5. Als er in den Citronen-Keller fiel

[100] 1.

Halt Bruder, halt ich falle,

Der Absatz gleit mir ab,

Ich portzle schon hinab,

Sind bald die Stuffen alle?

Ach komm und hilff mir doch,

Ich halte mich ja noch

Vor Zittern und Erschrecken

An den gemeinen Weiber-Stecken.


2.

Es ist noch gut, ich lache,

Mein Herr verzeihe mir,

Dieweil ich ihm allhier

So ein gerumpel mache:

Es kan gar bald geschehn,

Und er wird leichtlich sehn,

Daß mein Intent gewesen,

Ein paar Citronen auszulesen.


3.

Ich tummes Mensch ich wolte

Ich lieffe nicht so blind;

Doch wann mein Tausend-Kind

Den Fall erblicken solte,

Sie käme doch gerannt

Und reichte mir die Hand,[100]

Wann niemand sonsten käme,

Der die Bemühung auff sich nehme.


4.

Da lieg ich übern Hauffen,

Und bin von Hertzen froh,

Daß dieser Fall noch so

Ohn Schaden abgelauffen:

Doch seh ich ferner an,

Was draus erfolgen kan,

So fürcht ich mich für allen,

Ich werde wohl noch einmahl fallen.


5.

Ich sitze zwar dem Glücke

Noch gleichsam in den Schos,

Und fall auff einen Stoß

So leichtlich nicht zurücke,

Jedoch wer weiß wo itzt

Sich irrgend einer spitzt

Der mich in wenig Tagen

Kan unverhofft zu Boden schlagen.


6.

Du Freude meines Lebens,

Schau wie ich furchtsam thu,

Hingegen mache du

Die Furchtsamkeit vergebens,

Bleib du mir zugethan,

So lang ich sprechen kan,

Mein Kind du wirst vor allen

Mir nicht auß meiner Seele fallen.

Quelle:
Christian Weise: Der grünenden Jugend überflüssige Gedanken, Halle a.d.S. 1914, S. 100-101.
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