Dritter Auftritt

[131] Ein Bedienter, dann Wolf. Die Vorigen.


BEDIENTER. Advocat Wolf.

BARONINN. Was will der? denn bringen wird der mir gewiß nichts. Er soll kommen.

BLÜMLEIN. So will ich mich denn empfehlen.

BARONINN. Bleiben Sie, Freund! lassen Sie mich nicht mit dem Wolf allein, ich fürchte seine Zähne.

BLÜMLEIN. Zeigt er sie zuweilen?

BARONINN. Er beißt auch.[131]

BLÜMLEIN. Er beißt? Da sollte man dem Unthier aus dem Wege gehen.

WOLF tritt ein. Gehorsamer Diener, Frau Baroninn! haben heute schon zu mir geschickt?

BARONINN. Mit schlechtem Erfolg.

WOLF. Werden keine gute gerechte Sache verlangt haben.

BARONINN. Sie waren der Freund meines Mannes, als solcher –

WOLF. Bin ich der Freund seiner Kinder, und werde der Mutter nicht behülflich seyn, das Vermögen ihrer Töchter zu verschleudern, nachdem sie ihr eigenes durchgebracht hat. Haben nach und nach ein hübsches Sümmchen von mir erhalten, und man kann sagen, daß Sie es recht wohlmeinend unter die Leute gebracht.

BARONINN. Eine Frau von meinem Stande braucht –

WOLF einfallend. Eine Goldgrube, und die wird erschöpft, an allen Adern gesaugt, bis am Ende nur die Grube bleibt, die menschlichen Thorheiten zu verscharren. – Der selige Herr Gemahl hat recht gut daran gethan, das Vermögen der Fräulein Töchter so zu verwahren, daß es Euer Gnaden nicht antasten dürfen.

BARONINN zu Blümlein. Was das für ein Ausdruck ist, antasten.

BLÜMLEIN. Solche Hände berühren nur.

WOLF. Diese Hände haben so tief in den Seckel gegriffen, daß sie ihn endlich durch und durch gebohrt. Alle Fenster des geräumigen Hauses wurden geöffnet, um die Ducaten hinaus zu werfen. Jetzt mögen Sie locken, wie Sie wollen, sie fliegen nicht wieder herein. Wer nichts[132] vermissen will, muß am Ende alles entbehren. Wer bey großer Hitze alle Kleidungsstücke von sich wirft, findet im Herbst nur dürre Blätter, seine Blöße zu decken; der Herbst ist da, der Winter ist vor der Thüre, aller Brennstoff ist ausgegangen, mit was heitzen wir ein?

BARONINN spöttisch. In Ihren Wäldern wächst für mich kein Holz.

WOLF. Nicht eine Staude – würde meinen Überfluß lieber vor dem Armenhaus abladen. Wenn man dort dem gebrechlichen Alter, dem leidenden Kranken dabey eine gute Suppe kocht, das würde mir mehr Segen bringen, als wenn man hier bey meinem gesunden Holz Braten wendet, Mit einem Blick auf Blümlein. die unnütze Müßiggänger verzehren.

BARONINN. Auch das wird mir zum Verbrechen gemacht, daß ich dann und wann einige Freunde bewirthe.

BLÜMLEIN. Treue, redliche Freunde.

WOLF hastig. Sind Sie ein solcher?

BLÜMLEIN. Können Sie zweifeln? ich lasse mein Blut für die Baroninn.

WOLF. Sie kommen dieß Mahl wohlfeiler durch. – Hier ist eine Schuldforderung von 4000 fl. an die Baroninn. Wollen Sie zahlen?

BLÜMLEIN tritt zurück. Ich? – ei du mein Gott, was reden Sie da?

WOLF. Die Baroninn hat kein Geld, aber Freunde.

BLÜMLEIN. ARME Freunde, arme Räthe.

WOLF. Sie wollten ja vorhin Ihr Blut –

BLÜMLEIN. Ja, Blut hab ich, das steht alle Augenblicke zu Befehl, aber kein Geld.[133]

WOLF. Doch nennt man Sie in der Stadt die wandelnde Damen-Leihbank.

BLÜMLEIN. Einige kleine Gefälligkeiten, die ich hier und da einer Freundinn erwies, wenn eben Fluth in meiner Casse war, aber jetzt ist Ebbe eingetreten.

BARONINN. Ist es der Mühe werth, um lumpige 4000 fl. so viel Aufhebens zu machen?

WOLF. Mögen wohl für Lumpen ausgegeben seyn, denn in dem ganzen Conto ist kein feuerfester Artikel. Lauter Luft, lauter Rauchwaare. Aber was gekauft und verbraucht ist, will jetzt bezahlt seyn. Zur Baroninn. Wollen Sie bezahlen?

BARONINN. Ich kann nicht.

WOLF zu Blümlein. Und Sie?

BLÜMLEIN. Eine totale Unmöglichkeit.

WOLF. So muß ich gerichtlich damit verfahren.

BARONINN erschrocken. Gerichtlich? Blümlein – Sie dürfen nicht für mich bezahlen, ich werde gewiß Mittel schaffen, stehen Sie nur für diesen Augenblick gut.

BLÜMLEIN. Gut stehen? ich? für Sie? wie können Sie glauben, daß mein unbedeutender, nichtssagender Nahme den Leuten mehr gilt, als der verehrte Nahme der Baroninn Wendheim? Sie haben reiche Verwandte, wen habe ich?

BARONINN. Recht – mein Schwager – ich habe diesen Schritt nie thun wollen, um wegen der künftigen Erbschaft immer in gutem Vernehmen mit ihm zu bleiben, aber die Sache ist dringend, ich schreibe noch heute an ihn.

WOLF. Das können Sie thun, schreiben können Sie, aber es wird niemand den Brief bestellen wollen.[134]

BARONINN. Warum nicht?

WOLF. Weil ihm keiner nachreisen wird.

BARONINN. Nachreisen? wohin denn?

WOLF. Dorthin, von wannen noch niemand zurück gekommen ist – in die Ewigkeit.

BARONINN erschrickt. Wie? was? er wäre todt?

WOLF. Schon seit vier Wochen.

BARONINN. Und heute erfahre ich es erst?

WOLF. Ein so trauriges Ereigniß erfährt man immer früh genug.

BARONINN. O ja wohl – aber meine Verfügungen wegen der Erbschaft.

WOLF. Ist schon verfügt.

BARONINN. Was?

WOLF. Und auch schon geerbt.

BARONINN. Wie? was? hat der alte Mann wohl gar –

WOLF. Seinen Pflegsohn zum Erben eingesetzt; ja das hat er.

BARONINN. Entsetzlich, abscheulich! dieser Verrath an seinem eignen Blut, es kann ihm jenseits nimmermehr gut gehen. Mir wird schlimm – ich sterbe Sinkt in einen Stuhl.

BLÜMLEIN steht ihr bey. Um alles in der Welt nicht, man lebt nur ein Mahl, aber erben kann man öfter. Wer weiß, ob nicht irgendwo noch jemand lebt, den Sie einmahl erben können.

BARONINN. Niemand – keine Seele – das war meine letzte Hoffnung. Und gerade jetzt, wo ich das Geld so nöthig hätte.

BLÜMLEIN. Der alte Herr ist recht a tempo gestorben.[135]

BARONINN. So zur rechten Zeit stirbt keiner mehr. Springt auf. Aber auch nicht eine Thräne will ich um ihn weinen.

BLÜMLEIN. Er ist es nicht werth – aber, das Geld.

BARONINN spöttisch. Also – der lachende Erbe ist?

WOLF. Der traurende Erbe, der fremde Mensch mit dem Gefühl des Sohnes, ist – Herr Waldberg.

BARONINN. Der hergelaufene Bursche – unerhört!

BLÜMLEIN. Es kann ihm keinen Segen bringen

BARONINN. Und mir – nichts?

WOLF. Nichts.

BARONINN. Kein Legat?

BLÜMLEIN. Von etwa 100,000 fl.?

WOLF. Nichts.

BARONINN. Empörend!

BLÜMLEIN. Himmelschreyend! Ja, die alten Herren machen Streiche –

BARONINN. Und meine Töchter, auch nichts?

WOLF. Die würde er gewiß bedacht haben, aber er starb zu plötzlich. Der dankbare Erbe erinnerte sich, daß eine Verbindung mit Ihrem Hause sein Wunsch war; er glaubt den, wenn auch nie klar ausgesprochenen Willen seines Wohlthäters dadurch ehrend zu erfüllen, wenn er sein Herz und sein Vermögen mit einer von Ihren Töchtern theilt.

BLÜMLEIN. Herrlich! es wird kein Trauerspiel, das Stück schließt sich mit einer Hochzeit.

BARONINN. Ist denn der Mensch von Adel?

WOLF. Wenn gleich nicht von altem Adel, doch vom besten.

BARONINN. Wie verstehen Sie das?[136]

WOLF. Ich verstehe darunter den Adel, der aus Herz und Seele quillt, der alles um sich her froh und glücklich machen will, der, wo Geld helfen kann, mit beyden Händen in die Tasche greift, und wo nicht Geld, nur das theilnehmende Wort gilt, Trost und Hülfe aus dem Herzen schöpft. Das ist der Adel vor dem ich mich tief bücke, und am liebsten meinen Hut abnehme.

BARONINN. Also der sentimentale, gemüthliche Adel?

WOLF. Ohne den zehen Adelsdiplome doch keinen Edelmann machen; wenn aber eines zum andern kömmt, dann ist der Mann hoch und wohl, und würdig geboren, dann erlebt Gott, sein Fürst und die Welt Freude an ihm.

BARONINN. Aber – nicht einmahl Herr von.

WOLF. Er ist Herr von Feldern und Wiesen, Gärten, Dörfern und Wäldern, ist das nichts?

BLÜMLEIN. Alles, alles. Zur Baroninn. Greifen Sie zu.

BARONINN. Wenn man aber nicht weiß, wer ihn geboren.

WOLF. Wenn man nur Ursache hat sich zu freuen, daß er geboren, dann hat er seinen Beruf erfüllt. Übrigens ist er der Sohn eines armen Predigers, der ihn auf dem Sterbebette seinem Freund, Ihrem Schwager, empfohlen; dieser war kinderlos, hielt ihn wie seinen Sohn, liebte ihn so, und hinterließ ihm alles, wie seinem Sohn.

BARONINN. Wie hoch beläuft sich das Vermögen?

WOLF. Mag sich leicht bis 500,000 fl. hinauf zählen.

BARONINN zu Blümlein. Was hätte man mit dem Gelde nicht alles machen können!

BLÜMLEIN. Wie viele gute Werke –[137]

BARONINN. Wenn es an rechten Mann gekommen.

WOLF. Ich meine, der Rechte hat es bekommen, denn der wird seinen Segen so vertheilen, daß er wieder zum Segen wird.

BARONINN. Fünf Mahl hundert tausend Gulden sagen Sie? – da muß ich um des eitlen Mammons willen schon ein Aug' zudrücken.

BLÜMLEIN. BEYDE , für eine solche Summe stellt man sich stockblind.

BARONINN. Nun denn, in's Himmels Nahmen, ich ergebe mich in mein hartes Schicksal. Wann wird er kommen?

WOLF. Er ist schon hier.

BARONINN. Schon hier? und noch nicht da? noch nicht in den Armen seiner Mutter?

BLÜMLEIN für sich. Jetzt wird sie zärtlich, 500,000 fl. brechen durch.

WOLF. Ich mußte Sie erst auf seinen Besuch vorbereiten, denn wenn Sie ihn hätten früher als seine 500,000 fl. kennen gelernt, ich weiß nicht, ob sein Empfang sehr glänzend gewesen wäre; jetzt wissen Sie den Menschen doch zu schätzen. Er wohnt bey mir, und wird noch heute aufwarten.

BARONINN. Schön, heute ist mein Gesellschaftstag, da kann ich ihn vorstellen, die Sache gleich unter die Leute bringen. Babett, Christian, Lorenz, wo stecken die Menschen?


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 131-138.
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