Siebenter Auftritt

[77] Diakue, Vorige.


DESSALINES hart.

Nun Diakue, Du kommst mir etwas spät.

Ich hoffte Dir am Thore zu begegnen,

auch vor dem Thor. – Sprich, warum kamst Du nicht?


Heftig.


Hast Du vergessen wer ich bin?

DIAKUE.

Verzeih' –

DESSALINES.

Die Ehrfurcht die als Feldherrn mir gebüh'rt?

DIAKUE.

Ich bin von ihr durchdrungen.

DESSALINES.

Frevler, nein!

Du mußtest das Geschrei des Volkes hören,

an Deinem Hause ging der Zug vorüber,

Du kamst nicht an das Fenster, riefst nicht mit,

lange lebe Dessalines! –

DIAKUE mit Feuer.

Er lebe lang! –

So rief ich, und – das lezte Opfer fiel.

JULIA.

Ein Opfer?

DIAKUE.

Ja – es schwamm in seinem Blut.

JULIA.

Barmherz'ger Gott! Wen hast Du hingemordet?[77]

DIAKUE kalt.

Die Töchter St. Janviers.

JULIA.

O halte ein –

DESSALINES.

Du hast sie selbst getödtet?

JULIA.

Diakue?

DIAKUE.

Da Du den Vater meiner Rach' entzogen,

mußt' ich das Herzblut seiner Kinder sehen.

DESSALINES.

Ha – ich beneide Dich um diese That.

JULIA.

Und ich verfluche sie, ich fluche Dir.

Wehrlose Kinder hast Du hingemordet?

DIAKUE.

Als ich Musik und Volksgeschrey vernahm,

da dacht' ich mir: wenn der Befreier naht,

muß auch ein Opfer seiner Größe fallen,

die letzen Weißen –

JULIA schreit.

Nein!

DIAKUE.

Sie sind dahin.

JULIA.

Nein Diakue, daß hast Du nicht gethan.

Du warst ein guter Mensch, Du mordest nicht.

DIAKUE.

Mein eigen Blut, wenn mich die Rache treibt.[78]

JULIA.

Mein Herz ruft laut – das hast Du nicht gethan.

DESSALINES.

Schweig Thörin, schweig; die That macht ihn mir werth.

JULIA.

Die That ist klein, die nicht den Menschen ehrt.

DESSALINES.

Ha freches Weib, er that was ich geboth.

JULIA.

Der Edle mordet nicht, giebt sich den Tod,

wenn Grausamkeit ihn zu der That verleitet,

die gegen Menschlichkeit und Tugend streitet.

Nein Diakue, daß hast Du nicht gethan.

DIAKUE.

Siehst Du wohl Blutbespritzte Leichen an?

Ich hole sie –

JULIA.

Halt ein! – Ich glaube Dir.


Pause.


Nun denn Barbaren – endlich müßt Ihr ruh'n,

Ihr armen Würger, nichts bleibt mehr zu thun.

Die Sonne steigt herauf, und senkt sich nieder,

und keines Weißen Leben kehrt Euch wieder;

der Erde habt Ihr sie zurück gegeben,

sie läutert sie, zu jenem bess'ren Leben.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 77-79.
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