Erster Auftritt

[125] Ein Zimmer der Baroninn, alles verräth Luxus. Baroninn, dann Babette.


BARONINN kommt aus ihrem Zimmer, seufzt, setzt sich nieder, dann klingelt sie.

BABETTE aus der Mittelthür. Euer Gnaden –

BARONINN. War noch niemand da?

BABETTE. O ja.

BARONINN schnell. Wer?

BABETTE. Der Kaufmann von der Glocke.

BARONINN. Brachte er neue Waaren?

BABETTE. Den alten Conto.

BARONINN. Daß doch die Leute nicht warten wollen! Es ist ja kaum ein Jahr, daß ich aufschreiben lasse.

BABETTE. Aber ein Jahr hat 365 Tage, an jedem Tage will man anders aussehen, will für dieselben Gesichter, dieselben Augen doch immer neu seyn.

BARONINN. Freylich, freylich –

BABETTE. Es schneidet sich so leicht in ein Stück Taffet, wenn man nicht gleich in die Tasche greifen und bezahlen[125] darf. Man findet sechs Ducaten für einen Hut nicht zu viel, wenn sie nicht gleich recht schwer aus der Hand fallen – aber – wenn am Schluß des Jahrs die hundert kleinen Nothwendigkeiten zusammen kommen, da reicht oft der Ertrag eines kleinen Bergwerks nicht zu, den so unter der Hand gemachten Conto zu bezahlen.

BARONINN. Soll ich zurück stehen?

BABETTE. Gott behüte!

BARONINN. Mein Renomée, mich geschmackvoll zu kleiden, verlieren?

BABETTE. Nimmermehr! man könnte sich eher Gott weiß was nachsagen lassen. Wer in Gesellschaften einmahl den Ton angibt, muß nicht aufhören zu schreyen, wenn er auch endlich darüber heiser wird.

BARONINN. Also?

BABETTE. Wir müssen wöchentlich, wie sonst, unsre Quantität Hauben, Hüte, Shawls und Federn haben.

BARONINN. Und der Kaufmann –

BABETTE. Muß ein vernünftiger Mensch seyn –

BARONINN. Muß warten.

BABETTE. Muß warten.

BARONINN. Hast du um Rath Blümlein geschickt?

BABETTE. Er muß gleich hier seyn.

BARONINN. Und Advocat Wolf?

BABETTE. Bey dem war ich selbst.

BARONINN. Hast du Geld?

BABETTE. Ich glaube eher, daß man aus Bley Gold, als aus diesem Wolf einen Menschen machen kann.

BARONINN. Hast du ihm denn nicht gesagt –

BABETTE. Alles, alles, Daß Sie in Verlegenheit sind,[126] Ihre Zuflucht zu ihm nehmen; daß die Interessen von dem Capital der gnädigen Fräuleins ohnehin in sechs Wochen fällig wären, daß es einem so wohlhabenden Manne nicht schwer fallen könnte, sie jetzt gleich zu bezahlen – daß, obwohl Euer Gnaden einige Kleinigkeiten schuldig wären, man doch immer nicht Gefahr liefe, etwas zu verlieren; aber alles umsonst, er hörte mich an, ohne Ohren, ließ mich klagen, ohne in die Tasche zu greifen, und ließ mich gehen – ohne Geld.

BARONINN. Barbarisch!

BABETTE. Auf der Treppe hörte ich ihn noch etwas von schlechter Wirthschaft, vom Luxus, von Schmarotzern sprechen, aber – das ging wohl uns nicht an; wer wird so etwas auf sich nehmen?

BARONINN. Heute ist mein Gesellschaftstag, er sollte glänzender als jemahls seyn, weil die dumme Frau von Scholl gestern so viel Aufsehen mit ihrem Soupée machte. Alle Zimmer waren in Blumengärten verwandelt. Das war ein Fragen, ein Bewundern! Ich werde keinen Rosenknopf auftreiben können. Freylich – man weiß, wo sie es her hat; das ist nicht bey ihr gewachsen, ein reicher Holländer macht ihr die Cour.

BABETTE. Die Holländer lieben die Blumen.

BARONINN. Und zahlen die Blumen. Ja – wenn man sich so aufführen wollte.

BABETTE. Zum Scandal!

BARONINN. Zum Ärgerniß für alle honnete Frauen. Du hättest hören sollen, wie man von ihr sprach.

BABETTE. Das kann ich mir einbilden.

BARONINN. Wüßte ich nur, zu wem ich schicken sollte.[127]

BABETTE. Um was?

BARONINN. Um Geld.

BABETTE. Wir treffen niemanden zu Haus, obwohl es noch früh am Tag ist. Die Leute sind im Stande, sich noch einmahl zu Bette zu legen, um eine schickliche Ursache zu haben, nicht an die Chatulle zu gehen.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 125-128.
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