Fünfter Auftritt

[25] Flint, die Vorigen.


FLINT grüßt Emeriken im Vorübergehen, und sagt zu August. Ihr Onkel ist im Hause beschäftigt, es sind Unterschriften nöthig, er wünscht, daß Sie –[25]

AUGUST. Ich komme gleich. Will ab.

FLINT. Erst müssen Sie Mademoiselle Emerike Sich artig zu ihr wendend. Das sind wohl Sie?

EMERIKE verneigt sich. Zu dienen.

FLINT. Auf das ihr bestimmte Zimmer führen.

AUGUST mit Eile. O lieber Flint, übernehmen Sie das Geschäft –

FLINT. Der Unterschrift? mir fehlt die Firma.

AUGUST. Mademoiselle auf ihr Zimmer zu führen. Hier neben an das rothe. – Sie werden für Bequemlichkeit, für ihre Unterhaltung sorgen. Zu Emerike. Entschuldigen Sie mich, Mademoiselle, Geschäfte gehen allem vor. Schnell ab.

FLINT sieht ihm nach. Auch der Liebe? Sieht Emeriken an, und sagt für sich. Die Braut ist nicht übel.

EMERIKE für sich. Wenn ich nur wüßte, wer der Herr ist?

FLINT geht artig zu ihr. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?

EMERIKE verlegen. Ja – aber warum?[26]

FLINT. Um Sie auf Ihr Zimmer zu führen.

EMERIKE. Kann ich nicht allein dahin gehen?

FLINT lacht. O ja, aber es ist gebräuchlich, daß man die Damen führt.

EMERIKE treuherzig. Sind sie denn ungeschickt?

FLINT lacht stärker. O nein. –

EMERIKE für sich. Er lacht, ich habe gewiß etwas Dummes gesagt.

FLINT für sich. Einfalt, nicht ohne Anmuth.

EMERIKE für sich. Das ist kein übler Mensch!

FLINT artig. Wäre es Ihnen jetzt gefällig?

EMERIKE. Ja – aber wer sind Sie denn?

FLINT. Des Herrn Gehrmanns Buchhalter.

EMERIKE. Was! Sie müssen ihm die Bücher halten, wenn er liest?

FLINT sehr heiter. Nein, ich führe nur die Rechnung über die Bücher.

EMERIKE fröhlich. Ueber die Bücher? Da könnten Sie mich ja auch ein wenig darin lesen lassen?[27]

FLINT. Recht gern. Was für Bücher wünschen Sie denn?

EMERIKE. Ey solche, aus denen man klug wird.

FLINT. Das ist der löbliche und eigentliche Zweck der Lektüre.

EMERIKE. Es müssen aber auch verliebte Leute darin vorkommen.

FLINT. Aha! aus dieser Quelle schöpft man Klugheit nicht.

EMERIKE. Es ist auch gar nicht nöthig, daß ich gar zu klug werde, nur was man so, um mitzureden braucht.

FLINT. Ich werde mir Mühe geben, solche Bücher für Sie aufzufinden.

EMERIKE schnell. Müssen Sie suchen? ich helfe Ihnen?

FLINT. Zu gütig.

EMERIKE. Die Leute dürfen aber am Ende nicht in's Wasser springen.

FLINT. Sondern sich nach überstandenen Gefahren froh in die Arme stürzen.[28]

EMERIKE mit Theilnahme. Ach ja!

FLINT. Solche Bücher gibt es genug.

EMERIKE voll Freude. Wirklich? Ach! Sie sind so freundlich, so gut! – Aber – wie heißen Sie denn?

FLINT. Konrad Flint.

EMERIKE. Konrad –

FLINT. Flint.

EMERIKE. Ist Ihnen an dem Flint etwas gelegen?

FLINT lacht. Gar nicht.

EMERIKE. So werde ich nur Herr Konrad sagen.

FLINT. Mir ist auch an dem Herrn nichts gelegen.

EMERIKE fröhlich. Also Konrad schlechtweg?

FLINT. Ganz nach Belieben.

EMERIKE. Hören Sie – ich bin Ihnen recht gut.

FLINT. Das freut mich.

EMERIKE. Mit Ihnen kann ich so vom Herzen reden.[29]

FLINT. Ich wünsche das.

EMERIKE. Und wenn Sie – aber es wird Ihnen wohl zu beschwerlich seyn?

FLINT. Was denn?

EMERIKE. Mein Bräutigam hat mir gesagt, es fehle mir der Umgang mit Menschen.

FLINT. Das glaub' ich auch.

EMERIKE. Nun, da könnten ja Sie mit mir umgehen.

FLINT. Liebes Kind! Für sich. Rührende Unschuld.

EMERIKE. Ich habe oft gehört, man müsse den Leuten, die uns etwas begreiflich machen wollen, fest in die Augen sehen.

FLINT verlegen. O ja! –

EMERIKE. Bey unserm alten Schulmeister ging das nicht. Wenn er schwatzte, so liefen die Augen in der Schule herum, oder fielen gar zu. Aber bey Ihnen würden sie nicht zufallen, ich könnte Tagelang in Ihre Augen sehen.

FLINT für sich. Flint, sey auf deiner Huth!

EMERIKE. Habe ich Sie beleidigt?[30]

FLINT. O nein, aber ich – darf ich Sie jetzt bis an Ihre Stube begleiten?

EMERIKE. Nur bis an die Stube? werden Sie nicht mit hinein gehen?

FLINT. Das würde sich nicht schicken.

EMERIKE. So? ja – das weiß ich freylich noch nicht, was sich hier schickt; aber Sie werden mich schon unterrichten.

FLINT macht eine Bewegung zu gehen. Ist es Ihnen jetzt gefällig?

EMERIKE. Ja – aber – Sie sagten ja vorhin, hier in der Stadt ließen sich die Frauenzimmer führen.

FLINT reicht ihr verlegen den Arm.

EMERIKE nachdem sie ihm den Arm gegeben, sagt sie mit kindischer Freude. So – ich finde es selbst so viel besser. Aber – wird es sich denn niemals schicken, daß Sie in mein Zimmer kommen?

FLINT. Nur auf die Einladung Ihres Gemahls.

EMERIKE schnell. O der wird Sie gewiß einladen; ich werde ihm gleich sagen, daß Sie der sind, mit dem ich umgehen[31] will. Es kann ja auch sonst nichts aus mir werden; aber wenn Sie Geduld mit mir haben, dann geht es, dann geht es gewiß.


Geht mit ihm links, durch die Mitte, ab.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 13, Wien 1834, S. 25-32.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Geistliche Oden und Lieder

Geistliche Oden und Lieder

Diese »Oden für das Herz« mögen erbaulich auf den Leser wirken und den »Geschmack an der Religion mehren« und die »Herzen in fromme Empfindung« versetzen, wünscht sich der Autor. Gellerts lyrisches Hauptwerk war 1757 ein beachtlicher Publikumserfolg.

88 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon