Dritter Auftritt

[289] Bilau, Käthe.


BILAU für sich. Hätte ich doch nicht geglaubt, daß mir ein paar Weiberaugen noch so gefährlich werden könnten. An den Stadtdamen ging ich immer ganz ruhig vorüber, und hier – es klopft – wahrhaftig – es klopft – hem – ich glaube selbst, mit der könnte ich es noch einmal wagen – die ist unverdorben, lenkbar – dankbar – folgsam wie ein Kind – wohlan Wendet sich rasch zu ihr. Warum lachst Du?[289]

KÄTHE. Weil er so mit sich selbst spricht.

BILAU. Thust Du das nie?

KÄTHE. Was hilft mir denn das Reden, wenn mir niemand antwortet.

BILAU für sich. Ganz Unschuld und Natur. Laut. Wie heißest Du?

KÄTHE. Weiß der Herr das nicht?

BILAU. Nein.

KÄTHE. In unserm Dorfe wissen es alle Leute, sie nennen mich Krums Käthe.

BILAU. So –

KÄTHE. Der Krums ist mein Vater, die Käthe bin ich.

BILAU. Komm näher Käthe.

KÄTHE stellt sich vor ihn hin.

BILAU. Gieb mir die Hand.

KÄTHE will sie geben, sagt dann schnell. Warte Er. Wischt sie mit der Schürze ab. So – da hat Er sie.

BILAU. Sieh mich an.[290]

KÄTHE sieht ihn dumm an.

BILAU. Gefall' ich Dir?

KÄTHE. Nein, lieber Herr, Er gefällt mir nicht.

BILAU läßt ihre Hand los, und geht von ihr weg. Da haben wirs – Nach einer Pause geht er zu ihr. Du willst mich also nicht heirathen?

KÄTHE. Wer sagt das? Ich nehme Ihn gleich.

BILAU. Wenn ich Dir auch nicht gefalle?

KÄTHE. Das thut nichts – der Vater hat mir gleich gesagt, daß Er mir nicht gefallen wird, Käthe, hat er gesagt, der Herr ist schon alt, und gar nicht hübsch; mußt darum nicht erschrecken; in der Stadt sieht man nicht auf die Gestalt, nur aufs Geld; brauchst ihn auch nicht zu lieben, mußt ihn nur warten und pflegen, und ihm Kindestreue thun, dann bist du eine gemachte Frau, hast Kutsche, Pferde, Felder, Wiesen, Knecht und Mägde. – Nun sag Er mir, ist denn das alles wahr?

BILAU. Ja – das ist wahr.

KÄTHE. Das ist schön – das ist schön.

BILAU. Was?[291]

KÄTHE. Daß ich mir Mägde – und Knechte halten kann.

BILAU. Ei –

KÄTHE vertraut. Hör Er – ich weiß einen

BILAU. So?

KÄTHE. Den hab ich gar zu lieb.

BILAU. Charmant –

KÄTHE. Er ist ein braver Bursche – war bei uns Oberknecht; weil wir uns aber gar so lieb hatten Weinerlich. hat ihn der Vater fortgejagt.

BILAU. Das war recht.

KÄTHE. Nein, das war nicht recht. Lacht. Es hat ihm auch nichts geholfen, wir haben einander noch immer lieb.

BILAU für sich. Schöne Entdeckung –

KÄTHE. Wie ihn der Vater fortgejagt, bin ich ganz desperat geworden, und habe mich zu Tode hungern wollen. Zwei Tage habe ich nichts gegessen, aber am dritten bin ich doch wieder hungrig geworden, und habe mich mit dem Gesinde an die volle Schüssel gesetzt. – Hm dacht ich, wenn auch der Hans nicht mehr im Haus[292] ist, in demselben Dorf ist er doch; lieb haben kann ich ihn ja doch, und wenn der Vater einmal über Land geht – husch bin ich bei ihm.

BILAU. Schön, schön –

KÄTHE. So haben wir es denn seit einem halben Jahr gehalten, wenn ich aufs Feld, oder in den Wald zu Holz ging, auf der Straße stand mein Hans.

BILAU. Dein Hans?

KÄTHE. Und wie ich heute in die Stadt ging – richtig – an der schwarzen Mühle stand mein Hans.

BILAU. Dein Hans?

KÄTHE. Er weinte, meinte, wenn ich eine vornehme Frau würde, könnte ich ihn vergessen. Da sagte ich aber, er solle nur ruhig sein, ich werde meinen Mann gleich bitten, ihn als Oberknecht ins Haus zu nehmen. Hör Er, thue Er das, es soll sein Schade nicht sein. Ich verstehe das Haus- und Feldwesen, Hans ist auch nicht dumm, wir wollen die Wirthschaft führen, daß Er seine Freude daran haben soll – nicht wahr, Er verspricht es mir, Er nimmt den Hans ins Haus?

BILAU. O Unschuld – o Natur – o Reinheit der Sitten!

KÄTHE. Wenn Er gleich einen Bothen nach Treuenfeld schickt, so kann Hans noch vor Abend hier sein.[293]

BILAU. Hat es solche Eile?

KÄTHE. Ja lieber Herr – er sitzt zu Haus bei seiner kranken Mutter, er muß sie ernähren und hat jetzt wenig Verdienst. Ich habe mir oft das Essen vom Munde gespart, und es der alten Frau gebracht. Jetzt sorgt Niemand für sie, sie lebt in einer schlechten, ganz verfallenen Hütte; aber wie ich den Herrn heirathe, und sein Geld bekomme, lass' ich dem Hans und seiner Mutter gleich ein schönes Haus bauen.

BILAU schlägt die Hände zusammen. Mit meinem Gelde? Für sich. Hätte ich doch den alten Cupido nicht fortgeschickt, der hätte sein Wunder gehört. Bedingt sich wie eine Stadtdame noch vor der Hochzeit ihren Liebhaber, läßt ihm auf meine Kosten Häuser bauen; o Natur, Natur! – Aber höre Käthe, wenn ich Deinen Hans nicht ins Haus nehme, was geschieht dann?

KÄTHE. Dann? – Ei nun, dann weiß ich mir auch zu helfen; er fährt alle Woche zweimal auf den Heumarkt in die Stadt, dann geh ich zu ihm.

BILAU schreit. Auf den Heumarkt! Meine Frau auf den Heumarkt! – Gott stehe mir bei, Grundmann, Grundmann!


Quelle:
Johanna Franul von Weißenthurn: Neueste Schauspiele. Band 9, Berlin 1821, S. 289-294.
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