Vierter Auftritt

[239] Langers, Ferdinand.


LANGERS unter der Thüre. Mir um den Hals fallen, mich willkommen heissen, denn Franz Langers ist wieder da.

FERDINAND. Darf ich meinen Augen trauen? Franz, Du, Du bist wieder da? Umarmt ihn.

LANGERS. Das muß wahr sein, so herzlich drückt den Freund doch nur der Deutsche an seine Brust, alles übrige ist Form. Hier ist Gefühl, hier ruft es laut, ich bin willkommen!

FERDINAND. Wo warst du?

LANGERS. Frage lieber, wo ich nicht war. Ich habe mit Nabobs zu Mittag gespeist, und mit Pariser Operntänzerinnen zu Nacht gegessen; ich habe das Weltmeer durchschifft, und wäre gestern bald in einem Mühlbach ertrunken; kurz, ich habe alle Wunder der Welt in ihrer Nähe gesehen, und trage also ihr Andenken in sehr verkleinertem Maßstab mit mir herum.

FERDINAND. Du warst hier plötzlich ohne Abschied fort, wie verschwunden.

LANGERS. Das glaub ich – es litt mich länger nicht.

FERDINAND. Warum?[239]

LANGERS. Ich gesunder, starker Kerl durfte nicht zu den Waffen greifen, als alles für die deutsche Freiheit stritt.

FERDINAND. Was hinderte dich?

LANGERS. Meine alte, kranke Mutter. – Sie forderte dies Opfer von mir, es war mir aber nicht möglich, wo sich alles regte und bewegte, ein müßiger Zuschauer zu sein; ich schnürte meinen Bündel, und reiste nach England.

FERDINAND. Ins Land der Freiheit?

LANGERS. Ja, reden darf der Mensch dort was er will, und das kam mir in einem Zeitpunkt, wo ganz Deutschland an der Mundsperre schwer darnieder lag, gut zu statten. Ich schrie aus Leibeskräften mit, aber je mehr ich schrie, je mehr Leute sahen auf mich, und meinten, ich könne mit meinen gesunden Fäusten der guten Sache mehr nützen, als mit meiner Lunge, da kam – ich war eben in Loyds Kaffeehans – da kam ein Brief – er enthielt den Tod meiner Mutter.

FERDINAND. Mein Vater schrieb es Dir.

LANGERS. Ich weinte bitterlich – aber bald rief ich: Waffen her: ich bin Soldat. – Ich schiffte mich ein, brannte vor Begierde mich an Wellingtons Heldenschaaren anzuschließen; in jedem Knopfloch sah ich Ordensbänder – hörte wie die Leute riefen – Kinder, seht den Helden, der hat das, der hat jenes gethan –[240]

FERDINAND. Nun?

LANGERS. Nichts hab' ich gethan – das Schiff lag wie angenagelt, es ging nicht von der Stelle.

FERDINAND lacht. Du armer Held!

LANGERS. Es war nicht anders, als ob der Geist meiner Mutter dem Herrn Aeolus einen Kniefall gethan, auch noch im Tode mein heldenmüthiges Vorhaben zu verhindern. Endlich lichteten wir die Anker, die Segel blähten sich, wir steuerten der Küste zu, ich stieg ans Land, ich zog mein Schwerdt – da rief alles mir entgegen – eingesteckt guter Freund, die Schlacht bei Waterloo ist gekämpft, der Krieg geht zu Ende.

FERDINAND. Armer Franz –

LANGERS. Ich warf die Waffen weg, denn wer zum Kehraus kommt, wird ausgelacht, ich reiste mit den friedfertigsten Gesinnungen nach Paris, sah eine Stadt wo keiner weiß, was er will; nur darüber sind alle einig, daß was fremd ist, das Glück ihrer Bekanntschaft theuer zahlen muß. Mein Aufenthalt hätte mich bei einem Haar so viel gekostet, als ob ich eine von den kriegführenden Mächten gewesen wäre, und da ich keine Hoffnung hatte, bei einem neuen Congreß entschädigt zu werden, so ließ ich anspannen, und fuhr davon.

FERDINAND. Noch einmal willkommen.[241]

LANGERS. Komme eben von Deinem Vater. – Bis jetzt habe ich nur Geld ausgegeben – aber die Jahre sind da, der Verstand stellt sich nach und nach auch ein, jetzt will ich versuchen welches zu erwerben; daher trete ich mit Euch in Compagnie.

FERDINAND. Mein Vater wird Dich ab –

LANGERS stolz. Bin angenommen.

FERDINAND. Er hat erst gestern einen Compagnon mit einer halben Million ausgeschlagen.

LANGERS. Weiß; er hat es mir gesagt. Der Mann hatte ihm zu viel von der neuen Manier angenommen, die über Nacht reich macht, ohne Rücksicht auf die Art. Unser Zeitalter, das so reich an Mißgeburten ist, hat auch so manchen Kaufmann etablirt, der im Kleinen handelt, und im Großen betrügt; der die Gebrechen der Zeit benutzt, einen Stand verächtlich zu machen, dessen reiner Ursprung so nützlich, so segenbringend ist.

FERDINAND. Wenn Du so denkst, so hast Du unsre Firma.

LANGERS. Ehrlich – ohne Rücksicht auf persönlichen Vortheil, währt am längsten, dies Sprichwort hat sich in unsern Tagen wunderbar bewährt. Es glänzt vom Thron herab, und wills Gott, wohnt es bald wieder wie ehedem in jeder Hütte. Die Schlachten sind gekämpft, der Friede breitet seine Fittige über die müden[242] Völker; unter ihnen bau' ich mir eine Hütte, nehme ein braves Weib, werde ein nützlicher Bürger, ein glücklicher Gatte, und wills Gott – ein glücklicher Vater.

FERDINAND stutzt. Du hast noch keine Frau?

LANGERS. Wie kommst Du mir vor? Zum Verliebtsein fragt man weder nach Stand noch Vaterland, aber bei der Ehe regt sich der Patriotismus. Meine Braut darf am Altar weder oui, noch yes, sondern sie muß ja sagen.

FERDINAND. Freund – Bruder – zur guten Stunde bist Du gekommen! Fällt ihm um den Hals. Du bist frei?

LANGERS. Es mögen 14 Tage sein, daß ich meinem Pariser Schwarzkopf ewige Treue schwur. Tags darauf reiste ich fort, mit jedem Radumdrehen haspelte sich meine Leidenschaft nach und nach ab, und ich kam frank und frei auf deutschem Boden an.

FERDINAND entzückt. Du liebst nicht?

LANGERS. Es trifft sich gerade ein seltner Moment, in dem ich aufgehört, und noch nicht wieder angefangen habe zu lieben. Es ist Solstitium eingetreten, habe ich aber die nöthigen Besuche bei Tanten und Basen gemacht,[243] so fängt der Tag schon wieder zu wachsen an. Mein Cupido geht mit mir die Treppe hinauf, tritt mit mir ins Zimmer – vor dem Sopha geht er ehrerbietig vorbei – aber wo er 18 Jahre auf einem Tabourettchen sitzen sieht, drückt er den Pfeil ab, er fliegt ins Herz, es ist um mich geschehn.

FERDINAND. Langers, ich habe eine Braut für Dich.

LANGERS. Für mich?

FERDINAND. Jung, schön, voll Anmuth, voll Verstand.

LANGERS. Die Hauptrequisiten wären da.

FERDINAND. Freund! Wenn Du das Mädchen nimmst, bin ich der glücklichste Mensch unter der Sonne.

LANGERS. Du?

FERDINAND. Mein Leben dank ich Dir, mein alles –

LANGERS. Sonderbar! Ich soll heirathen, und Du wirst glücklich?

FERDINAND. Unaussprechlich glücklich – selig –

LANGERS. Höre, ists etwa ein ausgebrannter Vulkan? Haben ihre Augen keine Funken mehr für Dich?

FERDINAND. Sie sprühen Flammen! – Franz, lieber, guter Franz, Du mußt das Mädchen nehmen.[244]

LANGERS. Muß? Hast Du Dich etwa schon durch Procuration für mich mit ihr trauen lassen?

FERDINAND hastig. Erinnerst Du Dich der Räthin Elmen? Sie hat zwei Töchter.

LANGERS. Hagere, blasse Dinger – ist etwas aus ihnen geworden?

FERDINAND. Göttinnen sind es, Meisterstücke der Natur.

LANGERS. Hatten gar keine Anlage zu künftigen Göttinnen. Halt – ja – die jüngste hatte schöne schwarze Augen, ich erinnere mich.

FERDINAND. Die ältere ist schöner, das ist die Frau für Dich.

LANGERS. Warum nimmst Du sie nicht?

FERDINAND. Ich nehme ja die jüngste –

LANGERS. Ach – jetzt verstehe ich.

FERDINAND sehr schnell. Die Räthin mußte ihrem Manne auf dem Sterbebette geloben, die jüngste Tochter nicht vor der ältesten zu vermählen; mein Vater dringt in mich eine Frau zu nehmen, entschließ' ich mich bis morgen nicht, will er selbst – denke Dir, er selbst ein Mädchen vom Pfluge weg zur Frau nehmen. Das Gerede in[245] der Stadt, die Schande, der Nachtheil für unsre Handlung, Du siehst meine Noth, das Wasser geht mir schon bis an den Hals.

LANGERS. Und ich soll der Pudel sein der Dich heraus zieht? Lacht. Hm, das Ding ist lustig! Habe mich bis jetzt noch nicht entschließen können zu meinem Seelenheil eine Frau zu nehmen, und soll es jetzt aus Gefälligkeit für einen andern thun? – Nun mit gewissen Klauseln gehe ich den Handel ein.

FERDINAND. O mein Erretter! – Fort, zu ihr, zu ihr!

LANGERS. Halt da! – Sieh mich doch nur an! So kommt man von der Reise, so wirbt man um keine Braut. Laß mich erst meinen kurz gestutzten Pariser Frack anziehen.

FERDINAND. Nichts aus Paris. –

LANGERS. Also meinen englischen Langkittel –

FERDINAND. Nichts aus London. –

LANGERS. Recht – alles aus dem Vaterlande. – Ich habe mir in Frankfurt bei dem ehrlichen Meister Friedel einen Rock machen lassen, nicht zu lang, nicht zu kurz, der wird es thun Du führst mich also, ehe ich mich noch in der Stadt umgesehen habe, was während meiner Abwesenheit groß und hübsch geworden – denn in einigen Jahren wächst die liebe Gottes[246] Gabe wunderbar heran – zur Räthin Elmen. Gefällt mir das Mädchen, so falle ich ihr um den Hals, und bitte die Mutter um der Tochter Hand. Fühle ich aber für sie nur die gewöhnliche Nächstenliebe, mache ich meine Verbeugung, und drehe mich als Junggeselle wieder zur Thüre hinaus.

FERDINAND. Du bleibst – heirathest das Mädchen, denn Du bist mein Freund.

LANGERS. Ja, aus Freundschaft geht man wohl durchs Feuer, aber man bleibt nicht darin. Jede Ehe hat ihr kleines Fegfeuer, aber eine Frau zu nehmen die man nicht liebt, vergleichen die Alten und neuen Philosophen mit der Hölle. Sei guten Muths Freund, kann ich Dir durch keine Heirath aus der Noth helfen, diese Pulverkammer hat Minen, die geschickt den Weg öffnen, oder alles was sich widersetzt, in die Luft sprengen. Jetzt komm. Wollen gehen.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 239-247.
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