Fünfter Auftritt

[265] Bedienter, später Ferdinand, Langers, Vorige.


BEDIENTER. Der junge Herr Bilau wünscht –[265]

ROSALIE. Nur herein.

BEDIENTER. Er – mit einem Fremden.

ROSALIE. Es wäre uns ein Vergnügen – ein –

RÄTHIN. Eine Ehre ist schon genug.

ROSALIE. Recht, es wäre uns eine Ehre.


Bedienter ab.


ROSALIE halb laut. Der Bräutigam, der Bräutigam –

RÄTHIN. Stille, stille, triumphire nicht zu früh.


Ferdinand und Langers treten ein.


FERDINAND zur Räthin. Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen meinen besten Freund aufzuführen, Herrn Langers.

RÄTHIN. Den Sohn meiner Freundin?

FERDINAND. Sie kannten seine Mutter?

RÄTHIN. Ich liebte, ich schätzte sie, es war eine vortreffliche Frau.

LANGERS. Hier steht ihr vortreffichster Sohn, denn sie hatte außer mir keinen andern.

RÄTHIN. Sein Sie mir von Herzen willkommen.[266]

FERDINAND leise und schnell zu Rosalien. Ich habe Hoffnung –

ROSALIE ebenso. Ich auch. –

FERDINAND. Suchen Sie ihn nur fest zu halten.

ROSALIE. An mir soll es nicht fehlen.

RÄTHIN. Sie haben schöne Reisen gemacht –

LANGERS. Von denen ich eben um etwas Geld ärmer, aber an Thorheiten reicher zurückkomme.

RÄTHIN. Reisen bilden.

LANGERS. Und verbilden. – den Stein der Weisen habe ich nirgend gefunden, obgleich ihn jedes Land zu besitzen wähnt. Da man nun so lange nach ihm graben muß, bis man am Ende selbst in die Grube fällt, so will ich ihn doch lieber im deutschen Vaterlande, als in der Ferne suchen.

ROSALIE. Recht, im deutschen Vaterlande, das macht Ihnen Ehre.

LANGERS. Gehorsamer Diener.

ROSALIE. Es sind so wenige, die seinen Werth erkennen.

LANNGERS. Viele sind es, viele; auch den Blindgebornen[267] gehen jetzt die Augen auf – und wer nicht sehen will, der gehe nur gleich mir in die Fremde. Ueberall stehen die Menschen vereinzelt da, in Deutschland bilden sie Massen: Hände greifen in einander, Herzen ruhen an einander, der Boden unsrer Väter ist erkämpft, an uns ist jetzt mit ihren alten ehrwürdigen Sitten das alte Recht, die alte Ordnung einzuführen.

ROSALIE leise zur Räthin. Mutter – der Mensch ist ganz Gold, ganz Gold. Zu Langers. Werden Sie bei uns bleiben?

LANGERS. Wenn meine Landsmänninnen mich hier fest halten.

ROSALIE. Alle mit einander?

LANGERS. Auch eine – wenn sie Ihnen gleicht.

FERDINAND tritt schnell zu ihm und sagt leise. Du, das ist sie nicht, das ist die Jüngste.

LANGERS ebenso. Thut nichts, die gefällt mir.

FERDINAND. Langers –

LANGERS. Die hat die schwarzen Augen von denen ich Dir sagte.

FERDINAND laut. Die Frau Räthin hat noch eine Tochter.

LANGERS leise. Gieb Dir keine Mühe, ich bleibe schon bei der.

FERDINAND leise. In dem Punkt verstehe ich keinen Spaß.[268]

LANGERS. Darum mach ich Ernst.

FERDINAND sucht sich zu fassen. O liebe Rosalie, ich bitte Sie, Ihre reizende Schwester zu rufen, mein Freund soll alle Schätze dieses Hauses auf einmal kennen lernen.

LANGERS hält sie auf. Halt – um Gotteswillen, wenn ich zwei Sonnen sehe, muß ich erblinden.

ROSALIE lächelnd. Ich will mich hübsch hinter den Wolken halten, bis sich Ihr Auge nach und nach an das Doppelgestirn gewöhnt.

LANGERS. Wenn Sie untergehen, wird es Nacht an meinem Himmel.

ROSALIE. Dann tritt eben die Venus hervor – erlauben Sie, daß ich nur ihren Trabanten mache –

RÄTHIN. Bleib mein Kind – wenn die untergehende Sonne die Venus bringt, muß ich sie holen. – Es ist das allgemeine Loos der Mütter; – die Töchter schreiten in die Welt hinein wie wir hinaus schreiten. Also meine Herrn – die Dämmerung beginnt – der letzte Sonnenstrahl verschwindet. Und wenn Sie nach einem kurzen Zwielicht das Auge auf jene Thür heften, – steht die Venus da. Seitwärts ab.

LANGERS zu Ferdinand. Du, die Mutter ist auch nicht übel.[269]

FERDINAND. Dem gefällt die ganze Sippschaft.

LANGERS. Tausend Dank für die Bekanntschaft. – Das ist ein charmantes Haus, und was mich besonders freut, das Mädchen ist nicht allein schön, sie ist auch von ganzem Herzen eine Deutsche.

FERDINAND hämisch. O ja – von ganzem Herzen –

LANGERS. Nicht wahr, mein Fräulein, Sie wünschen wie ich, daß es dem lieben Vaterlande wohl ergehe.

ROSALIE. Daß es seine Würde behaupten möge.

LANGERS. Wissen Sie was, wir wollen uns manchmal zusammensetzen, und Rath halten, wo und wie in dieser Zeit der Wiedergeburt noch etwas zu verbessern wäre.

ROSALIE. O, ich habe große Plane.

LANGERS. Ich führe sie aus.

ROSALIE. Es ist nicht so leicht.

LANGERS. Doch keine chinesische Mauer?

ROSALIE. Eine moralische Mauer um unser Vaterland.

LANGERS. Fremde Thorheit abzuwenden? Ich trage Steine.[270]

ROSALIE. Ich helfe bauen.

FERDINAND. Das geht vortrefflich.

LANGERS zu Ferdinand. Du stehst Schildwache, daß uns bei unserm Bauen niemand stört.

FERDINAND heimlich. Langers! Was thust Du?

LANGERS. Ich suche mich einzuschmeicheln.

FERDINAND. Du wirst unerträglich.

LANGERS laut. Unerträglich? Sagen Sie mein Kind ist das wahr, bin ich unerträglich?

ROSALIE. Im Gegentheil – Ihre Bekanntschaft macht mir so viel Freude –

LANGERS. ,Da hörst Du, Freund!

ROSALIE. Die Aehnlichkeit unserer Gesinnungen.

LANGERS. Wir denken gleich, ganz gleich –

ROSALIE. Die Liebe zu unserm Vaterlande –

LANGERS. In allem begegnen wir uns, in allem.

ROSALIE. Selten wird uns ein Mann bei dem ersten Zusammentreffen so schätzbar –[271]

FERDINAND. Rosalie –

LANGERS. Fahren Sie fort, mein Fräulein, fahren Sie fort –

ROSALIE. Wenn Sie die Wünsche meiner Mutter, und ich darf sagen, auch meine Wünsche erfüllen wollen, so besuchen Sie uns recht oft.

LANGERS. Wenn Sie erlauben, gehe ich gar nicht mehr fort – es gefällt mir in diesem Hause außerordentlich.

FERDINAND. Rosalie – was machen Sie?

ROSALIE. Ich suche ihn festzuhalten.

FERDINAND. Das ist nicht die Art –

ROSALIE. Doch glauben Sie mir, er ist unser.

FERDINAND. Tod und Hölle – ja.

ROSALIE. Was ist Ihnen?

FERDINAND sucht sich zu fassen. Nichts, nichts – wo bleibt doch Ihre Schwester?

LANGERS für sich. Was Teufel! – Eifersüchtig ist die arme Seele? Nun warte nur, dich will ich kuriren, durch Feuer und Wasser sollst Du mir.[272]


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 265-273.
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