11. Ein Discurs über die Jungferschafft zwischen dem Florindo und der Marilis

[140] Florindo.


Mein allerliebstes Kind, wil sie ins Kloster ziehn?


Marilis.


Ich hab es so bedacht, was sol ich mich bemühn.


Florindo.


Viel Glücks auff ihren Weg, sie läst sich noch wohl halten,


Marilis.


Viel lieber wolt ich mir den Kopff in Stücken spalten.


Florindo.


So muß ihr Fleisch und Blut umbsonst gewachsen seyn.


Marilis.


Was heist dann Fleisch und Blut? ich finde mich nicht drein.


Florindo.


Sie wird versichert auch den alten Adam mercken.


Marilis.


Ach nein, ich halte viel von lauter guten Wercken.


Florindo.


Der Ehstand läst vielmehr die guten Wercke sehn.


Marilis.


Er sage, was er wil, es ist doch nun geschehn.


Florindo.


Sie läst ihr alle noch ihr Jungfer-Rösgen brechen.


[140] Marilis.


Ich rath es keinem nicht, die Dörner möchten stechen.


Florindo.


Es muß gestochen seyn, wann nur die Blume bricht.


Marilis.


Es ist ein eben thun: ach nein, ich möchte nicht.


Florindo.


Ist sie nicht übel dran, wer wärmt ihr nun das Bette?


Marilis.


Warum? als wann ich nicht die Schwester bey mir hätte.


Florindo.


Diß ist ein schlechter Trost, die Schwester ist zu kalt.


Marilis.


Viel lieber kalt und schön, als warm und ungestalt.


Florindo.


Es ist doch Brod zu Brod, das Fleisch muß sie vermissen.


Marilis.


Viel besser Brod zu Brod, als Käse zugebissen.


Florindo.


Mein Kind, sie lege sich nur etwas rechtes zu.


Marilis.


Es ist Gefahr dabey, man lasse mich zur Ruh.


Florindo.


Sie darf nicht furchtsam seyn: wer wagt, der kan gewinnen.


Marilis.


Wer wagt, dem kan das Spiel auch in der Hand zerrinnen.


Florindo.


Ist dann die Jungferschafft von allem Creutze frey?


Marilis.


Die Jungfern haben eins, die armen Weiber zwey.


Florindo.


Der Weiber Creutze sind mit Zucker überzogen.


Marilis.


Ja wohl, der Zucker hat manch liebes Kind betrogen.


Florindo.


Weßwegen laufft dann nun die gantze Welt darnach?


Marilis.


Wer nur verständig ist, der thut fürwar gemach.


Florindo.


Hat sie so viel Verstand, so mag sie was verkauffen.


Marilis.


Ich sorge nur für mich, die andern mögen lauffen.


Florindo.


Wer weiß, wer noch zu erst die Tantz-Schuh machen läst.


Marilis.


Wann ich gestorben bin, da ist mein Hochzeit-Fest.


Florindo.


Wie bitter ist der Todt, wie lieblich ist das Leben!


Marilis.


Ich liebe meinen Tod, dem hab ich mich ergeben.


Florindo.


Wie heist der liebe Tod, hat er nicht Hosen an?


Marilis.


Ich dachte was mir wär, fängt er nicht Händel an.


Florindo.


Doch sol der liebe Todt, bey ihr im Sarge liegen.


Marilis.


Ich werde die Gestalt des Todes selber kriegen.


Florindo.


So nimmt sie ihn in Arm, und wird mit ihm ein Leib.


Marilis.


Ich bin sein Ehgemal, sein Schatz, sein liebes Weib.


Florindo.


Mich deucht, es gucken schon vier Augen auß der Bahre.


Marilis.


Itzund versteh ichs erst, ist er nicht loser Haare?


Florindo.


Nun soll ich lose seyn, und sie ist Schuld daran.


Marilis.


Er warte, biß ich auch zur Antwort kommen kan.


Florindo.


Ach, sie verliebe sich, die Antwort ist die beste.


Marilis.


Ich hab ein eignes Hauß, das herbergt keine Gäste.


Florindo.


Vor einen guten Freund kan leicht ein Plätzgen seyn.


Marilis.


Das Plätzgen nimmt darnach die gantze Wohnung ein.


[141] Florindo.


Die Jungfer will also mit ihrem Diener schertzen.


Marilis.


So war ich ehrlich bin, das geht mir recht von Hertzen.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 140-142.
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