich neun Wochen aushielt und von welchem ich eigentlich nicht eher ablassen wollte, als bis, wie ich erwartete, alle jemals genossenen Medikamente auf meiner Haut erscheinen würden. Da ich selbst den Wein für grundgefährlich hielt, so nahm ich an, ich müßte auch von den vergangenen Gastereien bei Sulzer noch in mir verbliebene unassimilierbare Substanzen zum Ausschwitzen bringen. Das höchst entbehrungsvolle Leben in einer dürftigen Kammer mit harten Holzmöbeln und all dem nüchternen Hausrate der bekannten Schweizer Pensionen erzeugte nun in mir zu seinem Gegensatz die Sehnsucht nach einer besonders angenehmen und behaglichen Häuslichkeit, welche jetzt für lange Zeit zu einem mit den Jahren sich immer mehr ausbildenden, wohl fast leidenschaftlichen Hange wurde. Meine Phantasie beschäftigte sich damit, wie ein Haus und eine Wohnung eingerichtet sein sollten, um meinen Geist für künstlerisches Produzieren angenehm und frei zu erhalten.
Hierzu gesellten sich Anzeichen für eine mögliche allmähliche Verbesserung meiner Lage überhaupt. Zu seinem Unglück schrieb mir Karl Ritter von Stuttgart aus in die Wasserheilanstalt von seinen Privatversuchen, der Erfolge der Wasserkur sich zwar nicht durch Baden, aber doch durch außerordentlich vieles Trinken zu versichern. Ich hatte nun erfahren, daß das[487] übermäßige Wassertrinken ohne die Hilfe der übrigen Behandlung höchst gefährlich wirken könne, und forderte jetzt von Karl, er möge sich einer regelmäßigen Behandlung unterziehen, sich nicht weibisch von Entbehrung zurückhalten und sofort zu mir nach Albisbrunn kommen. Wirklich gehorchte er mir sogleich und kam zu meinem freudigen Erstaunen nach wenigen Tagen in Albisbrunn an. Zwar war er von gleichem Enthusiasmus für die radikale Hydropathie erfüllt, nur widerte ihn die praktische Anwendung sehr bald an: er polemisierte gegen die unverdauliche kalte Milch, da sie in der Natur, als Muttermilch, doch nur warm getrunken würde. Die Einpackungen und kalten Bäder fand er aufregend und wünschte bald auf seine eigene Art, hinter dem Rücken des Arztes, sich auf eine angenehmere Weise selbst zu behandeln. Hierzu gehörte, daß er im nahen Dorfe elende Zuckerbäckereien ausfindig machte; wenn er beim verborgenen Ankaufe derselben betroffen wurde, machte ihn dies sehr böse, und bald fühlte er sich in einer gezwungenen, ihn anwidernden Lage, welcher zu entfliehen ihn jedoch wieder das Ehrgefühl abhielt. – Hier traf ihn nun plötzlich die Nachricht vom Tode eines reichen Onkels, welcher auch jedem Gliede von Karls nächster Familie ein nicht unbedeutendes Vermögen hinterlassen hatte. Seine Mutter zeigte ihm und mir diese Verbesserung ihrer Vermögensumstände mit der Erklärung an, daß sie nun auch in den Stand gesetzt sei, mich regelmäßig mit der früher von den beiden Familien Laussot und Ritter mir gebotenen Subvention für ihr Teil versorgen zu können. Somit trat ich für so lange, als ich dessen benötigt war, mit einer Jahresrente von 800 Talern in die Genossenschaft der Familie Ritter ein.
Diese ebenso erfreuliche als neu ermutigende Wendung brachte sofort den Entschluß, meinen ursprünglichen Entwurf der »Nibelungen« vollständig und ohne alle Rücksicht auf Ausführbarkeit der einzelnen Teile auf unsren Theatern auszuarbeiten, in mir zur Reife. Hierzu war vor allen Dingen nötig, daß ich mich von meiner Verpflichtung gegen die Weimarische Theaterintendanz befreite. Bereits hatte ich von dem mir bestimmten Honorar 200 Taler bezogen: Karl jubelte, als er mir diese sofort zur Verfügung stellen konnte, um sie zurückzuerstatten. Ich begleitete diese Zurücksendung an die Weimarische Theaterintendanz mit der herzlichsten Anerkennung ihres Benehmens gegen mich, außerdem aber mit einem Brief an Liszt, in welchem ich ihm auf das allergenaueste mein großes Vorhaben und die inneren Nötigungen dazu auseinandersetzte. Liszts Antwort verkündete mir nur seine Freude darüber, mich in der Lage zu wissen, an eine so außerordentliche Arbeit gehen zu können, und schien den ganzen Plan schon seiner überraschenden Ungewöhnlichkeit wegen ganz meiner würdig zu halten. Nun atmete ich auch wirklich auf: denn der Gedanke, selbst den »Jungen Siegfried« sofort, in der Weise und mit der Absicht, ihn alsbald mit den gänzlich unvorbereiteten Kräften selbst des besten deutschen Theaters zur Darstellung gebracht zu sehen, liefern zu sollen, war mir, seitdem ich eine ernstere [488] Nötigung dazu übernommen hatte, als eine kaum mehr zu verbergende Belügung über mich selbst vorgekommen.
Jetzt ward nun auch mir der Wasserkuraufenthalt immer quälender; ich sehnte mich nach der Arbeit und geriet darüber, daß ich mir diese hier versagen mußte, in eine zunehmende, endlich sogar bedenkliche Aufregung. Daß der Zweck meiner Kur gänzlich verfehlt und sogar in eine sehr nachteilige Wirkung umgeschlagen war, suchte ich mir zwar mit großer Hartnäckigkeit zu verbergen: die radikalen Sekretionen waren zwar nicht eingetreten, dafür aber mein ganzer Körper in erschreckender Weise abgemagert. Ich hielt mich an dieses Ergebnis, glaubte nun genug getan zu haben, um schöne Erfolge als Nachwirkung zu erwarten, und verließ Ende November die Anstalt, aus welcher Müller mir nach einigen Tagen nachfolgen, wo Karl aber, um konsequent zu sein, noch bis zum Eintritt einer ähnlichen schönen Wirkung, wie ich sie zu verspüren vorgab, aushalten wollte. – In Zürich erfreute mich nun die Einrichtung, welche Minna der wenn auch sehr engen neuen Stadtwohnung gegeben hatte. Ein großer und breiter Diwan, etwas Teppich für den Fußboden und mehrere andre Behaglichkeiten waren angeschafft worden; ich hatte in meinem Hinterzimmer über meinen ordinären Arbeitstisch von weichem Holz einen grünen Tuch-Teppich und leichte grünseidene Gardinen ringsherum durchgesetzt, welches mir und aller Welt außerordentlich gefiel. Dieser so garnierte Tisch, an welchem ich seitdem stets gearbeitet, wanderte nach Jahren mit nach Paris und ging, als ich dieses wieder verließ, an Blandine Ollivier, Liszts ältere Tochter über, welche ihn von da nach St. Tropez auf das Landgütchen ihres Mannes schaffen ließ, wo er, wie ich vernehme, heute noch sein Dasein fristet.
Ich freute mich, meine Züricher Freunde in der zu Besuchen auch ihnen bequemer gelegenen neuen Wohnung wieder zu empfangen; nur verdarb ich ihnen für längere Zeit alle gastfreundschaftliche Unterhaltung durch meine leidenschaftliche Agitation für die Wasserdiät und die damit verbundene Polemik gegen Wein und andere narkotische Getränke. Für mich war hieraus eine neue Religion entstanden: war ich z.B. von Sulzer und Herwegh, welcher letzterer sich chemischer und physiologischer Kenntnisse rühmte, wegen der Unhaltbarkeit der Raußeschen Theorie über die Gifteigenschaften des Weines in die Enge getrieben worden, so hielt ich mich nun an das moralisch-ästhetische Motiv, welches mich im Weingenuß ein schlechtes und barbarisches Surrogat für die nur durch die Liebe zu gewinnende ekstatische Stimmung erkennen ließ. Ich behauptete nämlich, daß, was man im Weine suche, selbst wenn es nicht bis zum Exzeß getrieben würde, doch die Tendenz der Berauschung in sich schließe, somit einer ekstatischen Belebung der geistigen Kräfte, welche jedoch nur derjenige Mann in wahrhaft veredelndem Sinne an sich erfahre, der durch die Berauschung der Liebe diese Seelenkräfte abnorm aufgeregt fühle. Dieses führte denn überhaupt zu einer Kritik des modernen Verhältnisses der Geschlechter zueinander, [489] wozu ich namentlich durch die Beobachtung der Absonderung der Männer von den Frauen, wie sie in roher Weise in den schweizerischen Gewohnheiten vorlagen, veranlaßt wurde. Sulzer meinte, er habe gar nichts dagegen, sich durch Umgang mit Frauen berauschen zu lassen, nur »wo sie hernehmen und nicht stehlen?«. Herwegh wollte schon mehr auf meine Paradoxen eingehen, nur meinte er, der Wein habe gar nichts damit zu tun und sei an und für sich ein stärkendes Nahrungsmittel, welches sich andrerseits mit der Ekstase der Liebe sehr wohl vertrüge, wie Anakreon bewiese. Bei näherem Einblick in meinen Zustand erhielten jedoch meine Freunde ihrerseits Grund, über meine sonderbare und hartnäckige Extravaganz besorgt zu werden: ich war ausnehmend blaß und abgezehrt, schlief äußerst wenig und verriet in allem eine beängstigende Aufgeregtheit. Während mir der Schlaf endlich fast gänzlich abhanden kam, blieb ich jedoch dabei, nie so heiter und gut aufgelegt gewesen zu sein wie jetzt, und setzte in größter Winterkälte am frühesten Morgen meine kalten Bäder fort, zur Plage für meine Frau, welche mir zu der darauf nötigen Promenade mit der Laterne auf den Weg leuchten mußte.
In diesem Zustand traf mich die Ankunft der gedruckten Exemplare von »Oper und Drama«, welche ich, mit einer ganz exzentrischen Freude daran, mehr verschlang als las. Großen Anteil an dieser übermäßig erregten Stimmung mochte das Bewußtsein haben, mit welchem ich mir sagen konnte, daß ich nun, nach jeder Seite hin und selbst mit notgedrungener Anerkennung Minnas, meine vollkommene Losreißung von meiner bisherigen so qualvollen Laufbahn als Kapellmeister und Opernkomponist durchgesetzt hatte. Keiner forderte mehr von mir das, was vor zwei Jahren mich noch so unglücklich gemacht hatte. Namentlich auch die nun dauernd mir zugesicherte, zur Not für mein Leben allein ausreichende Unterstützung durch die Familie Ritter, welche eben den Zweck hatte, mich in vollkommen freier Tätigkeit zu erhalten, trug ihr letztes dazu bei, mir die Stimmung zu geben, in welcher ich jetzt mit wahrem Übermut auf alles, was ich nun unternehmen würde, blickte. Schienen meine Arbeitspläne für jetzt jede Möglichkeit auszuschließen, durch sie mit unserer schlechten künstlerischen Öffentlichkeit mich in Berührung zu setzen, so hegte ich im tiefsten Inneren doch keineswegs die Meinung, daß ich damit etwa bloß für das Papier arbeitete. Nur setzte ich voraus, daß in jener Öffentlichkeit wie in unsrem ganzen sozialen Leben es sehr bald zu einem unermeßlichen Umschwunge kommen werde; dem dann sehr schnell sich bildenden neuen Zustande und seinen wahrhaften Bedürfnissen glaubte ich in meinen nun mit solcher Rücksichtslosigkeit entworfenen Arbeiten gerade den rechten Stoff zuzuführen, durch welchen plötzlich ein ganz neues Verhältnis der Kunst zur Öffentlichkeit sich herausstellen sollte. So kühne Erwartungen, über welche ich natürlich gegen keinen meiner damaligen Freunde mich eingänglicher aussprechen konnte, waren mir aus meiner Beurteilung der damaligen Weltlage entstanden. Das [490] allgemeine Verunglücken der politischen Bewegungen hatte mich nämlich doch nicht irregemacht; vielmehr glaubte ich zu erkennen, daß, was sie schließlich als so kraftlos herausgestellt habe, eben nur der nicht deutlich genug erkannte und ausgesprochene innere Grund derselben gewesen sei: als dieser stellte sich mir nun die soziale Bewegung dar, welche trotz der politischen Niederlage keineswegs an Energie verloren, sondern immer stärker sich ausgebreitet hatte. So beurteilte ich das, was mir bei meinem letzten Aufenthalte in Paris zur Wahrnehmung gekommen war. Dort hatte ich unter andrem einer Wähler-Versammlung der sogenannten sozial-demokratischen Partei beigewohnt, deren ganze Haltung auf mich von großem Eindruck geworden war; sie fand in einer provisorisch hergerichteten großen »Salle de la Fraternité« im Faubourg St. Denis statt und war von 6000 Männern besucht, deren würdiges Benehmen, fern von allem tumultuarischen Wesen, mir einen sehr vorteilhaften Begriff von dem konzentrierten und zuversichtlichen Bewußtsein dieser jüngsten Partei gab. Die Ansprachen der Hauptredner der damaligen äußersten Linken der »Assemblée nationale« überraschten mich sowohl durch ihren ungemeinen rhetorischen Schwung als durch die in ihnen sich kundgebende feste Zuversicht. Da nun diese wirklich extreme Partei sich durch alles, was gegen die herrschende Reaktion zur Opposition getrieben wurde, allmählich immer mehr verstärkte und alle früher nur »liberalen« Elemente den Wahlprogrammen dieser sogenannten »Sozialdemokraten« offen sich anschlossen, war vorauszusehen, daß sie, wenigstens in Paris, bei den mit dem Jahre 1852 bevorstehenden neuen Wahlen, namentlich bei der Neuwahl des Präsidenten der Republik, das entscheidende Übergewicht erhalten werde. Meine eigenen Annahmen hierüber wurden, wie bekannt, auch von ganz Frankreich geteilt, und dem Jahre 1852 schien die Bedeutung eines unerhörten Umschwunges beigelegt werden zu müssen, wie dieser sehr sicher namentlich auch von der Gegenpartei befürchtet wurde, welche daher dem kommenden Zustande der Dinge mit äußerstem Schrecken entgegensah. Die übrige Lage der europäischen Staaten, in welchen jeder Aufschwung mit geistlosester Brutalität niedergehalten worden war, ließ der Annahme Raum, daß eben diesem Zustande von keiner Seite lange Dauer zugesprochen werde, und alles schien gespannt auf die große, mit dem nächsten Jahre bevorstehende Entscheidung zu blicken. – Mit meinem Freunde Uhlig hatte ich, neben der Vortrefflichkeit des Wasserkur-Systems, auch diese bedeutende Weltlage besprochen: er, der aus den Dresdener Theater-und Orchester-Proben zu mir kam, fand es ungemein schwer, so kühnen Annahmen über eine heroische Wendung der menschlichen Angelegenheiten recht zu geben. Er versicherte mir, ich könne mir nicht vorstellen, wie erbärmlich die Menschen wären; doch betäubte ich ihn so weit, daß er das Jahr 1852 mit mir als ein mit großer Entscheidung schwangeres in das Auge faßte. Hierauf bezog sich denn manches in unserer Korrespondenz, welche »Figaro« fleißig wieder vermittelte. Wenn [491] wir uns über irgendeine Niederträchtigkeit zu beklagen hatten, rief ich ihm immer diese hoffnungs- und verhängnisvolle Jahreszahl zu, wobei meine Meinung sich ungefähr dahin gestaltete, daß wir längere Zeit dem erwarteten Umsturze ruhig zuzusehen hätten, um dann, wenn alle nicht mehr wissen würden was zu tun sei, unsrerseits erst anzufangen. Wie ernstlich dieser sonderbare Hoffnungsbau in mir sich begründet hatte, vermag ich nicht recht zu ermessen; daß an dem zuversichtlichen Übermute meiner Annahmen und Behauptungen die in bedenklichem Grade gesteigerte Aufregung meiner Nerven einen großen Anteil hatte, mußte mir jedoch allerdings bald zur Einsicht kommen. Die Nachrichten vom Staatsstreiche des 2. Dezember in Paris machten auf mich den Eindruck des rein Unglaublichen: während die Welt erhalten werden zu sollen schien, ging sie mir ganz ersichtlich unter. Als sich der Erfolg davon befestigte und das, was vorher kein Mensch für möglich gehalten hätte, mit allem Anscheine der Dauer sich begründete, wandte ich mich mit der Gleichgültigkeit, wie von einem Geheimnisse, dessen Ergründung uns nicht der Mühe wert dünkt, von der Erforschung dieser rätselhaften Welt ab. Mit scherzhafter Reminiszenz an unsre frühere Hoffnung auf das Jahr 1852 veranlaßte ich nun für meine Korrespondenz mit Uhlig, daß wir dieses Jahr als nicht eingetreten betrachteten und immerfort aus dem Dezember 51 datierten, welcher Monat auf diese Weise hierbei eine unerhörte Ausdehnung erhielt.
Bald bemächtigte sich meiner eine außerordentliche Niedergeschlagenheit, in welcher sich die Enttäuschung über den äußeren Verlauf der Weltgeschicke auf sonderbare Weise mit der jetzt bei mir eintretenden Reaktion gegen die Übertreibungen der Wasserkur in bezug auf meinen Gesundheitszustand zugleich zur Geltung brachte. Nach jener Seite zu erkannte ich nun die triumphierende Wiederkehr aller der ernüchternden, jede höhere Hoffnung ausschließenden Erscheinungen im Kulturleben, von denen die Erschütterungen der letzten Jahre uns für immer befreit zu haben schienen. Ich sagte die Zeit voraus, wo es bald wieder so elend bei uns hergehen würde, daß ein erscheinendes neues Buch von Heinrich Heine als aufregendes Ferment begrüßt würde: als wirklich nach einiger Zeit der »Romancero« dieses zuletzt ganz in Unbeachtung gefallenen Dichters mit dem vollen altgewohnten Aufsehen wieder die Journale alarmierte, mußte ich laut lachen; wirklich gehöre ich zu den wahrscheinlich sehr wenigen gebildeten Deutschen, welche dieses Buch, das übrigens viele Verdienste haben soll, nie aufgeschlagen haben. Dagegen erhielt ich nun Ursache, meinem beängstigenden physischen Zustande eine ernstlichere Aufmerksamkeit zu widmen, welche mich für jetzt zu einer notgedrungenen gänzlichen Umkehr in meinem bisherigen Verfahren gelangen ließ.
Diese Umkehr ging jedoch nur sehr allmählich und unter besondrer Einwirkung meiner Freunde vor sich. Der Kreis derselben hatte sich mit dem Eintritte dieses Winters vermehrt, wiewohl Karl Ritter, welcher acht Tage [492] nach mir ebenfalls von Albisbrunn geflüchtet und dann eine Niederlassung in meiner Nähe versucht hatte, alsbald nach Dresden sich wandte, da er in Zürich offenbar für seine Jugend zu wenig Anregung fand. Dagegen suchte eine in Zürich seit kurzem niedergelassene Familie Wesendonk meine Bekanntschaft, wozu es in derselben Wohnung der »Hinteren Escherhäuser«, in welcher ich meine erste Züricher Niederlassung versucht hatte, auf Anlaß des nach mir dort eingezogenen, von der Dresdener Revolution her mir wohlbekannten Marschall von Bieberstein kam. Ich entsinne mich, an dem Abende dieser Gesellschaft meine damalige unmäßige Aufgeregtheit in einer Diskussion mit dem Professor Osenbrück ganz besonders zur Schau getragen zu haben: ich reizte diesen Mann über der Abendmahlzeit durch meine leidenschaftlich festgehaltenen Paradoxen zu einem wahren Abscheu gegen mich auf; denn er vermied seitdem mit größter Ängstlichkeit jede Begegnung mit mir. Meine hierbei angeknüpfte Bekanntschaft mit Wesendonks erschloß mir zunächst das freundliche Behagen eines Hauses, welches sich vor den sonstigen Züricher Hausständen vorteilhaft auszeichnete. Herr Otto Wesendonk, um einige Jahre jünger als ich, hatte durch Teilnahme an einem großen New Yorker Seidengeschäft sich ein nicht unbedeutendes Vermögen erworben und schien für seine Lebensentschlüsse sich gänzlich nach den Neigungen seiner seit wenigen Jahren mit ihm vermählten jungen Frau zu richten. Beide stammten vom Niederrhein her und trugen das freundlich blonde Gepräge dieses Landes. In der Nötigung, sich an einem dem New Yorker Geschäft förderlichen Orte Europas zu fixieren, hatte er zunächst Zürich, vermutlich seines deutschen Elementes wegen, vor Lyon den Vorzug gegeben. Beide hatten im vergangenen Winter der Aufführung einer Beethovenschen Symphonie unter meiner Direktion beigewohnt, und bei dem Aufsehen, welches diese Leistung in Zürich hervorrief, schien es ihnen für ihre neue Niederlassung wünschenswert zu dünken, mich für ihren Umgang zu gewinnen.
Auch diesen Winter ließ ich mich bestimmen, von Neujahr an in drei Konzerten der Musikgesellschaft, unter den für diese Gelegenheit nun im voraus angenommenen Bedingungen, einzelne ausgezeichnete Musikstücke dem verstärkten Orchester einzuüben und zu dirigieren. Große Freude machte es mir selbst, das eine Mal die Beethovensche Musik zum »Egmont« mit großer Sorgsamkeit vortragen zu lassen. Da Herwegh so gern etwas von meiner Musik zu hören wünschte, führte ich, wie ich dies ausdrücklich versicherte, ihm ganz besonders zuliebe auch die »Tannhäuser«-Ouvertüre auf und verfaßte für diese Gelegenheit ein besonderes, ihrem Verständnisse dienendes Programm. Auch gelang mir eine vorzügliche Aufführung der »Coriolan«-Ouvertüre, zu welcher ich ebenfalls ein erläuterndes Programm verfaßte. Dies alles ward von meinen Bekannten mit großer Teilnahme aufgenommen, so daß ich, hiervon verführt, endlich selbst den Bitten des damaligen Theaterdirektors Löwe, welcher eine Aufführung des [493] »Fliegenden Holländers« wünschte, um meiner Freunde willen nachgab und dadurch mich zu einem höchst widerwärtigen, wenn auch nur gelegentlichen Befassen mit einer Theatertruppe bestimmen ließ. Allerdings wirkte auch humane Rücksicht hierbei mit; denn es galt dem Benefize eines jungen Kapellmeisters Schöneck, welcher mich wirklich für sein unleugbares Musikdirigenten-Talent gewonnen hatte.
Die Anstrengung, welche mich dieser Ausflug in die mir ganz entwohnt gewordenen Regionen des Opernprobierens usw. kostete, trug nicht wenig zur Steigerung meines überreizten Gesundheitszustandes bei, so daß ich nun, auf das äußerste gepeinigt, meinen radikalen Gesinnungen in betreff der Ärzte untreu wurde und auf besondere Empfehlung Wesendonks mich dem Dr. Rahn-Escher anvertraute, welcher durch sein gemütliches Benehmen und sanft beruhigendes Verfahren mit der Zeit mich in ein neues und erträgliches Geleis überführte.
Ich sehnte mich endlich, nur dahin zu gelangen, die Vollendung meines kombinierten Nibelungen-Gedichtes in Angriff nehmen zu können. Ehe ich aber ernstlich dazu Mut faßte, glaubte ich den Frühling erwarten zu müssen und verbrachte zunächst meine Zeit noch mit einigen kleineren Arbeiten, unter welchen ein für die Veröffentlichung bestimmter Brief an Liszt über die »Goethe-Stiftung«, mit der Darlegung meiner Ideen über die Notwendigkeit der Gründung eines deutschen Original-Theaters, sowie eines zweiten Schreibens an Franz Brendel über die nach meiner Meinung zu befolgende Tendenz einer Zeitschrift für Musik zu gedenken ist. – Ich entsinne mich auch eines Besuches Henri Vieuxtemps', welcher in Bellonis Begleitung nach Zürich kam, um dort ein Konzert zu geben, und nochmals seit jener früheren Pariser Zeit eines Abends meine Freunde durch sein Violinspiel erfreute.–Mit dem Herannahen des Frühlings überraschte mich auch ein Besuch Hermann Francks, mit welchem ich ein interessantes Gespräch über die vergangenen Welt-Ereignisse hatte, während welcher er mir gänzlich aus den Augen verschwunden war. In seiner ruhigen Weise äußerte er mir sein Befremden über die Leidenschaftlichkeit, mit der ich mich in den Dresdener Aufstand verwickelt hätte; da ich verwunderungsvoll seinen Ausdruck mißverstand, erläuterte er ihn dahin, daß er mir wohl Wärme und Begeisterung für alles mögliche, nur nicht die Unbesonnenheit, an so nichtigen Unternehmungen mich zu beteiligen, zugetraut hätte. Ich erfuhr nun, welches die allgemein herrschende Meinung über diese unerhört verleumdeten Vorgänge in Deutschland war, und konnte namentlich in betreff meines armen Freundes Röckel zur Aufdeckung der auf ihm lastenden Verleumdungen, welche ihn sogar als einen elenden feigen Wicht darstellten, genügend beitragen, um so zu meiner wahren Befriedigung auch Franck eine andere Meinung hierüber beizubringen, wofür er mir seine aufrichtige Erkenntlichkeit kundgab. Mit Röckel selbst, der seit länger zu lebenslänglichem Zuchthaus »begnadigt« war, unterhielt ich zu Zeiten einen, wie nicht anders möglich, [494] offenen Briefwechsel, dessen Charakter sich bald dahin bestimmte, daß ich, namentlich bei seiner kräftigen, ja heiteren Ausdauer in seinem Zwangszustande ihn für glücklicher halten mußte als mich in meiner durch den hoffnungslosesten Blick in alle meine Lebenszustände getrübten Freiheit.
Endlich kam der Mai heran. Ich verlangte nach Landaufenthalt, um meine abgespannten Nerven zu kräftigen und endlich an die Ausführung meiner dichterischen Pläne zu gehen. Wir fanden, auf halber Höhe des nicht weit von unserer Wohnung gelegenen Zürich-Berges, in dem Rinderknechtschen Gute ein erträgliches Unterkommen und konnten bereits am 22. Mai meinen 39. Geburtstag durch ein ländliches Mahl in freier Luft, mit offener Aussicht auf den See und die fernen Alpen, begehen. Leider stellte sich aber bald fast für die ganze Sommerzeit andauerndes Regenwetter ein, gegen dessen üble Einwirkung auf meine Stimmung ich mit großer Mühe anzukämpfen hatte. Doch ging ich nun alsbald an die Arbeit, und wie ich meinen großen Plan von hinten an auszuführen begonnen hatte, fuhr ich nun auch, in dieser Richtung mich erhaltend, nach dem Anfange vordringend, fort, so daß ich nun, nachdem »Siegfrieds Tod« und »Der junge Siegfried« vollendet waren, das erste der Hauptstücke »Die Walküre« zunächst ausarbeitete, um diesem erst schließlich das einleitende Vorspiel, »Das Rheingold«, folgen zu lassen. Das Gedicht der »Walküre« führte ich unter solchen Umständen bis Ende Juni aus. – Nebenbei verfaßte ich hier die Widmung der Partitur meines »Lohengrin« an Liszt, sowie eine gereimte Zurechtweisung eines unberufenen Kritikers meines »Fliegenden Holländers« in einem Schweizer Blatte. – Außerdem verfolgte mich in diese ländliche Zurückgezogenheit eine sehr widerwärtige, Georg Herwegh betreffende Angelegenheit, da sich eines Tages ein Herr Haug, welcher sich als ehemaliger »römischer General« von Mazzinis Zeiten her zu erkennen gab, bei mir einführte, um im Interesse einer, wie es hieß, von dem »unglücklichen Lyriker« tief beleidigten Familie eine Art Verschwörung gegen diesen einzuleiten, wofür er jedoch von mir hilflos abgewiesen wurde. Angenehmer hiergegen war der andauernde Besuch Juliens, der ältesten Tochter meiner verehrten Freundin Ritter, welche mit dem jungen Dresdener Kammermusikus Kummer sich vermählt hatte und mit diesem, dessen Gesundheit gänzlich untergraben schien, eines berühmten Wasserarztes wegen, welcher einige Stunden von Zürich sein Wesen trieb, sich zu uns gewandt hatte. Ich hatte hier bereits nun Gelegenheit, gegen die Wasserkur zu polemisieren, was bei meinen jungen Freunden, welche mich für einen »Enragé« hielten, große Betroffenheit hervorrief. Doch überließen wir den Kammermusikus seinem Schicksale und erfreuten uns dagegen der bei uns auf dem Rinderknechtschen Gute längere Zeit verweilenden, sehr liebenswürdigen und angenehmen jungen Freundin.
Mit dem Gelingen meiner Arbeit zufrieden, kehrten wir endlich, der unerhört andauernden kalten und regnerischen Witterung wegen, mit Ende [495] Juni in die behaglichere Stadtwohnung zurück, wo ich beschloß, den Eintritt einer eigentlichen Sommerwitterung abzuwarten, um dann eine größere Fußreise über die Alpen, von der ich mir eine vorteilhafte Wirkung auf meine Gesundheit erwartete, anzutreten. Herwegh hatte mir versprochen, mich zu begleiten; da er aber, wie es schien, in widerlicher Weise noch abgehalten war, machte ich mich Mitte Juli allein auf den Weg, um unserer Abmachung gemäß von meinem Reisegenossen im Wallis erst eingeholt zu werden. Von Alpnach am Vierwaldstätter See aus trat ich die streng zu Fuß eingehaltene Wanderung an, und zwar nach einem Plane, welcher außer den Hauptpunkten des Berner Oberlandes mir besondere, weniger betretene Pfade durch die Alpenwelt anwies. Ich verfuhr hierbei ziemlich gründlich, indem ich z.B. im Berner Oberland auch das damals noch beschwerliche »Faulhorn« besuchte. Durch das Hasli-Tal im Grimsel-Hospital angelangt, befrug ich den Wirt desselben, einen stattlichen Mann, wegen der Besteigung des »Siedelhornes«. Er empfahl mir als Führer hierzu einen seiner Knechte, einen übel aussehenden rohen Menschen, welcher, indem er die Schneefelder nicht in den üblichen Zackenpfaden, sondern in gerader Linie mich führte, den Verdacht in mir erweckte, daß er es auf meine Ermüdung abgesehen habe. Auf der Höhe des Siedelhornes erfreute mich einerseits der Einblick in die innere Welt der sonst nur in ihren äußeren Formen uns zugekehrten Riesen des Oberlandes, sowie andrerseits der plötzlich sich darbietende Überblick der italienischen Alpen mit dem Montblanc und dem Monte Rosa. Ich hatte nicht verfehlt, mir ein kleines Fläschchen Champagner mitzunehmen, um es dem Fürsten Pückler bei seiner Besteigung des Snowdon nachzumachen; nur fiel mir niemand ein, auf dessen Wohl ich zu trinken hätte. Nun ging es wieder über Schneefelder hinab, über welche mein Führer mit rasender Schnelligkeit auf seinem Alpstock dahinglitt. Ich begnügte mich damit, in mäßigerer Eile auf den Fußhacken vorsichtiger mich hinabzulassen. In der höchsten Ermüdung gelangte ich abends nach Obergestelen, wo ich mich zwei Tage ausruhte und der Übereinkunft nach auf Herwegh wartete. Statt seiner traf aber nur ein Brief von ihm ein, der mich gewaltsam aus meinen Alpeneindrücken in die unangenehme bürgerliche Lage hinabzog, in welcher der Unglückliche infolge der angedeuteten Störungen sich damals befand. Er befürchtete nämlich, ich hätte mich durch seinen Gegner einnehmen und dadurch zu einem unfreundschaftlichen Urteil über ihn verleiten lassen. Ich meldete ihm, er möge sich hierüber keine grauen Haare wachsen lassen und in der Italienischen Schweiz möglichst noch mit mir zusammentreffen. So machte ich mich denn mit meinem unheimlichen Führer allein zur Besteigung des Gries-Gletschers und der Wanderung über dessen Paß nach der Südseite der Alpen auf. Bei dem Aufsteigen bot sich mir ein lange währender höchst trauriger Anblick dar: unter den Kuhherden der Hochalpen war die Klauenseuche ausgebrochen, und zahlreiche Scharen davon zogen in langen Reihen an mir zur notwendigen Pflege [496] nach den Tälern herab. Die Kühe waren auf das äußerste abgemagert, so daß sie Skeletten glichen, und schlichen jammervoll mühselig dahin; wie mit einer unbegreiflichen Schadenfreude schien die prachtvolle Umgebung mit der üppigen Weide auf diese traurige Flucht aus ihr hinzublicken. Am Fuße des steil aufsteigenden Gletscher-Abfalls kam ich in so gänzlich niedergeschlagener Stimmung an und fühlte meine Nerven so übermäßig abgespannt, daß ich erklärte, umkehren zu wollen. Ich erfuhr hierüber die rohe Verhöhnung meines Führers, der mich über meine Weichlichkeit zu verspotten schien. Der Ärger darob spannte meine Nerven an, und sofort machte ich mich auf, die steilen Eiswände in größter Schnelligkeit hinanzuklimmen, so daß er es diesmal war, welcher mir schwer nachkam. Die fast zwei Stunden andauernde Wanderung über den Rücken des Gletschers hin vollbrachten wir unter Schwierigkeiten, welche selbst den Grimsel-Knecht wenigstens um sich besorgt machten. Es war frischer Schnee gefallen, welcher die Eis-Schründe oberflächlich verdeckte und demnach gefährliche Stellen nicht genau erkennen ließ. Hier mußte der Führer gehörig vorangehen, um die Pfade genau zu rekognoszieren. Endlich gelangten wir an die Öffnung des Hochtales nach dem Formazza-Tale zu, nach welchem zunächst wiederum ein jäher Abfall von Schnee und Eis führte. Hier begann mein Führer wieder sein verwogenes Spiel, indem er mich, statt im sicheren Zickzack, abermals in gerader Linie über die jähesten Abhänge geleitete; da wir auf diese Weise an ein so steiles Geröllfeld gelangten, daß ich einer unausweichlichen Gefahr entgegensah, bedeutete ich meinen Geleiter auf das ernstlichste und zwang ihn eine große Strecke mit mir zurückzugehen, um auf einen von mir erspähten minder jähen Pfad zu gelangen. Unwirsch mußte er einwilligen. Sehr ergreifend war für mich nun bei meinem Heraustreten aus der starren Wildnis die erste Berührung mit der Kultur. Die erste dem Vieh wieder zugängliche dürftige Weidestelle hieß die Bettel-Matt, und der erste Mensch, der uns begegnete, war ein Murmeltier-Jäger. Bald belebte sich die Wildnis aber durch die ungeheuere Wirkung des herabstürzenden Bergflusses, der Tosa, welcher an einer Stelle einen in drei weiten Absätzen sich brechenden Wasserfall von überwältigender Schönheit bietet. Nachdem beim unablässigen Hinabsteigen das Moos und die Flechten sich zu Gras und Wiese, das Knieholz zu immer aufrechteren Kiefern und Fichten umgewandelt hatten, gelangten wir endlich in immer traulicherer Talgegend nach dem heutigen Ziel unsrer Wanderung, dem Dorfe Pommath, von der italienischen Bevölkerung Formazza genannt. Hier galt es denn wirklich zum erstenmal in meinem Leben Murmeltier-Braten zu essen. Von größter Ermüdung durch wenigen Schlaf nur ungenügend gestärkt, machte ich mich am andren Morgen allein auf die weitere Wanderung das Tal abwärts, nachdem ich meinen Führer ausgelohnt und auf den Heimweg geschickt hatte. Daß ich unter der Obhut dieses Menschen in wirklicher Lebensgefahr gewesen war, erfuhr ich erst im November dieses Jahres, als die [497] ganze Schweiz von der Nachricht alarmiert wurde, daß das Grimsel-Spital abgebrannt und von niemand anders als dem Wirt desselben, welcher dadurch von den Gemeinden die Erneuerung des Pachtvertrages für die Grimsel-Wirtschaft sich zu ertrotzen hoffte, in Brand gesteckt worden war. Er selbst hatte sofort bei der Entdeckung seines Verbrechens in dem kleinen See, an dessen Ufern das Spital liegt, sich ertränkt; der Knecht aber, welchen er zu der Brandlegung erkauft hatte, war festgenommen und zur Strafe abgeführt worden. Ich erfuhr aus dessen Namen, daß es derselbe war, welchen der vorsorgliche Grimsel-Wirt mir zu meiner einsamen Wanderung über denselben Gletscherpaß mitgegeben hatte, auf welchem, wie ich nun ebenfalls erfuhr, zwei Frankfurter Reisende nicht lange vor mir verunglückt und umgekommen waren: so daß ich denn abermals Gelegenheit hatte, mich als auf besondere Weise einer drohenden Todesgefahr entgangen zu betrachten.
Unvergeßlich sind mir nun die Eindrücke der Wanderung durch das immer tiefer sich senkende Tal geblieben. Namentlich überraschte mich die plötzlich sich erschließende südliche Vegetation, nachdem ich durch einen engen Felsenpaß, in welchen die Tosa sich zusammendrängte, steil herabgestiegen war. Bei heißer Sonnenglut gelangte ich am Nachmittage nach Domo d'Ossola; und hier erinnerte ich mich eines hübschen, mit Platenscher Feinheit ausgeführten Lustspieles, welches noch in Dresden von einem mir unbekannt gebliebenen Verfasser durch Eduard Devrient mir mitgeteilt worden war und welches in Domo d'Ossola, unter den Eindrücken des Herabgelangens aus der nördlichen Alpenwelt in das plötzlich sich erschließende Italien, wie ich sie soeben selbst empfand, spielte. Ebenso unvergeßlich ist mir ein hier ziemlich naiv aber äußerst behaglich serviertes erstes Diner à l'italiana verblieben. Da ich zu ermüdet war, um diesen Tag noch weiterzuwandern, dennoch aber mit Ungeduld an die Ufer des Lago Maggiore zu gelangen trachtete, versorgte ich mich hier mit einem Einspänner, der mich bis zur Nacht noch nach Baveno bringen sollte. Ich fühlte mich so heiter und glücklich, als ich in meinem Wäglein dahinrollte, daß ich mich der Rücksichtslosigkeit schuldig machte, einem Offizier, welcher durch den Vetturino mich um die Erlaubnis, mir Gesellschaft zu leisten, angehen ließ, barsch sein Gesuch abzuschlagen. In den hübschen Orten, durch welche ich nun gelangte, erfreute mich die Zierlichkeit der Häuserdekorationen sowie die angenehme Physiognomie der Menschen. Eine junge Mutter, welche, ihr Kind auf dem Arme und an einer Spindel spinnend, trällernd dahinschlenderte, blieb auf mich ebenfalls von unvergeßlichem Eindrucke. Kurz nach Sonnenuntergang gewann ich noch den Anblick der aus dem Lago Maggiore anmutig aufsteigenden Borromeischen Inseln und konnte nun wieder vor Freude über das morgen zu Erlebende nicht schlafen. Der Besuch der Inseln selbst entzückte mich des andren Tages so sehr, daß ich nicht recht begreifen konnte, wie ich zu so etwas Anmutigem käme und was ich damit anfangen sollte. Mit dem Gefühle, als müsse ich jetzt vor etwas fliehen, wohin ich [498] nicht gehöre, verließ ich nach dem einen Tage den Ort, um den Lago Maggiore aufwärts über Locarno nach Bellinzona wieder in das eidgenössische Gebiet und von da nach Lugano mich zu wenden, wo ich, meinem ersten Reiseplane gemäß, mich länger aufzuhalten gedachte. Hier litt ich nun bald unter einer unerträglichen Hitze; selbst die Bäder im ganz durchglühten See boten keine Erfrischung mehr. In einem palastähnlichen Gebäude, welches im Winter die Regierung des Kantons Tessin beherbergte, im Sommer aber zum Gasthofe diente, war ich zwar, sobald ich von dem schmutzigen Mobiliar, unter welchem auch das »Denksofa« aus den »Wolken« des Aristophanes figurierte, absah, recht stattlich logiert. Doch stellte sich nun wieder der Zustand bei mir ein, unter welchem ich so lange gelitten, und welcher zwischen äußerster Abspannung und Aufregung der Nerven mich so wenig zur Ruhe kommen ließ, wie es gewöhnlich mir erging, sooft ich mir in meinem Leben auf eine angenehme Weise zu faulenzen vorgenommen hatte. Ich hatte mir Lektüre mitgenommen, und namentlich sollte Byron die Kosten meiner Unterhaltung tragen. Ich mußte mich leider sehr dazu zwingen, Genuß an ihm zu finden, was endlich im weiteren Verlaufe des Don Juan mir immer schwerer fiel. Nach wenigen Tagen schon begriff ich nicht, was ich hier wollte, als plötzlich Herwegh mir meldete, daß er mich mit mehreren Freunden hier aufsuchen werde. Ein wunderlicher Instinkt trieb mich, sogleich meiner Frau zu telegraphieren, sie möge ebenfalls herkommen. Sie gehorchte meinem Rufe mit überraschender Schnelligkeit und traf mit der Post über den Gotthard unvermutet in später Nacht ein. Ihre Ermüdung war so groß, daß sie auf dem »Denk-Sofa« sofort in einen Schlaf versank, welchen ein Gewitter von solcher Heftigkeit, wie ich es nie wieder erlebt habe, nicht zu erschüttern vermochte. Am Morgen traf denn auch wirklich meine Züricher Freundschaft ein.
Der Hauptgenosse Herweghs war Dr. François Wille. Diesen hatte ich schon vor längerer Zeit zum ersten Male bei Herwegh kennengelernt: er zeichnete sich durch ein in Studenten-Duellen zerfetztes Gesicht aus, außerdem durch eine zuversichtliche Neigung zu witzigen, drastischen Bemerkungen. Seit kurzem hatte er sich bei Meilen am Züricher See mit seiner Familie niedergelassen und mich mit Herwegh öfter veranlaßt, ihn dort zu besuchen. Wir trafen da die Gewohnheiten einer Hamburger Familie an, welche durch seine Frau, eine Tochter des reichen Schiffsreeders Sloman, in ziemlicher Wohlhabenheit erhalten wurde. Während er eigentlich immer Student blieb, hatte er früher doch Gelegenheit gewonnen, durch die Redaktion einer Hamburger politischen Zeitung sich Beachtung und zahlreiche Bekanntschaft zu verschaffen. Er wußte außerordentlich viel zu erzählen und galt dadurch für unterhaltend. Jetzt hatte er, so schien es, sich Herweghs angenommen, um ihn aus seiner üblen Stimmung und seiner Unschlüssigkeit im Betreff der anzutretenden Alpenwanderung zu reißen und sich mit einem Professor Eichelberger selbst zu Fuß über den Gotthard aufgemacht, was Herwegh [499] übermäßig empört hatte, da er erklären zu dürfen glaubte, daß Fußwanderungen nur da angewandt wären, wo man nicht fahren könne, nicht aber auf solchen Kunststraßen. Nach einem Ausfluge in die Umgegend von Lugano, auf welchem ich Gelegenheit hatte, des unangenehmen Eindruckes der kindischen Kirchglockenspiele, wie sie in Italien so allgemein sind, innezuwerden, überredete ich die Gesellschaft, mir nach den Borromeischen Inseln zu folgen, wohin es mich noch einmal einzig verlangte. Während der Dampfschiffahrt auf dem Lago Maggiore trafen wir einen schmächtigen Herrn mit langem Husaren-Schnurrbart an, den wir scherzhaft unter uns für den General Haynau ausgaben und als solchen, ebenfalls zu unserer Belustigung, mißtrauisch behandelten. Bald entdeckte er sich als ein äußerst gutmütiger hannöverischer Edelmann, welcher zu seinem Vergnügen lange Italien bereist hatte und vieles Nützliche im Bezug auf den Verkehr mit Italienern uns mitteilen konnte. Seine Empfehlung nützte uns sehr für den Besuch der Borromeischen Inseln, von welchen aus meine Bekannten sich von mir und meiner Frau trennten, um auf dem nächsten Wege zurückzureisen, während wir über den Simplon und durch das Wallis noch nach Chamonix uns wenden wollten.
Die Ermüdung, welche mich bisher mein Ausflug gekostet hatte, sagte mir nämlich, daß ich so bald zu einem ähnlichen Unternehmen mich nicht wieder aufmachen würde, und es drängte mich daher, das Sehenswürdigste der Schweiz bei dieser Gelegenheit vollends in Augenschein zu nehmen. Überhaupt war ich aber wohl, wie seit längerer Zeit es mit mir stand, in der Stimmung, mir durch einen neuen äußeren Eindruck eine bedeutende Wirkung auf mich zu erwarten. Deshalb wollte ich den Montblanc nicht vorbeigehen lassen. Sein Anblick ward mit großen Beschwerden erkauft, unter welchen eine nächtliche Ankunft in Martigny zu nennen ist, wo infolge großer Überfüllung der Gasthöfe allseitig die Unterkunft verweigert wurde und wir nur, mit Benutzung des Liebesverhältnisses eines Postillons zu einem Dienstmädchen, widerrechtlich in einer für diese Nacht von der Herrschaft verlassenen Privatwohnung ein Obdach fanden. Im Chamonix-Tal besuchten wir pflichtgemäß das sogenannte »Eismeer« und die »Flégère«, von welcher aus auch mich der Anblick des Montblanc allerdings bedeutend anregte. Meine Phantasie beschäftigte sich jedoch weniger mit der Besteigung dieses Gipfels als vielmehr mit einer Überschreitung des Col des géants, indem mich weniger die zu erreichende große Höhe als die andauernde erhabene Öde auf dieser letzteren Wanderung anzog. Ich nährte längere Zeit den Vorsatz, ein solches einziges Abenteuer noch einmal zu bestehen. Beim Herabsteigen von der »Flégère« verrenkte Minna bei einem Falle sich den Fuß, davon die schmerzlichsten Folgen uns von jetzt an von jeder weiteren Unternehmung zurückhielten; wogegen wir nun die Heimreise über Genf zu beschleunigen uns genötigt sahen.
Auch von diesem bedeutenderen und großartigeren Ausfluge, fast dem [500] einzigen, den ich je rein zu meiner Erholung unternommen hatte, kehrte ich mit einem seltsam unbefriedigten Gefühle zurück, und immer verblieb mir noch die Sucht nach etwas in der Ferne, was mich entscheidend bestimmen und meinem Leben eine neue Wendung geben sollte.–Dafür traf ich zu Hause die Anzeigen einer anderweitigen neuen Wen dung meiner Lebens-Schicksale an. Es waren dies Nachfragen und Bestellungen verschiedener deutscher Theater, welche den »Tannhäuser« geben wollten. Zuerst war es das Schweriner Hoftheater, welches sich dafür meldete; die jüngste Schwester Röckels, welche nach einiger Zeit den mir aus meiner frühesten Jugend her bekannten Schauspieler Moritz heiratete und jetzt als jugendliche Sängerin aus dem Lande ihrer Erziehung, England, nach Deutschland gekommen war, hatte, wie anderen, so auch einem ehrlichen Angestellten jenes Theaters, dem Rendanten Stocks, so enthusiastisch von dem in Weimar empfangenen Eindruck des »Tannhäuser« auf sie erzählt, daß dieser für sich die Oper eifrigst studiert und nun die Direktion des Theaters angetrieben hatte, die Aufführung derselben in Angriff zu nehmen. Bald meldeten sich auch die Theater von Breslau, Prag und Wiesbaden, an welchem letzteren mein Jugendfreund Louis Schindelmeißer als Kapellmeister fungierte. Diesen folgten in kurzer Zeit noch andere Theater; am meisten überraschte es mich aber, als sogar das Berliner Hoftheater durch seinen neuen Intendanten, Herrn von Hülsen, darum nachfrug. Im Betreff dieses letzten Ereignisses durfte ich wohl annehmen, daß die damalige Prinzessin von Preußen, welche durch meine treue Freundin Frommann mir immer in Gewogenheit erhalten worden, namentlich aber durch die Weimarische Aufführung des »Tannhäuser« dafür neuerdings kräftig angeregt worden war, zu diesem unerwarteten Entgegenkommen Veranlassung gegeben hatte.
Während mich die Bestellungen der kleineren Theater sehr erfreuten, beängstigte mich die der größten deutschen Bühne. An jenen wußte ich nämlich mir ergebene und eifrige Kapellmeister, welche jedenfalls den Wunsch der Aufführung meiner Oper selbst angeregt hatten; in Berlin dagegen stand es anders. Zu dem mir von früher her bekanntgewordenen, sehr talentlosen und dabei sehr eitlen Kapellmeister Taubert war dort nur noch der aus allerfrühester Zeit sowie später aus Riga schließlich unter sehr üblen Umständen mir im Gedächtnis gebliebene Heinrich Dorn als Kapellmeister angestellt. Mit keinem dieser beiden fühlte ich weder Neigung, noch ersah ich die Möglichkeit, über mein Werk zu verkehren, und aus meiner Kenntnis ihrer Fähigkeiten sowie ihres üblen Willens erhielt ich vollen Grund, eine erfolgreiche Aufführung meiner Oper unter ihrer Leitung zu bezweifeln. Da ich nun selbst als Exilierter nicht nach Berlin gehen konnte, um den Geist der Aufführung meines Werkes zu überwachen, erbat ich mir sofort von Liszt die Erlaubnis, ihn als meinen Stellvertreter und alter ego in Berlin vorschlagen zu dürfen, wozu er mir willig beistimmte. Als ich demnach die Berufung Liszts zur Bedingung machte, ward jedoch von seiten [501] des Berliner Generalintendanten der Einspruch erhoben, daß die Berufung eines »weimarischen« Kapellmeisters als gröbliche Beleidigung der preußischen Hofkapellmeister erscheinen müßte und ich demnach von dieser Bedingung abzusehen hätte. Hieraus entspann sich ein umständlicher Transaktionsversuch, welcher damit endigte, daß die Aufführung des »Tannhäuser« in Berlin für jetzt auf längere Zeit unterblieb.
Während von nun an jedoch mit wachsender Schnelle der »Tannhäuser« sich über die mittleren deutschen Theater verbreitete, faßte mich vor dem Geiste dieser Aufführungen, über deren Charakter ich nie zu vollkommener Klarheit gelangen konnte, große Besorgnis. Da meine Anwesenheit überall verwehrt war, griff ich somit dazu, durch eine sehr ausführliche Abhandlung, welche als Anleitung zur Aufführung meines Werkes dienen sollte, für das richtige Verständnis der von mir gestellten Aufgabe zu sorgen. Ich ließ diese ziemlich umfangreiche Arbeit auf meine Kosten in eleganter Ausstattung drucken und übersandte an jedes Theater, welches die Partitur bestellte, eine größere Anzahl von Exemplaren davon, mit der Bestimmung, dem Kapellmeister, dem Regisseur und den Hauptdarstellern zur Beachtung und Befolgung zugeteilt werden zu sollen. Ich habe im Laufe der Zeit auch nicht von einem einzigen Menschen erfahren, welcher diese Anleitung gelesen oder gar befolgt hätte. Da mir im Jahre 1864 durch meine sorgsame Verteilung der Broschüre alle Exemplare davon ausgegangen waren, fand ich dagegen zu meiner größten Freude sämtliche dereinst dem Münchener Hoftheater übersandten Exemplare gänzlich unberührt im Archive desselben verwahrt, wodurch ich in die angenehme Lage geriet, dem Könige von Bayern, welcher danach verlangte, einigen Freunden und mir selbst von der verlorengegangenen Schrift wieder Kenntnis zu verschaffen.
Es war ein sonderbares Schicksal, daß die sich jetzt anmeldende Verbreitung meiner Oper auf den deutschen Theatern mit meinem nun der Ausführung zureifenden Entschlusse zu einer Arbeit zusammenfiel, für deren Konzeption mich die Nötigung zur vollkommensten Rücksichtslosigkeit auf unsere Theater so entscheidend mitbestimmt hatte; doch wirkte jene bisher so wenig erwartete Wendung in keiner Weise auf meine Stimmung zu dieser Arbeit. Durch das Festhalten meines Planes gewann ich vielmehr die Ruhe, nach jener andren Seite hin alles eben nur seinen Gang gehen zu lassen, ohne im mindesten zu den Aufführungen selbst Anregung zu geben. So ließ ich nur gewähren, sah verwunderungsvoll zu, wenn ich stets nur von guten Erfolgen hörte; ließ mich aber durch keinen derselben zu einer Änderung meines Urteils über unser Theater im allgemeinen und die Oper im besondren verleiten. Ich blieb unerschüttert bei dem Vorsatze, meine Nibelungen-Dramen in der Weise auszuführen, als ob das heutige Operntheater gar nicht bestünde, dagegen das von mir gedachte ideale Theater ganz notwendig dereinst mir erstehen würde. So verfaßte ich denn noch im Oktober und November dieses Jahres die Dichtung des »Rheingoldes«, [502] womit ich den ganzen Zyklus des von mir entworfenen Nibelungenmythos nach vorn zum Abschluß brachte. Zugleich aber arbeitete ich den »Jungen Siegfried« und namentlich »Siegfrieds Tod« in der Weise um, daß sie nun in das richtige Verhältnis zum Ganzen traten, wodurch namentlich das letzte Stück solche bedeutende Erweiterungen, wie sie jetzt der unverhohlener dargelegten Bedeutung des Ganzen entsprachen, erhielt. Demnach hatte ich auch dem letzten Stücke einen neuen, seinem richtigen Bezuge zu dem ganzen Gedichte entsprechenden Titel zu geben; ich nannte es nun »Götterdämmerung«, während ich den »Jungen Siegfried«, da dieser nicht mehr eine abgerissene Episode aus dem Leben des Helden zum Gegenstand hatte, sondern im