Erster Auftritt

[27] Hortensia und Marie sitzen schlafend an einem Tisch, man sieht daß sie vor Mattigkeit eingeschlafen. Nach einer Pause kommt die Mutter aus einem Seitenzimmer.


MUTTER.

Es treibt mich rastlos in dem öden Haus!

Ich kann nicht schlafen, nein, ich kann nicht ruhen,

so lang mein Gatte unter Mördern lebt.

Hör' ich Geräusch, so seh' ich ihn erwürgen,

und wird es still, so glaub' ich längst ihn todt.

Entsetzlich! – wenn ich mir es möglich denke,

daß ich allein mit zwey unmünd'gen Waisen –[27]

hier, unter diesen Horden wir allein! –

Horch – seufzt es nicht? ja, deutlich – und jetzt wieder –

Das ist kein Traum, ich wache ja, ich höre;

ich seh' ihn auch, ja, ja – dort seh ich ihn,

er windet sich auf seinem harten Lager,

er sehnet ängstlich sich nach Weib und Kind;

Jetzt faltet er die Hände, fleht zu Gott:

Schick' mir die Meinen in der Todesstunde, –

Wo seyd ihr Töchter – eilt, es wird zu spät,

er stirbt, er stirbt – Hortensia!

HORTENSIA auffahrend.

Wer ruft?

MUTTER ermattet.

Ich war es, Kind.

HORTENSIA.

Marie auf, die Mutter wacht!

MUTTER.

O lass' sie ruhen, weck' die Arme nicht.

HORTENSIA.

Wen hast Du, gute Mutter, wenn wer schlafen?

MARIE.

Hab' ich geschlafen? ach – ich wollt' es nicht.

Zwar fielen oft die müden Augen zu;

dann fuhr ich ängstlich auf, und schlich zur Thüre;

Ich hörte Deine bangen, lauten Klagen,

nicht wahr, Hortensia? wir weinten mit.

Doch endlich ward es still – wir nickten uns:

sie schläft! o ja – die gute Mutter schläft.

O schlafe nur, wir wollen für Dich wachen,

für Vater und die Mutter brünstig beten[28]

und Gott im Herzen, wie auf unsern Lippen

verwirrten sich die Sinne – ich schlief ein.

HORTENSIA.

So ging es mir, mein Wachen ward bald Traum,

es trug mich fort in menschenleere Räume,

doch freundlich war der Himmel über uns

und reife Früchte hingen an den Bäumen,

und Vögel sangen munter auf den Zweigen,

wir hatten alles – alles –

MARIE.

Auch den Vater?

HORTENSIA.

Ich sah ihn wohl –

MARIE.

Wie? Du hast ihn gesehen?

HORTENSIA.

Er stand erhö'ht auf einem schroffen Felsen

uns freundlich winkend, blickte er herab.

Wir suchten ängstlich einen Pfad –

MARIE.

Und fanden ihn?

HORTENSIA.

Wir fanden ihn, und klimmten muthig fort;

doch immer höher trug es fort den Vater,

und immer schroffer, steiler ward der Pfad.

Da ließ sich eine Wolke auf ihn nieder,

er schwand dem Blick – ich sah ihn dann nicht wieder.

MUTTER.

So ist's! – so ist's – sein Geist ist schon entfloh'n.

O diese schwarze, fürchterliche Nacht,

sie birgt den Mord in ihrem dunklen Schooß.[29]

Wenn er noch lebte, warum schrieb er nicht,

da sonst mit jedem Tag ein Bothe kam?

Er glich dem Sonnenblick im Ungewitter,

er trocknete das nasse Auge schnell.

Hoch schlug das Herz, – ich öffnete den Brief,

Der Töchter Auge bing an meinen Lippen,

und rief ich endlich aus: – es geht ihm gut,

er grüßet, segnet Euch! Da war's ein Ruf,

ein Schrei: er lebt, es geht ihm gut!

Und dankend stürzten wir zur Erde nieder.

DIE MÄDCHEN.

So war's, so war's –

MUTTER.

Wie anders ist es nun?

Acht Tage sind in dieser Angst verflossen,

kein Bothe kam, kein Zeichen, daß er lebt.

Und hör' ich Stimmen, eil' ich an das Fenster,

so steht das Volk in Haufen auf den Straßen,

spricht laut von Mord, und theilet schon den Raub.

O möchten sie doch uns'r Schätze theilen:

den Vater gebt uns – alles nehmet hin –

Reich bin ich, wenn ich Gattin – Mutter bin.


Sie drückt ihre Töchter an das Herz.


HORTENSIA.

Ich hoffe noch – er hat so viele Freunde.

MUTTER.

Ihr wißt noch nicht, ihr armen, zarten Sprossen,

daß mit dem Glück, auch schnell der Freund entflieht.

Ein wilder Rausch hat dieses Volk ergriffen,

es äfft dem Mutterlande alles nach

und strebt nach Freiheit, um als Thier zu leben.[30]

Als gegen Frankreich sich das Volk empörte,

da drängten wir uns in des Hauses Mitte,

und lebten still, und harrten bessrer Zeit.

Der Vater that was strenge Pflicht gebot,

auf keiner Seite durft' er helfend stehen,

Gewalt mußt' hier entscheiden – sie entschied.

Doch fürchterlich, gleich einer Felsenmasse,

die vom Gebirg zermalmend niederstürzt,

verheerte sie das Land! Die Willkühr herrscht,

gelöset sind der Menschheit heil'ge Bande,

Die Tugend flieht, ihr öffnet sich kein Ohr,

Das Laster siegt und steiget hoch empor.

Es gilt kein Wort, kein Schwur mehr, nur Verrath

Man mordet, raubt, und rühmt sich noch der That.

O weh dem Volke das vom Blute raucht,

und seine Kraft so frevelhaft mißbraucht.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 27-31.
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