Erste Szene

[9] Dämmerung im Zimmer, zur Seite weit offenes Fenster. Heller Abendhimmel.


MUTTER. Sonderbar! Das Städtchen liegt schon im tiefsten Dunkel, und bei uns hier im Zimmer ist noch jeder Winkel hell.

FRANZISKA. Das kommt vom Abendhimmel. Das hellgrüne Licht über den Bergen reicht nicht viel höher hinauf, als wir beide hier stehen. Bei uns oben auf dem Schloß müssen die Zimmer am Abend doch noch heller gewesen sein.

MUTTER. Das ist wahr. Erinnerst du dich noch, wie wundervoll es aussah, wenn nachts ein Gewitter losbrach? Dann schienen die Bilder, die am höchsten[9] hingen, plötzlich die farbigsten zu sein. Aber du hörst gar nicht, was ich sage.

FRANZISKA. Doch, doch, ich höre. Die Blitze leuchteten vom Horizont aus in die Zimmer hinein.

MUTTER. Du denkst natürlich an deinen Geliebten. Er kommt heute wohl noch?

FRANZISKA. Möglich. Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert.

MUTTER. Mir ist es nicht klar, wie dein Schicksal werden soll. Aber du gehst ja deine eigenen Wege.

FRANZISKA. Ich denke im Gegenteil an euch. Mir ist es immer noch unbegreiflich, wie euer Zusammensein überhaupt möglich war.

MUTTER. Mir scheint es jetzt manchmal, als hätte ich drei ganz verschiedene Leben hinter mir. Als wäre ich dreimal immer wieder ganz jemand anders gewesen.

FRANZISKA. Aber daß ihr euch nicht ein einziges Mal gesagt habt, daß ihr eure Lebenskraft zu etwas Schönerem verwenden könnt, als einander jeden dritten Tag wie Mordbrüder an die Gurgel zu fahren.[10]

MUTTER. So schlimm war es doch eigentlich gar nicht.

FRANZISKA. Eure Schimpfreden möchte ich niemals aussprechen und von niemandem hören.

MUTTER. Daran ist deine Verweichlichung schuld. Wenn man den Tag verschläft und die Nacht zum Tag macht, dann kennt man die Welt nicht. Wären wir so empfindlich gewesen wie du, dann hätten wir uns schon in Brasilien getrennt. Dann hätte ich dich gar nicht geboren und brauchte mich jetzt von dir nicht zur Rechenschaft ziehen zu lassen.

FRANZISKA. Dann hätte ich aber doch vielleicht einen anderen Vater oder eine andere Mutter bekommen.

MUTTER. Das würdest du natürlich als einen großen Vorzug betrachten.

FRANZISKA. Wie soll ich das wissen?

MUTTER. Unser Papa war ein bedeutender Mensch. Du kannst das gar nicht beurteilen. Aber für ein Gespräch über Herzenssachen war er nie zu haben. Er wurde sofort mißtrauisch, als wollte man ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Er hatte seine[11] Grundsätze, an denen niemand auf Gottes Welt etwas bemängeln konnte. Hättest du nur wenigstens seine Grundsätze geerbt. Dann ständest du jetzt anders vor mir. Dein Gemütsleben ist ja leider genau so arm, wie es bei deinem Vater war.

FRANZISKA. Wenn ihr euch nie über Herzenssachen ausgesprochen habt, dann ist es schließlich auch kein Wunder, daß wir Kinder nicht das geringste davon wissen.

MUTTER. Du bist unter deinen Geschwistern in dieser Hinsicht jedenfalls am schlimmsten weggekommen.

FRANZISKA. Das weiß ich. Es würde mich auch gar nicht überraschen, wenn ich eines Tages verrückt würde oder irgendein Verbrechen beginge.

MUTTER. Da hat man wieder deine heillose Selbstüberhebung! Das ist alles nichts anderes als Großtuerei. Wenn du dich etwas mehr für das Wohl deiner Mitmenschen opfern wolltest, dann hättest du einfach keine Zeit, dich immer nur mit dir selbst zu beschäftigen. Dann fände sich sicher auch ein ehrlicher, anständiger Mensch, der dich heiraten würde, trotz allem, was geschehen ist. Und du brauchtest dich nicht an einen gewissenlosen Lebemann zu[12] hängen, der sich deine Jugend schmecken läßt, um dich nachher im Schmutze verkommen zu lassen. Aber welcher rechtschaffene Kerl heiratet denn ein Mädchen, das des Nachts Spaziergänge unternimmt und sich tagsüber nicht von seinem Spiegel losreißen kann. Ich mag dir gar nicht aussprechen, wie widerwärtig du mir bist, wenn ich dich stundenlang vor deinem Spiegel Gesichter schneiden sehe.

FRANZISKA. Vater und du, ihr seid in meinen Augen heute noch die beiden besten, klügsten, edelsten Menschen, die auf dieser Welt je gelebt haben. Wenn es euch beiden nicht möglich war, eine glückliche Ehe zu führen, dann gibt es überhaupt kein eheliches Glück. In die Sölle einzutreten, in der ihr, solange ich denken kann, gestöhnt und geschrien habt, dafür bedanke ich mich. Einfältige, beschränkte, dumme Menschen fühlen sich offenbar in der Ehe glücklich. Ich bin auf meine Herkunft zu stolz, als daß ich zu ihnen hinabsteigen möchte.

MUTTER. Du könntest diese unseligen Geschichten endlich einmal vergessen. Du bewahrst dir diese Erinnerungen nur, um deine Geilheit und Liederlichkeit damit zu entschuldigen. In Wirklichkeit war das alles gar nicht so fürchterlich, wie du es jetzt darstellst.[13]

FRANZISKA. Weißt du noch, Mutter, wie oft ich vom Tische weglief, weil ich das Lachen nicht verbeißen konnte?

MUTTER. Wie sollte ich das nicht mehr wissen! Wenn dein Vater Sorgen hatte und ein ernstes Geschäft besprach, dann fandest du das lächerlich. Und wenn man dich bei irgendeinem Geschäft einmal dringend nötig gehabt hätte, dann warst du nirgends zu finden.

FRANZISKA. Selbstverständlich! Schöne Erinnerungen hab' ich nur an die Bergabhänge rings ums Schloß herum. Das Innere des Schlosses mitsamt dem Hof und seinen schattigen Plätzen war mir immer ein Grauen. Im Innern war der Krieg und draußen der Friede. Wie oft stand ich am Tor, den Klopfer in der Hand, und fragte mich, welche Entsetzlichkeit, eingeschlagene Türen oder zerkratzte Gesichter, mich drinnen überraschen würde. Dann stellte ich mir in Gedanken alle Scheußlichkeiten vor. Ich hatte den verrückten Aberglauben, daß von dem, was man sich vorgestellt hat, nichts eintreffen könnte, weil dann die Überraschung wegfiel. – Aber das Lachen, das mich bei Tisch überkam, war doch nur der Ausdruck meiner hilflosen Traurigkeit über eure unsinnigen Zänkereien. Seitdem lache ich, wenn[14] ich etwas Entsetzliches höre. Das ist herzlos. Das ist unmenschlich. Aber daran bin doch ich nicht schuld.

MUTTER. Das ist alles noch kein Grund, dich bei deinem ersten Ausflug in die Welt vom ersten besten Menschen, der dir in den Weg kommt, verführen zu lassen.

FRANZISKA. Es ist ihm gar nicht eingefallen, mich zu verführen.

MUTTER. Ich lasse mich doch von meinem eigenen Kind nicht zum Narren halten! Was tat er denn sonst?

FRANZISKA. Ich habe ihn verführt. Es war gar nicht so leicht.

MUTTER. Immer nur deine freche, kaltherzige Prahlerei!

FRANZISKA. Ich wollte meine Unschuld endlich loswerden.

MUTTER. Der Mann scheint dir ja gehörige Grillen in den Kopf gesetzt zu haben, um zu seinem Ziele zu kommen.

FRANZISKA. Wenn er das geringste von meinem Entschluß geahnt hätte, dann hätte er mir mit dem tiefsten Abscheu den Rücken gekehrt.

MUTTER. Daran hätte er weiß Gott im Himmel recht getan.[15]

FRANZISKA. Hast du mich denn zur Welt gebracht, Mutter, damit ich mich als alte Jungfer zur Schöpfung hinausschleiche? Ich wollte mich nicht mit einem ungebildeten Menschen einlassen. Was soll man tun, wenn einem die Ehe von den eigenen Eltern als die scheußlichste Menschenquälerei vorgeführt wurde!

MUTTER. Aber um Gottes willen, mein Kind, bedenkst du denn in deiner Hirnlosigkeit nicht, daß du dir auf einmal die erdrückendsten Entbehrungen und Opfer aufgeladen haben kannst? – Denn das schwöre ich dir, an mich denk' nur ja nicht, wenn du ein Dach für deinen Bastard suchst! Höhnisch. Oder hast du dir auch das Wasser schon ausgewählt, in dem du dich ertränken willst?

FRANZISKA. Ich bin in einer Geburtsversicherung.

MUTTER. So, so. – In einer ... Mädchen, willst du, daß ich am Schlag sterbe?! – Allmächtiger, die Albernheit! – Dann freilich hast du von dem Menschen nichts Anständiges zu erwarten, wenn du dich von ihm hast bezahlen lassen.

FRANZISKA. Er hat nicht die leiseste Ahnung davon.[16]

MUTTER. Wieso hat er keine Ahnung davon? Wie soll ich mir das deuten? – Gestohlen wirst du das Geld doch nicht haben?

FRANZISKA. Der alte Baron Hohenkemnath hat mich eingekauft. Wenn mir ein Mißgeschick begegnen sollte, was doch schließlich gar nicht einzutreffen braucht, dann erhalte ich bis zum fünfzehnten Jahre des Kindes jährlich fünfhundert Mark ausgezahlt.

MUTTER. Wirklich fünfhundert Mark? – Ein rühmlicher Tausch! – Und auf diese wahnsinnige Entwürdigung bildest du dir natürlich noch weiß Gott was ein! – Statt einer geachteten Lebensstellung, einer sorgenfreien Zukunft, eines ruhigen Familienglückes und was du sonst noch alles für deine erste Liebesnacht hättest haben können, eine – Geburtsversicherung! – Wenn dir deine Verschrobenheit so weiter hilft, dann – Glück auf den Weg!

FRANZISKA. Hast du vielleicht alles das dafür gehabt?

MUTTER. Eben weil ich es nicht gehabt habe! Soll denn all das Elend umsonst von mir erlitten worden sein? Tausendmal sagte ich mir: Vor dem, was du erträgst, sind deine Kinder einmal bewahrt.[17] Die beugen sich keiner Unvernunft mehr, weil sie die Unvernunft schon in ihrer Kindheit durchschaut haben ...

FRANZISKA. Du siehst ja, daß du damit vollkommen recht behalten hast!

MUTTER. Gott sei Dank, was deine Brüder betrifft. Im Traum kann ich mir nicht vorstellen, wie die je mit ihren Frauen in Streit geraten sollten.

FRANZISKA. Und meinetwegen brauchst du dir doch auch keine Sorgen zu machen. Ich werde sicherlich nie mit einem Mann streiten.

MUTTER. Du hast mich schon in mehr schlaflosen Nächten beschäftigt, als deine drei Brüder zusammengenommen.

FRANZISKA. Ich biete auch mehr Unterhaltungsstoff als sie.

MUTTER. Das ist wieder echt! – Was hat denn der alte Herr für deine Versicherung bezahlt?

FRANZISKA. Dreitausend Mark, glaube ich. Ich weiß es nicht genau auswendig.[18]

MUTTER. Wenn er es dazu hat, ich kann ihn nicht hindern. – Da sieht man wieder einmal, wie das Geld doch schließlich alles beherrscht.

FRANZISKA. Wollen wir nicht Licht machen, Mutter? Sie dreht die elektrische Beleuchtung auf.

MUTTER. Eines wollte ich dir allerdings ohnehin sagen. Da er jeden Moment läuten kann, sag' ich es möglich kurz.

FRANZISKA. Nun, Mutter?

MUTTER. Wenn du dir noch das Geringste von dem Mann erwartest – ich glaube seine Art zu kennen – dann mußt du dich vollkommen anders benehmen.

FRANZISKA. Wieso denn, Mutter?

MUTTER. Ich kann mir nun einmal nicht helfen, aber ich finde, daß du ihn so unrichtig wie nur irgend möglich behandelst.

FRANZISKA. Er ist mir zu oberflächlich.

MUTTER. Aber du bist doch seine Geliebte.[19]

FRANZISKA. Gewiß. Aber er ist mir zu langweilig.

MUTTER. Und trotzdem?

FRANZISKA. Kannte ich ihn denn?

MUTTER. Ich halte ihn weder für oberflächlich, noch für langweilig, aber er hat allerdings nicht die geringste Spur von Empfinden für dich. Deinetwegen läßt er sich kein Vergnügen entgehen, das ist sicher. Und daran ist einzig und allein deine Hochnäsigkeit schuld ... Man hört eine alte Torglocke läuten. In Gottes Namen! Ich werde mich dann so bald als möglich zurückziehen.


Quelle:
Wedekind, Frank: Franziska. Ein modernes Mysterium in fünf Akten, München 1912, S. 9-20.
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