Achter Auftritt

[79] Opku. Die Vorigen.


OPKU.

Mein General, das Volk –[79]

DESSALINES.

Es jubelt Opku,

denn es ist frei, befreit durch Dessalines.

OPKU.

Doch rotten sich jetzt Haufen, die verlangen –

DESSALINES.

Daß ich mich zeige? Bald soll es gescheh'n.

Ein hoch Gerüst wird auf dem Markt errichtet,

und mit Trompetenschall wird dort verkündet,

daß ich Domingo von dem Feind befrei't,

daß ich als Haupt von Haiti Euch befehle

und mir den Kaisertitel zugelegt.

Geschmückt zieh' ich dann durch die langen Straßen

von Cap Français, es jubelt durch die Luft.

Der Vater hält empor den schwachen Knaben,

das ist er Knabe, das, der uns befreit. –

Durchsucht die feuchten Keller, die Gewölbe,

und wie die Kette von den Händen fiel,

so lösel jezt der Fässer enge Bande.

Auf! Badet Euch in Rumm und Frankenwein,

es ström' der Freudensaft durch alle Straßen,

und jubelnd trink' das Volk ihn auf mein Wohl.

Lang' lebe Dessalines! Der uns befreit,

so ruft es laut auf allen meinen Wegen,

so hallt es nach, so tönt es mir entgegen,

so wird noch einst der späte Enkel rufen,

so steh' ich auf des Glückes höchsten Stufen.

OPKU.

Verzeih mein General –

DESSALINES.

Dein Kaiser Pursche,[80]

hast Du es nicht gehört? Dein Kaiser; sprich,

was hast Du mir zu melden?

OPKU.

Es ziehen sich

am heitern Tag Gewitterwolken auf.

DESSALINES stolz.

Es donnert nur wenn Dessalines gebietet.

OPKU.

Die Truppen, die Dich in die Stadt geleitet,

sind von dem guten Geiste nicht beseelt,

mit dem das Volk frohlockend Dich empfing.

Verschwägert und verschwistert waren sie

mit diesen Weißen, die Dein Zorn vernichtet.

So eilt nun jeder seiner Heimath zu,

und kein bekannter Laut tönt ihm entgegen;

da stürzt er ahnend in das Leichenhaus.

Theils modernd schon, theils noch im Blute schwimmend,

sieht er dort Väter, Mütter, Kinder liegen:

empört bebt er zurück, die Grabes – Luft

treibt ihn hinaus – laut brüllt er Mord, und bald

versammeln sich um ihn die Waffenbrüder,

er reizt zur Rache sie, zum Aufruhr an.

Der Haufe wächst, man wühlt hervor die Leichen,

zählt ihre Wunden, tränkt mit frischem Blut

die weißen Fahnen, eilt so durch die Stadt. –

Von Ihrer Wuth ist alles zu befürchten,

wenn man nicht schnell das wilde Feuer löscht.

DESSALINES lacht wild.

Ha, ha, ha, ha – fürwahr – Du machst mich lachen,

die Hunde schreien Rache über mich?[81]

JULIA.

Die Stunde der Vergeltung ist gekommen.

DESSALINES.

Nein sag' ich Dir, so wird mir nicht vergolten,

zertreten wird was frech sich widersezt.

Für meine große That, wär' das der Lohn?

Der Vater gab Euch nur das Sklaven – Leben,

ich habe mehr – die Freiheit Euch gegeben.

JULIA seufzt.

Mit Blut! Mit Blut! –

DESSALINES heftig.

Das fließen mußte – ha –

Die Wunde hatte tief in's Fleisch gefressen,

es brauchte einen kecken, kühnen Schritt. –

Er ist gethan – und jetzo tadeln sie?

Und wägen meine That? Und richten frech?

Wo sie in Demuth schweigen, staunen sollen.

Du Diakue, verstärke meine Wache,

laß' streifen in der Stadt; wo Schwarze stehen,

die ihren Krauskopf einander reiben,

in's Ohr sich raunen – feuert unter sie.

So räume auf, und säub're mir den Weg,

daß ich gemächlich auf den Marktplatz ziehe.

JULIA.

Nur heute nicht –

DESSALINES.

Und was hätt' ich zu fürchten?

OPKU.

Die Gährung ist zu groß, es könnte leicht –

DESSALINES.

Verweg'ner schweig – was könnte mir gescheh'n?[82]

Wer nicht den Mann, der sie befreite ehrt,

ist nicht der Freiheit, nicht des Lebens werth.

Wie ich gekämpft, so will ich auch regieren,

mit starkem Arm des Rosses Zügel führen,

das sich jetzt bäumet, weil es frei fühlt,

und wiehernd in der lockern Erde wühlt.

Doch wenn ich mich auf seinen Rücken schwinge,

mit scharfem Sporn in seine Weichen dringe,

wenn es die Kraft des Reiters bebend fühlt,

dann steht es fromm – sein Blut ist abgekühlt.

DIAKUE.

Es sind wohl nur von Wein erhitzte Köpfe;

sie liegen jezt in irgend einem Winkel,

verschlafen ihren Rausch, und schämen sich,

wenn sie erwachen, ihrer trunk'nen That.

DESSALINES.

So wird es sein. – Doch suche sie nur auf,

auch trunken haben sie den Tod verdient,

wenn sie mit einem Wort mich frech gelästert,

ich lohne, und ich strafe nach Verdienst.

Dir ist der Lohn gewiß –

DIAKUE.

Mein General –

DESSALINES.

Du hast zu keiner Würde Dich gedrängt,

bescheiden bliebst Du stets nur in der Ferne.

Ein Spiel der Laune war es, grade Dich

den andern vorzuzieh'n, die näher standen.

Ich stürze, hebe, – ha ich bin ein Gott!

Nun fort, mein General, verkünde laut

daß Dessalines sich einen Thron erbaut,[83]

daß er auf Haiti herrsche und befehle,

sich aus den Treu'sten seine Räthe wähle.

Mit reichem Zeug soll man die Straßen zieren,

die auf den großen Platz zum Markte führen.

Den Kindern soll man ihren Retter zeigen,

nichts unterbricht das ehrfurchtsvolle Schweigen

als lauter Ruf: – Heil uns, Heil uns'ren Söhnen!

Auf laßt uns Dessalines den Großen krönen.

In alle Welten wird sein Ruf erschallen!

Die letzten Weißen sind durch ihn gefallen.

Ja Diakue in lautem Jubelchor

dring' dieser Ruf in mein entzücktes Ohr.

Trompeten schmettern dann bis in die Nacht,

Triumph, Triumph! Das Werk ist kühn vollbracht.


Er stürzt ab. Opku und Diakue folgen. An der Thüre wendet Diakue um, kommt schnell hervor.


DIAKUE Zu Julia.

Du hattest Recht – ich habe nicht gemordet.


Schnell ab.


JULIA.

Sie leben? Diakue?


Der Vorhang fällt.
[84]

Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 79-85.
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