Zweite Szene


[431] Pogner und Eva – wie vom Spaziergang heimkehrend –, die Tochter leicht am Arm des Vaters eingehenkt, sind beide schweigsam die Gasse heraufgekommen.


POGNER durch eine Klinze im Fensterladen Sachsens spähend.

Laß sehn, ob Meister Sachs zu Haus? –

Gern spräch ich ihn; trät ich wohl ein?


David kommt mit Licht aus der Kammer, setzt sich damit an den Werktisch am Fenster und macht sich an die Arbeit.


EVA spähend.

Er scheint daheim: kommt Licht heraus.

POGNER.

Tu' ich's? – Zu was doch? – Besser nein! –


Er wendet sich ab.


Will einer Seltnes wagen,

was ließ er sich dann sagen? –


Er sinnt nach.


War er's nicht, der meint, ich ging zu weit? ...

Und blieb ich nicht im Geleise,

war's nicht auf seine Weise?

Doch war's vielleicht auch Eitelkeit? –


Er wendet sich zu Eva.


Und du, mein Kind? Du sagst mir nichts?

EVA.

Ein folgsam Kind, gefragt nur spricht's.

POGNER.

Wie klug! Wie gut! – Komm, setz dich hier

ein' Weil noch auf die Bank zu mir.


Er setzt sich auf die Steinbank unter der Linde.


EVA.

Wird's nicht zu kühl?

's war heut gar schwül.


Sie setzt sich zögernd und beklommen Pogner zur Seite.


POGNER.

Nicht doch, 's ist mild und labend,

gar lieblich lind der Abend: –

das deutet auf den schönsten Tag,

der morgen soll erscheinen.

O Kind! Sagt dir kein Herzensschlag,

welch Glück dich morgen treffen mag, –

wenn Nüremberg, die ganze Stadt,

mit Bürgern und Gemeinen,

mit Zünften, Volk und hohem Rat

vor dir sich soll vereinen,

daß du den Preis,

das edle Reis,[431]

erteilest als Gemahl

dem Meister deiner Wahl?

EVA.

Lieb Vater, muß es ein Meister sein?

POGNER.

Hör wohl: ein Meister deiner Wahl.


Magdalene erscheint an der Türe und winkt Eva.


EVA zerstreut.

Ja, – meiner Wahl. – Doch tritt nun ein


Laut zu Magdalene gewandt.


(gleich, Lene, gleich!) – zum Abendmahl.


Sie steht auf.


POGNER ärgerlich aufstehend.

's gibt doch keinen Gast?

EVA wie zuvor.

Wohl den Junker?

POGNER verwundert.

Wieso?

EVA.

Sahst ihn heut nicht?

POGNER halb für sich, nachdenklich zerstreut.

Ward sein' nicht froh. –


Sich zusammennehmend.


Nicht doch ... Was denn? ...


Sich vor die Stirn klopfend.


Ei! Werd ich dumm?

EVA.

Lieb Väterchen, komm! Geh, kleid dich um.

POGNER während er ins Haus vorangeht.

Hm! Was geht mir im Kopf doch 'rum? –

MAGDALENE heimlich zu Eva.

Hast was heraus?

EVA ebenso.

Blieb still und stumm.

MAGDALENE.

Sprach David, meint, er habe vertan.

EVA erschrocken.

Der Ritter? Hilf Gott! Was fing ich an?

Ach, Lene, die Angst! Wo was erfahren?

MAGDALENE.

Vielleicht vom Sachs?

EVA heiter.

Ach! Der hat mich lieb:

gewiß, ich geh hin.

MAGDALENE.

Laß drin nichts gewahren;

der Vater merkt es, wenn man jetzt blieb.

Nach dem Mahl! – Dann hab ich dir noch was zu sagen,


Im Abgehen, auf der Treppe.


was Jemand geheim mir aufgetragen.

EVA sich umwendend.

Wer denn? Der Junker?

MAGDALENE.

Nichts da! Nein!

Beckmesser.

EVA.

Das mag was Rechtes sein!


Sie geht in das Haus; Magdalene folgt ihr.
[432]


Quelle:
Richard Wagner: Die Musikdramen. Hamburg 1971, S. 431-433.
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