9. In eines andern Nahmen

[85] 1.

Drey Sommer sind vergangen,

Dreymahl hat sich das Leyd

Des Winters angefangen,

Seyt meine junge Zeit,

Der wehrten Linden-Stadt,

Sich gantz ergeben hat.


2.

Sol ich die Zeit besinnen,

Die nun verflossen ist,

So ist sie zwar von hinnen,

Als eine kurtze Frist:

Doch ist mir manche Lust,

Annoch davon bewust.


3.

Ich kenne die Personen,

Die mir zu jeder Zeit,

Beliebten beyzuwohnen,

Mit rechter Freundlichkeit,

Ich kenne manchen Freund,

Der es recht gut gemeynt.


4.

Nun werd ich müssen scheiden,

Auff meiner Freunde Rath,

Und werde müssen meiden,

Was mich ergetzet hat,

Der Schluß ist schon gemacht,

Ich sage gute Nacht.[85]


5.

Wiewohl was ich verlasse,

Betrübt mich alles nicht,

Weil ich die Hoffnung fasse,

Daß mich des Himmels-Liecht

Auff einer frembden Bahn,

Mit Freunden segnen kan.


6.

Nur eins macht mir Gedancken,

Gar gerne sag ichs nicht,

Doch weil die Noth den Schrancken

Der blöden Liebe bricht,

Mein Kind so beicht ich rauß,

Es ist dein liebes Hauß.


7.

Dein Hauß hält mich zurücke,

Da mich die süsse Last,

Der allerschönsten Blicke,

So hefftig angefast,

Daß ich den letzten Gruß,

Nur schrifftlich bringen muß.


8.

Was hab ich nicht vor Freude,

Mein Kind bey dir gehabt,

Seyt deiner Augen-Weide,

Mich und mein Hertz gelabt,

Seyt ich in meinem Sinn,

Dein steter Diener bin.


9.

Doch nun ist es geschehen,

Wer weiß wann ich dich kan,

Mit Freuden wieder sehen,

Drum nimm den Abschied an,

Den ich dir jetzt gebracht,

Zu tausend guter Nacht.


10.

Gedencke mein im besten,

Ich sey auch wo ich sey,

Und dencke meiner festen,

Und unverwandten Treu,

Itzt ist der Schluß gemacht,

Ich sage gute Nacht.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 85-86.
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