Fünfter Auftritt

[11] Hasko, dann Jöran, und die Vorigen.


HASKO eilig. Graf, euer Oheim kommt –

RICHERS. Du bist nicht klug – um diese Stunde –

HASKO. Er ist's –

RICHERS gefaßt. Ha – gut – gut – Hasko fort – Sten, hier durch, der Weg ist dir bekannt. Öffnet eine Tapetenthüre. Sten ab. Ihr Andern, nehmt die Becher und handelt nun nach meiner Vorschrift. Sie setzen sich an den Tisch. Seit Jahren widerfuhr mir diese Ehre nicht. Der Fuchs geht auf die Lauer. – Kommt, trinkt auf unsers Herzogs Wohl, und laßt den Schleicher glauben, es gelte ihm.

ALLE stoßen mit Geschrey die Becher an. Er lebe, lebe lang!

JÖRAN tritt ein. Hier geht es lustig zu.

ALLE stehen auf.

JÖRAN. Wem galt es eben?

RICHERS stellt sich weinlustig. Euch Oheim, euch –[11] Hasko sagte: »Graf, euer Oheim kommt,« – »das ist mir eine seltene Ehre,« rief ich – »er soll leben!«

DIE ANDERN. Ja, so war es.

JÖRAN sieht sie an, geht nach einer Pause zum Tisch, und stürzt eine silberne Kanne um. Mir scheint, ihr habt auch außer mir so manchen Andern leben lassen, denn hier ist's leer, und eure Köpfe laufen über.

RICHERS. Wir fangen zeitlich an, da kommt so nach und nach ganz Schweden an die Reihe, manchmahl sauf' ich mich auch über die Grenze, und lasse Frankreichs schöne Mädchen leben.

JÖRAN. Du trinkst, als hättest du drey Jahre in Deutschland, nicht in Frankreich zugebracht. Du solltest Sitten lernen, und kommst mit Lastern heim.

RICHERS. Es ist doch ein schönes Laster, es macht die Seele froh; ein Bißchen Wein im Kopf, dann gilt mir's gleich viel, was um mich geschieht. Die Thoren, die nach Glanz und Hoheit streben, sie mit Gewissensbissen, mit Gefahr erkaufen! Trinkt Wein, und träumt euch so zum König; mancher König regiert ja nur im Traum.

JÖRAN. Wie könnt ihr nur bestehen bey diesem wilden Leben?

BOTWID. Wir könnten anders nicht bestehen; so ist uns wohl! Der Weingott bekehrt darum so viele Heiden, weil man bey ihm gleich in den Himmel kommt; auf den andern muß man gar zu lange warten.

THEIR. Ja, du hast Recht, der Weingott lebe! Nimmt den Becher.

BOTWID. Er lebe![12]

STRUEN. Haltet, nehmt mich mit! laßt einen braven Kerl nicht so im Stich!

BOTWID. Du weißt uns einzuhohlen –

RICHERS. Nun, Oheim, haltet mit! Gibt ihm einen Becher.

JÖRAN greift nach einer Pause nach dem Becher und sagt schnell. Der König lebe –

ALLE. setzen unwillkührlich die Becher ab.

JÖRAN. Wie? Keiner trinkt?

RICHERS gefaßt. Seht, Oheim, es gibt gar manchen König; ihr habt vergessen uns zu sagen, welcher leben soll. Ist's einer, der's nicht friedlich mit uns und unsern Landen meint, bey Gott! auf dessen Wohlseyn trink' ich nicht.

JÖRAN. Wie könnte ich einen andern, als unsern Fürsten meinen?

RICHERS schnell. Unsern Fürsten? seht, das ist bestimmt; nun wird sich keiner weigern, wenn ich sage: Freunde! unser Fürst soll leben, der, den wir meinen, den wir lieben; dann bleibt kein Tropfen in dem Becher.

ALLE. Er lebe!

JÖRAN sieht alle bedeutend an, dann trinkt er auch. Man that euch Unrecht, Neffe.

RICHERS. Worin, mein gerechter Oheim? worin that man mir Unrecht?

JÖRAN. Man sagte mir, euer wüstes Leben diene nur zum Vorwand einer bösen Absicht – ihr wäret unbemerkt sehr mäßig; man sagt sogar, ihr trinkt den Wein gemischt mit Wasser, damit stets der Verstand den Wächter eurer Zunge spiele.[13]

RICHERS. Wer sagt das? –

BOTWID. Wie? was? Wasser? ich hätte ihm längst die Freundschaft aufgesagt, hätte ich es so gefunden. Unser Wahlspruch ist: – Herz, Wein – und Gewissen rein.

JÖRAN. Und – Gewissen? Sie beobachtend. Habt ihr schon von dem Mord gehört?

ALLE. Mord? wie? was? Mord? Alle drängen sich an ihn.

JÖRAN nach einer Pause. Manns-Ille wurde wenig Stunden von hier auf der Landstraße ermordet gefunden.

ALLE. stellen sich erstaunt, aber ohne näheres Interesse.

BOTWID. Manns-Ille?

THEIT. Schade um ihn!

STRUEN. Es war ein braver Kerl.

RICHERS. Und so jung, er kann kaum dreyßig seyn.

JÖRAN für sich. Wie deute ich diese Ruhe?

BOTWID. Herr Reichskanzler, wie ging das zu?

RICHERS schnell. Recht, Botwid, darauf kann mein Oheim Red' und Antwort geben, wie ging das zu?

JÖRAN etwas betroffen. Wie meinst du das?

RICHERS. Daß ihr – ich kann es ja nicht anders meinen – daß ihr den Thäter wißt; denn was unter Schwedens Sonn' und Mond geschieht, muß man euch melden.

JÖRAN. Und was man mir nicht meldet, sucht meine Wachsamkeit und meine Liebe zu dem König zu erforschen. Manns- Ille war der Führer eines schändlichen Complotts.[14]

BOTWID. Manns-Ille?

THEIT. Manns-Ille?

JÖRAN. Fürwahr, es ist nicht gut, daß man ihn oft mit euch gesehen.

BOTWID. Er war ein lustiger Bruder, trank gerne mit.

JÖRAN. Und ließ sich brauchen; er ging in die Ferne, Schwedens Bundsgenossen zum Abfall anzureitzen. Er hatte Plane, seinen rechtmäßigen König vom Throne zu stürzen, dem undankbaren Johann die Krone aufzusetzen. Seht, das war des Ehrenmanns Absicht.

THEIT. Ist das möglich?

STRUEN. Ist das möglich?

JÖRAN. Das Haupt des Ungeheuers, das unsre bürgerliche Ruhe zu zerstören drohte, fiel – doch noch zucken des Kolosses Glieder. Langsam. Er war ein Finnländer – wenn ich nicht irre; ist keiner hier, der nicht sein Landsmann wäre?

ALLE. Keiner.

BOTWID. Ich bin ein Finnländer, und werde die mütterliche Erde nie verläugnen.

THEIT. Noch ich, noch wir.

STRUEN. Noch ich, noch wir.

JÖRAN sieht alle bedeutend an. Euer Herzog ist gefangen – das Land fiel seinem Bruder heim; ihr habt euch besonnen, auf des Königs Wohl zu trinken und eine schlaue Wendung half euch aus dem Spiel. – Mich däucht, den Überrest des Ungeheuers, das noch sterbend seine Klauen in Schwedens Eingeweide klammern will, sehe ich vor mir. Nach einer Pause. Sonderbar – die[15] Furcht leiht von der Unschuld ihre Farbe; hochrothe Wangen sah ich jetzt erbleichen, der Weindunst ist verflogen, ganz nüchtern steht ihr hier. Noch seyd ihr frey; die heutige Nacht ist euer, nützt sie zu eurer Sicherheit. Ab.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 1, Wien 1817, S. 11-16.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Frau Beate und ihr Sohn

Frau Beate und ihr Sohn

Beate Heinold lebt seit dem Tode ihres Mannes allein mit ihrem Sohn Hugo in einer Villa am See und versucht, ihn vor möglichen erotischen Abenteuern abzuschirmen. Indes gibt sie selbst dem Werben des jungen Fritz, einem Schulfreund von Hugo, nach und verliert sich zwischen erotischen Wunschvorstellungen, Schuld- und Schamgefühlen.

64 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon