Vierter Auftritt

[138] Die Vorigen, Babett.


BABETTE. Euer Gnaden befehlen?[138]

BARONINN. Meine Töchter, geschwind meine Töchter!

BARONINN. Sogleich Ab.

WOLF. So viel ich sehe, wird diese ernste Sache wieder mit Saus und Braus, nicht mit Überlegung, mit Rücksicht auf Lebensglück angefangen. Ein redlicher Mann will ein gutes häusliches Weib, zwey Herzen sollen sich finden, zwey Hände in einander greifen, um sich fest zu halten bey Leid und Freud', das sollte für die Mutter ein Festtag, kein Gesellschaftstag seyn – aber freylich, jetzt tanzt man nicht mehr bey einer Geige, wie zu meiner Zeit, und schlägt dazu frisch und fröhlich mit den Schnipchens in die Luft den Tact; jetzt müssen zwanzig Instrumente stürmen, die sind nun freylich besser gestimmt als meine Geige, aber die Menschen, die sich dabey herum drehen, sind so verstimmt, daß lauter falsche Töne über Lippen und Zunge strömen. Nun, ich will sie gewähren lassen, will der Mutter nicht vorgreifen; verkenne ich aber in ihr die liebende vernünftige Frau, die alles zum Guten leitet, so steht hier der Mann, der Vaterstelle bey Ihren Kindern vertritt, und der befugt ist, Vaterrechte auszuüben. Daß ich das darf, haben Sie an dem Sterbebette Ihres Gatten gehört; daß ich der Mann bin, das Vertrauen seines verewigten Freundes zu rechtfertigen, und durch treue Sorge für seine Kinder zu verdienen, dafür kannte er mich, so kennt mich die Welt, und so sollen Sie den alten Wolf stets finden. Gehorsamer Diener. Ab.

BARONINN. Wie das Ungethüm droht!

BLÜMLEIN. Der Wolf sollte nie aus seinem Dickicht kommen.[139]

BARONINN. Welche Sprache!

BLÜMLEIN. Wahre Kraftausdrücke. So müssen die alten Deutschen gesprochen haben, als sie noch Wurzeln und Kräuter aßen, und aus dem Hirnschedel ihrer Feinde tranken.

BARONINN. Blümlein! – jetzt habe ich nur Sie, jetzt müssen Sie mir Ihre Freundschaft kraftvoll beweisen.

BLÜMLEIN. Bedenken Sie unser schwaches Jahrhundert.

BARONINN. Ich brauche Geld.

BLÜMLEIN. Sie brauchen also eine Freundschaft, die klingt? die meinige gibt keinen Ton von sich, bey mir ist das Geld zur Colonialwaare geworden; wenn nicht dann und wann eine fremde Macht etwas bey mir deponirt, ich selbst habe nichts.

BARONINN. Aber Sie wissen Geld aufzutreiben?

BLÜMLEIN. Vielleicht gegen Pfand und ungeheuere Interessen –

BARONINN. Ich borge nicht, ich verkaufe meinen Schmuck.

BLÜMLEIN. Bleiben Sie bey diesem heroischen Entschluß. Diese Augen brauchen keine Brillanten um zu glänzen, und wenn daraus eine Thräne auf Ihren schönen Busen fällt, so übersieht man einen Hals voll Perlen.

BARONINN. Bey diesem Landmenschen kommt alles auf einen glänzenden Empfang an, man muß ihn blenden, übertäuben; dann unterschreibt er den Ehecontract, wie ich ihn dietire. Die Freyer mit 500,000 fl. sind heut zu Tag sehr selten, man muß sie fest halten. Ja, ich hohle meinen Schmuck, ich bringe das Opfer – freylich mit schwerem Herzen, aber – Blümlein, ich bringe es. Ab.[140]

BLÜMLEIN allein. Wer jetzt sein Glück gründen will, der mache nur Morgenbesuche bey galanten Damen. Seit 14 Tagen haben drey von meiner Bekanntschaft fallirt, die vierte liegt eben in den letzten Zügen. Ich habe mich bey diesen Sterbefällen sehr gut befunden, denn es mochten noch so viele Kinder und liebe Angehörige da seyn, ich allein wurde zum Universalerben gemacht.


Die Baroninn, Blümlein.


BARONINN kommt langsam mit ihrem Schmuck aus dem Zimmer. Es ist doch ein sehr schwerer Schritt.

BLÜMLEIN. Darum thun ihn auch nur große, erhabene Seelen, keine gemeinen Weiber.

BARONINN. Wohlan denn – besehen Sie ihn, sagen Sie mir, was er werth ist – was er mir werth ist, weiß nur ich zu schätzen.

BLÜMLEIN sucht Augengläser. Muß Hülfe suchen. Besieht ihn, zählt und berechnet. Hm, hm, auf Kopf und Hals macht das Zeug mehr Wind, hielt ihn für kostbarer. Ja freylich – Ihre Augen haben nachgeholfen.

BARONINN. Schmeichler –

BLÜMLEIN. Die Steine sind matt – ja – der Theedampf, der Dunst der Lichter haben viel mitgemacht. Nu – etwas ist er immer noch werth.

BARONINN. Aber Kenner sagten doch –

BLÜMLEIN. Er sey unschätzbar? – ja, was sagen die Kenner nicht, aber die Käufer führen eine ganz andre Sprache. Flache Steine – wenig Fleisch – wenig Schliff, schlechte Waare.

BARONINN. Aber er wird denn doch –[141]

BLÜMLEIN. Etwas werth seyn? freylich, freylich – ich glaube, man könnte immer noch vier bis fünf tausend Gulden dafür kriegen.

BARONINN. Das ist vor der Hand genug.

BLÜMLEIN. Wenn sich nähmlich ein Liebhaber findet, denn ich selbst habe kein Geld.

BARONINN. Aber Sie kennen doch Leute –

BLÜMLEIN. Die Geld haben? freylich – aber das sind Juden; wenn die sehen, daß man nicht warten kann, in der Noth ist –

BARONINN. So drücken sie dem Verkäufer die Waare ab?

BLÜMLEIN. Ziehen den Leuten die Haut über die Ohren. Ich kenne solche gewissenlose Seelen. Besonders mit Damen-Verlegenheiten will kein Mensch Erbarmen haben. Aber, lassen Sie mich nur machen; es gibt doch noch hier und da eine christliche Seele, die den Feyertag heiligt, und dann und wann eine Predigt hört, an eine solche wende ich mich, Vertraut. und daß Sie binnen 8 Tagen einen andern Schmuck haben, dafür lassen Sie nur mich sorgen. Ich bearbeite den Bräutigam. Das Kartoffelfeld soll unter meiner Anleitung Ananas tragen. Man gibt ihm zu verstehen, daß es hier so Sitte ist, die Braut bekommt den Mann, die Brautmutter den Schmuck.

BARONINN. Ach die Bauernseele wird keiner noblen Handlung fähig seyn.

BLÜMLEIN. Der Bauer soll uns seinen Adelsbrief bezahlen, nicht nur Herr von, Graf könnte er dafür werden, was ihm der Schmuck kosten soll. Macht das Kästchen zu. Jetzt kommt ihr funkelnden Sterne, begleitet mich in die Nacht des Lebens; wo ihr schimmert, wird es hell. Was[142] sind die großen Himmelslichter gegen euren Glanz? sie erleuchten zwar die Welt – aber euer Strahl dringt in die Herzen. Dieselbe Hand, die einen Beutel mit Gold verächtlich von sich stößt, hält alle fünf Finger hin, wenn man ihr einen Brillantring höflich anschiebt. Auf Dosen und Armbändern, Uhren und Diademen beschleicht ihr das Gewissen. Krieg und Friede wird durch euch angefangen und beendet, und wenn man eine Verbindung als unauflöslich schildern will, so sagt man, sie sind mit Demantketten gefesselt. Einen stärkern Ausdruck hat die Sprache nicht, und mit solchen Ketten bin ich an Sie, meine Gnädige, geschmiedet. – Ewig Ihr für Sie lebend und sterbender gehorsamster Diener. Schnell ab.

BARONINN. Da geht er hin, und nimmt meinen Stolz mein Glück mit sich. Was bleibt mir jetzt anders übrig, als gleich jener Römerinn auf meine Kinder zu deuten, wenn man nach meinem Schmuck fragt. Sieht sich um. Ah – da kommen meine Brillanten.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 138-143.
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