Vierter Auftritt

[256] Die Vorigen, Grundmann besser gekleidet.


GRUNDMANN. Halten zu Gnaden – habe wohl nicht die Ehre hierorts gekannt zu sein?[256]

RÄTHIN. Nein mein Herr, was steht zu Diensten?

GRUNDMANN. Mir? Gar nichts, im Gegentheil nenne ich mich der Frau Räthin von Elmen ganz gehorsamster Diener. Bin von meinem Herrn Prinzipal, dem Herrn Fortunatus Bilau anher geschickt, bei dem ich seit vielen Jahren als langgeprüfter Handlungsgeselle in Diensten stehe. Bitte mich darum nicht verächtlich zu betrachten, weil ich in meinem hohen Alter noch Geselle bin, da doch so viele achtzehnjährige Meister unser Stadtpflaster betreten; aber es sind viele berufen und wenige ausersehn, darum nenne ich mich in der Ueberzeugung, daß ich auch nur berufen bin, immer noch Geselle.

RÄTHIN. Ich freue mich einen so bescheidenen Mann –

GRUNDMANN. Bitte mich als eine Nulle anzusehen, zu der erst das was ich referire, einige Striche macht. Ersuche, mir die Erlaubniß zu ertheilen, mich eines Auftrags meines ehrenfesten Herrn Prinzipals in möglichster Kürze entladen zu dürfen.

RÄTHIN. Reden Sie –

GRUNDMANN. Besagter Herr Prinzipal haben einen Sohn.

RÄTHIN. Ich kenne ihn.

ROSALIE für sich. Ich auch –[257]

GRUNDMANN. Besagter Herr Sohn sind noch immer ehelosen Standes.

RÄTHIN. Er ist noch jung.

ROSALIE. Kann noch warten.

GRUNDMANN. Aber besagter Herr Prinzipal sind nicht mehr jung, thun daher Einspruch in die Klausel des Wartens, dringen in Dero Sohn seine Hand einer würdigen Stammutter zu reichen, damit bald junge Sprößlein um ihn herum wachsen und gedeihen, und mein ehrenfester Herr Prinzipal das bilau'sche Geschlecht noch vor seinem zeitlichen Erbleichen in wünschenswerther Prosperität fortblühen sehe. Da er nun in Erfahrung gebracht, wie sein Sohn, der wills Gott, baldige Bräutigam, und vermuthliche Eheherr sein Auge auf Dero jüngstes Fräulein Tochter geworfen –

ROSALIE. Es bleibe liegen auf mir.

GRUNDMANN. Da nun aber der ganz besondere Umstand eintritt, daß Dero ältestes Fräulein voran gehen soll in den Stand der heiligen Ehe, und Dero jüngstes gleichsam ihren Fußtapfen folgen darf, sich aber dermal noch kein Männlein gefunden, sie als Weiblein heimzuführen; so wünscht mein Herr Prinzipal, daß die Frau Räthin das ihrem Cheherrn gegebene Wort nicht mit der möglichsten. Strenge erfüllen möge, sondern bittet Sie zu bedenken –[258]

RÄTHIN. Daß wir jetzt in einem Zeitpunkte leben, wo ein Wort, ja ein Schwur nichts gilt! – Sagen Sie Herrn Bilau, ich bin zwar nur ein Weib, aber ich spiele nicht mit meinem gegebenen Worte, es steht männlich fest.

GRUNDMANN. So muß mein Herr Prinzipal mit seinem einzigen Sohn, und respektiven Erben anderweitig verfügen.

ROSALIE für sich. Anderweitig? o weh!

RÄTHIN. Mein lieber Herr –

GRUNDMANN helfend. Grundmann, zu beliebigem Sprachgebrauch.

RÄTHIN. Mein lieber Herr Grundmann, sagen Sie Ihrem Prinzipal, ich schätze, ja ich liebe seinen Sohn; will er ihn aber ohne Rücksicht auf Lebensglück, nur nach seiner Laune auf der Stelle vermählen, so kann meine Tochter nicht die seinige werden; in dem Falle möchte er immerhin mit seinem Sohne anderweitig verfügen.

ROSALIE. Besagter Sohn ist noch jung, kann noch warten.

GRUNDMANN. Der Herr Prinzipal geben keine längere Sicht.

ROSALIE. So werden der Herr Prinzipal an häuslichen Freuden banquerot werden-

GRUNDMAN lächelnd. Haben ein Kapital in Petto mit dem sie sich decken.[259]

ROSALIE. Das wäre?

GRUNDMANN. Die Hand selbst noch einmal auszustrecken, und die da einschlägt, als ehrenwerthe Gattin heimzuführen.

ROSALIE. Es schlägt keine mehr ein.

GRUNDMANN. Er wagt den Versuch.

ROSALIE. Wie? Sie glauben?

GRUNDMANN. Daß morgen auf jeden Fall in dem Bilau'schen Hause eine Hochzeit gefeiert wird.

ROSALIE. Auf jeden Fall?

GRUNDMANN. Die Kuchen sind gebacken, die Musikanten bestellt, es kommt jetzt nur darauf an, ob der Vater seine ehrbare Menuet, oder der Sohn einen drehenden Walzer tanzt. Was haben die Frau Räthin auf diese, die Sache verschlimmernde Nachricht zu repliciren?

RÄTHIN. Daß ich Herrn Bilau aufrichtig wünsche, seine künftige Frau möge das Wort, welches sie ihm am Altare giebt, eben so treu erfüllen, wie ich meines gegen meinen sterbenden Gemahl erfülle.

GRUNDMANN. Seine Braut ist blutjung.

RÄTHIN lächelnd. Um so mehr wiederhole ich meinen Wunsch.[260]

GRUNDMANN. Die Frau Räthin beharren –

RÄTHIN. Auf mein Wort.

GRUNDMANN. Dero älteste Tochter –

RÄTHIN. Wird früher Frau.

GRUNDMANN. Letzter Entschluß?

RÄTHIN. Letzter Entschluß.

GRUNDMANN. Hm, hm, hm – sehe mich in meiner Erwartung ja gleichsam betrogen.

RÄTHIN. Wie so?

GRUNDMANN. Wir glaubten an dem jungen Herrn Bilau einen Jubel wahrzunehmen, der auf die endliche Erfüllung seiner Wünsche hinzudeuten wäre; es ertönte sogar aus seinem Munde das, nur einem glücklichen, zufriedenen Menschen entströmende Wort: Viktoria! Mein guter Herr, dem nichts so sehr am Herzen liegt, wie das Glück seines einzigen Sohnes, glaubte durch mich Erkundigung einziehen zu müssen, was von diesem Ausruf der Freude ersprießliches zu erwarten sei. Werde mich jetzt stehenden Fußes zurückbegeben, um meinen Prinzipal von dieser gänzlich mißlungenen Spekulazion zu unterrichten. Bitte allseitig wegen meiner Umständlichkeit keinen Groll auf mich zu werfen. Bin gewohnt jeden Auftrag meines Herrn mit[261] christlicher Gewissenhaftigkeit und kaufmännischer Pünktlichkeit zu vollziehen. Habe die Ehre mich zu etwa vorkommenden Geschäften bestens zu empfehlen, und nenne mich der Frau Räthin von Elmen, nebst Dero beiden Fräulein Töchter gehorsamster, dienstbeflissener, und – bereitwilligster Diener. Ab.

RÄTHIN geht mit ihm bis an die Thüre, er macht ihr dort noch eine Verbeugung, und geht ab. Leben Sie wohl Her Grundmann.

JULIE die traurig da gestanden, geht auf Rosalie zu, umarmt sie, und geht dann schnell ab.

ROSALIE. Was ist Dir Schwester?

RÄTHIN. Es thut dem armen Mädchen wehe, die unschuldige Ursache zu sein, daß Du Dich von Bilau trennen mußt.

ROSALIE. Trennen? Wer sagt das?

RÄTHIN. Hast Du denn nicht gehört –

ROSALIE. Daß der alte Herr selbst eine Frau nehmen will? Glück zu –

RÄTHIN. Glaubst Du nicht, daß dieser Schritt des Vaters den Sohn andern Sinnes machen wird?

ROSALIE. Liebe Mutter, das ist Ihr Ernst nicht. Ferdinand[262] verliert dadurch an Geld, er ist reich, er kann es missen, und kann nun ruhig den Zeitpunkt abwarten, wo ich ihm meine Hand reichen darf.

RÄTHIN lächelnd. Ruhig? Kind – seine Heftigkeit –

ROSALIE. Ist mir nur ein Zeichen seiner Liebe, kurz – er, und kein andrer wird mein Mann, so steht es über den Sternen, und auf jedem Pünktchen wo mein Auge auf Erden weilt geschrieben – und, Mutter, mir sagt mein Herz, dieser Augenblick ist nicht mehr fern.

RÄTHIN. Liebes Kind – Deine Schwester –

ROSALIE. Bekommt gewiß bald einen Mann; das Mädchen ist ja schön, ist gut: nur zu schüchtern. – Sie macht nicht geltend was sie weiß, das Auge bleibt immer an der Erde, das taugt nicht; die Männer, die heirathen wollen, halten sich immer ein bischen in der Ferne, man muß gradaus sehen, Pfeile in die Welt schicken – verwunden, tödten – dann geht man auf dem Schlachtfelde triumphirend einher, und reicht dem die Hand, dessen Wunde inkurabel ist.

RÄTHIN. Da dürfte Julie ledig bleiben.

ROSALIE. Seinen Kindern giebt der Himmel ihr Glück im Schlaf. Mutter – es ist etwas im Werk.

RÄTHIN. Wie? Du weißt –[263]

ROSALIE. Nichts; aber ich hoffe alles. Ferdinand hat sich melden lassen.

RÄTHIN. Der kommt sonst ungemeldet.

ROSALIE. Ja diesmal bringt er jemand mit.

RÄTHIN. Wen?

ROSALIE. Einen Freund – merken Sie was? – Aus dem Freund muß ein Ehemann werden.

RÄTHIN lacht. Muß? –

ROSALIE. Ich setze mir das so in den Kopf! – Julie sieht heute allerliebst aus – finden Sie nicht?

RÄTHIN. Wie gewöhnlich –

ROSALIE. Nein, nicht wie gewöhnlich. Die Wahl ihrer Kopfzeuge ist meistens unglücklich, darum hab ich ihr des Besuchs wegen meinen neuen Hut aufdisputirt.

RÄTHIN. O Du Schelm.

ROSALIE. Helfe was helfen kann – das Mädchen will nicht gefallen, aber sie muß. Für den ersten Eindruck habe ich gesorgt und muß ich nur noch die Schwächen des Fremden aufsuchen, um ihn auf allen Seiten zu packen; daß er die hat, bin ich gewiß; denn er ist ein Mann – daß er sie zeigt kann nicht fehlen;[264] denn heut zu Tage glauben die Männer dadurch mehr Glück zu machen, und halten es daher gar nicht der Mühe werth, sie zu verbergen.

RÄTHIN. Rosalie – der künftige Mann Deiner Schwester muß sie verdienen.

ROSALIE. Darum muß er auf die Kapelle. – Etwas Zusatz hat das Gold immer, so wie auch der beste Mann seine Fehler hat. Durch diesen Zusatz erhält das Gold gemeinnützige Formen, und der Mensch – eigentlich ganz Gottes Ebenbild senkt sich dadurch auf die Erde, und macht die Tändeleien des Lebens mit: also nur mehr oder weniger entscheidet, und geben Sie Acht, ich habe es auf den ersten Blick weg, ob bei dem Menschen zu viel Kupfer ist.

RÄTHIN. Höre mein Kind, Du bist bei der Sache zu viel interessirt, um unbefangen zu untersuchen. Was glänzt, wißt ihr jungen Mädchen wohl besser zu würdigen, aber die Eigenschaften, die das Glück einer Ehe gründen, glänzen nicht. Ueberlasse also das Richteramt Deiner Mutter, und denke, sie liebt uns beide, sie wacht, sie sorgt mit Mutterliebe für ihrer Kinder Glück.


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 256-265.
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