Fünfter Auftritt

[61] Gehrmann. Emerike etwas besser gekleidet. Die Vorigen.


GEHRMANN. Da, liebes Kind, sind Bücher genug, suchen Sie sich nach Gefallen aus. Zu Flint. War mein Neffe nicht hier?

FLINT. Ich verließ ihn auf seinem Zimmer, er hatte ein Manuscript vor sich liegen, das ihn sehr zu beschäftigen schien.[61]

GEHRMANN. Ich gab es ihm selbst, aber darüber muß er nicht seine Braut vergessen. Sie stirbt vor langer Weile. Unterhalten Sie mir das Kind, ich komme bald zurück. Geht durch die Thüre mit Glasfenstern in das Innere des Buchladens.

FLINT verlegen. Wie soll ich – Ruft ihm nach. Herr Gehrmann! ich muß ihn ja von dem Geschäft unterrichten.


Will ihm nach.


WALTER. Das übernehme ich. Geht Gehrmann nach.


Die Diener halten sich im Hintergrunde, und gehen endlich auch durch die Glasthüre ab, wo sie aber immer sichtbar bleiben.


FLINT ist verlegen, reicht Emeriken einen Stuhl, und setzt sich an seinen Schreibtisch.

EMERIKE nach einer Pause. Wird er denn nicht mit mir sprechen?

FLINT. Die Feder taugt nicht. Wirft sie weg, und nimmt eine andere.

EMERIKE seufzt. Ach!

FLINT wendet sich rasch zu ihr. Sagten Sie etwas?

EMERIKE. Nein – ich –[62]

FLINT. Verzeihen Sie. Fängt an zu schreiben.

EMERIKE nach einer Pause. Sie sind recht fleißig.

FLINT. Ich erfülle dadurch nur meine Pflicht.

EMERIKE. Pflegen Sie denn nie von Ihrer Arbeit weg zu sehen?

FLINT. Manchmal.

EMERIKE. Jetzt nicht?

FLINT. Ich – habe gerade heute so viel zu thun.

EMERIKE. Aber Herr Gehrmann hat ja gesagt, das Sie mich unterhalten sollen.

FLINT verlegen. Freylich!

EMERIKE. Also kann ihm an Ihrer Arbeit nicht viel gelegen seyn.

FLINT wie vorhin. Ich denke doch. –

EMERIKE rückt näher. Aber, ob Sie mit mir sprechen oder nicht, daran ist mir recht viel gelegen.

FLINT. Liebe Mademoiselle –[63]

EMERIKE. Ich heiße Emerike

FLINT. Sie sind – ich muß – Will wieder schreiben.

EMERIKE rückt näher. Mit mir sprechen, recht viel sprechen, wie soll ich denn sonst gescheider werden?

FLINT wendet sich mit einem Stuhl zu ihr. Ich fürchte nur –

EMERIKE. Was?

FLINT. Das unsere Unterredung eine Wendung nimmt, die –

EMERIKE. Die mir gefällt, gewiß gefällt – denn Ihr Ton ist so sanft –

FLINT. Emerike!

EMERIKE. Ach! so hat noch Niemand meinen Nahmen ausgesprochen! Er gefiel mir zu Hause gar nicht; – aber – wenn Sie mit diesem Tone Emerike sagen, dann dünkt mir, es gibt gar keinen schöneren Nahmen auf der Welt.

FLINT ihre Hand ergreifend. Liebes, holdes Geschöpf!

EMERIKE. Ach! Steht auf.[64]

FLINT läßt erschrocken ihre Hand fallen. Was ist Ihnen?

EMERIKE. Wie Sie mich bey der Hand nahmen, fuhr es mir wie ein Blitz durchs Herz.

FLINT ist auch aufgestanden. Verzeihen Sie!

EMERIKE treuherzig betheuernd. Es that nicht weh!

FLINT für sich. Rette dich, Flint. Setzt sich wieder zum Schreibtisch.

EMERIKE. Wollen Sie denn wieder schreiben?

FLINT. Es ist wirklich nöthig –

EMERIKE etwas unwillig. Aber Sie sollen mich ja unterhalten.

FLINT steht auf. Ich will Ihren Bräutigam holen.

EMERIKE schnell. Nein, den nicht.

FLINT. Da Sie Unterhaltung vermissen –

EMERIKE wie vorhin. Wenn Sie mit mir sprechen, vermisse ich niemand; Etwas verschämt niederblickend. niemand.

FLINT. Liebe, gute Emerike.[65]

EMERIKE. Ja, gut bin ich, aber im Kopf, nicht wahr, im Kopf ist es bey mir leer?

FLINT. O nein.

EMERIKE. Ach, das weiß ich wohl. Ich lege mir auch oft den Finger auf den Mund, daß ich nicht alles, was ich denke und fühle, so gerade heraus sage.

FLINT. Reden Sie, wie Sie denken und fühlen.

EMERIKE. Wie ich fühle? ja – wenn ich so reden dürfte.

FLINT. Mit mir dürfen Sie so sprechen.

EMERIKE. Mit Ihnen? und Sie würden mich nicht auslachen?

FLINT mit Feuer. Nur der verdorbene Mensch könnte dieser frommen Einfalt spotten. Offenheit, Gutmüthigkeit, o wie überstrahlen sie die prunkenden Geistesgaben unserer heutigen Modefrauen. Sie werden Ihren Mann lieben, nicht wahr?

EMERIKE herzlich. Ueber alles.

FLINT. Ihm vertrauen?

EMERIKE herzlich. Von ganzem Herzen.[66]

FLINT. Als gute Wirthin Ihrem Haushalte vorstehen.

EMERIKE sich etwas zu Gute thuend. O das verstehe ich.

FLINT. Liebe und Wohlwollen um sich verbreiten.

EMERIKE. Gewiß, gewiß!

FLINT auf einmal sich fassend. Nun – so wird Herrn Gehrmanns Neffe recht glücklich seyn. Wendet sich weg.

EMERIKE sagt schnell. Nein, der wird es nicht.

FLINT. Emerike!

EMERIKE. Den will ich nicht glücklich machen.

FLINT. Warum nicht?

EMERIKE. Weil ich ihn nicht liebe.

FLINT schnell ihre Hand ergreifend. Sie lieben ihn nicht?

EMERIKE. Macht Ihnen das Freude?

FLINT. Es sollte nicht, aber – Für sich. wie wird das enden![67]

EMERIKE etwas verschämt. Ich kenne einen Andern, den ich gerne glücklich machen möchte.

FLINT. Einen – Andern?

EMERIKE. Ja – ich kenne – sehen Sie jetzt immer ein wenig nach Ihrem Schreibtische hin, denn ich möchte Ihnen sagen – Herzlich. daß ich Ihnen recht gut bin.

FLINT. Emerike! Gott!

EMERIKE besorgt. Sie nehmen es doch nicht übel?

FLINT hingerissen. Mädchen! Engel!

EMERIKE herzlich. Ich bin noch keinem Menschen so gut gewesen und – wenn Sie mir auch gut sind –

FLINT. Emerike – wir sind auf einem Abwege, lassen Sie uns nicht weiter gehen. Ihre Verhältnisse, meine Grundsätze, ja selbst Ihr Reichthum, alles verbietet mir aus diesem Geständniß Vortheil zu ziehen. Sie sind die Braut eines Andern, und – ich habe nur Achtung für Sie.

EMERIKE seufzt. Ach! Und senkt den Kopf zur Erde.[68]


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 13, Wien 1834, S. 61-69.
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