Zweyter Auftritt

[182] Baroninn Dürrer. Die Vorigen.


BARONINN. Ah, siehe da – unser Spätling!

BARONINN DÜRRER. Schon lange wäre ich hier, meine Gute, wenn nicht – Sieht die Räthinn Sommer auf dem Sopha; macht eine piquirte Verbeugung und sagt schnell. Votre Servante, Madame! Zu einem Bedienten. Einen Stuhl, mein Freund! Sie ruckt den Stuhl an das Sopha, auf der Seite, wo die Baroninn sitzt.[182]

BARONINN. Du kommst immer zu spät, weil deine Toilette die schönste seyn soll.

BARONINN DÜRRER. Je nun, man zieht sich wohl mit Rücksichten an, denn unter so vielen Blumen will man doch keine Distel seyn.

BARONINN. Wie du heute wieder schön bist!

FRAU VON DORN. Zum Mahlen!

FRÄULEIN IMPFEN zu Fr. von Dorn. Sie ist auch gemahlt.

FRÄULEIN GRINZBERG. Sie mag anziehen, was sie will, es kleidet sie nichts.

BARONINN DÜRRER. Ich habe Gelegenheit, die besten Journale zu bekommen. Heute bin ich Nummer 45 aus dem Pariser Journal des Dames, es ist alles genau nachgemacht. – Aber nicht mein Anzug, obwohl ich das Kleid erst vor einer halben Stunde erhielt, sondern die Glückwünsche der halben Stadt hielten mich auf. Zur Baroninn. Kind! du weißt doch, daß mein Mann –

BARONINN. Gestern Commerzienrath geworden ist? o ja, es lief von Mund zu Mund; ich gratulire!

ALLE. Wir alle.

HERR VON HACKEN. Es ging nur nach Verdienst.

TRAUFBACH. Die ganze Stadt nimmt Theil daran.

BARONINN DÜRRER. Weiß es, weiß es, und eben darum bin ich so entzückt. Nicht die Wichtigkeit des Dienstes, obwohl bey meines Mannes Jugend –

HERR VON DORN zu Blümlein. Und seiner Unwissenheit.

BARONINN DÜRRER fortfahrend. Es außerordentlich ist, so schnell zu steigen.[183]

HERR VON DORN zu Blümiein. Wenn man Goldplatten unterlegt.

BLÜMLEIN. Hat er das gethan?

TRAUFBACH zu ihnen. Es kostet ihm bar 6000 Thaler.

BLÜMLEIN. Schönes Geld! dafür hätt' ich ihn auch zu etwas gemacht.

BARONINN DÜRRER mit einem Blick auf die Räthinn Sommer. Es ist mir nur leid, daß ältere, und wie sie sich schmeicheln, auch verdientere Männer dadurch zurückgesetzt wurden. Demungeachtet ist der Antheil, den man an dem Glücke meines Mannes nimmt, so groß, daß ich mich genöthiget sehe, ein Diné um das andere zu geben, um den guten Leuten ihre Theilnahme nur in etwas zu vergüten.

HERR VON DORN. Wen sollte es nicht freuen!

HERR VON TRAUFBACH. Sein Verdienst sprach laut.

HERR VON HACKEN. Er war der Einzige!

BLÜMLEIN. Ich wenigstens wüßte keinen, bey dem wichtigere Gründe – Deutet Hrn. von Dorn, wie man Geld zählt.

HERR VON DORN schnell. Sie drangen durch.

BLÜMLEIN. Das wahre Verdienst dringt überall durch.

HERR VON TRAUFBACH. Er mußte es werden.

DIE DAMEN. Wir nehmen alle so viel Theil –

ALLE. Es lebe der Commerzienrath Dürrer!

BARONINN DÜRRER steht auf und verneigt sich. Sie sind alle künftigen Donnerstag zu Tische gebethen.

BLÜMLEIN. Angenommen! Zu den andern. Man speist vortrefflich.[184]

HERR VON DORN. HERR VON TRAUFBACH. HERR VON HACKEN. Wir werden aufwarten.

DIE DAMEN. Wir kommen gewiß.

GRÜNAU zu Waldberg. Du, sind wir wirklich nur 20 Meilen gereist? Mir ist, als wären wir in einen andern Welttheil verschlagen – ich lass' anspannen.

WALDBERG. Geduld!

BARONINN DÜRRER zur Räthin gedehnt. Ihr Mann ist immer noch Titular - Rath?

RÄTHINN SOMMER. Noch immer.

BARONINN DÜRRER. Viel Unglück! manche Leute kommen doch nicht vom Fleck.

HERR VON DORN zu den andern. Ja, bergauf braucht man Vorspann.

BARONINN DÜRRER. Aber – mir gefällt Ihre Gelassenheit, die Ruhe, mit der Sie Ihr Schicksal ertragen.

RÄTHINN SOMMER. Wie so?

BARONINN DÜRRER. Sie besuchen Gesellschaften.

RÄTHINN SOMMER. Sehr selten.

BARONINN DÜRRER. Aber wenn Sie gehen, so gehen Sie früh. Freylich, Ihre Toilette kann nicht viel Zeit wegnehmen, und es hat manchen Vortheil, wenn man früh kommt.

RÄTHINN SOMMER. Welchen?

BARONINN DÜRRER. Der Herr Rath sind bey der Vorrückung zurück gesetzt worden, aber die Frau Räthinn dulden das nicht.

RÄTHINN SOMMER. Wie meinen Sie das?

BARONINN DÜRRER. Ich meine – Schnell abbrechend zur Baroninn. Ach meine Gute, wie lange habe ich dich nicht[185] gesehen! Ich habe dir so viel zu sagen, so viel, du sollst wissen Sie drückt sich auf das Sopha neben sie, so daß die Baroninn rückt, und die Räthinn Sommer genöthigt wird aufzustehen. Denke dir nur, meine Cousine – Wie sie bemerkt, daß die Näthinn steht, sagt sie sehr freundlich. O meine Beste, Sie dürfen alles hören, vor Ihnen habe ich kein Geheimniß, wir sind ja die besten Freundinnen. Kommen Sie, hier steht ein leerer Stuhl, machen Sie mir die Freude, setzen Sie sich neben mich. Nöthigt sie auf den Stuhl, den sie verlassen.

RÄTHINN SOMMER mit Würde. Ich bedaure, daß ich Sie nicht früher verstand, meine Höflichkeit würde Ihnen diese Gewaltthätigkeit erspart haben.

GRÜNAU. Unerhört!

WALDBERG. Sey ruhig.

RÄTHINN SOMMER. Es ist wahr, mein Mann wurde oft übergangen, zwanzigjährige Dienste konnten ihn nicht weiter bringen. Doch – er freut sich, wenn der Staat verdientere Männer hat, und steht ihnen willig nach. Aber Ihr Mann ist ungefähr auf dieselbe Art Commerzienrath geworden, wie Sie Madame zu dem Platz auf dem Sopha gekommen sind, und er wird sich dort durch seine Unwissenheit eben so lächerlich machen, wie Sie sich hier durch Ihre Unhöflichkeit. Leben Sie wohl. Geht.

WALDBERG gibt ihr den Arm. Erlauben Sie gnädige Frau, daß ich Sie begleite. Wer so spricht, so fühlt, so handelt, dem folgt die Achtung jedes Rechtschaffenen; wenn sich auch ein Gesellschaftssaal Ihnen verschließt, die Herzen aller guten Menschen stehen Ihnen offen, und[186] der Mann, der Ihnen hier die Hand reicht – ist nicht der letzte unter ihnen. Ab mit der Räthinn.

BARONINN DÜRRER. Wer ist der Mensch?

BARONINN. Herr von Waldberg, mein künftiger Schwiegersohn.

BARONINN DÜRRER. Darum macht er schon den Herrn vom Haus.

GRÜNAU. Den macht er nicht, sonst hätte er ganz andere Leute zur Thür hinaus geführt.

BARONINN DÜRRER. Welche, wenn ich fragen darf, welche?

GRÜNAU. Die noch recht bequem sitzen.

BARONINN DÜRRER zur Baroninn. Mein Kind, was hast du für Leute geladen?

BARONINN leise. Wahre Hottentotten, aber sie sind reich.

BARONINN DÜRRER. Mein Herr, Sie kommen –

GRÜNAU schnell. Vom Lande.

BARONINN DÜRRER. Und vermuthlich aus einer sehr rauhen Gegend?

GRÜNAU. Um Vergebung – die Sonne beschien nie ein freundlicheres Thal, bey uns lachen die Felder und die Menschen, und, wenn ich dort eine Raupe sehe, die an einer hoffnungsvollen Blüthe nagt, so zertrete ich sie, – hier muß ich sie ganz geduldig nagen lassen.

BARONINN DÜRRER. Mein Herr, Sie reden eine Sprache –

GRÜNAU. Die man hier Bauernsprache nennt, aber sie hat schon Manchen trotz ihrer Rohheit getröstet, und noch keinen Menschen unverschuldet gekränkt. Ich glaube, daß das mit der feinen spitzigen Sprache, die man hier spricht, nicht der Fall ist; denn die Dame, die eben fort[187] ging, hatte Thränen im Auge, und wenn ich ein nasses Auge sehe, so bin ich der Jacob Grünau, der vor 500 Jahren auf jedem Turnier die gerechte Sache vertheidigte, und seinen Handschuh auf Leben und Tod in die Schranken warf.

BARONINN DÜRRER. Ha, ha, ha! ein Ritter mit Lanze und Schild, wie sie in unserm Zeughaus stehen, ist auf einmahl lebendig geworden. Meine Herren, ich begebe mich in Ihren Schutz.

HERR VON DORN. Sein Sie ruhig, wir wollen schon mit ihm fertig werden.

FRAU VON DORN. Ei mein Kind, was geht das dich an?

NINA. Der gute Grünau.

EMY. Ich möchte ihn küssen.

BARONINN. Ist es der Mühe werth, wegen ein Paar armseligen Sticheleyen so viel Aufhebens zu machen?

GRÜNAU. Das sind Sticheleyen, die des Menschen Innerstes verwunden. Ich mag es wohl leiden, wenn ein ehrbares Fräulein die Nadel in der Hand hat, und damit in die selbst gesponnene Leinwand sticht, aber hier haben sie die Nadeln auf der Zunge, und stechen damit in die Herzen, und das – verzeihen Sie mir, das ist schlecht.

BARONINN steht auf. Herr von Grünau.

HERR VON TRAUFBACH. Sie vergessen.

BLÜMLEIN. Still um des Himmels willen, das ist ein Duellant.

FRAU VON LICHTBERG zu den andern. Mich freut es, daß er sie demüthigt.

FRAU VON DORN. Sie hat es verdient.[188]

FRÄULEIN IMPFEN. Sie ist gelb vor Galle.

FRÄULEIN GRINZBERG. Die Lection ist ihr gesund.

BARONINN DÜRRER zur Baroninn. Mein Kind, der Herr ist –

BARONINN leise. Sehr reich.

BARONINN DÜRRER. Aber auch sehr grob.

BLÜMLEIN. Er hat den wahren Ducaten - Accent, der st immer gewichtig. Wenn die Leute wissen, was sie haben, fühlen sie auch, was sie sind.

GRÜNAU. Ich bitte um Verzeihung – ich fühle, daß ich als ein Fremder, der hier nur geduldet wird, auch alles dulden sollte; aber, daß Sie in einer fröhlichen Gesellschaft die gute Frau daran erinnerten, daß ihr Mann zurückgesetzt, und der Ihrige ihm vorgezogen wurde, das – war nicht schön. Wenn meines Nachbars Feld der Hagel zerstört, und meine Saat gesund und frisch darneben steht, sollte ich ihn da noch verhöhnen? seines Unglücks spotten? – Nachbar, sprech' ich dann: der Sturm hat deinen Segen auf meine Felder geweht, wir theilen die Garben, führe meinen Überfluß in deine Hütte, über's Jahr theilst du mit mir. Dann drückt mir ein dankbarer Mensch die Hand, und Freudenthränen glänzen in seinen Augen. – Die Thränen, die ich hier sah – waren keine Freudenthränen.

FRAU VON LICHTBERG. Schön gesprochen.

FRAU VON DORN. Recht rührend.

BLÜMLEIN. Voll Moral.

HERR VON TRAUFBACH. Vortreffliche Grundsätze.

BLÜMLEIN. Der Mensch behält doch viel Kraft, wenn er dem rohen Natur - Princip treu bleibt.[189]

GRÜNAU. Wenn er der Mutter Natur nicht zu früh davon läuft, aus ihrer wohlthätigen Brust alles das Gute saugt, das sie ihm beut. Hier, scheint mir, sind viele Wasserkinder, sie wurden alle zu früh entwöhnt, hätten noch ein Paar Jahre trinken sollen.

BLÜMLEIN. Pikant, verdammt pikant.

BARONINN für sich. Die Waldmenschen bringen mir noch alles in Unordnung. Zu einem Bedienten. Wo bleibt der Thee?

EMY. Gleich will ich –

BARONINN. Bleib, wofür ist Madame Vernon im Hause? sie soll kommen, gleich kommen. Bedienter ab.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neue Schauspiele. Band 2, Wien 1817, S. 182-190.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Selberlebensbeschreibung

Selberlebensbeschreibung

Schon der Titel, der auch damals kein geläufiges Synonym für »Autobiografie« war, zeigt den skurril humorvollen Stil des Autors Jean Paul, der in den letzten Jahren vor seiner Erblindung seine Jugenderinnerungen aufgeschrieben und in drei »Vorlesungen« angeordnet hat. »Ich bin ein Ich« stellt er dabei selbstbewußt fest.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon