Ein letztes Ende

[535] Darf ich dir Glauben schenken, goldner Strahl

Erneuter Hoffnung, lichte Himmelsspende?

Nahst du, ein Gnadenengel meiner Qual?

Bist du ein Trugbild, wie so manches Mal?

Verkündest lächelnd du ein letztes Ende?


Ein letztes Ende! – meine Wimper sinkt,

Und Dunst und Nebel seh ich still zerrinnen.

Ein süß Geflüster mir zum Ohre dringt,

Des langen Winters letzte Spuren trinkt

Ein warmer milder Sonnenblick von hinnen.


Lenzfrohe Schauer wehn durch Wald und Feld,

Am Friedhoftor die ersten Veilchen sprießen,

Dort, wo ein schwarzbehangner Wagen hält

Mit einem Wandrer, der mit Gott und Welt

Versöhnt die müden Augen durfte schließen.


Den Pastor hör ich, fromm und wohlbeleibt,

Dem Hingeschiednen Komplimente lallen:

Er lebte unbescholten, unbeweibt –

Der Totengräber, etwas angekneipt,

Läßt seine Schaufel in die Grube fallen.


Gottlob, ich bin schon tot! Der Deckel kracht,

Ich habe mich nicht weiter drum zu kümmern.

Ich schlummre sanft. Gut Nacht denn, gute Nacht!

Die bösen Geister sind zur Ruh gebracht;

So geh nun die Behausung auch zu Trümmern![535]


Quelle:
Frank Wedekind: Werke in drei Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 1969, S. 535-536.
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