Erster Auftritt

[44] Johanns Gefängniß.

Im Vordergrunde ein Tisch mit einer Lampe, im Hintergrunde ein Ruhebett. Die Thüre ist im Hintergrund erhöht, eine Treppe führt herab.

Johann liegt auf dem Ruhebette und schlummert, Siegmund sitzt bey ihm auf der Erde, und sieht ihm in's Gesicht.


CATHARINA sitzt am Tisch und starrt den Boden an.

SIEGMUND steht auf und schleicht vor. Mutter, der Vater schläft.

CATHARINA. Gott sey Dank! – sey stille, liebes Kind, wecke ihn ja nicht auf.

SIEGMUND. O nein, ich will schon ruhig seyn, denn wird er wach, so wird er wieder böse und schilt die Menschen, daß sie uns in diese finstere Stube eingeschlossen. Sieht sich um, furchtsam. Mutter – es ist hier recht schauerlich.

CATHARINA. O Gott –

SIEGMUND. Aber – ich fürchte mich doch nicht. Nicht wahr, Mutter, gute Kinder dürfen sich nicht fürchten?[44]

CATHARINA reißt bewegt das Kind an sich und blickt gegen Himmel.

SIEGMUND. Heute Morgen konnten wir noch die Sonne und schöne grüne Bäume sehen; hier sind nur nasse Steine, und hier ist's immer Nacht. Ach – wenn es sonst Nacht wurde, und der Mond und die kleinen Sternlein kamen, die vielen kleinen Sternlein, die so funkeln – da standen wir alle am Fenster und blickten den schönen blauen Himmel an.

CATHARINA wendet sich bewegt von ihm. Ach –

SIEGMUND. Dann sagte der Vater: »Siegmund! dort über den Sternen wohnt der gute Gott, zu dem wir täglich bethen, daß er uns erlöse.« Und da legte ich die Hände zusammen, und bath ihn so sehr, er möchte uns in die schöne große Welt hinaus lassen; aber – er hat es doch nicht gethan.

CATHARINA. Siegmund –

SIEGMUND gegen Himmel. Bist du böse auf uns, lieber Gott, daß du es nicht gethan hast? – sey wieder gut, lass' uns die Sonne und die Sternlein wieder sehen!

JOHANN fährt wild auf. Catharina – Siegmund –

CATHARINA. Was ist dir, lieber Mann? Springt hin.

JOHANN starrt sie an. Bist du es, Catharina? wo ist Siegmund?

SIEGMUND. Hier, Vater. Läuft hin.

JOHANN führt beyde vor und starrt sie an. Ihr seyd es – ihr seyd es wirklich? seyd bey mir?

CATHARINA zärtlich. Könnte ich wo anders seyn?

JOHANN drückt beyde an sich. Ihr seyd hier, ich[45] halte euch wie sonst in meinem Arm? – Wohl mir, vorüber ist's – es war ein Traum.

CATHARINA. Ein böser Traum, wenn er mich von dir trennte.

JOHANN. O wüßte ich nur, ob Ille Hülfe bringt?

CATHARINA. Kaum ist er fort; erwarte seine Wiederkehr mit Ruhe. Seit dieser kleine Strahl von Hoffnung in unsern Kerker fiel, erträgst du minder männlich unser Mißgeschick. Dich flieht der Schlaf, und wenn er kommt, so kommt er nicht als Freund, der unsre Leiden mildert, unsre Sorgen von der Seele nimmt, der uns in liebliche Gefilde zaubert, die wachend wir so lange entbehrten. Was hätte der Schuldlose wohl vor dem Bösewicht voraus, der, so wie wir, das Licht des Tages mißt, wenn es nicht hell in seiner Seele wäre?

JOHANN. Doch diese neue Schmach! Blickt um. Dieser Aufenthalt! Ein langsam tödtend Gift entquillt den nassen Steinen – blick' hin – kaum brennt die Lampe mehr, der Pestqualm scheint sie zu ersticken. Mit Thränen. und du bist mir gefolgt. – Weib – Engel – lebendig hast du dich mit mir begraben! –

CATHARINA. Kenne ich ein Leben ohne dich? Bey allem, was das Schicksal über uns beschlossen, läßt es mir dich und dieses Kind, bin ich als Weib und Mutter zu beneiden. Welch schöneres Loos hat Reitz für mich?

JOHANN. Zum Herrschen wurdest du geboren.

CATHARINA. Zum Dulden, denn ich bin ein Weib.

JOHANN. Rußlands Beherrscher both dir seine Hand und seinen Thron.[46]

CATHARINA. Du mir dein Herz – was macht wohl glücklicher?

JOHANN. Gott! Gott! was habe ich denn gesündiget, daß du mir diese harte Prüfung auferlegt? Habe ich das Volk bedrückt? ging ich an Menschenelend ungerührt vorüber? habe ich die Religion verspottet? habe ich nach Willkühr, oder nach Gerechtigkeit entschieden? war ich dem Laster hold? verbannte ich die Tugend? war mir der Tag nicht heilig, an dem ich Menschenglück befördern konnte? und doch hast du auf dieser ganzen schönen Erde nur diesen Raum für mich?

CATHARINA. Johann – lästre nicht! Gott that viel für uns, verkenne nicht das Gute und dulde männlich jedes Übel, bis sich unser Schicksal wendet. Nimmt Siegmund bey der Hand. War er es nicht, der diesen kleinen Tröster zu uns sandte? – Als du nur hoffen durftest, ihn zu sehen, schlug sehnsuchtsvoll dein Herz dem frohen Augenblick entgegen. Als du ihn sahst – was glich der Wonne, als du dein Kind in deinen Armen hieltst? und als er lallen konnte, und dann bald Vater rief. – Als er mit schwachem Fuß zu dir die ersten Schritte lenkte, da stürzten Freudenthränen über deine Wangen. Der König auf dem Thron vermißt die süßen Vaterfreuden, sie verlieren sich in der Sorge für das große Ganze. Dir ward das schöne Loos, sie rein und wahr zu fühlen. – Als Gatte, Vater, als Mensch beglückt zu seyn.

JOHANN. Und die, die mich beglücken, leiden.

CATHARINA. Ich leide nur, wenn du nicht ruhig bist. – Auch mich befremdet dieser schnelle Wechsel unsrer Lage, auch mich empört der schaudervolle Ort.[47]

JOHANN. Für Missethäter seltner Art – für Verbrecher, wie es keine gibt, hat die barbarische Vorzeit dieses Denkmahl ihrer Grausamkeit erbaut. Kein lebend Wesen haus'te hier; da stieg auf Schwedens Thron ein Ungeheuer, dem die Natur Gefühl und Menschlichkeit versagte; es spottet jeder Regung der Natur. Jammert, verzweifelt – es regt sich nicht in ihm der Mensch. Ja, eine weinende Welt zu seinen Füßen entlockte dem ewig trocknen Auge keine Thräne. Dieß Ungeheuer wußte diese Höhle zu bevölkern, stieß seinen Bruder – Es bricht ihm die Stimme.

CATHARINA. Fasse dich – zermalmend liegt diese Felsenmasse auf dem Lasterhaften, uns drückt sie nicht einmahl. Dem Tugendhaften scheint diese schwache Lampe heller, als dem Bösewicht die Sonne; sogar der Tod ist' ihm nicht fürchterlich, er kommt als Freund, der liebend unsre Fesseln lös't, der gute Kinder zu ihrem Vater bringt.

JOHANN nimmt sie in seinen Arm. Catharina – Weib – mußte ich so elend werden, um dich so groß zu sehen? Ja, Erik, herrsche, erobere die ganze Welt, ich habe dich, ich bin in meinem Kerker reicher, als er auf seinem Thron.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 1, Wien 1817, S. 44-48.
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