Sechster Auftritt

[19] Julia, Dessalines.


JULIA die Thüre des Seitenzimmers ist geöffnet; man hört Julia die Laute spielen und singen.

Ein Hauch lebt in der Schöpfung nur,[19]

Ein lebenswarmer Hauch,

Er schwebt durch Berge, Thal und Flur,

Ihn sendet liebend die Natur

Zu kleiden jeden Strauch.

DESSALINES wirft sich auf einen Stuhl.

Ha singe nur, nichts ändert meinen Sinn.

JULIA tritt unter die Thüre und singt.

Und jedes Würmchen freut sich sein,

Es lebt, es lebt so gern

Und in der Sonne heissem Schein

Wähnt es, es sey die Welt auch sein,

Ihm sey der Tod so fern.


Sie tritt zu Dessalines.


O Mensch! zertritt das Würmchen nicht!

Ein Hauch schuf es mit Dir,

Dieselbe Sonne giebt ihm Licht,

Ja, es zu schirmen ist Dir Pflicht,

O duld' es neben Dir.

DESSALINES spricht auf.

Sie länger dulden? Julia nimmermehr!

Oft hat mich Deine Laute weich gemacht

und manche Kette hat Dein Lied gesprengt,

Doch heute nicht, nein wahrlich, heute nicht.

Es ist der letzte Schritt zum höchsten Ziel

von dem mich Deine Hand nicht reissen soll.

JULIA.

Vom höchsten Ziel hast Du Dich selbst gewendet,

als Du zum Aufruhr unser Volk gereizt,

und Freiheit kündest die es nicht verdient,

so lang es sie nicht klug benutzen kann.

Nein, unserm Schwarzen taugt die Freiheit nicht[20]

so lang sein Geist noch einem Kinde gleicht,

das auf dem glatten Boden schwankend geht,

nach jedem Spielzeug hascht das man ihm zeigt,

Und alles ernste, nützliche verschmäht.

Erst wenn er kühn nach höh'rem Ziele strebt,

Des Daseins schöne, große Würde faßt,

die Binde ganz von seinen Augen fällt:

Dann steh' er frey, in einer freyen Welt,

Dann streif' die Ketten von des Starken Hand,

er liebt die Menschen, schützt das Vaterland.

DESSALINES.

Der Weißen Schlauheit hat Dich so umstrickt,

daß Du in ihrem Dasein Heil verkündet

und nicht der Martern denkst, die um Gewinn

sie täglich unserm schwarzen Volk bereiten.

JULIA.

Ich kenne schwarze Pflanzer, freye Menschen,

Die ihre Sklaven feindlicher behandeln,

als es der fremde Weiße je gethan.

Wahr ist es, daß die ersten die gelandet

gleich wilden Thieren unser Volk zerfleischt.

Doch Jahre sind auf Jahre schon verflossen,

im Grabe modern jene Würger längst

und bessre Weiße schuf das eigne Land.

Entreiße nicht verübten Gräul dem Dunkel

um auch die Gegenwart mit Blut zu färben.

Die Menschen liebe, sieh nicht auf die Farbe,

nicht auf das Aeußre, das am meisten trügt.

Wenn sich ein Herz im warmen Busen regt,

wenn es der Freiheit – und der Liebe schlägt,[21]

dann fühlt der Mensch dem Menschen sich verwandt,

und froh knüpft er der Eintracht himmlisch Band.

DESSALINES.

Mit diesen Weißen? Julia, nimmermehr.

Sie oder wir, das war die Losung längst.

Schon die Natur schuf schwarz und weiß als Feinde;

wir sind die Schatten nur von ihrem Licht.

Ich lösch' es aus, und sieh, der Schatten schwindet.

JULIA.

Und es wird Nacht –

DESSALINES.

Da, Fluch dem Tag,

der über Haiti aufging mit den Franken.

Im Blut getaucht entstieg dem Meer die Sonne,

ein gift'ger Thau fiel die üpp'ge Flur,

der Schwarze schlürfte ihn – und ward ein Sklav.

JULIA.

Der Körper ward dem Geiste unterthan,

er hob erschlaffte Arme, baute Hütten,

trieb aus den Wäldern, aus den finstern Höhlen

den trägen Schwarzen – zeigte ihm das Licht.

Er starrt nicht mehr ungezählten den Himmel

mit seinen ungezählten Sternen an:

er ahnet über ihnen einen Gott,

an den er sich im Unglück betend wendet.

Die Künste werden heimisch neben ihm,

Geselligkeit wohnt in der kleinen Hütte,

Geräthe häufen sich – der Geist erwacht.

O, Heil dem Volk, das uns zu Menschen macht!

DESSALINES.

Genug der Worte – heut geht es zu Ende,[22]

ein rollend Rad hält Deine Hand nicht auf.


Drohend.


Schon der Versuch allein kann sie verletzen,

denn wo das Weib nicht billigt, muß es schweigen.

Die Gäste sind zu einem Fest geladen,

zu dem die Abendsonne leuchten soll.

Sie geht bald unter – ha – nun muß ich eilen,

daß mir die Nacht das Schauspiel nicht entzieht.


Geht an die Thüre.


Willkommen mein Gäste, seid willkommen!

Herein, herein, das große Fest beginnt.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 19-23.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon