6. In Namen eines guten Freundes, welcher sich in ein schlechtes Mädgen verliebt hatte

[101] 1.

Liebstes Kind, mein ander Leben,

Wehrtes Seelgen wilst du nicht,

Deinen Diener Glauben geben,

Wann er dir so viel verspricht,

Ach wer solche Worte gibt,

Ist nichts anders als verliebt.


2.

Welche mit der Liebe schertzen,

Geben sich bißweilen bloß,

Aber doch in meinem Hertzen

Ist die Sehnsucht viel zu groß,[101]

Daß ich dir du Hertzgen du,

Keinen Tritt zu leide thu.


3.

Ach sprichst du es sind Personen,

Den ich mehr verpflichtet bin,

Die in andern Gassen wohnen,

Da gedenck ich lieber hin,

Andern armen Leuten sey

Ich zum blossen Possen treu.


4.

Schweig und lern es besser treffen

Dieses war noch weit gefehlt,

Wer kan euch mit Worten äffen,

Wann ihr uns das Hertze stehlt,

Ihr, ihr Mädgen seyd uns hold,

Wann ihr uns vexiren wolt.


5.

Und darzu was sols bedeuten,

Daß du nicht so vornehm bist?

Wann nur bey den armen Leuten

Tugend Lieb und Schönheit ist,

Ach so trifft man alles an,

Was die Liebe wünschen kan.


6.

Alles was ich bey den Reichen

Forn und hinten suchen wil,

Das kan ich mit dir vergleichen:

Dann du hast doch gleich so viel,

Bein und Adern, Fleisch und Blut,

Hast du eben auch so gut.


7.

Wann sich andre Mädgen schmincken,

Bist du von Natur so schön,

Wann sie nach Ziebethe stincken,

Kanst du ohne diß bestehn,

Manche tauschte gern mit dir,

Und geb alles Geld dafür.


8.

Drum so laß dich noch gewinnen,

Wo ich anders bitten kan,

Schaue mit geneigten Sinnen

Meines Hertzens Unschuld an,

Liebstes Seelgen ich will dein

Und du solst mein Liebgen seyn.


9.

Hastu nicht viel Edelsteine,[102]

Trägst du keine Perlen nicht;

Ach so gläntzt mit süsserm Scheine,

Deiner zarten Augen-Liecht.

Hast du gleich kein Hauß voll Gold,

Bin ich deinen Lippen hold.


10.

Deine Hände deine Wangen,

Deine Brüstgen und was mehr,

Reitzen mich und mein Verlangen,

Gleich als wann es Silber wär,

Also kan dein Fleisch allein

Mein vergnügter Reichthum seyn.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 101-103.
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