Dritter Auftritt

[44] Jüngling, die Vorigen.


JÜNGLING süßlich, und etwas phantastisch gekleidet, aber ohne große Uebertreibung. Haben Sie Schiller?[44]

WALTER. Welcher Buchhändler härte den nicht? Wollen Sie alle seine Werke?

JÜNGLING. Bis auf den letzten Buchstaben.

WALTER. So wünschen Sie wohl ein kleines Format? hier ist die letzte Auflage.

JÜNGLING erschrickt. Was? der große Geist in dieser Zwerggestalt?

WALTER. Der Geist nimmt wenig Raum ein.

FLINT. Man liebt es, in Gesellschaft großer Schriftsteller spazieren zu gehen, und so kann man dieses Format bequem in die Tasche stecken.

JÜNGLING. Den großen Schiller in die Tasche stecken? Das kommt mir ja wie gefrevelt vor.

FLINT. Beruhigen Sie sich; im echten Sinne hat ihn noch keiner seiner Nacheiferer in die Tasche gesteckt.

JÜNGLING vertraut. Unter die Nacheiferer gehöre ich auch.

FLINT sieht ihn an. So?

JÜNGLING. Ich treibe Poesie.

FLINT. Die Poesie muß Sie treiben, sonst geht es nicht.[45]

JÜNGLING. Da zünden Sie mir ein Licht auf, es geht auch wirklich nicht.

FLINT. So lassen Sie den Pegasus laufen.

JÜNGLING sieht ihn an. Ohne ihn bestiegen zu haben?

FLINT. Wenn er Sie nun nicht aufsitzen läßt.

JÜNGLING. Es fehlt mir nicht an Begeisterung. Die Gedanken umgaukeln mich. Die Haine, die Bäche, die Vögel, die Blumen, alle Bestandtheile der Dichtkunst sind da; aber wie ich sie zu einem Ganzen ordnen will, befällt mich eine poetische Starrsucht.

FLINT. Ihr Verstand steht still.

JÜNGLING. Als ob er nie gegangen wäre.

FLINT. Müssen Sie denn dichten?

JÜNGLING. Muß die Sonne auf- und niedergehen?

FLINT lacht. Die muß.

JÜNGLING. Und ich muß meinen Nahmen unter Deutschlands Dichter setzen.

FLINT. Zu diesen werden jetzt so Viele gezählt, daß es bald keine Ehre mehr seyn wird.[46]

JÜNGLING. Sie verschwinden – meine Zeit wird kommen. Vertraut. Ich habe meinen Schädel betasten lassen. Schlägt auf den Kopf. Das Organ ist da.

FLINT. Wenn es sich aber nicht entwickelt?

JÜNGLING. Es wird, es muß sich entwickeln; um so mehr, da mir das, was die Menschen kalte Vernunft nennen, fehlt, rein fehlt.

FLINT sieht ihn an. Und dennoch wollten Sie –

JÜNGLING. Durch Phantasie mich von diesem Erdklumpen weg in die Räume der Geister schwingen. Der gemeine Verstand will essen, trinken, schlafen. Phantasie schlürft den Duft einer Rose, bettet sich auf einer lichten Wolke, läßt sich, von dem Hauch eines Zephirs geschaukelt, bis zu den Sternen tragen.

FLINT lacht. Lassen Sie sich denn nie zu einer gemeinen Suppenschüssel hernieder?

JÜNGLING. Nur dann, wenn das Thier in mir erwacht.

FLINT zu Walter. Bedanken wir uns.

JÜNGLING vertraut. Ich habe schon einige Freunde, die mit gespitzter Feder die Kinder meines Geistes erwarten, um sie mit den Geburten der größten Geister zu vergleichen.[47]

FLINT. Also – für das gehörige Lob, das Ambrosia der Dichter, ist gesorgt; aber wo bleiben die Geburten?

JÜNGLING. Das ist es eben, daß die noch, wie in einem Chaos, verwirrt unter einander liegen. Man sagt mir, daß ich ein Wesen brauche, nach dem ich mich bilde.

FLINT. Und das Wesen soll Schiller seyn? Für sich. Nun freylich, der Sperling braucht einen Adler, der ihn zur Sonne trägt.

JÜNGLING. Man sagt, es wären Manche schon bloß dadurch zum Dichter geworden, daß sie sich seine Gedanken aneigneten.

FLINT. Wollen Sie das auch?

JÜNGLING. Ob ich das will? ich lerne seine Worte, ich sauge seinen Geist.

FLINT. Dann kann es Ihnen nicht fehlen.

JÜNGLING voll Freude. Sie glauben wirklich?

FLINT. Daß Sie Gedichte machen werden.

JÜNGLING wie vorhin. Die seinen gleichen?

FLINT. Die er für seine eigenen halten würde; es ist schon manchem seiner innigen Verehrer so gegangen.[48]

JÜNGLING. O mein Herr, mein Freund, mein Tröster! Rasch zu Walter. Was kostet das Werk?

WALTER. 20 Thaler.

JÜNGLING. Nur 20 Thaler? Zu Flint. Ich kaufe Unsterblichkeit für 20 Thaler. Hier sind sie. Zählt mit Hast das Geld auf.

FLINT zu Walter. Das ist eine Ausnahme von der Regel; schlechte Dichter sind sonst gewöhnlich ohne Geld.

JÜNGLING. Ihr Nahme, mein Herr?

FLINT. Flint.

JÜNGLING. Flint! Flint! bitte um den Vornahmen.

FLINT. Konrad Flint.

JÜNGLING. Auch der Vornahme ist nicht poetisch. Aber es thut nichts, ich besinge Sie doch.

FLINT. O ich verbitte –

JÜNGLING. Die Phantasie läßt sich nichts verbiethen, sie erlaubt sich alles. Wenn einst des Heliodor Jünglings Gedichte – der Heliodor Jüngling bin ich – im Druck erscheinen, so finden Sie ein Sonnet[49] auf einen Ungenannten; der Ungenannte, mir aber Wohlbekannte, sind Sie.

FLINT. Ich muß wahrhaftig verbitten.

JÜNGLING. Das sind Sie.

WALTER hat die Bücher zusammengebunden. Wo soll ich das Werk hinsenden?

JÜNGLING. Hinsenden? Ergreift es mit Hast. ich trage es selbst.

FLINT. Das dürfte Ihnen zu schwer werden.

JÜNGLING. Zu schwer? trug nicht Aeneas seinen Vater? soll mir Schiller nicht ein zweyter Erzeuger werden? – schon durchglüht mich sein Feuer! ich höre seine Glocke! dort kriecht sein Lindwurm! – sein Taucher! er stürzt sich hinab. Der Moment ist da! sehen Sie nicht, daß ich immer höher und höher werde? Die Menschen unter mir, Gewürm im Staube, Ich schwebe, dichte in der Sternenlaube! – Das hat noch Keiner gesagt. Bemerkten Sie den Sprung vom Staube zur Sternenlaube? Der Moment ist da. In acht Tagen das erste Bändchen, es wird vollendet. Der Geist, er treibt, er jagt! Fort, fort, dahin, wo neues Leben tagt.


Schnell ab.
[50]

FLINT lacht, zu Walter. Ich glaube selbst, daß sein Moment gekommen ist.

WALTER. Solche Begeisterung führt in's Irrenshaus.

FLINT. Phantasie ohne Verstand hat schon oft den Weg dahin gefunden.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 13, Wien 1834, S. 44-51.
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