Sechster Auftritt

[273] Julie, die Vorigen.


FERDINAND als er sie erblickt, für sich. Gott lob! Geht hin, und führt sie vor. Das ist Fräulein Julie von Elmen, das ist der Frau Räthin älteste Tochter.

LANGERS. Gehorsamster Diener! Wahrhaftig, die Mutter, die älteste und jüngste Tochter, drei Gegenstände der Anbetung und Verehrung. Leise zu Ferdinand. Aber ich bleibe bei der jüngsten.

FERDINAND laut. Langers –

LANGERS. So heiß ich – Du hattest vergessen, dem Fräulein meinen Namen zu nennen, und machst etwas laut deinen Fehler wieder gut. Ja, ich heiße Langers, habe das Glück ihr Landsmann, ja ihr Mitbürger zu sein. Sie sehen, ich komme Ihrem Hause immer näher, und kann den Wunsch nicht unterdrücken, so bald als möglich ein Insasse zu werden.

ROSALIE zu Ferdinand. Er wirbt um sie.

LANGERS zu Julien. Ich kann es wirklich meinem Freund nicht genug danken, daß er mir Ihre Bekanntschaft gemacht; Ihre Mutter ist eine liebe charmante Frau, hat die liebenswürdigsten Töchter.

JULIE. Die Sie kaum kennen?[273]

LANGERS. Wer sagt das? Von Ihnen, mein Fräulein, hat mir dieser Herzensfreund eine Beschreibung gemacht, die mich mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllt; und die vortrefflichen Eigenschaften Ihrer Schwester kamen mir, wie freundliche Frühlings- Lüftchen entge gen. Ich schlürfte sie gierig ein, und siehe da, verschwistert sind die gleichgestimmten Seelen; geschlossen ist der Bund, den keine Macht mehr trennt.

FERDINAND für sich. Das geht zu weit –

LANGERS. Sie müssen wissen, wir haben große Projekte; von uns beiden geht Glück und Segen für kommende Jahrtausende aus. Nimmt Rosalien bei der Hand. Ein neues Menschengeschlecht – Adam – Eva.

FERDINAND tritt zwischen sie. Genug –

LANGERS. Schon wieder die Schlange in dem Paradies?

FERDINAND leise, aber wüthend. Dein Teufet – Du wirst mir folgen, auf der Stelle folgen.

LANGERS. Wohin?

FERDINAND. Wo man für dies Betragen Rechenschaft fordert –

LANGERS. Du wirst doch nicht?[274]

FERDINAND. O ja, ich werde –

LANGERS. Auf Schuß und Stich?

FERDINAND. Ich oder Du –

LANGERS. In dem Falle Du. Lacht. Geh nur voran, ich folge dir.

ROSALIE. Wo wollen Sie hin?

LANGERS. Zu einem kranken Freund, der Anfälle von Verrücktheit hat

FERDINAND heftig. Langers –

LANGERS. In einem solchen hat er mich, seinen besten Freund auf ein Duell gefordert.

FERDINAND zwischen den Zähnen. Seinen Freund?

ROSALIE. Und Sie wollten sich mit einem Verrückten schlaen?

LANGERS. Der Mensch ist sonst nicht zur Vernunft zu bringen.

ROSALIE. Aber Ihre Gefahr –

LANGERS. Sind Sie wirklich um mich besorgt?[275]

ROSALIE. Bedarf das einer Frage?

LANGERS. Sie nehmen Antheil an mir?

ROSALIE. Den größten –

LANGERS. Um so mehr muß der Mensch aus der Welt.

ROSALIE. Warum?

LANGERS. Dann trete ich in seine Rechte.

FERDINAND kann nicht mehr an sich halten. Nimmermehr!

ROSALIE. Ferdinand – was geht das Sie an?

LANGERS lacht. O sehr viel – er kennt den armen verrückten, er kennt ihn recht gut.

FERDINAND. Ja – ich kenne – und ich vertrete ihn gegen einen falschen, treulosen Freund, dem ich voll Vertrauen mein Herz öffnete, der dies Vertrauen mißbrauchte, der mir Rosaliens Herz, meinen Himmel, mein Glück, meine Ruhe entreißen will, aber so lang ich lebe, soll das nicht geschehen.

LANGERS. Darum bring ich Dich erst um.

FERDINAND. O ich Thor, ich leichtgläubiger Thor, ihn selbst herzuführen – im Vertrauen auf die Treue eines[276] Mädchens, das der Welt zum Muster dienen – die alte deutsche Redlichkeit wieder einführen will. Auf einmal ernst mit unterdrückter Stimme. Aber so waren die deutschen Frauen nicht – so sind sie nicht Fremden entgegen gekommen, haben nicht bei der ersten Zusammenkunft so bekannt mit einander gethan: – die haben ihre Augen sittsam zur Erde geschlagen. Da war noch Zucht und Ehrbarkeit in der Welt, jetzt ist Freundschaft – Achtung – Liebe – Treue – alles Betrug. – Leben Sie wohl, wir haben in dieser Welt uns nichts mehr zu sagen. – Wendet sich rasch zu Langers, heftig. Aber wir –

LANGERS lacht. Wir sprechen uns.

FERDINAND schüttelt ihm die Hand. Ja – ja – wir sprechen uns – und bald – wir sprechen uns. Stürzt wüthend ab.

ROSALIE. Um Gotteswillen –

JULIE. Erklären Sie mir –

LANGERS. Was ist da zu erklären – er ist toll geworden, rein toll.

ROSALIE. Aber Sie werden sich doch nicht mit ihm schlagen?

LANGERS. Das will ich meinen – er muß auf dem Platz bleiben, oder zur Vernunft kommen, was ist Ihnen lieber?[277]

ROSALIE. Scherzen Sie nicht – sagen Sie mir –

LANGERS. Im Ernst, was jetzt geschieht? Also hören Sie mich an. – Pathetisch. Er geht – ich folge ihm, das Verderben schreitet vor uns her – wir suchen eine abgelegene Gegend, legen ein Schnupftuch auf die Erde, jeder knieet auf dem entgegengesetzten Ende, wir nehmen geladene Pistolen – zielen –

ROSALIE schreit. Ach –

LANGERS. Erschrecken Sie nicht – es geht nicht los – ich lache ihm ins Gesicht.

ROSALIE. O thun Sie das – lachen Sie so viel Sie wollen, aber schießen Sie sich nicht mit ihm, versprechen Sie mir das.

LANGERS. So wahr ich ein ehrlicher Kerl bin, und zu meiner Unterhaltung wohl närrische Streiche, aber nie einen schlechten mache. Aber sagen Sie mir, kommt der Parexismus oft?

ROSALIE. Ach, es ist sein einziger Fehler!

LANGERS. Auch der einzige muß aufhören, er muß mackellos dastehen, soll er würdig sein Ihr Mann zu werden. Hätte ich diese Schwachheit an ihm früher gekannt, so hätte ich mich wohl anders benommen, aber im Grunde reut es mich nicht, denn wer dem Freund nicht vertraut, muß bestraft werden.[278]

ROSALIE bittend. Aber nur –

LANGERS. Ruhig – Blut soll nicht fließen, so nöthig ihm auch eine kleine Aderlaß wäre, hier meine Hand darauf – aus der Todesgefahr rette ich den Kranken, dann übergebe ich ihn Ihrer Pflege, und mit dem ersten Glas Wein, das Sie Ihrem Rekonvaleszenten erlauben, trinken wir auf ewige Freundschaft, und auf das Wohl aller, die wir lieben. – Ob Sie, meine Domen, damit gemeint sind, ist mein Geheimniß, mit dem ich mich Ihrem freundschaftlichen Andenken bestens empfehle. Nach einer Verbeugung ab.

ROSALIE. Julie! wie gefällt Dir der Mann?

JULIE leise. Wenn er weit genug entfernt ist, daß er es nicht mehr hören kann, so sag ich: gut.

ROSALIE. Ich rufe ihm zum Fenster hinaus nach, er ist ein Engel.

JULIE hält sie auf. Du! Der zu stolze Engel ist zum Teufel geworden.

ROSALIE. Richtig, er soll es nicht wissen. Die Weiber dürfen es nur fühlen daß die Männer gut sind, wissen dürfen es die Herren nicht – nein Schalkhaft. wissen dürfen sie es nicht.


Ende des zweiten Akts.
[279]

Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 273-280.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Welcher ist der Bräutigam
Welcher ist der Bräutigam?

Buchempfehlung

Aristophanes

Lysistrate. (Lysistrata)

Lysistrate. (Lysistrata)

Nach zwanzig Jahren Krieg mit Sparta treten die Athenerinnen unter Frührung Lysistrates in den sexuellen Generalstreik, um ihre kriegswütigen Männer endlich zur Räson bringen. Als Lampito die Damen von Sparta zu ebensolcher Verweigerung bringen kann, geht der Plan schließlich auf.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon