Neunter Auftritt

[39] Die Vorigen, Richers.


RICHERS ist unter der letzten Rede herausgetreten, kommt jetzt vor. Seyd ihr nicht allein?

BOTWID. Wenn drey allein seyn können, sind wir's.

RICHERS mit Ironie. Nicht doch – es ist gewiß ein Fremder unter euch.

BOTWID. Wenn du außer Struen, Theit und mir noch jemand siehst, so müssen deine Augen besser seyn, als meine. Bedeutend. Ehe du kamst, war kein Fremder unter uns.

RICHERS sieht ihn ruhig an. Gegen wen hast du mich denn vertheidigt?

BOTWID will schnell antworten, faßt erst dann den Sinn der Rede, und sagt nach einer Pause. Gegen diese da.

RICHERS blickt stolz auf sie hin. Schwächlinge, die ohne Stütze niemahls aufrecht steh'n, ihr dauert mich – ihr wollt der starken Eiche gleichen, die Stürmen widersteht[39] – und seht, die laue Hofluft hat euch schon entwurzelt.

THEIT. Was wir gesehen, gehört, berechtigt uns zum Mißtrauen.

RICHERS. Und diesem Mißtrauen müßt ihr schnell Worte geben, die den Freund beleidigen? Bey Gott! euch halte ich nun fähig des Verraths, und glaube, daß ihr mich nach euch beurtheilt habt.

BOTWID. Nun, nimm es nicht übel – aber deine Freude über die neue Würde war mir auch verdächtig.

RICHERS. Botwid – o wie reut es mich, daß ich mich mit euch wankelmüthigen Geschöpfen eingelassen. Wie könnt ihr wohl das weite Ziel erreichen, wenn ihr euch kleinlich bückt, um jedes Steinchen aufzulesen? Vertraut, wo ihr nicht versteht, und fordert nicht von jeder Miene Rechenschaft.

THEIT. Wenn aber des Königs Gnade –

RICHERS. Mich stolz und aufgeblasen machte? – ich bitte euch, schweigt! laßt euch doch nicht in solcher Blöße sehen. Die Schmeicheleyen dieses Königs, meint ihr, würden mich bestechen? zu stolz bin ich, als daß dieß auf mich wirken könnte. Der Edle dünkt sich nicht zu gering an eines Königs Tisch, und nicht zu vornehm, die freundlich angebothene Mahlzeit eines Bürgers zu verschmähen. Nicht Ehrenstellen, nicht des Hofes Glanz, mein Selbstgefühl muß mich erheben.

STRUEN. Und du reisest?

THEIT. Mit solchem Auftrag? die Scheidung unseres Herzogs zu bewirken.[40]

RICHERS zieht sie an sich und sagt mit Feuer. Seine Freyheit!

Fast zugleich.

BOTWID. Wie?

STRUEN. Seine Freyheit?

THEIT. Richers sprich!

RICHERS sieht sie an. Fast möchte ich's euch verschweigen – doch – ihr seyd abgelaufen, nöthig ist's, euch wieder aufzuziehen. So wißt – unsern Herzog sende ich fort in meinen Kleidern.

THEIT. Ist's möglich?

STRUEN. Den Herzog?

BOTWID. Wird dir das gelingen?

RICHERS. Ich hoffe es.

THEIT. Aber wie?

RICHERS. Diese Frage ist an dir – denn wie, wie ich ihn rette, das fällt keinem ein, weil keiner das für seine Rettung gäbe – das Leben.

BOTWID. Richers –

STRUEN. Wage nicht zu viel.

RICHERS. Alles! – Ich habe niemand, der mir nachweint, ich stehe allein – ob ich falle, oder ein Sandkorn weniger die Erde drückt, das gilt dem Ganzen gleich. Er hat ein liebend Weib, er hat Unterthanen, die mich segnen werden – ich gebe den Verwais'ten ihren Vater wieder; Tausende stürzen dankbar auf die Knie, und dieß alles kostet nur Ein Leben, das ich vielleicht in wenig Tagen beym Tanz, durch einen kühlen Trunk, auf der Jagd, durch einen Sturz vom Pferd, verliere. Laßt mich mit meinem Tode wuchern, laßt mich mit einer schönen That hinübergehen.[41]

BOTWID fällt ihm gerührt um den Hals. Freund –

THEIT beynahe mit Thränen. Wie stehen wir vor dir?

STRUEN gibt ihm die Hand. Dich konnten wir verkennen?

RICHERS. Ihr erkennt mich jetzt – alles sey vergessen.

BOTWID. Kann ich denn gar nichts bey der Sache thun? gibt's nichts zu raufen? nichts zu fechten? Willst du denn so allein die Haut zu Markte tragen?

RICHERS. Allein.

BOTWID. Und wie willst du den Herzog –

RICHERS. Befreyen? Das alles liegt noch ungeordnet hier. Legt die Hand auf die Stirne. Doch bald entwickeln sich verworrene Begriffe, bald tritt das Wie aus seiner Dunkelheit hervor. Der Plan steht hell und klar vor meiner Seele, entzückt faßt ihn der frühere Entschluß, und bald gibt das gelungene Werk mir Freudenthränen. Dieselbe Hand, die unsre Briefe durch des Kerkers Thüre schob, sie war bestechlich, das Eisen weicht fast überall dem Golde. Mit Feuer. Wohl mir! ich habe Gold und brauche wohl nach dieser That nichts mehr. Sogar den prächtigen Leichenzug wird mir die strafende Gerechtigkeit ersparen; den armen Sünder deckt ein Häufchen Erde, kein Grabstein trägt zur Nachwelt seine That, doch – Gibt ihnen die Hand. in dem Herzen meiner Freunde lebt sie fort. Weg mit stolzen Marmorblöcken, eure Thränen fallen auf mein Grab; dieß sey mein Denkmahl, das dem Wanderer sage: hier ruht ein guter Mensch!

BOTWID. Freund –[42]

THEIT UND STRUEN. Richers!

RICHERS. Nun fort – fort. Hier ist der Ort nicht, gute Thaten zu besprechen, das Laster kommt auf diesem Boden fort. Zerstreut euch – nehmt an allem, was ich thue, keinen Antheil – lebt für unsern Herzog. Ich lege das Vermächtniß meiner Liebe und Treue in euren Busen nieder – dort fordre ich Rechenschaft. Botwid, Theit, Struen – dort fordre ich Rechenschaft. Alle ab.


Ende des zweyten Aufzugs.
[43]

Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 1, Wien 1817, S. 39-44.
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