Viertes Bild

[81] Herzogliches Residenzschloß Rotenburg. Vorzimmer vor den herzoglichen Gemächern. Zu beiden Seiten Flügeltüren. Pater Emmeran in einfacher, mattfarbiger Soutane aus Wollstoff und schwarzen wollenen Handschuhen. Veit Kunz, halb geistlich gekleidet. Später Herzogin. Herzog.


PATER. Die politische Lage an unserem Hofe ist höchst bedenklich. Seit hundert Jahren wartet die kaiserliche Diplomatie auf einen Anlaß, unser Herzogtum zu verschlucken. Gelingt ihr das, dann ist uns Rotenburg verloren.

VEIT KUNZ. Diesen Anlaß könnte die kaiserliche Regierung in der Gärung finden, die augenblicklich im Herzogtum herrscht.

PATER. In der Unbeliebtheit unseres hohen Herrn. Diese Unbeliebtheit wird wachsen, wenn es dem Herzog gelingt, seine Scheidung durchzusetzen.[81]

VEIT KUNZ. Wie läßt sich die Scheidung am besten hintertreiben?

PATER. Wenn es möglich wäre, den Herzog aufs tiefste von seinem Unrecht zu überzeugen.

VEIT KUNZ. Sollte dazu nicht die bevorstehende Aufführung seines Festspieles die günstigste Gelegenheit bieten?

PATER. Aber es müßte eine eindringliche Ermahnung werden!

VEIT KUNZ. Ich würde mich über die Lage vorher gerne noch ausführlicher belehren lassen.

PATER. Das kaiserliche Kabinett hat für die herzogliche Hofhaltung längst ein Schloß in England in Aussicht genommen.

VEIT KUNZ. Dazu darf es nicht kommen. Hier spricht sichs nicht gut darüber. Ich höre Stimmen von allen Seiten.

PATER eine Tür im Hintergrunde öffnend. Dieser Weg führt durch die Schloßkirche ins Freie. Jedes Wort, das hier im Saal gesprochen wird, ist durch diese Tür verständlich.


[82] Veit Kunz ab. Von außen treten die Herzogin und zwei Reitknechte ein. Lakaien folgen und reißen die gegenüberliegende Tür auf. Der Pater räuspert sich.


HERZOGIN. Ach – Hochwürden!

PATER. Drei Jahre ließen uns Königliche Hoheit warten.

HERZOGIN. Ich komme geraden Wegs aus Japan. Morgen früh geht die Reise weiter. Ich wohne selbstverständlich im Hotel.

PATER. Hoheit kommen doch wohl nicht, um einzuwilligen?

HERZOGIN. In meine Scheidung? Was denken Sie von mir! Ich brauche Reisegeld, weiter nichts. Meine Juwelen wurden gepfändet.

PATER. Hoheit stürzen das Land ins Verderben, wenn Sie in die Scheidung willigen.

HERZOGIN. Ich lasse es getrost auf einen europäischen Krieg ankommen. Ich habe einen Eid geleistet, und meinen Schwüren bleibe ich treu.

PATER. Wenn Hoheit etwas über unsere politische Lage zu hören wünschen?

HERZOGIN. Dafür habe ich gar kein Interesse. Kommt es zum[83] Klappen, dann kommandiere ich ein Panzerschiff. Artemisia bei Halikarnaß!


Herzogin mit Reitknechten und Lakaien ins Innere des Schlosses ab.


PATER aufhorchend. Da ist er selbst!


Die Eingangstür wird aufgerissen. Der Herzog tritt rasch ein. Zwei Lakaien stellen sich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür.


HERZOG. Hörten Sie etwas, lieber Freund? Die Herzogin ist hier!

PATER nach innen deutend. Königliche Hoheit traten eben ein.

HERZOG stellt sich mit ausgebreiteten Armen mit dem Rücken gegen die Tür, durch die die Herzogin abging. Was ist da zu tun?!

PATER. Wenn es Hoheit aufrichtig meinten, wovon ich nicht ganz überzeugt bin, dann wurde die Bereitwilligkeit ausgesprochen, sich nach glatter Erledigung der materiellen Hindernisse scheiden zu lassen.

HERZOG. Emmeran! Freund Gottes! Das sagte sie?! – Das gibt neuen Mut. Gott sei gepriesen! Nach innen deutend. Dahinein bringt mich keine Macht der Erde. Ich ziehe natürlich ins Hotel. Aber jetzt[84] kann ich doch endlich in Ruhe wieder an meine Angelegenheiten denken. Ich muß dir beichten, daß ich ein Festspiel zur Wiedereröffnung des Hoftheaters geschrieben habe. Ein harmloser Scherz, weiter nichts. Wir wollen das Festspiel unter Wahrung des allerstrengsten Inkognitos öffentlich aufführen. Und nun kommt die Spielverderberin, die Stimmungsmörderin! So ging es mir aber von jeher mit meinen Bühnenstücken. Im allerletzten Augenblick stellt sich regelmäßig ein störendes Verhängnis ein. Hat sie nicht gesagt, wann sie weiterreist?

PATER. Morgen früh, wenn Hoheit die gestellten Forderungen akzeptieren.

HERZOG. Bedingungslos angenommen! Selbstverständlich! – Ich bin nämlich seit zwei Stunden auf der Suche nach einem Genie, wenn Sie die Bezeichnung erlauben.

PATER. Jeder von uns ist ein Ingenium.

HERZOG. Mit dem Dreiuhrzug ist der Mann angekommen. Aber niemand weiß, wo er wohnt. Ich setzte mich der Volkswut aus, indem ich bei einem Absteigequartier vorfuhr. Aber auch dort wußte man nichts von ihm.

PATER. Wenn das Ingenium des allerhöchsten Vertrauens[85] nicht unwürdig ist, könnte es vielleicht auch zuerst in eine Kirche eingetreten sein.

HERZOG. Halten Sie das im Ernst für möglich? Die Kirchen habe ich nicht abgesucht.

PATER nach rückwärts deutend. Diese Tür führt in die Kirche. – Sind Hoheit ungehalten, wenn ich der Herzogin mit meinem Rat beizustehen suche?

HERZOG. Bitte, bitte.


Der Pater geht nach dem Innern des Schlosses ab.


HERZOG. Was meinte der Fuchs mit der Kirche? – Er öffnet die Tür, Veit Kunz tritt heraus. Veit Kunz! Herzensjunge! Da bist du! Wie habe ich mich nach dir gesehnt!

VEIT KUNZ. Da unten sitzt in einer Seitenkapelle ein holzgeschnitzter Engel auf der Kanzelbrüstung. Der Engel sieht einer Tänzerin so ähnlich, wie ein Kanonier dem andern.

HERZOG. Ich frage mich seit meiner Kindheit, warum bei unserer Andacht der Tanz keine Verwendung findet. Musik, Plastik, Malerei sind als Ausdrucksmittel der Verehrung allgemein im Gebrauch. Nur der Tanz nicht.[86]

VEIT KUNZ. Dazu erscheint uns die Allmacht nicht mehr persönlich genug.

HERZOG. Das kann nicht der einzige Grund sein. Er erteilt den Lakaien einen Wink, die darauf abtreten. Ich kann dich nicht einmal in meine Zimmer bitten. Meine Frau hat uns überrumpelt.

VEIT KUNZ. Unsere Reformation gewinnt täglich mehr Boden. Durch unsern Kampf ist unser Volk allen Völkern der Welt voraus.

HERZOG. Mein Festspiel ist mein rückhaltloses Bekenntnis. Hätte die Kirche vor tausend Jahren unsere Stellung zum Weibe so klar durchschaut, wie sie unsere Stellung zu Gott und zum Nebenmenschen erkannte, dann wäre ihre Lehre darüber heute ihr siegreichstes Dogma.

VEIT KUNZ. Die Sprachgewandtheit seines Dichters sichert unserm Festspiel das klarste Verständnis. Unsere Moraltheologie schrak schon vor Jahrhunderten vor nichts von dem zurück, was sich heute als modernes Problem großtut. Sie wurde durch das Wiedererwachen des plumpen Aberglaubens schmachvoll unter die Füße gestampft.[87]

HERZOG. Seit die Welt steht, sind die unmenschlichsten Greuel, die furchtbarsten Verbrechen, Völkermord und Martertod geschätzte poetische Stoffe. Das Mittelalter, aufgestaute zersetzte Sinnenlust, die sich mit Vorliebe an der Erfindung von Grausamkeiten berauschte, ist das gelobte Land aller Dichtung. Und nur gerade das Versteckenspiel zwischen Mann und Weib, das die größten Weltweisen, die größten Künstler ergötzte, soll der Dichtkunst verboten sein!

VEIT KUNZ. Frauengestalten von männlicher Strenge, Männergestalten von weiblicher Zartheit und Milde sind seit Anbeginn bis heute die vollkommenste Verkörperung des Weltfriedens.

HERZOG. Überdies doch die nächstliegende Neckerei, das Labyrinth der Empfindung, der Zaubergarten, die Maskerade des Lebens! Als wäre es etwa normal, selbstverständlich, folgerichtig, daß ebenmäßig geschaffene Frauen ihren Wuchs nicht zeigen dürfen!

VEIT KUNZ. Eine Unnatur, an der unsere Kultur schon seit ihren Anfängen krankt!

HERZOG. Mein Austauschprofessor sagt mir, es handle sich darum, den schrankenlosen Wettbewerb junger Frauen[88] durch die Verschämtheit der reifer gewordenen etwas zu bändigen. Ich sehe die Notwendigkeit nicht ein. Die reifer gewordenen können sich ja kleiden, wie sie wollen. Warum soll der Wettbewerb der jungen gebändigt werden!

VEIT KUNZ. Der strenge Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Kleidung ist in der ganzen Welt im Schwinden begriffen.

HERZOG. Es kommt doch auch nicht auf den Unterschied zwischen Kleidern, sondern auf den Unterschied zwischen Menschen an! Solange das junge Weib noch geduldig seinen Sklavenrock trägt, hat es gar kein Recht, sich über irgendwelche Zurücksetzung zu beklagen.

VEIT KUNZ. Ich habe kürzlich eine neue sittliche Weltordnung erfunden. Die Resultate meiner Erfindung habe ich in einem Buch niedergelegt. Wäre es nicht möglich, meine neue sittliche Weltordnung in der Residenz oder sonst irgendwo im Herzogtum praktisch auszuprobieren?

HERZOG. Wenn ich in meinem Lande etwas zu sagen hätte, mit Vergnügen! Aber:

Wie gern wär' ich des Staates erster Diener,

Wär' ich das fünfte Rad am Wagen nicht![89]

Ich verstehe nicht, wie es andere Hoheiten mit den einfachsten Forderungen von Menschenwürde vereinigen, auf den Passivitätsetat gesetzt zu sein. Ich kann es nicht so selbstverständlich finden, daß ich Herzog bin und andere Menschen schlechtweg Staatsangehörige sind, zumal ich, nach dem Wortlaute der Verfassung, der überflüssigste Mensch in meinem Herzogtum bin.

VEIT KUNZ. Die tatsächliche Macht könnte trotzdem besser genützt werden!

HERZOG. Das Land ist evangelisch. Deshalb fehlt jedes tragfähige Vertrauen zwischen ihm und mir. Außerdem ist mein Volk Ethos Potetos, zu deutsch: Kartoffelseele.

VEIT KUNZ. Ernstlich gewagt wurde meines Wissens noch nichts. Die Zaghaftigkeit, die der Tat im Wege steht, hoffte ich vor Jahren schon mit Glück bekämpft zu haben.

HERZOG. Damals, als ich mich in die Wahnsinnsversicherung einkaufte? – Du müßtest nur wissen, lieber Freund, was sich ohne mein Zutun in meiner Residenz schon alles abspielt. Junge Mädchen schließen sich zu einer Vereinigung zusammen und proklamieren[90] das uneingeschränkte Eigentumsrecht an den eigenen Körper. Die Tochter meines Justizministers ist in die Sache verwickelt. Das »Sonntagsblatt« gibt höhnisch seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß ich mich nicht an die Spitze der Bewegung stelle.

VEIT KUNZ. Sollte da nicht wieder einmal der Genius Rat wissen?

HERZOG. Der Genius! Der Dämon! Im Herzogtum ist nämlich allen Ernstes eine reaktionäre Revolution gegen mich im Gang. Findet sich denn der Dämon zu einer Aussprache bereit?

VEIT KUNZ. Ungerufen natürlich nicht.

HERZOG. Dann rufe ihn. Aufschreckend. Allmächtiger Himmel!

VEIT KUNZ. Was geht vor? Ich sehe und höre nichts.

HERZOG. Angstneurose ist unsere Berufskrankheit.


Die Herzogin mit dem Pater, ihren Reitknechten und zwei Lakaien, die die Türe aufreißen, kommt aus dem Innern des Schlosses zurück.


HERZOGIN stutzt. Da ist er ja! Da steht er wieder![91]

HERZOG. Angenehmer wäre es natürlich, wenn wir uns aufhängten.

HERZOGIN für sich. Brutalität!

HERZOG zu Veit Kunz. Was sagst du dazu?

VEIT KUNZ. Königliche Hoheit wollen meine Anwesenheit verzeihen.

HERZOG für sich. Gemeinheit!

HERZOGIN zum Pater. Was sagen Sie dazu?

PATER. Jedes Wort aus so hohem Munde gereicht der Menschheit zum Segen.

VEIT KUNZ. Im Streit zwischen Mann und Frau erscheint der Mann immer roh, erscheint die Frau immer gemein.

HERZOGIN. Das finde ich einfach überspannt.

HERZOG. Ich finde es einfach kindisch.[92]

VEIT KUNZ. Selbstverständlichkeiten, deren höchst eigene Erfahrung ohne jeden Nachteil vermieden würde. Der Kampf der Geschlechter führt auf dem direktesten Wege ins Irrenhaus.

HERZOGIN. Höflich ist der Herr gerade nicht. – Ich bin nun einmal so! Mit dem Pater, den Reitknechten und Lakaien durch die Ausgangstür ab.

HERZOG. Jetzt sage ich dir aber etwas, was uns Männern ein Anderer gesagt hat: Du gehst zum Weibe, vergiß die Peitsche nicht.

VEIT KUNZ. Darauf sage ich zum Weibe: Du gehst zum Manne, vergiß deine Selbstachtung nicht! Dann kann der Mann so viel Peitschen zur Hand haben, wie er will. Er findet gar keine Gelegenheit, davon Gebrauch zu machen.[93]


Quelle:
Wedekind, Frank: Franziska. Ein modernes Mysterium in fünf Akten, München 1912, S. 81-94.
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