Vierter Auftritt

[20] Emerike, August.


AUGUST für sich. Daraus wird nichts, lieber Onkel.

EMERIKE für sich. Er sieht mich gar nicht an.

AUGUST wie vorhin. Gelehrsamkeit fliehe ich; aber der Verstand darf nicht fehlen.

EMERIKE für sich. Der ist wirklich recht scheu.

AUGUST wendet sich schnell zu ihr, so, daß sie etwas erschrickt. Verzeihen Sie, daß ich unser Gespräch nicht früher eröffnet habe.

EMERIKE. Oh – ich kann schon warten.

AUGUST. Mein Onkel geht so rasch zu Werke.

EMERIKE. Ja – das ist wahr.

AUGUST. Ich lasse mir in wichtigen Dingen gerne Zeit.

EMERIKE. So? lassen Sie sich Zeit?[20]

AUGUST. Bey einer Heirath ist so viel zu überlegen.

EMERIKE. Freylich, freylich!

AUGUST. Und ich – und Sie Für sich. ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll.

EMERIKE. Nun, wissen Sie was, Herr Gehrmann hat mir schon gesagt, daß Sie ein wenig scheu sind.

AUGUST. Nicht scheu, sondern – verlegen, recht sehr verlegen.

EMERIKE. Ich auch – zu Hause steht mir der Mund nie still.

AUGUST. So?

EMERIKE. Aber bey Ihnen fällt mir auch gar nichts zu reden ein.

AUGUST für sich. Wenigstens nichts was der Mühe werth wäre. Laut. Würden Sie das Leben in ihrer kleinen Stadt gerne mit diesem geräuschvollen Leben vertauschen?

EMERIKE sieht ihn befremdend an. Mein Leben vertauschen?

AUGUST für sich. Das ist ihr zu hoch. Zu ihr. Würden Sie gerne hier bleiben?[21]

EMERIKE fröhlich Ach ja! bey uns sind die Häuser schwarz, mit hohem Giebel, hier sind sie weiß; haben viele Fenster, und Lacht. aus jedem Fenster guckt Jemand heraus.

AUGUST. Sie lieben die Menschen?

EMERIKE. Ach ja – besonders wenn sie recht freundlich mit mir sind.

AUGUST verlegen. Das –

EMERIKE. Das können Sie noch nicht mit mir seyn, weil Sie mich nicht kennen.

AUGUST. Freylich.

EMERIKE. Aber wenn die Leute mich kennen, so haben sie mich alle lieb.

AUGUST. Wirklich?

EMERIKE. Wirklich! weil ich gut, fromm und wirthschaftlich bin, nie um die Kirche herum, immer in sie hinein gehe.

AUGUST. Das ist –

EMERIKE. Für ein kleines Städtchen genug; aber – man[22] hat mir schon gesagt, daß ich damit hier nicht auskommen dürfte.

AUGUST. Hat man? –

EMERIKE. Eine Frau in der großen Stadt brauchte weder fromm noch gut zu seyn, wenn sie nur klug und witzig ist.

AUGUST. Das hat man Ihnen gesagt?

EMERIKE. Nun dachte ich mir, das wird ja doch auch zu erlernen seyn. Rückt näher. Und nun bitte ich den Herrn Bräutigam, daß er sich die Mühe mit mir gibt.

AUGUST steht verlegen auf. Ich –

EMERIKE. Die Muhme sagte oft: nähen und stricken kannst du, jetzt mußt du nur noch richtig denken lernen. Nun denke ich zwar schon lange, ohne es gelernt zu haben; aber die Muhme sagt, das wäre das Rechte nicht, das würde ich erst von einem klugen Manne lernen. Und nun bitte ich Sie, mich so denken zu lehren, wie es recht ist.

AUGUST lacht. Das dürfte Ihnen schwer werden.

EMERIKE. Freylich – denn ich lese noch nicht, wie man zu[23] sagen pflegt, alles vom Blatt weg, und das muß man doch aus Büchern lernen, nicht wahr?

AUGUST. Man lernt es besser aus dem Umgang mit Menschen.

EMERIKE. O mit Menschen will ich schon auch umgehen, aber lesen, lesen muß ich auch.

AUGUST für sich. Das Geschlecht verläugnet sich nie.

EMERIKE. Es ist recht schön, was sie in die Bücher hinein schreiben.

AUGUST. Manchmal.

EMERIKE. Ich könnte das nicht.

AUGUST. Schwerlich.

EMERIKE. Man muß darüber lachen und weinen.

AUGUST. Man soll darüber denken.

EMERIKE vertraut. Ich habe eines gelesen, in dem es recht traurig zuging.

AUGUST. So! –

EMERIKE mit Kummer. Er hat sie nicht gekriegt.

AUGUST. Nicht![24]

EMERIKE in Thränen ausbrechend. Und sie ist in's Wasser gesprungen.

AUGUST für sich. Romanenlektüre! auch diese zarte Knospe hast du schon verletzt. Laut. Wie erhielten Sie das Buch?

EMERIKE. Des Nachbars Linchen hatte es mir gegeben; sie wurde hier erzogen, und ist noch nicht lange zurück gekommen. Die ist recht klug in der Stadt geworden, und sie hätte uns alle klug ge macht, aber – es durfte kein Mädchen mit ihr umgehen.

AUGUST. Wußte Ihre Muhme um das Buch?

EMERIKE. Bewahre! – Ich mußte es verbergen. Ich saß immer ganz unschuldig mit der Arbeit neben ihr, und wenn sie ein wenig einnickte, husch! waren die Augen auf dem Buch.

AUGUST für sich. Verwahrlost an allem, nur an Schlauheit erst die Muhme, und dann auch gewiß ihren Mann zu betrügen, ward sie nicht.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 13, Wien 1834, S. 20-25.
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